* Rund Europa 2014 Nord, 30. Tag: Die Rückfahrt rückt nahe

Mittwoch, 03.09.2014, 13:34:04 :: Raudondvaris

Ja, vier Wochen sind um. Hier oben ist der Herbst viel zu früh eingezogen; mit viel Regen, kalten Winden, bedecktem Himmel aber zuweilen einer Sonne, die für zwanzig, dreissig Minuten mit dem Grün der ob des Regens saftig nachwachsenden Wiesen mit ihren Goldrutenfeldern und -nestern nochmal Sommerstimmung macht – sogar, was die Temperatur angeht. Mir wird es schnell zu warm in der Sonne, obwohl die Kälte im Kreuz noch spürbar ist. Ein gefährliches Wetter. Und mit Schwimmen ist’s auch nichts mehr. Alle lachen und schütteln sich, wenn ich nur einen Gedanken daran äussere. Die Menschen hier richten sich wehmütig auf den Winter ein, die depressiv machenden langen dunklen Tage…

Lithuania, das Regenland

Das ist die exakte Übersetzung. Nicht zu Unrecht heisst das Land so. Flach, mit tiefhängenden grauen Wolken, extremen Schauern und auch langweiligen Dauerregen: So haben wir es um diese Jahreszeit hier noch nie erlebt. Es hiess früher immer (wir kommen seit 19 Jahren hier her…), im August und September seien die schönsten (und wärmsten) Tage, die Sonne hat die Seen angewärmt, das Land aufgeheizt. Pusteblume, dieses Jahre war von Mitte Juni bis Mitte Juli heiss und das war’s dann.

Das heisst nun nicht, dass wir im Dauerregen bei 7°C und 90% Feuchte in unserem Wohnwagendomizil, der Küche im Pferdestall oder im Bokštas rumgesessen wären. Es gab sehr wohl Erlebnisreiches. Da waren die Tage in Kaunas, ehemals für gewisse Zeit Hauptstadt, wo wir sightseeing betrieben, Freunde getroffen und das »Bruderdorf« Raudondvaris bei Kaunas besucht haben.

Kaunas, Rathausplatz, fast 180°

Burg von Raudondvaris/Kaunas

Pferde- und Kutschengebäude des Gutshofes

Da waren natürlich auch Springreiterturniere – »competitions«, wie das mittlerweile fast automatisch heisst. Sie gehen immer über’s Wochenende und sind begrenzte oder teils schon übernationale Treffen und kleine Volksfeste. Selbst auf den Fahrten dorthin gibt’s immer wieder Schönes und Neues (!), selbst nach so vielen Jahren hier oben in dem doch so kleine Land. Es ist erstaunlich.

Hippodrom bei Prienai

Competition in Raudondvaris

Nicht zuletzt gab es eine Tagesreise nach Zasrasai, nahe der Grenze nach Daugavpils/Dünaburg in Lettland. Die Freundin dort war eine der ersten litauischen Menschen, denen ich 1994/95 in Deutschland begegnet bin und die quasi die Grundlage für alle anderen Bekanntschaften und Freundschaften hier oben gelegt hat. Ein Abstecher führte uns gegen Abend noch zu diesem Aussichtsturm. Mehr als die 2. Etage war für uns nicht drin – keiner war schwindelfrei.

Zarasai, Haus direkt am See…

Ausblick ja, Blick nach unten nur bedingt…

Und dass wir Vilnius mehrfach besucht haben, das versteht sich ja wohl von selbst. Es kommen weniger Touristen, vor allem die deutschen werden weniger, berichtet masn uns. Mehre Abende und Nächte verbrachten wir bei Ieva in Vilnius mit ihren nun universitätsreifen Kindern und Hund und Katz’. Zur Stippvisite mit Übernachtung kam noch ihre Schwester mit Freund; am nächsten Morgen flogen die beiden nach Tunesien – neben Ägypten und der Türkei eines der Länder, die mit beschränkten Mitteln zu erreichen sind von Vilnius aus.

Sehr schön auch, dass wir dieses Jahr endlich eine litauische Freundin wieder treffen konnten, die seit neun Jahren *) mit einem sehr guten deutschen Freund aus Jugendtagen verheiratet ist. Sie hat eine kleine Reiseagentur, die Gästen Osteuropa näher bringt; diesmal war sie gerade zur rechten Zeit eben in Vilnius.

Schulbeginn

Ja, am 1. September ist Schulbeginn, überall hier im postsowjetischen Teil Europas. Es ist ein ganz besonderer Tag, ein Feiertag. Beginnend am Morgen um acht Uhr in der Kirche, endet er spät nachts in völlig überfüllten Restaurants – landesweit.

Beim Schulgang tragen alle Kinder Blumen; oft schenken sie die ihren Lehrern. So kommt auch unsere Freundin mit einem Arm voll damit nachhause.

Meist begleitet von den Eltern, kommen sie zur Auftaktveranstaltung. Diesmal hier in Rieše waren es über 100 Erstklässler, insgesamt mehr als 1000 Schüler, dazu eben n och Eltern Tanten, Onkel… Das Gymnasium hat einen guten Ruf, daher einen grossen Einzugsbereich. Ausserdem hängen dort auch meine Blumenbilder.

Mehr vorgenommen…

…als in vier Wochen passen – das ist meine Art und mein Versuch, die Dinge so pressen zu wollen, dass sie dorthin passen, wo es eben doch nicht geht. So blieben Tallinn und Riga auf der Strecke, Kleipeda/Memel und die Kurische Nehrung. Ja, und vieles, was nicht geplant war und hätte geschehen können… Aber vier Wochen sind eben nur dreissig Tage.

Über alles vorstehend Angeschnittene will ich noch berichten, spätestens dann, wenn wir in Naxos dann im Oktober hoffentlich zur Ruhe kommen. Aber zunächst müssen wir zurück nach Deutschland.

Rückreise

Die soll über Krakau, Brünn, München führen – grober Plan, der sicher Lücken hat, die es noch zu füllen gilt. Krakau jedenfalls ist wichtig, weil 2004 nur schlampig kurz besichtigt**); es war damals tagsüber schlicht zu heiss für mich. Und unterwegs wird es hoffentlich zu Begegnungen mit neuen und alten Bekannten und Freunden kommen. Die Ukraine fällt leider mangels Zeit aus, nicht aus Gründen des Krieges dort.

Zuhause in Deutschland warten dann die Ärzte auf mich. Und das jährliche Klassentreffen in Hohenheim. Und… – Aber jetzt starten wir dann erst mal. Morgen früh geht’s los, mindestens bis Augustow – wie gehabt.

Und wenigstens zum Auto packen scheint die Sonne und trocknet unsere Handtücher vom morgendlichen Duschen.

Picasa

Picasa


*) Der Link ist »tot« :-( Hacker haben das Wiki mit den Reise- und anderen Beiträgen letztes Jahr zerstört; aufgrund der Krankenzeit habe ich es nicht rechtzeitig bemerkt.

**) 2004 gab es noch kein Weblog und daher keine Berichte; da wartet noch Arbeit, denn die Bilder und Erinnerungen gibt es :-)

 
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* Rund Europa 2014 Nord, 20. Tag: Ein LEGO®-Haus

Samstag, 23.08.2014, 23:30:39 :: Raudondvaris

Ich komme seit nunmehr 19 Jahren hierher nach Litauen und ich habe viele Veränderungen erlebt, kleine und grosse. Oft waren es Lösungen von Problemen, die völlig anders waren, als ich sie kannte oder erwartet hätte. Zuweilen schien die alte, sowjetische Erfahrung durch oder es wurde aus finanziellen Gründen eben improvisiert, aber eben immer anders als »wir« das gemacht hätten. In den letzten Jahren immer häufiger freilich waren es »Euro-Lösungen« aus dem Baumarkt oder sonst wie 08/15.

Was wir heute sahen, war eine grosse Überraschung. Die Eltern unserer Freundin planten seit langem den Bau eines Hauses um die Enge im Bokštas aufzulösen. Viel Zeit verging, nicht nur sondern eher zuletzt wegen der Planung – das Geld muss erst einmal vorhanden sein. Nun also besichtigten wir die Baustelle und wir staunten nicht schlecht. Der Rohbau erfolgt zunächst ausschliesslich aus grossen grauen Styroporelementen, die auf den ersten Blick aussehen wie überdimensionierte LEGO®-Steine. Sie sind innen hohl und werden nach dem Zusammenstecken mir Armierung und Beton ausgefüllt. Damit stehen die Wände mit Innen- und Aussenisolation.

Wenn man etwas nicht kennt geht man ins Internet. Dort fand ich auch sehr schnell den Lieferanten. Sitz in Kassel, Vater und Sohn wie dort steht, aus – Russland. Schliesst sich da ein Kreis?

Zwiespalt

Apropos Russland: Hier laufen ja ständig in allen Räumen die Fernseher, von alten kleinen Röhrengerät bis zur flachen Bildwand ist alles vorhanden. Welche Sender laufen hier? Vor allem russische, zuweilen ein ukrainischer, ein belorussischer und natürlich auch der litauische – wegen der lokalen Nachrichten. Ach ja, der deutschsprachige Sportsender, derzeit mit schwimmenden und synchronspringenden Athleten und -innen. Vor 20 Jahren haben sie alles herunter gerissen, überpinselt, vermauert, was irgendwie russisch war. Heute sehen sie nicht nur russische Sender: In den Schulen wird russisch neben englisch und französisch wieder nachgefragt und gelehrt; deutsch scheint nicht sooo existent obwohl immer noch viele Alte deutsch können, vieles an deutsche Einflüsse erinnert; nicht nur die »deutsche Strasse«, die Vokiečių gatvė. Auf ihr tummelt sich alles und jeder heute, nicht nur Touristen. Am Wochenende quillt sie über, von einheimischen Jugendlichen vor allem. Geschichte? Historisches Andenken?

Wie meinte unsere Freundin in Vilnius? »You should know the language of your enemy.« Russisch, die Sprache der Konfrontation?

Aber wir werden auch damit konfrontiert, Putin sei der neue Hitler. Welche Verwirrung in den Köpfen, freilich erklärlich wegen der Geschichte der baltischen Länder. Litauen, wie die Ukraine und andere Länder des Ostens, einst voller Kollaborateure der Nazimeute – ausgeblendet. Judenverfolgung und -vernichtung in Vilnius? Der Stadt mit fast 30% Juden im Jahre 1931? Ausgeblendet. Ja etwas wie Wut schlug mir einst entgegen von einer Bekannten, der ich sagte, wir wollten das jüdische Museum und die Gedenkstätte besuchen. Wir sollten besser der von den Sowjets verschleppten und ermordeten Litauer gedenken und ins KGB-Museum gehen. Was wir taten, sowieso.

Der Mensch scheint überwiegend nicht in der Lage, mehr als eine »Wahrheit« oder Meinung akzeptieren und verarbeiten zu können.

Nachrichtenlage

Die russischen Nachrichten, die hier ständig reintropfen, werden aus dem Augenwinkel verfolgt, es könnte ja interessante Werbung dazwischen sein. Ach so: Die soaps werden natürlich dankbar angenommen. Es ist schwierig. Die Sprachbarrieren beginnen spätestens beim Versuch, politisch differenziert zu kommunizieren. Also – ausblenden.

Anders die Griechen. Ihr Andenken an osmanische, italienische, englische oder deutsche Einflüsse in ihrem Land sind da präsenter, nicht erst seit Merkel, über die sie mit uns ihre Witze reissen. Dennoch: Irgendwie kommen uns die Litauer immer wieder so vor, als seien sie die Griechen des Nordens. Ihr Reich reichte einst von der Ostsee bis ans Schwarze Meer, wo sie ohne Zweifel den Kontakt zu den griechischen Siedlern hatten, auch auf der Krim. Nur zum Beispiel…

Ob der Tsatsiki das einzige ist, was von der Begegnung blieb? Ich finde, es ist mehr. Indogermanische Wurzeln, zum Beispiel. Und ab 1.1.2015 haben bzw. behalten beide den Euro. Auch zum Beispiel.

Und jedenfalls ist und bleibt Europa spannend. Und zwar im positiven Sinn. – – Aber ich bin wohl wieder vom Thema abgekommen. Es ging um das LEGO®-Haus und den russlanddeutschen Lieferanten in Kassel… ;-)

 
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* Rund Europa 2014 Nord, 15. Tag: Vergangenheit und Gegenwart im Zentrum Europas

Montag, 18.08.2014, 18:48:44 :: Raudondvaris

Europas Zentrum

Vor fast genau zwei Jahren habe ich über Liubavas und die Umgebung berichtet – über das Zentrum Europas noch viel öfter und über den angrenzenden Golfplatz auch Makaber-Kurioses. Warum also immer wieder?

Nun, wir haben heute wieder die drei Plätze besucht; nach zwei Jahren kann sich ja manches geändert haben. Hat es auch. Leider.

Liubavas

Dieser Ort ist so geheimnisvoll wie verwunschen und hat eine dramatische Geschichte, die man nicht erahnt, wenn man den Sandweg zur Wassermühle hinunter fährt, die der Künstler Gintaras Karosas zum Museum ausgebaut hat – zu idyllisch liegt es alles da, das Zerfallene, die Teiche, die kleinen neueren Holzhäuser, in denen Menschen wohnen und die kläffende kleine Köter ausspucken, die einem ans Bein wollen.

Rest der Kirche

Teich, der die Mühle speist

Ein paar neue Bilder, auch in der Picasa-Galerie mögen das belegen. Das Herrenhaus dieser Jahrhunderte alten Anlage existiert nicht mehr. Es wurde niedergebrannt, seine Bewohner flohen, die Restgebäude wurden z.T. zu Gefängnissen während der Sowjetzeit. Vielleicht mag ja jemand auf der Webseite von Liubavas oder bei mir weiter lesen, ich verzichte hier auf Weiterführendes. Ich habe die junge Frau am Tresen des Museums wieder befragt: Es gibt nicht wirklich Neues, die Geheimnisse bleiben. Und so bleibt ein komisches Gefühl beim Betrachten der Landschaft und der Ruinen.

Das Zentrum Europas…

Links geht’s zum Zentrum, rechts zum Golf

Nicht viel anders geht es mir an der Stelle, an der die französischen Wissenschaftler das Zentrum Europas verorten. Man ist ja als »Westler« stets geneigt, den eigenen Bauchnabel als Zentrum zu wähnen. Er liegt aber im Osten, wie auch Benedikt Vogel, Autor von »Ostwärts – Schweizer im neuen Europa« schon 2004 bemerkte und sein Rezensent es formulierte:

In seiner Einleitung rückt Vogel mit der EU-Erweiterung die Schweiz in die Peripherie Westeuropas und ermahnt jeden, der von hier aus in die Mitte will, dass er ostwärts aufbrechen muss.

Benedikt Vogel, Ostwärts – Schweizer im neuen Europa
Orell Füssli Zürich, 2004, ISBN 3-280-06043-5

Und das erleben wir ja derzeit in beängstigender Weise in der Ukraine. Was ich dazu geschrieben habe, stiess z.T. auf Wiederspruch; aber es kam bekanntlich weitaus schlimmer. Ich beteilige mich nicht mehr an der Diskussion. Aber es passiert dies alles 1.200 Kilometer süd-östlich von hier, in entgegen gesetzter Richtung landen wir in München, wenn wir ein gleichschenkliges Dreieck aufziehen mit seiner Spitze hier oben; Lwiw (Lemberg) liegt in etwa auf gleichem Längengrad…

Aber ob es hilft, in der Peripherie, in der Deutschland oder der Schweiz zu leben…? Ich will es weiter gar nicht ausführen, es sind eben Gedanken, die einem so kommen, wenn man hier steht, die Golden Krone der Europäer und ihrer Flaggen ansichtig. Erbärmlich das Bild, das wir abgeben als Bananenrepublik-Ableger, verglichen mit den stolz aufgepflanzten Fähnlein.

Der Golfplatz…

…bzw. sein Clubhaus liegt nur 600 Meter Luftlinie weiter entfernt. Nach wie vor ein schönes Plätzchen für einen kleines Essen oder auch nur einen Cappuccino. Dass sich hier die »grosse Welt« trifft, ist vielleicht übertrieben, aber Litauisch hört man eher selten. Und vielfach findet man bestätigt, dass viel Geld nicht unbedingt Ansätze von Kultur gebiert oder gar viel davon bedeutet. Aber dicke Autos fahren und manierlich essen, das muss nichts miteinander zu tun haben.

Jedenfalls merkt man nichts davon, dass die Russen in grosser Zahl in Kürze hier einfallen, die Bälle fliegen flach und nicht allzu weit und verfehlen ihr Ziel fast immer – auch die der anwesenden Russen.

Nachtrag:

2014.08.19, 14:01 :: Telepolis, Die Guten und die Bösen :: Mathias Bröckers/Paul Schreyer 18.08.2014

Ansichten eines Putinverstehers

Wladimir Putin ist Macho und Macher, Zar und Star, coole Sau und weiser Patriarch – der Alleskönner in der Champions League der Weltpolitik. Er angelt die dicksten Fische, reitet zu Pferd durch die Taiga, fliegt mit Kranichen im Ultraleichtflieger und steuert Düsenjets. Er betäubt den sibirischen Tiger mit einem gezielten Schuss, spielt Klavier, singt Fats Domino und kann Goethe rezitieren. Er ist sportgestählt und trägt den schwarzen Gürtel im Judo, ist Doktor der Rechtswissenschaft, Ex-Major des Geheimdiensts und Präsident des größten Flächenlands der Erde. Ohne Frage: ein Held.

Picasa

Picasa

 
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In eigener Sache: Kommentare

Dienstag, 12.08.2014, 19:01:34 :: Raudondvaris

Manche wundern sich, das beim Senden eines Kommentars ein Hinweis erscheint, das System würde zunächst annehmen, es sei Spam. Das ist zwar ein Affront, aber derzeit die Möglichkeit für mich, das System vor Spamkommentaren zu schützen. Davon gibt es leider nahezu täglich mehr als genug.

Ich freue mich über jeden Kommentar, also weiter so! Ich schalte sie alle frei… :-)

 
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* Rund Europa 2014 Nord, 7. Tag: Reszel – Raudondvaris

Samstag, 09.08.2014, 13:39:59 :: Raudondvaris

Burg Reszel ist ein Ort, an dem man es auch länger aushalten könnte. Die Touristen-»Ströme« halten sich in Grenzen, einzig: Es ist deutsch hier, selten polnische Stimmen von den Hotelgästen…

Dennoch, wir fahren nach dem Frühstück los, letze Etappe nach Vilnius. Das Wetter meint es gut mit uns, bedeckt bis sonnig, nicht heiss.

Keine Wallfahrt

Schon kurz nach Reszel, noch vor Kętrzyn, passieren wir Święta Lipka, einen wichtigen Wallfahrtsort in Polen ,der wichtigste hier oben im Norden. Wir bewegen uns ja immer mehr nach Norden dem Dreiländereck Litauen–Polen–Russland (Kaliningrad) zu. Dieser Landstrich war von längerer Hand geplant –eigentlich sogar für längere Zeit. Er interessiert mich in vielerlei Hinsicht: Grenzland schon seit alter Zeit, das Ermland und das nördliche Masuren, seine Geschichte (da schreibt doch jemand über eine winzige Ansiedlung und die dort tätigen Pfarrer seit der Reformation bis 1945!), die Veränderungen durch die Teilung nach dem Niedergang der UDSSR, der zeitweiligen Entstehung einer Drei-Staaten-Grenze in einem Gebiet, in dem fast keine grösseren Ansiedlungen mehr bestehen (mit Angerburg und Goldap die einzigen grösseren Städte). Aber zu der Grenze ist es es noch ein wenig hin…

Da steht also im Ort Święta Lipka das Kloster »Święta Lipka«, das »Kloster Heilige Linde in Ostpreussen«. Seine Geschichte ist ein Paradebeispiel für die Umdeutung alter heidnisch-religiöser Bräuche und Orte im Zuge der recht späten Christianisierung dieses Landstrichs. Da wird aus einer heidnischen Linde einfach eine Linde »unser lieben Frau« (natürlich Maria):

Die Ursprünge des Kults von Unserer Lieben Frau von Heilige Linde (polnisch Święta Lipka) gehen zurück auf das 14. Jahrhundert. Die Sage berichtet von einem in Rastenburg Verurteilten, der auf Intervention von „Unserer Lieben Frau“ eine aus Holz geschnitzte Figur ihres Kindes anfertigte. Nachdem er wegen dieser Skulptur freigelassen wurde, hängte er die Figur an eine Linde auf dem Weg von Rastenburg nach Rößel. Viele Wunder ereigneten sich der Sage nach um die Statue des Marienkindes. Allerdings weist der Begriff „Heilige Linde“ weiter zurück in die Vergangenheit: nämlich auf einen heidnischen Kultplatz der Prußen. Die Linde war das Symbol der Göttin Puskaite, einer Göttin für Fruchtbarkeit und Getreide, der zu Ehren im Frühjahr und im Herbst Feste veranstaltet wurden. (Siehe auch Zwangschristianisierung).

Im Laufe der Zeit wurde die Kapelle rund um den Baum errichtet. Die Priester der Kapelle dienten dem Deutschen Orden in Rastenburg. Die ältesten dokumentierten Informationen über die heilige Linde wurden im Domkapitel von Płock gefunden. Aus einer Aufzeichnung von 1473 geht hervor, dass der Ort zum Deutschordensstaat kam, die Kapelle wird nicht erwähnt. In einer Erlaubnis des Hochmeisters des Deutschen Ordens, Johann von Tiefen von 1491 zur Einrichtung einer Gaststätte ist die Kapelle genannt. Zahlreiche Wallfahrten wurden nach Heiligelinde unternommen – so auch vom Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht von Brandenburg-Ansbach.

Wikipedia

Frisch – mittlerweile rot – gestrichen (in der Wikipedia ist sie noch gelb-weiss) steht diese wuchtige Barockanlage unvermittelt am Waldrand.

Wir überlegen uns kurz, ob wir helfen sollen, den Parkplatz zu füllen um in den Touristenströmen unterzugehen. Aber wir belassen es bei einem groben Überblick von aussen – Bilder der prächtigen Überlegenheit im Innern gibt’s in Wikipedia. Es ist zu voll, zu laut, zu touristisch – schon die Souvenirstände, die den Strassenrand fast vollständig einnehmen, drängen uns eher zum Weiterfahren…

Die Ruhe der Wälder und Felder tritt auch sofort wieder ein nach ein paar hundert Metern. Alte Alleen – teils als Abstecher zu ehemaligen Gutshäusern–,…

…weite Wiesen, Störche, fliegend und stochernd, weidende und wiederkäuende Kühne, zum Horizont sich weitende goldgelbe Stoppelfelder mit ihren Strohrollen, Teiche, schilfumwaldete Seen, selbe Windhightec findet sich hier…

…und – ja, leider: einer Strassenbaustelle, die fast bis Gołdap reicht. Wir fragen uns, was das zu bedeuten hat hier draussen, ein äusserst grosszügiger Ausbau, innerorts, ausserhalb, mit kombiniertem Fuß- und Radweg, teilweise umgewühlte Landschaft – weshalb? Erhoffter Tourismus? Spekulativ: Ein Geschenk der Amerikaner, die ihr gegen die MarsiIraner bedachtes Rakenabwehrsystem hier oben irgendwo errichten?

Wir sind da mit den Gedanken an Krieg sehr schnell in vielerlei Hinsicht in der Wirklichkeit, nämlich der, die uns unser grössenwahnsinniger »Führer« übrig gelassen hat und zwar ganz ganz in der Nähe: Beim weiter oben bereits nicht ohne Grund erwähnten Städtchen Kętrzyn (wer sich die Zunge nicht aushängen will: zu deutsch Rastenburg) liegt die Wolfschanze:

Ab September 1940 wurde unweit von Rastenburg nahe dem kleinen Ort Görlitz (Gierłoż) unter höchster Geheimhaltung das Hauptquartier „Wolfsschanze“ in Vorbereitung des Krieges im Osten angelegt, wobei man vorgab, Anlagen für die Chemischen Werke Askania zu bauen. Hitler hielt sich vom 24. Juni 1941 bis zum 30. November 1944 an rund 800 Tagen in der Wolfsschanze auf. Am 24. Januar 1945 wurde die gesamte Anlage von deutschen Pioniertruppen gesprengt. Die Reste der Wolfsschanze sind heute ein Freilichtmuseum.

Der Zweite Weltkrieg brachte erhebliche Zerstörungen, die jedoch vornehmlich nach der Besetzung eintraten. Die gesamte deutschsprachige Bevölkerung der Stadt wurde im Rahmen der Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges und danach durch sowjetische Soldaten vertrieben oder ermordet.

Diesen Alptraum haben wir uns 2004 bereits zugemutet, Fotos von dort gibt es nicht, damals gab es noch kein Weblog… Wir lassen das Gelände unbesehen liegen, was nicht heisst, dass man sich dieses Monstrum nicht ansehen sollte:

Und auch das bei der Gelegenheit mal erwähnt zu haben: Wer zu träge aber dennoch interessiert ist, wie es hier oben – meist sogar bei Sonnenschein – aussieht, die/der kann per Google StreetView durch die Gegend zuckeln. Im Gegensatz zu Deutschland ist Polen (wie die meisten Länder Europas) gut erschlossen… Man schämt sich fast, noch Fotos zu machen und sie gar noch zu zeigen.

Doch zurück zur Baustelle!

Sie verfolgt uns nicht, wie folgen ihr, es gibt keine Alternativen. Alle paar Kilometer aufgestellte Ampeln verzögern die Fahrt erheblich. Manche stellen uns vor schwere Entscheidungen: Ernst gemeint? Geht’s da wirklich weiter? Da fährt man dann irgendwann und letztendlich in seiner Not doch auch bei Rot…

Wir erreichen Gołdap…

…die letzte Stadt hier oben, Grenzübergang nach Kaliningrad. Ohne Visum keine Chance. Aber wie viele Jahre schon: Es ist zu langwierig, bindet einen und ist ausserdem sehr teuer. So begnügen wir uns mit einem Eis von den letzten Złotys, die es ja immer noch gibt. Anders in Litauen, wo ab 2015… – aber dazu kommen wir noch.

Drei-Länder-Eck

Von hier aus sind es dann nur noch wenige Kilometer bis zu der Stelle, auf die ich gespannt war, vorab durch Google StgreetView etwas verwirrt: Die Stelle, 140 Meter von der Strasse entfernt, wo die Grenzen Russlands, sprich: Kaliningrads, Polen und Litauens sich tatsächlich in einem Punkt treffen:

Auch Irrsinn ist zuweilen ein Studium wert.

Eine Stelle mitten im Gelände, absurd, eine blankpolierte Basaltsäule mit drei Aufschriften auf der jeweiligen Seite, klar, in Russisch, Polnisch und Litauisch, wem der jeweilige Zipfel gehört. Dazu drum herum Hinweis- und Warntafeln, was man alles nicht dürfen soll, welche Strafen drohen. Und über allem hängt an einem langen dürren Baumstamm hinterm Zaun (dem einzigen!) auf der russischen Seite eine Überwachungskamera, gerichtet auf die Säule…

180°-Panorama, links hinten Russland, Rechts Litauen, ich stehe auf polnischem Grund…

Auf diesem Foto verbirgt sich Lis auf der russischen Seite so, dass mich als Fotografen die Kamera nicht sieht.

Fünfzehn, zwanzig Meter breite freiplanierte Streifen ziehen sich von dieser Säule aus entlang der Grenzen ins fernere und fernste Gelände; einzig der russische Quadrant ist mit grünem Eisenzaun abgetrennt, zwischen Polen und Litauen gähnt sinnlose Leere – seit dem EU-Beitritt dieser Länder.

Und wie gelangt man zu der Stelle? Sie liegt am Ende eines grossen Wiese, Privateigentum bis zur Grenze und begehbar gegen 1 Złoty Eintritt pro Person. Die Frau im Häuschen verkauft dazu Souvenirs, unter anderem selbstgemachten Käse… Und wir sind nicht alleine! Viele halten, Rad- und Autofahrer, pilgern zur Säule, kaufen was und sind wieder weg.

So auch wir – es geht zum Grenzübertritt Richtung Marijampole.

Litauen – fast Routine

Diese Strecke sind wir sicher seit zehn Jahren nicht mehr gefahren. Seit der längere aber schönere Weg über Sejny, Lazdijai und Merkinė möglich wurde, schon lange vor dem EU-Beitritt, führte uns der Weg »hin und her« immer dort entlang. Diesmal kommen wir vom Norden, also diesmal die »Mörderstrecke«, auf der der Hauptverkehr, vor allem die LKWs, rollen. Wir haben Glück, es ist Samstag, der Verkehr, die fast endlose Schlange der Trucks, bewegt sich nach Polen.

Die polnische Seite des ehemaligen Grenzübergangs, an dem man Stunden zwischen und neben LKWs stand, an dem man gastronomische und sonstige Infrastruktur aufgebaut hatte – für ein paar Jahre – an ihm hält keiner mehr.

Und auf der litauischen Seite gilt natürlich dasselbe.

Ob dieses Strassenbaudenkmal als schlechtes Omen gewertet werden muss? Wir hoffen nicht, umfahren es elegant und sind drin!

Picasa

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Tagesleistung, Tracks & Links:

 
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* Rund Europa 2014 Nord, 6. Tag: Rössel – ein Regentag

Freitag, 08.08.2014, 15:46:52 :: Hotel Zamek Reszel

Es fing damit an, dass es nicht richtig hell werden wollte; wenn man gut geschlafen hat, dann schläft man da ja gerne weiter. Aber grundlos wird es nicht nicht hell. Als dann der Donner sein grosses Blech schüttelte und der Regen zu prasseln begann da überlegte ich mir, was werden sollte und sofort kam mir der Gedanke: Nicht weiterfahren – liegen bleiben! Und so wurde heute der an sich letzte Reisetag zum ersten Ruhetag.

Mir fiel auch auf, dass der Donner hier anders klingt als gewohnt, er findet wohl keinen Widerstand, an dem er sein Echo erzeugen könnte, hier oben im der flachen Landschaft Nordostpolens. Da sind wir, in Rössel oder Reszel. Die Burg ist Besucherattraktion, Restaurant, Künstlertreff und Galerie – und eben auch Hotel. Kultureller Schwerpunkt hier nördlich der grossen Masurischen Seen. Von daher heisst »hier festsitzen« nicht versauern, es gibt genügend zu schauen, zu bestaunen und zu entdecken. Und für diejenigen, die so langsam einen Reisebeitrag erwarten, springt auch etwas heraus.

Der Tip mit Rössel stammt von einer Freundin aus Berlin. Da waren wir ja auf dem Weg hier hoch auch schon. Das ist und wird (hoffentlich) eine andere Geschichte, mein erster Besuch in Berlin Mitte…

Interessant, dass offenbar Künstler resp. Schriftsteller, die ihre elterlichen oder grosselterlichen Wurzeln hier in Masuren haben, eine Vorliebe für Naxos entwickeln – jedenfalls kennen wir zwei davon…

Turmbesteigung

Dass das Restaurant hervorragend ist, konnten wir schon gestern beim Abendessen feststellen. Das Frühstück heute Morgen stand dem in nichts nach, frisches Omelett in einer Tour, Lokales, Deftiges…

Danach entschlossen wir uns zur Turmbesteigung. Das war der richtige Zeitpunkt, denn als wir oben waren strömten die Touristen und Jugendgruppen die Burg und natürlich den Turm, der innen nur in jeder Etage geräumig ist, nicht aber auf den Wendeltreppen dazwischen.

Die Ausblicke auf jeder Etage wären bei etwas Sonnenschein natürlich um ein Vielfaches beeindruckender gewesen, aber einem Ritter in voller Rüstung hätte das kühle Wetter heute sicher auch gut gefallen – so wie mir. Turmbesteigung in der Augusthitze ist meine Sache nicht. Im Übrigen: August, das heisst hier oben ja doch vielfach schon Herbst. Hoffentlich nicht in dieser heutigen Form. Ein paar schöne Tage wünschen wir uns schon noch.

Galeriebesuch

Nach einer Cappuccinopause und einem Snack auf dem Zimmer, bei dem ich nebenher anfange zu schreiben, war dann auch schon Nachmittag. Apropos Snack: Würste können sie in Polen, selbst die abgepackten von Lidl (!!!) sind ausgezeichnet. Aber sie müssen weg, ebenso die Brötchen. Wenn man die bei Sonnenschein tagelang im Auto spazieren fährt, dann werden sie irgendwann ungeniessbar. Ach ja, und die Bananen kommen auch hier nicht aus Russland sondern aus dem Chiquitaland Panama. Zufall eben… ;-)

So. Die Galerie, die aktuelle Ausstellung. Die beiden Räume befinden sich in der seitlich angebauten (ehemaligen) Kirche. Deren Fenster hat man zum Teil zugemauert und eine Decke eingezogen so dass zwei schöne grosse Räume übereinander entstanden sind. Dass nur Hängungen an den langen Wänden vorgenommen wurden, ist schade, ein paar Skulpturen hätten sich gut gemacht. Ansonsten ist die Ausstellung, die von nur einem polnischen Künstler beschickt ist – vor allem in der oberen Etage – aggressiv, politisch provokant aber sehr offen und vor allem nicht beschönigend und wahr. Zuweilen scheint für mich Otto Dix durch. Und Roger Waters »Home for incurable tyrans and kings«

Auf den grossflächigen »Wimmelbildern« kann man lange verweilen, immer wieder Neues entdecken, Politik und Geschichte passieren lassen und sich auch amüsieren; wer’s braucht, darf sich auch entrüsten.

Gang durch das Städtchen

Reszel, deutsch Rössel, hat sicher bessere Tage gesehen. Die Einwohnerzahl lag schon mal höher als die der regionalen Hauptstadt Olsztyn, deutsch Allenstein.

1656 und 1704 wurde Rößel von den Schweden besetzt und war 1772 mit etwa 3030 Einwohnern nach Braunsberg und Heilsberg die drittgrößte Stadt im Ermland, noch größer als Allenstein (1770 Einwohner).

Wikipedia

Aus dieser Zeit ist wenig übrig geblieben. Die Strassenzüge wirken traurig, trotz hier und da renovierter Häuser. Nur die mächtige Kirche sticht heraus. Innen ist sie prächtig aber düster. Das passt zur äusseren Backsteinbauweise.

So vergeht ein Tag

Man kann nicht sagen, ein Regentag in Masuren wäre langweilig oder gar »tödlich«. Beileibe nicht. Apropos Leib: Wir gehen jetzt essen. Das gute Restaurant unten, ihr wisst schon…

Picasa

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* Rund Europa 2014 Nord, 5. Tag: Wongrowitz – Rössel (Teil 2)

Donnerstag, 07.08.2014, 21:28:03 :: Hotel Zamek Reszel
Dienstag, 19.08.2014, 15:12:28 :: Raudondvaris

Zum 1. Teil

Iirgendwie komme ich mir ja schon komisch vor, immer wieder über beschauliche Fahrten durch Felder, Wälder, Alleen und zuweilen Dörfer zu schreiben.

All das gibt es – überspitzt formuliert – überall, ausser in der Sahara oder so. Gewiss, aber es ist unvergleichlich, durch Osteuropa zu fahren, die Besiedlung ist so dünn. Uns fiel das wieder auf, als wir diesen Frühling und Frühsommer versucht haben, ohne Autobahn und grosse Bundesstrassen durch Deutschland zu kommen, nach Nürnberg oder Berlin zum Beispiel. Man fährt zwar auch in diesem Fall durch zum Teil wunderschöne Landschaft, wenn man sucht; aber immer nur für kurze Zeit, die nächste Siedlung ist nie weit, selbst wenn man die vielfachen Ortsumfahrungen nutzt, zumindest der »Speckgürtel« ist immer. Die nächste Ortschaft sieht man meist schon, wenn man die gerade passierte verlässt. Die wenigsten Ortschaften, nämlich keine, trifft man auf der Autobahn an…

…auch in Polen.

Anders ist es an diesem Tag wiederum für uns in Polen: Sucht man sich die kleinen Strassen, dann trifft man über Kilometer oft nur Menschen, die auf einem Traktor sitzen, Heu wendend. Dann marschieren aber gleich zwanzig, dreissig Störche hinterher, weil unter dem Heu wohl allerlei Essbares zum Vorschein kommt.

Durch manche grösseren Orte aber muss man sinnvollerweise durch; man käme sonst gar nicht mehr voran.

Ostroda, Olsztyn

Ostróda

Ostróda (Osterode) und Olsztyn verdanken wie die weiter nordwestlich liegende monumentale Marienburg in Malbork ihre Existenz den Kreuzrittern.

Alle diese Städte sind sehr sehenswert, die Restaurierung in den letzten zehn Jahren hat ihnen gut getan. Wir überlegen uns kurz nach Osterode, ob wir mal wieder in Olsztyn (Allenstein) absteigen wollen; es war schon zweimal Ziel in den letzten Jahren. Aber wir wollen ja weiter nach Nordosten zur Burg nach Reszel.

Ein Schloss für Studenten (Łężany)

Kurz vor unserem Ziel, auf ganz schmaler, gewundener Strasse, kommen wir mal wieder an einem der Seen vorbei.

Wir haben ihn schon fast abgenickt, da sieht Lis auf der Beifahrerseite den Hang hoch einen Park und ein Gebäude blitzen. Ich drehe um und parke an der Einfahrt. Der Weg durch den Park führt tatsächlich den Hügel hoch zu einem schlossartigen Herrenhaus, heute Ableger der Masurischen Universität von Olsztyn; so übersetze ich mal frei. Dort proben gerade Studenten auf ihren Instrumenten.

Ein schöner Rundgang ums Haus und ein grossartiger Auftakt zu dem was uns in ein paar Minuten erwartet. Lis fragt noch einen der Studenten aus und wir kehren zurück zum Senfle, das da verloren an der Auffahrt wartet.

Reszel

Wir sind tatsächlich nach wenigen Minuten am Ziel, nachdem wir auch das Hotelschild der Burg am Strassenrand gesichtet haben: Noch eineinhalb Kilometer…

Wir stehen im Ort, fahren Strassen rauf und runter – keine Burg. Man müsste sie doch sehen. Ein freundlicher junger Mann erklärt uns (auf Deutsch!), wie wir fahren müssen. Vergeblich. Nach einigen Runden haben wir sie dann doch endlich vor uns: Burg Reszel.

Die Formalitäten sind schnell erledigt, ich holpere mit dem Senfle zum Entladen in den Burghof, wir beziehen eine Kemenate und bald sitze ich im Burghof und dokumentiere und erforsche – zunächst natürlich im Internet…

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* Rund Europa 2014 Nord, 5. Tag: Wongrowitz – Rössel (Teil 1)

Donnerstag, 07.08.2014, 21:28:03 :: Hotel Zamek Reszel
Donnerstag, 14.08.2014, 15:53:40 :: Raudondvaris

Zugegeben: Die Nacht war mal wieder nicht die ruhigste. Das hatten wir kommen sehen: Ein Hotel an der Strasse, ohne Klimaanlage, draussen und drinnen warm oder eher heiss – da reisst man die Fenster auf. Was rein kommt sind die Moskitos (der See gegenüber!) und der heimelig säuselnde Motorenlärm. Wie gesagt, wir kennen das, wir wissen das. Irgendwann schliesse ich die Fenster, es ist mittlerweile abgekühlt, Ruhe kehrt ein. Irgendwann wird es doch wieder stickig, also wieder auf…

Hotelkunde

Wir haben sie nicht gezählt, nie eine Statistik eröffnet, in wie vielen Hotels, Pensionen, Jugendherbergen, B&B- oder sonstigen Privatzimmern wir genächtigt haben, die letzten dreizehn oder mehr Jahre. Vom Fünfsternekasten bis zum eilig leer geräumten Wohnzimmer in den Karpaten war alles dabei; klar, Zelt und Campinghütten auch. Und nicht zu vergessen: auf dem Fussboden einer Bilder- und Skulpturengalerie, flankiert von Kunst, das gab es auch.

Man bekommt da also Erfahrung mit den Jahren. Wie und wann und wo sucht man? Führen einen Schilder wie »Hotel 3.5 km« zum Traumhaus am See oder Flussufer oder landet man in der Einöde, weil nach dem Schild nichts mehr kommt, was einem weiterhelfen könnte? In welchem Land führen einen Schilder überhaupt fast grundsätzlich nicht zum Ziel? Wann lohnt es sich, zu fragen? Man kann neben dem gesuchten Haus stehen und einen Einheimischen danach fragen – er wird’s im Zweifelsfall nicht kennen, lediglich beim Weiterfahren sieht man es dann doch im letzten Moment aus dem Augenwinkel. Hat es Internet, wenn ja, wo, was kostet es und ist Frühstück inklusive? – das sind dann die einfacheren Fragen.

Eines wissen wir von vornherein mit Gewissheit: Wir werden was finden. Und wir wissen auch, dass einem immer wieder unerwartet wunderschöne Plätze und Häuser unterkommen. Und dass wir Vorwegbuchen nicht mögen (Es gibt Ausnahmen: Auf die Ålandinseln kommt man nur mit gebuchter Unterkunft). Manchmal fährt einem Polizei vorneweg oder ein Taxifahrer, weil man sonst nie hinfinden würde. Aber sonst? Locker bleiben.

Und so wussten wir im »Jamajka«, dass es laut werden würde. Dafür war alles andere samt Frühstück hervorragend. Gestärkt ging’s also los, nach Thorn sind es zunächst einmal 120 km, vom Konto von gestern. Es geht über Alleen, durch Wald und Feld.

Überraschung!

An einer Strassenecke werden wir schon bald aufgehalten: Da steht eine Backsteinkirch, die müssen wir uns ansehen. Wir sind in Žnin, und dass bei Wikipedia diese Kirche nicht beschrieben wird zeigt, dass man eben doch alles selber machen sollte. Also besichtigen wir.

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Eine Gedenkstatue für den gewesenen polnischen Ppast fehlt auch hier wie irgendwo sonst in Polen nicht.

Diese riesigen abgeernteten Getreidefelder faszinieren immer wieder. Oft scheinen sie bis zum Horizont zu reichen.

Und dann Thorn

Es kam, wie wir es befürchtet hatten: Schönster Sonnenschein, heiss, viel Verkehr und busseweise Touristen. Toruń oder Thorn war schon zweimal unser Ziel; es gibt persönliche Erinnerungen und ausserdem ist es eine wunderschöne Stadt mit ein er riesigen Freitreppe an der Weichsel, mächtige Stadtmauern und Tore, die den alten und natürlich sehenswerten Stadtkern umgeben. Das wissen nicht nur wir, sondern das hat sich in den letzten 10, 12 Jahren herum gesprochen. Es wurde auch fleissig und umfassend restauriert und renoviert. Es ist ein lohnendes Ziel geworden (ein Blick in die Wikipedia lohnt!). Und deshalb fahren wir weiter – gestern Abend, das wäre sicher schön gewesen…

Lidl

Wir haben Mittag und Hunger nebst Durst. Ein Lidl hilft da. Es ist fast wie zuhause, nur polnisch…

Fortsetzung folgt.

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* Rund Europa 2014 Nord, 4. Tag: Berlin – Wongrowitz (Wągrowiec)

Mittwoch, 06.08.2014, 23:24:06 :: Wongrowitz, Hotel Jamajka
Mittwoch, 13.08.2014, 22:55:26 :: Raudondvaris

Wir kamen nur bis Wogrowitz

Ein Kalauer mittlerweile, das verballhornte Zitat. Aber es passiert eben immer wieder, dass man sich ein Ziel vornimmt und es dann sauber verfehlt. In diesem Fall wollten wir eigentlich bis Thorn kommen und uns am Abend die Stadt mal wieder ansehen – dann wenn die Touristenströme wieder entschwunden sind.

Einschub: Und gleichzeitig stelle ich beim Suchen von Eboli fest, dass ich den entsprechenden Beitrag aus 2013 über diesen Ort auch noch nicht geschrieben habe…

Aber zurück nach Berlin. Bei einem reichlichen Frühstück mit Johanna und Tom vergeht viel Zeit mit Kauen und reichlich Gesprächen. Lis lässt sich noch einige Werke zeigen und erwirbt ein Bild, dass verpackt sein will, denn es muss die Reise nach Griechenland via Litauen etc. überstehen.

Ehe wir dann losfahren, machen wir ein Versuch: Wir wollen doch wenigstens noch einen weiteren Besuch unterbringen hier in Berlin-Mitte und klingeln dazu Elke, eine Freundin, die wir letztes Jahr in Naxos kennen gelernt haben, aus dem Bett. Es klappt, wir schauen bei ihr vorbei, quatschen und freuen uns über das Wiedersehen an anderem Ort – ja, und da wird’s eben immer später als geplant.

Hier begegnen wir noch was aus Naxos: Ein »Blutkörperchen« von Ingbert Brunk, Künstler, unschlagbar, wenn es um Naxischen Marmor und Form geht…

Von Elke bekommen wir dann auch diesen Tip für Reszel in Nordostpolen. Und irgendwann reissen wir uns dann doch los, hoffen alle, dass wir uns auf Naxos wieder sehen und stürzen uns dann in den Berliner Mittagsverkehr – es ist mittlerweile halb eins…

Raus aus Berlin Mitte

Wer in diese Stadt hinein fährt muss auch wieder raus. Das geht heute vergleichsweise flüssig, aber eben langwierig. Aber irgendwann werden die Häuserreihen gegen Alleebäume ausgetauscht, es wird zusehends ländlicher und irgendwann haben wir nur noch Alleen, Wälder und Wiesen.

Müncheberg besuchen wir nochmals kurz, weil Lis sich nicht mehr an den dicken Turm erinnern kann.

Grenzstadt Küstrin

Wir überqueren die Oder und damit die Grenze nach Polen in Küstrin (Kostrzyn nad Odrą), einer Stadt mit einer ehemals beeindruckenden Festung und einer geschichtsträchtiger Vergangenheit: Unter anderem wurde der junge Friedrich Wilhelm, der spätere Grosse Kurfürst, dort vom 7.-14. Lebensjahr »aufbewahrt«:

Geboren 1620 in Cölln, einer der Vorläuferstädte Berlins, musste der junge Friedrich Wilhelm die Zeit zwischen seinem 7. und 14. Lebensjahr inmitten düsterer Wälder hinter den Mauern der Festung Küstrin verbringen, heute eine kleine Grenzstadt im Westen Polens. Nur dort, fern der Eltern, schien er sicher vor dem Chaos der nicht enden wollenden Kriegswirren.

SPIEGEL: Mit Militär und Migranten

Wir erhaschen nur ein paar Blicke auf restliche Gemäuer, unsere Zeit drängt…

Die Grenze passiert man umspektakulär, wiederum fast unbemerkt, 5 Stunden Wartezeit ist längst Vergangenheit…

Strassenprostitution hatte schon auf der deutschen Seite begonnen, sie setzt sich hier fort; am Nachmittag sehr verhalten…

Ansonsten fahren wir gemütlich, ohne viel Verkehr auf besten Strassen. Es ist keine Rennstrecke, die Strasse Richtung Thorn, nördlich der Autobahn Frankfurt/Oder – Warschau… Hier ein paar Eindrücke, viel Natur, wenige Dörfer, deren Renovierung begreiflicherweise nicht so vorankommt wie die der Strasse. Die Seiten mit den typischen Gräben zwischen Strasse und Gartenzäunen sind meist einer Euro-Pflasterung der Gehwege gewichen, die Häuser bleiben häufig im alten, of halb verfallenen Zustand: Für Strassen gibt es – mit Schildern immer wieder ausgewiesen – Zuschüsse, für Privathäuser eben nicht… Und Plattenbauten natürlich auch immer wieder hier – wie überall hier in den »ehemaligen Ostländern«.

In Jamaika

Gegen sieben Uhr abends geben wir dann auf: Ein See, ein Hotel namens »Jamajka«, dazwischen die Strasse – was soll’s, wir bleiben.

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Wieder reisen!

Montag, 28.07.2014, 23:20:18 :: Hochdorf

Natürlich endete unsere Fahrt im Frühjahr nicht in Sarande. Wir kamen trotz einiger glimpflich abgelaufenen Abenteuer pünktlich zu Ostern in München an. Darüber will ich gelegentlich natürlich berichten. Unterwegs hat das im April irgendwie mal wieder nicht geklappt: Internet, Zeit, zu heiß…

Aber wie gesagt – schon wegen der atemberaubenden Frühlingslandschaft in Albanien und der Bilder – ich werde mir Mühe geben. Und ich war an Ostern auch voller Schreibdrang.

Aber es kam anders

Letztes Jahr Anfang September schrieb ich vom Ende der Geisterbahnfahrt. Ich hatte die Operation an der Zunge und meinen Fast-Exitus überstanden und irgendwann dann wieder Tritt gefasst.

Diesen April stand wieder die vierteljährige Kontrolle meiner Zunge an. Die Eigenkontrolle liess mich ruhig zum HNO-Ärztin gehen. Doch die sah mehr als ich: zwei winzige weisse Pünktchen, die ich eher als Lichtreflexe auf dem Speichel der Zunge interpretiert hätte, liess sie ohne Umschweife einen Überweisungsschein ausstellen: Ab nach Kassel, Abklärung. Und Operation – es war wieder bösartig. Klein, aber eben bösartig. Der Zunge fehlte nun ein erheblich grösserer Teil als letztes Jahr.

Und obendrauf nun Bestrahlung

Das war mir klar. Ich kam nun um diese Marterstrecke doch nicht herum. Aber dank der Recherchen meines Bruders verkürzte sich diese von 6 Wochen auf 5 Tage. Brachytherapie heisst die Wunderwaffe, die er ausfindig machte. Und auch gleich den kompetentesten Ort: Erlangen, Uniklinik.

Wissenswertes über Erlangen

Nun, so lustig wie hier ging’s natürlich nicht zu. Nach der Operation hatte ich eine Geissbart aus sechs Plastikröhrchen unterm Kinn herabhängen und die im Mund meine Zunge darüber hinaus am Mundboden festnagelten. Die Röhrchen wurden dann 5 Tage lang jede Stunde an den Spender angeschlossen, der mir darüber für wenige Sekunden das strahlende Material an die sechs Stellen in der Zunge schob; 100 mal, von Montag Morgen bis Freitag Mittag. Wer gerne rechnet, darf nachrechnen – 4 mal 24 gibt… ?

Danach wurden die Schläuche »bei lebendigem Leibe« entfernt, meine Zunge war wieder frei. Aber ich nach wie vor ohne Stimme, ohne Geschmacks- und Geruchsinn und mit wundem Mund. Und schwer hustend war ich, die Lunge schien mir schon die Woche über zu bersten. Man darf wohl sagen, es war ein Martyrium. Aber eben nur 5 Tage lang und keine sechs Wochen wie bei konventioneller Bestrahlung.

Und mit weniger Nebenwirkungen. Das weiss ich jetzt nach fast 4 Wochen. Dass ich davon allerdings fast 2 Wochen mit schwerer Lungenentzündung im Hospital lag, das heften wir als Arabeske ab.

Jetzt scheint alles vorbei…

Der Husten verflüchtigt sich, die Stimme und die Geschmacks- und Geruchssinne kommen gaaaanz langsam, aber merklich wieder.

Lis wird jetzt wieder sagen, das klinge hier alles so harmlos. War es nicht, aber warum sollte ich andere quälen. Deshalb gibt es auch keine Bilder. Doch – eins, zum Schluss.

Klicken!

Mein »Gefängnis«, 180° Rundumblick

…und am 4. August starten wir

Deutlich verspätet aber dennoch Richtung Baltikum. Wir lassen uns doch nicht aufhalten. Jedenfalls nicht allzu lange und schon gar nicht von Dingen, die wir nicht mögen…

 
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