Wir sind von Sinnen: AKKs „Hunnenrede“

Samstag, 09.11.2019, 14:37:17 :: Naxos

Dies ist ein Beitrag, den ich von den Nachdenkseiten übernommen habe.

Wenn es noch einen Beleg für die Rechtsverschiebung des politischen Diskurses braucht, dann ist dies das Schweigen zu AKKs „Hunnenrede“

Die CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat eine Grundsatzrede zur neuen sicherheitspolitischen Ausrichtung Deutschlands und den damit verbundenen Aufgaben für die Bundeswehr gehalten. Unter anderem gehe es nun darum, „Chinas Machtanspruch“ im „Indo-Pazifischen Raum“ einzudämmen, um Deutschlands globale wirtschaftliche Interessen zu verteidigen. Noch vor wenigen Jahren wäre dies ein Tabubruch gewesen und Kramp-Karrenbauer hätte einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Doch heute? Bleiernes Schweigen. Von Jens Berger.

„Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg.“

Nein, diese Sätze stammen nicht aus Kramp-Karrenbauers Grundsatzrede, sondern aus einem Interview, das der damalige Bundespräsident Horst Köhler am 22. Mai 2010 dem Deutschlandfunk gab. Die Kritik, die diesen Sätzen folgte, war gewaltig. Der damalige SPD-Fraktionsführer Thomas Oppermann verkündete, „Wir wollen keinen Wirtschaftskrieg“. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sagte, „Wir brauchen weder Kanonenbootspolitik noch eine lose rhetorische Deckskanone an der Spitze des Staates“ und befand, Köhlers Äußerungen stünden nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes. Auch aus den Reihen der damaligen Regierungsparteien CDU und FDP gab es Kritik. Köhlers Äußerung sei „keine besonders glückliche Formulierung, um es vorsichtig auszudrücken“ (Ruprecht Polenz, CDU) und „etwas befremdlich“ (Rainer Stinner, FDP). Sogar sicherheitspolitischen Falken gingen diese Äußerungen zu weit. Michael Wolffsohn forderte Köhler auf, er solle sich öffentlich korrigieren. Der Verfassungsrechtler Ulrich Preuß von der Berliner Hertie School of Governance resümierte: „Das ist eine durch das Grundgesetz schwerlich gedeckte Erweiterung der zulässigen Gründe für einen Bundeswehreinsatz um wirtschaftliche Interessen. Da ist ein imperialer Zungenschlag erkennbar“.

Aus einer politischen wurde schnell eine gesellschaftliche Debatte und die Kritik an Horst Köhler war so präsent, dass sich dieser wenige Tage später zum Rücktritt gedrängt fühlte und sein Amt niederlegte. Das war vor etwas mehr als neun Jahren. Schauen Sie sich Köhlers Äußerungen noch einmal an und vergleichen Sie sie mit den Äußerungen in Annegret Kramp-Karrenbauers Grundsatzrede

Es besteht breite Übereinstimmung, dass Deutschland angesichts der strategischen Herausforderungen aktiver werden muss. […] Ein Land unserer Größe und unserer wirtschaftlichen und technologischen Kraft, ein Land unserer geostrategischen Lage und mit unseren globalen Interessen, das kann nicht einfach nur am Rande stehen und zuschauen. Nicht einfach nur abwarten, ob andere handeln, und dann mehr oder weniger entschlossen mittun, oder auch nicht mitzutun. […] Unsere Partner im Indo-Pazifischen Raum – allen voran Australien, Japan und Südkorea, aber auch Indien – fühlen sich von Chinas Machtanspruch zunehmend bedrängt. Sie wünschen sich ein klares Zeichen der Solidarität. […] Wir sind die Handelsnation, die von internationaler Verlässlichkeit lebt.
Wir sind neben China führend in der internationalen Containerschifffahrt – und auf freie und friedliche Seewege angewiesen. […] Denn natürlich hat Deutschland wie jeder Staat der Welt eigene strategische Interessen. Zum Beispiel als global vernetzte Handelsnation im Herzen Europas.

Zur grundsätzlichen Frage, ob es sinnvoll ist, den Welthandel militärisch abzusichern, hatte Albrecht Müller im August bereits Stellung bezogen. Was hier besonders ins Auge fällt: Während Köhlers Äußerungen vor neun Jahren noch als Tabubruch wahrgenommen wurden und dementsprechend kontrovers diskutiert wurden, löste Kramp-Karrenbauers Grundsatzrede vor allem eins aus: Schweigen.

Offenbar gehört es mittlerweile zum normalen politischen Diskurs, aus wirtschaftlichen Motiven heraus globale Machtansprüche zu formulieren und diese Ansprüche auch militärisch zu „verteidigen“ oder besser gesagt durchzusetzen. Was vor neun Jahren noch als Tabubruch wahrgenommen wurde, ist heute Normalität.

Es wäre auch falsch, dies nun auf die Person Kramp-Karrenbauer zu fokussieren. Es ist kaum vorstellbar, dass die CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerin ihre Aussagen nicht zuvor mit der Kanzlerin und sicherlich auch mit ihren internationalen Partnern aus der NATO und den USA abgestimmt hat. Dort wird man diesen Vorstoß sicher mit Freude vernommen haben, fordert Kramp-Karrenbauer – mit Rückendeckung der Kanzlerin – in ihrer Rede doch auch andere Dinge, die vor wenigen Jahren noch ein Tabubruch wären – z.B. will sie Deutschlands Sicherheit künftig auch in der Sahelzone verteidigen und fordert nachdrücklich eine massive Aufrüstung gemäß des 2%-Ziels.

Und die Reaktionen? Die Linkspartei kritisiert die Äußerungen erwartungsgemäß und auch aus den Reihen der Grünen ist dezente Kritik zu vernehmen. Was erstaunlich ist, hatte Grünen-Chef Habeck doch vor kurzer Zeit selbst eine militärische Sicherung der Handelswege für „denkbar“ gehalten Die SPD geht indes auf Tauchstation. Verständlich, denn auch aus ihren Reihen gab es in den letzten Monaten Vorstöße in diese Richtung. Die Medien verteidigen Kramp-Karrenbauer sogar proaktiv gegen die gar nicht vorhandene Kritik. Der Tagesspiegel meint, sie sei „auf dem richtigen Weg“ und die FAZ sekundiert, „Ja, wir müssen uns engagieren“. Und der Rest ist Schweigen. Es ist hoffnungslos.

Titelbild: Germans to the front! – Nach einem Gemälde von Carl Röchling 1855-1920

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Den Planeten zu retten, heißt die herrschenden Eliten zu stürzen

Sonntag, 29.09.2019, 12:38:14 :: Galanado

Dies ist die übersetzte Wiedergabe eines Artikels auf den Nachdenkseiten vom 28. September 2019, der alarmierend und es mehr als wert ist, breit gestreut und auch gelesen zu werden.


Nach der aufsehenerregenden und aufrüttelnden Rede der Klimaaktivistin Greta Thunberg und einer Woche voller Protestzüge und Aktionen, mit denen Menschen weltweit einen effektiven Klima- und Umweltschutz forderten, ruft der renommierte US-Journalist Chris Hedges zu gewaltfreiem zivilen Ungehorsam auf. Demonstrationen alleine bewirkten nichts gegen die rücksichtslose Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen durch die Herrschaft der Konzerne und ihrer Handlanger in der Politik.

Aus dem Englischen von Susanne Hofmann

Der weltweite Schülerstreik vom vergangenen Freitag wird genauso folgenlos bleiben wie die Massenmobilisierung von Frauen nach der Wahl Donald Trumps oder der Protest von Hundertausenden, die gegen den Irak-Krieg auf die Straße gingen. Das heißt nicht, dass es diese Proteste nicht hätte geben sollen. Im Gegenteil. Doch derartige Demonstrationen müssen auf dem Boden der bitteren Realität stehen, dass wir in den Führungsetagen nicht zählen. Lebten wir in einer Demokratie, was wir nicht tun, hätten unsere Hoffnungen, Rechte und Forderungen, insbesondere die Forderung, dass wir dem Klimanotstand entgegentreten müssen, einen Einfluss. Wir wären in der Lage, Repräsentanten an die Regierungsmacht zu wählen, um einen Wandel zu bewirken. Wir wären imstande, Umweltgerechtigkeit von den Gerichten zu verlangen. Wir könnten Ressourcen in die Beseitigung von Kohlendioxidemissionen umleiten.

Wahlen, Lobbyarbeit, Petitionen und Proteste, um die herrschenden Eliten dazu zu bringen, rational auf die Klimakatastrophe zu reagieren, haben sich als genauso ineffektiv erwiesen wie das Flehen der an Skrofulose Erkrankten an Heinrich VIII., sie durch königliche Berührung zu heilen. Die bekannten Taktiken, die Umweltschützer in den letzten Jahrzehnten angewandt haben, waren spektakuläre Misserfolge. Im Jahr 1900 erzeugte das Verbrennen fossiler Brennstoffe – vor allem von Kohle – ungefähr zwei Billionen Tonnen CO2 im Jahr. Diese Zahl hatte sich bis 1950 verdreifacht. Heute wird 20 Mal so viel Kohlendioxid emittiert wie 1900. Während der letzten zehn Jahren schritt die CO2-Zunahme 100 bis 200 Mal schneller voran als weltweit seit dem Übergang von der letzten Eiszeit. Am 11. Mai verzeichnete das Mauna Loa Observatorium in Hawaii 415,26 ppm CO2 in der Luft. Man geht davon aus, dass es sich dabei um die höchste Konzentration seit der Entwicklung des Menschen ist. Wir werden ein neues Paradigma des Widerstandes ergreifen oder zugrunde gehen.

Die herrschenden Eliten und die Konzerne, denen sie dienen, sind die Haupthindernisse eines Wandels. Sie können nicht reformiert werden. Und das heißt: Revolution, also das, was Extinction Rebellion erreichen möchte mit seinem Ruf nach einer „internationalen Rebellion“ am 7. Oktober. An diesem Tag will es die Stadtzentren auf der ganzen Welt mittels anhaltendem zivilen Massenungehorsam stilllegen. Wir müssen die Macht übernehmen. Und nachdem die Eliten ihre Macht nicht freiwillig abgeben werden, werden wir sie uns durch gewaltfreie Aktion nehmen müssen.

Proteste können ein politisches Bewusstsein einleiten. Sie können aber auch lediglich leeres politisches Theater sein. Sie können dazu benutzt werden, unsere moralische Integrität zu feiern –Werbung für uns selbst im Zeitalter der Sozialen Medien. Sie können Schaufenster-Aktivismus sein, bei dem sich Demonstranten durch Polizeibarrikaden leiten lassen und Verhaftungen höflich choreografiert werden, was dazu führt, dass die Demonstranten einige Stunden im Gefängnis sitzen und sich damit als Radikale ausweisen. Sie können dafür benutzt werden, uns von einer abstoßenden politischen Figur wie Donald Trump zu distanzieren, aber unser stilles Einverständnis geben, wenn die gleiche Politik von einem vermeintlichen Progressiven wie Barack Obama betrieben wird. Dies ist ein Spiel, das der Staat gelernt hat, zu seinem Vorteil zu spielen. So lange wir die Maschine nicht stören, so lange wir gemäß ihren Regeln protestieren, werden uns die Eliten in pinken Wollmützen durch die Straßen von Washington marschieren oder einen Tag lang der Schule den Rücken kehren lassen.

Ist die Macht bedroht, so wie es während der lange anhaltenden Proteste im Rahmen der Occupy-Belagerung und im Reservat Standing Rock der Fall war, reagieren die herrschenden Eliten ganz anders. Sie setzen das ganze Gewicht des Überwachungsstaates dafür ein, die Demonstranten zu dämonisieren, ihre Anführer zu verhaften und festzusetzen und Agents provocateurs einzuschleusen, die gewaltsame Angriffe ausführen, um zu rechtfertigen, dass Polizei und Sicherheitskräfte die Proteste abwürgen.

Die präventiven Maßnahmen der Sicherheitskräfte, die geplante Besetzung der Innenstädte durch Extinction Rebellion im Oktober zu behindern und zu vereiteln, welche den Handel beeinträchtigen und Teile von Großstädten zum Erliegen bringen soll, haben bereits begonnen. Roger Hallam, der Mitbegründer von Extinction Rebellion, wurde am 14. September festgenommen und beschuldigt, mit einer Drohne versucht zu haben, den Betrieb am Flughafen Heathrow zu stören. Hallam hat Heathrow als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet – nach Angaben von Klimaaktivisten werden dort 18 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr ausgestoßen, das ist mehr als die Emissionen von 118 Ländern zusammen. Er und andere Aktivisten haben geschworen, die Pläne des Flughafens zum Bau einer dritten Startbahn zu stoppen. Hallams Fall wird am 14. Oktober vor dem Isleworth Crown Court verhandelt. Das bedeutet, dass er erst nach den Protesten vom 7. Oktober freigelassen wird. Darüber hinaus wurden andere Organisatoren von Extinction Rebellion, darunter Andrew Medhurst, in England festgenommen, und die Polizei hat ihre Telefone und Computer beschlagnahmt.

Es spielt keine Rolle, wer das öffentliche Gesicht des konzernregierten Staates ist. Es geht hier nicht um politische Persönlichkeiten. Schließlich war es Obama, unter dessen Ägide die koordinierte nationale Anstrengung unternommen wurde, die Occupy-Lager aufzulösen und die Wasserschützer im Reservat Standing Rock zu belagern. Obamas Umweltpolitik war furchtbar, trotz seines Lippenbekenntnisses, die globale Erderwärmung bremsen zu wollen und trotz seiner Unterstützung des unverbindlichen Pariser Klimaabkommens, das der Klimaforscher James Hansen einen Schwindel nannte. Während Obamas Amtszeit stieg die US-Öl-Förderung Jahr für Jahr und erreichte eine Steigerung von 88 Prozent. Es handelte sich um die größte Steigerung der heimischen Öl-Förderung in der amerikanischen Geschichte. Obama machte amerikanischen Ölfirmen den Weg zur Offshore-Förderung frei, als sei er Sarah Palin. „Die amerikanische Öl-Produktion, das ist vielleicht nicht überall bekannt, ging jedes Jahr meiner Präsidentschaft weiter nach oben“, sagte Obama letztes Jahr einem Publikum auf der Rise University. „Und wissen Sie, dass Amerika plötzlich der größte Ölproduzent ist… das habe ich bewirkt, Leute.“

Die Demokraten wie die Republikaner dienen der Macht der Konzerne. Sie werden die staatlichen Subventionen für die fossile Brennstoff- und Förderindustrie nicht beenden. Sie werden keine CO2-Steuer einführen, damit die fossilen Brennstoffe in der Erde bleiben. Sie werden übermäßigen Konsum nicht begrenzen. Die Technologien, in die sie investieren – Fracking, Hybrid-Autos, genetisch veränderte Lebensmittel – zielen darauf ab, das Konsumniveau zu erhalten oder gar zu erhöhen und nicht zu senken. Sie werden Billionen Dollar und wissenschaftliche und technische Expertise nicht vom Militär und Konzernen abziehen, um sie so einzusetzen, dass sie uns vor der Umweltkatastrophe retten. Die Rhetorik und die Mätzchen, die sie dazu einsetzen, die Öffentlichkeit zu besänftigen – angefangen von CO2-Krediten zu Windturbinen und Solarpanelen –, sind, so der Wissenschaftler James Lovelock, die Entsprechung zu dem Versuch von Ärzten im 18. Jahrhundert, ernste Erkrankungen mithilfe von Schröpfen und Quecksilber zu heilen.

Die Schaffung immer komplexerer bürokratischer und technokratischer Systeme in einem Zeitalter schwindender Ressourcen ist ein Charakteristikum zu Grunde gehender Zivilisationen. Zivilisationen in ihrer Endphase suchen verzweifelt nach neuen Ausbeutungs-Methoden, statt sich an eine sich ändernde Umwelt anzupassen. Sie unterdrücken die unteren Klassen und beuten sie immer rücksichtsloser aus, um die unersättlichen Gelüste der Elite nach Macht, Luxus und Hedonismus zu aufrecht zu erhalten. Je schlimmer die Umstände, desto mehr ziehen sich die Eliten in ihre privaten Enklaven zurück. Je abgehobener die Eliten, desto sicherer die Katastrophe. Dieser selbstzerstörerische Prozess ruiniert das Ökosystem, bis die verhängnisvollen Systeme zusammenbrechen.

Die herrschenden Eliten, die an Business Schools und in Manager-Kursen ausgebildet wurden, sind nicht in der Lage, die existenziellen Probleme zu bewältigen, die durch die Klimakatastrophe verursacht werden. Sie sind dazu ausgebildet, koste es, was es wolle, die Systeme des globalen Kapitalismus aufrechtzuerhalten. Sie sind System-Manager. Ihnen fehlen die intellektuelle Fähigkeit und die Phantasie, nach Lösungen außerhalb des engen Parameters des weltweiten Kapitalismus zu suchen.

Diejenigen, die im globalen Süden leben, leiden und sterben schon an den Auswirkungen der globalen Erderwärmung, für welche vor allem die wohlhabenden industrialisierten Nationen des globalen Nordens verantwortlich sind. Die reichsten 0,54 Prozent oder 42 Millionen Menschen auf der Welt verantworten mehr Emissionen als die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung oder 3,8 Milliarden Menschen. Diese Eliten opfern zunächst die Ärmsten des Planeten, während sie sich die soziale und ökonomische Hierarchie heraufarbeiten, um schließlich uns alle auszulöschen.

Wir müssen unser unerbittlich positives Denken fahren lassen, unsere absurde Manie der Hoffnung, unseren naiven Glauben, dass wir alle Probleme lösen können, wenn wir nur Mumm in den Knochen haben und entschlossen genug sind. Wir müssen der Düsternis vor uns ins Auge blicken. Wir leben in einer Welt, die die globale Erwärmung bereits stark geschädigt hat, und sie wird unweigerlich schlimmer werden. Die Weigerung, sich an der weiteren Zerstörung des Planeten zu beteiligen, bedeutet einen Bruch mit der traditionellen Politik. Es bedeutet, die Zusammenarbeit mit der Autorität aufzukündigen. Es bedeutet, auf jede erdenkliche gewaltfreie Weise, dem Konsum-Kapitalismus, Militarismus und Imperialismus zu trotzen. Es bedeutet, unseren Lebenswandel anzupassen, dazu gehört auch, fortan vegan zu leben, um den Kräften entgegenzuwirken, die auf unsere Auslöschung aus sind. Und es bedeutet Wellen anhaltenden zivilen Ungehorsams, bis die Maschine kaputt ist.

Die Biosphäre, einschließlich dem Amazonas, der Meere und der Polkappen, verschlechtert sich sichtbar. Hitzewellen lähmen Europa, Australien und den amerikanischen Südwesten. Überschwemmungen zerstören den Mittleren Westen der USA. Letzte Woche erlitt der südöstliche Teil von Texas heftige Überflutungen mit Toten, als er vom siebt-regenreichsten tropischen Zyklon der US-Geschichte getroffen wurde, durch den in manchen Regionen innerhalb von drei Tagen mehr als 40 Zoll (mehr als ein Meter) Regen fielen. Monströse Wirbelstürme verwüsten die Karibik und die Küsten der USA. Waldbrände verschlingen die Wälder der Westküste. Doch trotz der greifbaren Anzeichen eines Klimanotstandes, versichern uns die Eliten, dass wir unser Leben wie bisher weiterführen können.

Die mathematischen Modelle für die Zukunft des Planeten zeigen drei verheerende Verläufe: ein Massensterben von vielleicht 70 Prozent der Menschen und daraufhin eine gewisse Stabilisierung; das Aussterben der Menschen und der meisten anderen Arten; eine sofortige und radikale Umgestaltung der menschlichen Gesellschaft, um die Biosphäre zu schützen und sie vielfältiger und produktiver zu machen. Dieses dritte Szenario, von dem die meisten Wissenschaftler einräumen, dass es unwahrscheinlich ist, hängt davon ab, dass die Förderung und der Verbrauch fossiler Brennstoffe eingestellt wird, dass die Massentierhaltung und industrielle Landwirtschaft – deren Anteil an den Treibhausgasen fast so groß ist wie der der fossilen Brennstoffenergie – zerstört werden, indem die Menschen auf eine pflanzenbasierte Ernährung umsteigen, dass die Wüsten begrünt und die Regenwälder wiederhergestellt werden. Wir wissen, was wir tun müssen, wenn unsere Kinder eine Zukunft haben sollen. Die einzige offene Frage ist: Wie können wir Anführer dazu ermächtigen uns zu retten?

Klimaforscher warnen davor, dass wir bald einen Wendepunkt erreichen werden, an dem die Biosphäre so geschädigt ist, dass kein Versuch, das Ökosystem zu retten, den außer Kontrolle geratenen Klimawandel stoppen wird. Diesen Wendepunkt haben wir vielleicht schon erreicht. Der Wendepunkt, glauben viele, ist ein weiterer Anstieg der globalen Temperaturen um zwei Grad Celsius. An diesem Punkt werden sich „Rückkopplungsschleifen“ durch Umweltkatastrophen gegenseitig verschärfen.

Wir brauchen einen neuen Radikalismus. Wir müssen nachhaltig zivilen Ungehorsam betreiben, um die Ausbeutungsmaschinerie zu stören, auch während wir uns auf die unvermeidlichen Verwerfungen und Katastrophen vorbereiten. Wir müssen unseren Lebensstil und unseren Konsum ändern, um unseren persönlichen CO2-Fußabdruck zu verringern. Und wir müssen uns organisieren, um bestehende Machtstrukturen durch solche zu ersetzen, die die vor uns liegende Krise bewältigen können.

Titelbild: Ink Drop/shutterstock.com

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Das Thema Klimawandel ist nicht neu

Donnerstag, 26.09.2019, 13:08:25 :: Galanado

Dies ist die Wiedergabe eines Artikels von Jens Berger auf den Nachdenkseiten vom 25. September 2019, der es mehr als wert ist, breit gestreut und auch gelesen zu werden.


Politik und Medien tun gerne so, als sei das Thema Klimawandel ein neues Thema, das erst von den jungen Aktivisten von Fridays for Future oder gar Greta Thunberg aufs Tableau gehoben wurde. Dabei sind die grundlegenden Erkenntnisse zum menschgemachten Klimawandel älter als alle im Bundestag sitzenden Abgeordneten und selbst die Erkenntnis, dass global auf politischer Ebene eine Reduzierung der Emission von Treibhausgasen eingeleitet werden muss, wurde bereits vor 40 Jahren auf der ersten Weltklimakonferenz formuliert. Niemand kann behaupten, man hätte nichts gewusst.

Von Jens Berger

In privaten Debatten über das Thema „Klimawandel“ stelle ich immer gerne die Frage, wann mein Gegenüber zum ersten Mal etwas von der Erderwärmung durch Treibhausgase, die unter anderem bei der Verbrennung fossiler Energieträger entstehen, gehört haben. Die Antworten sind zumindest im Kontext zur aktuellen Aufgeregtheit erstaunlich. Oft war es der Schulunterricht, oft ältere TV-Dokumentationen wie die Querschnitte-Sendungen des ZDF aus den späten 1970ern und manchmal werden sogar noch ältere Quellen, wie der Bericht des Club of Rome aus dem Jahr 1972, genannt. Ich selbst kam mit dem Thema – zumindest bewusst – das erste Mal intensiver in Berührung, als ich 1992 oder 1993 im Schulunterricht das Buch „Wege zum Gleichgewicht“ von Al Gore vorstellen durfte. Und allerspätestens seit der Klimakonferenz von Kyoto im Jahre 1997 sollten die konkreten Zusammenhänge, die heute als akut und oft gar als neu dargestellt werden, als allgemein bekannt vorausgesetzt werden. Das ist nun aber auch schon mehr als zwanzig Jahre her. Greta Thunberg war noch nicht einmal geboren.

Was auf internationaler und nationaler Ebene folgte, war eine große Ankündigungspolitik von Zielen, die allesamt verfehlt wurden. Der Telepolis-Autor Wolfgang Pomrehn hatte dazu 2007 einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben. Und selbst dieser Artikel ist nun schon zwölf Jahre alt und auch seitdem hat sich nichts zum Besseren verändert Im Gegenteil – der Klimagipfel vom letzten Freitag ist sogar ein Eingeständnis, dass man die selbst in internationalen Verträgen zugesagten Ziele gar nicht mehr einhalten will.

Mehr noch – die Vorschläge, die schon vor 40 Jahren diskutiert wurden, wie eine Einführung des Tempolimits, eine schrittweise Abkehr vom Verbrauch fossiler Energieträger, die Transformation unserer Wirtschaft in eine Kreislaufwirtschaft oder die Energiewende, werden heute, 40 Jahre später, immer noch größtenteils als neue Themen aufgefasst, über die man erst einmal gründlich nachdenken sollte. Nur nichts übereilen. Man muss die Menschen und die Wirtschaft mitnehmen. Kein Wunder, dass den Jugendlichen von heute der Geduldsfaden gerissen ist.

Die NachDenkSeiten haben versucht, eine – sicher nicht vollständige – kurze historische Übersicht zu einigen Eckpunkten der Klimaforschung und der gesellschaftlichen und politischen Debatte aufzuzeichnen, die sich bereits vor der dritten Weltklimakonferenz in Kyoto abgespielt haben; also in einer Zeit, in der ein Umsteuern noch relativ problemlos möglich gewesen wäre und die meisten Aktivisten von Fridays for Future noch gar nicht geboren waren.

1896

Der schwedische Physiker und Chemiker und spätere Nobelpreisträger Svante Arrhenius sagt als erster Forscher eine globale Erwärmung aufgrund der menschgemachten Kohlendioxidemissionen durch Verbrennung fossiler Energieträger voraus. Damals sah man diese Entwicklung übrigens positiv und versprach sich davon bessere Ernten.

1938

Der Brite Guy Stewart Callendar wertet die Temperaturdaten der letzten 50 Jahre aus und entwirft als erster Forscher ein sehr grobes lineares Klimamodell, das die globale Erwärmung auf Basis des Kohlendioxidausstoßes prognostizierte. Die von Callendar für das Jahr 2100 prognostizierte CO2-Konzentration von 396ppm wurde übrigens bereits 2013 erreicht.

1956

Der kanadische Physiker Gilbert Plass setzt erstmals Computer zur Berechnung der globalen Erwärmung ein. Er prognostiziert einen Temperaturanstieg von 3,6 °C bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration.

1957

David Keeling nimmt auf dem Mauna Loa auf Hawaii das erste wissenschaftlich präzise Observatorium zur dauerhaften Messung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre in Betrieb. Die Messreihe belegt eindrucksvoll bis heute den Anstieg durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe.

1961

SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt fordert „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“ und markiert damit den Beginn der umweltpolitischen Debatte in Deutschland.

1965

Ein von US-Präsident Lyndon B. Johnson eingesetztes Expertengremium bestätigt den Effekt der Klimaerwärmung durch die Verbrennung fossiler Energieträger.

1968

Forscher des „American Petroleum Institute“ sagen aufgrund der Verbrennung fossiler Energieträger für das Jahr 2000 eine Erhöhung der CO2-Konzentration auf 400ppm voraus und warnen vor signifikanten Temperatursteigerungen, schmelzenden Polkappen und einer Erhöhung des Meeresspiegels. Das Papier landet im Giftschrank der Erdöllobby.

1971

Der Parteitag der SPD verabschiedet, dass umweltfeindliche Produkte stärker besteuert werden.

1972

In Stockholm findet die Weltumweltkonferenz UNCHE statt, die als weltweit erste globale Konferenz der Vereinten Nationen zum Thema Umwelt gilt. Im Abschlussbericht wird u.a. ein weltweites Monitoring des Einflusses der Umweltverschmutzung auf das Klima empfohlen. Chronisten zufolge [1] hat die Delegation der Bundesregierung, die damals von Ehrhard Eppler angeführt wurde, bei der Konferenz eine progressive Rolle eingenommen.

Im ersten Bericht des Club of Rome wird der menschgemachte Treibhauseffekt als Ursache für die globale Erwärmung diskutiert.

Der sowjetische Klimaforscher Mikhail Budyko berechnet, dass ein 50%-Anstieg der atmosphärischen CO2-Konzentration durch die Nutzung fossiler Energieträger in „wahrscheinlich nicht mehr als einhundert Jahren“ zu einem vollständigen Abschmelzen der Polkappen führen würde.

Die SPD startet eine Kampagne mit Motiven von Tomi Ungerer, um auf die Umweltverschmutzung durch Lärm und Abgase und die Belastungen durch den Verkehr aufmerksam zu machen.

1977

US-Präsident Jimmy Carter gibt eine Studie in Auftrag, die die grundlegenden Entwicklungen der Umweltbedingungen und ihre Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit bis zum Jahr 2000 bestimmen soll. Später wird „Global 2000“ veröffentlicht und verkauft sich weltweit 1,5 Millionen Mal. Auch das Thema Klimaerwärmung durch menschgemachte Emissionen wird in der Studie behandelt.

1978

Der Wissenschaftler und Fernsehmoderator Hoimar von Ditfurth erläutert in seiner zusammen mit Volker Arzt produzierten zweiteiligen TV-Dokumentation „Der Ast auf dem wir sitzen“ sehr anschaulich die Ursachen des menschgemachten Klimawandels und greift dabei zahlreiche Themen auf, die auch heute die Klimadebatte bestimmen (CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre, CO2-Ausstoß, CO2-Speicher, Regenwaldrodung). Die Dokumentation, die im Rahmen der ZDF-Reihe „Querschnitte“ ausgestrahlt wurde, finden Sie auch auf YouTube (Teil 1, Teil 2) .

1979

Auf Initiative von Klimaforschern, wie dem Deutschen Hermann Flohn, wird in Genf die Erste Weltklimakonferenz abgehalten. Beschlossen wird die Schaffung eines Klimaprogramms zur Untersuchung und zum Austausch der Klimadaten und zur gemeinsamen Arbeit an besseren Klimamodellen. Der neun Jahre später gegründete Weltklimarat IPPC geht aus dieser Initiative hervor.

Der SPIEGEL notiert: „Daß der Treibhaus-Effekt die Erde, zumindest theoretisch, dereinst bedrohen könnte, mochte die Mehrheit der in Genf versammelten Wissenschaftler nicht mehr ausschließen. Differenzen gab es nur über das Ausmaß der Gefahr. (…) Fast einmütig aber empfahlen die Forscher, den Verbrauch fossiler Brennstoffe drastisch einzuschränken und die irdischen Waidreserven nicht noch weiter abzuholzen.“ 

Ein weiterer Expertenbericht der US-Regierung beziffert den Temperaturanstieg bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration auf 2°C bis 4°C und warnt einmal mehr vor der Folgen.

Zeitgleich startet das „American Petroleum Institute“ (siehe 1968) eine weitere groß angelegte Forschungsreihe, die die negativen Auswirkungen der Nutzung fossiler Energieträger zweifelsfrei belegt und auch quantifiziert. Auch diese Studien landen jedoch im Giftschrank der Ölkonzerne, die zehn Jahre später massiv in die Debatte eingreifen, indem sie sogenannte „Skeptiker“ finanzieren, die bis heute die Debatte torpedieren. Ans Licht kamen diese und vergleichbare unter Verschluss gehaltene Studien der Ölkonzerne erst 2015 im Rahmen einer für den Pulitzer-Preis nominierten Recherche der Internetseite InsideClimate News.

1980

Die Nord-Süd-Kommission unter dem Vorsitz von Willy Brandt empfiehlt in ihrem Abschlussbericht die Stärkung regenerativer Energien und die Abkehr von der Nutzung fossiler Energieträger und die Fokussierung auf die Nachhaltigkeit bei der globalen Entwicklungspolitik.

1985

Der Meeresforscher Veerabhadran Ramanathan erweitert die Debatte, indem er in einer Studie 30 Spurengase identifiziert, die als Treibhausgase wirken und zusammengenommen dasselbe Treibhauspotential wie Kohlendioxid haben.

Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) veranstaltet gemeinsam mit dem Umweltprogramm (UNEP) und dem Internationalen Wissenschaftsrat (ICSU) eine Klimakonferenz in Villach. In der Abschlusserklärung heißt es, dass „in der ersten Hälfte des nächsten Jahrhunderts mit einer Erderwärmung zu rechnen sei, die größer ist als je zuvor in der Geschichte der Menschheit“.

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft warnt vor einer „drohenden Klimakatastrophe“ und fordert die Politik auf, Maßnahmen zu ergreifen, dass die Erwärmung unterhalb von 1°C bleibt. Aktuelle Messungen der NASA besagen, dass die Erwärmung 2018 bereits 0,83°C beträgt. Die Basis ist übrigens das Mittel von 1951 bis 1980.

1986

In einer Studie beziffern die Klimaforscher Dickinson und Cicerone die Klimaerwärmung durch Treibhausgase in den kommenden 65 Jahren auf mindestens 1°C und möglicherweise sogar mehr als 5°C.

Der SPIEGEL titelt „Das Weltklima gerät aus den Fugen“ und gibt einen Überblick über den Stand der Forschung.

1987

In seinem Buch „Die gespeicherte Sonne“ entwirft der SPD-Politiker Hermann Scheer einen umfassenden Plan zur Substitution fossiler Energieträger durch regenerative Energien.

In einem Interview mit dem SPIEGEL warnt der Klimaforscher Hartmut Graßl vor den Folgen der globalen Klimaerwärmung und fordert die Politik zum sofortigen Handeln auf.

1988

„Es ist zwingend geboten, unverzüglich zu handeln“ – so endet das Schlussprotokoll der Weltklimakonferenz von Toronto. Empfohlen wird eine Reduktion der Treibhausgase bis 2005 um 20% und später auf 50%.

Im SPIEGEL mahnt der Atmosphärenforscher Paul Josef Crutzen die Politik, schnell zu handeln. Der Klimawissenschaftler Wilfrid Bach nennt konkrete Forderungen an die Politik – keine dieser Forderungen wurde ernsthaft umgesetzt.

1989

In seiner kurz vor seinem Tod erschienenen Autobiografie „Innenansichten eines Artgenossen“ widmet Hoimar von Ditfurth dem Thema „Klimawandel“ gleich mehrere Seiten und stellt die Reduktion der Treibhausgase als eine der wichtigsten Menschheitsaufgaben dar.

1990

Beim G7-Gipfel in Paris steht erstmals auch die „drohende Klimakatastrophe“ auf der Agenda.

1992

Mit der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen wird auf dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro das erste völkerrechtliche Abkommen verabschiedet, das sich zum Ziel gesetzt hat, die menschgemachte Störung des Klimasystems zu verhindern und die globale Erwärmung zu verlangsamen. Auf der Konferenz hält auch die damals 12jährige kanadische Klimaaktivistin Severn Suzuki eine engagierte Rede. Heute bedauert sie, dass die Politiker nichts aus ihrer Rede gelernt haben.

In seinem Buch „Wege zum Gleichgewicht“ widmet sich der spätere US-Vizepräsident Al Gore ausführlich dem Treibhauseffekt und der Klimaerwärmung und bringt das Thema damit einer breiten Masse nahe.

Zum ersten Mal taucht der Begriff „Klimapolitik“ im gedruckten SPIEGEL auf.

1995

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung befürwortet die Einrichtung eines Zwei-Grad-Ziels, da man befürchtet, dass bei einer höheren Erwärmung sogenannte Kipppunkte erreicht werden, die unumkehrbare und in ihren Konsequenzen kaum einschätzbare negative Folgen nach sich ziehen.

Auf der ersten Weltklimakonferenz (COP1) in Bonn einigen sich die Staaten auf die Erstellung eines gemeinsamen Protokolls zur Verringerung der Treibgasemissionen.

1997

Auf der dritten Weltklimakonferenz (COP3) in Kyoto wird erstmals ein verbindliches Ziel für die Emissionshöchstmengen der Industrieländer formuliert. Nach langwierigen Verhandlungen und zahlreichen weiteren Weltklimakonferenzen trat das Kyoto-Protokoll jedoch erst 2005 in Kraft. Außer den USA, Kanada, Süd-Sudan und Andorra haben alle UN-Mitglieder das Abkommen ratifiziert.


[«1] Kai F. Hünemörder: Die Frühgeschichte der globalen Umweltkrise und die Formierung der deutschen Umweltpolitik (1950–1973). Franz Steiner Verlag, 2004, ISBN 3-515-08188-7.

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SCHEISS AUF DAS KLIMA …

Montag, 23.09.2019, 17:01:02 :: Galanado

Ein Beitrag von Christoph Sieber auf Facebook am 23.09.2017

…so könnte man die Maßnahmen des Klimapaketes zusammenfassen. Um dann genauer zu werden: Scheiß auf das Klima – so lange mit solchen Maßnahmen wenigstens die Große Koalition gerettet werden kann. Mal wieder.

Und die Frage, die sich stellt: Kommen sie damit durch? Kommen sie tatsächlich damit durch, mit einem Füllhorn an blutleeren Maßnahmen den Aktivisten von „Fridays for Future“ Sand in die Augen zu streuen? Kommen sie mit ein paar erbärmlichen Ankündigungen durch, mit denen niemandem geholfen ist?

Wir werden die Ziele des Pariser Abkommens meilenweit verfehlen. Punkt.

Die große Koalition hat erneut bewiesen, dass sie den Ernst der Lage nicht verstanden hat. Und sie hat erneut gezeigt, dass sie nicht willens oder in der Lage ist Zukunft zu gestalten.

Mit ein paar korrigierenden Globuli ist die Erderwärmung aber nicht zu kurieren.

Wir müssen jetzt die Systemfrage stellen. In einem System des „immer mehr“ ist das Klima nicht zu retten. Der Erfolg des Kapitalismus beruht auf der Ausbeutung von Mensch und Natur.

Wir müssen erkennen: Die Party ist vorbei. Klar, der DJ spielt noch. Aber so war es auf der Titanic ja auch.

Wenn die Bundesregierung ehrlich wäre, hätte sie gar kein Klimapaket geschnürt, sondern ganz offen gesagt: Wir wollen so weitermachen wie bisher. Wir als Regierung und ihr als Bevölkerung. Die paar warmen, trockenen Sommer – wird schon. Wir schaffen das. Und die Klimaflüchtlinge lassen wir im Mittelmeer ersaufen.

Und dann werden wir uns fragen müssen: Was werden wir den Enkeln mal sagen: Mehr war nicht drin? Paar Fahrverbote für Diesel in den Innenstädten, paar Cent mehr fürs Fliegen und überall neue Ölheizungen???? Echt jetzt? Mehr war nicht möglich?

Wenn wir wollen, dass unsere Kinder und Enkel eine Zukunft haben, dann braucht es jetzt Widerstand.

Und um es noch mal zu betonen: Jetzt! Und nicht erst 2028, 2032 oder 2050.

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* Rund Europa 2019 (5), 11. Tag: Kamera Vourla – Rafina

Freitag, 13.09.2019, 22:54:10 :: Nea Makri, Mati Hotel

Beim Frühstück fragen wir die Besitzerin Maria, wo und wie lange sie in Deutschland war, da sie sehr gut Deutsch spricht. Nur einmal zu Besuch, meint sie verschmitzt, sie habe lange in der Schweiz (St. Moritz) in Hotelbetrieben gearbeitet, jetzt habe sie seit diesem Jahr dieses Hotel übernommen und hoffe, dass auch im Winter Gäste kommen. Wenn es nicht laufe, gingen sie und ihr Mann/Partner zurück in die Schweiz.

Und nun das Wetter

Seit gestern Abend ist es bewölkt. Wir fahren bei leichtem Regen los, in der Ferne hören wir Donner.

Starker Regen kommt dann unterwegs, wir halten in einer Autobahnparkbucht, weil der Wischer natürlich ausfällt; das kennen wir seit Jahren. Später wird’s dann wieder schön, je weiter wir nach Süden kommen.

Daher also doch der Abstecher nach Euböa. Ich will über die weltweit schmalste Meerenge fahren, vierzig Meter sind es nur.

Kurzer Besuch auf Euböa

Die Anfahrt hinunter ans Meer nach Chalkis ist das spektakulärste, die Brücke hinüber auf die Insel fast unsichtbar, der Verkehr sehr dicht, Parkplätze Mangelware. Aber wir finden einen für 3 €. Den Stadtrundgang schenken wir uns für diesmal – wegen Hitze.

Von den elf ursprünglichen Moscheen ist nur die Emir Zade-Moschee erhalten geblieben – und das ohne Minarett. Sie erweckt unsere besondere Neugier, denn sie ist auf der Tafel für den Stadtrundgang nicht zu finden … Wie finde ich das denn?

The Chalkis mosque belongs to the architectural style of single-domed mosques, as do most of the mosques within Greek lands and the Balkans.

medievalroutes.gr

Opposite, is the impressive fountain of Khalil, from the same period. It is one of the nineteen public fountains that were built during the Ottoman period, and are also mentioned by Evliya Çelebi. The fountain, decorated in elaborate Arabic style reliefs, also has inscriptions.

medievalroutes.gr

Gut, die beworbenen Loukomades vorne an der Ecke finden auch unser Interesse, aber wir hatten schon bessere.

Dann eine lange Irrfahrt durch fast nur Einbahnstrassen nach Süden zur zweiten Brücke, die uns wieder ans Festland bringt; ein irrer Verkehr.

Mehr wollte ich zunächst mal nicht, einfach der erste Eindruck war wichtig und ausreichend.

Wir verlassen die Autobahn schnell wieder und wählen den Weg über Marathon. Wir sind mal wieder erstaunt wie bergig es hier ist, …

… passieren eine der Schluchten über eine putzig-schmale Brücke inmitten schöner Gebirgszüge.

Aber nachdem die Sage vom Marathonläufer ja eine erfundene Geschichte zu sein scheint, erwarten wir vom Ort nicht mehr; gut, ein »Marathon-Museum« wird ausgewiesen, aber wir belassen es bei der Kenntnisnahme.

So krönen wir den 13. September

Unterwegs unke ich schon wegen des starken Windes, dass wohl keine Fähre gehen wird. Und so ist es, als wir Rafina erreichen.

Es ist ja schliesslich Freitag, der 13.

Neun Beaufort und keine Fähre, wie es zu erwarten war. Frühestens Montag wohl, meinen sie am Ticketschalter.

Wir suchen also ein Hotelzimmer, aber auch das war nun zu erwarten: Alles belegt beziehungsweise möchte das »Avra Hotel« 120 Euronen sehen, ohne Frühstück versteht sich und ohne Kurtaxe.

Wir fahren zurück Richtung Marathon und klappern alles ab: belegt, belegt, ausgebucht. Im Mati Hotel dann nach einigem Würgen und Umbuchen: Ein Zimmer im 5. Stock ist frei für 2 Nächte, 90 € + 3 € Kurtaxe, inkl. Frühstück. Was macht man als herrenloser Hund? Man akzeptiert und wir ziehen ein. Der Aufzug in den 5. Stock ist hilfreich.

Das Hotel steht in der Gegend, wo letztes Jahr die heftigen Brände die Menschen ins Meer getrieben haben und über 100 Tote zu beklagen waren. Vor wenigen Tagen brannte es hier wieder. Die Dame am Empfang spricht sehr gut Deutsch und meint dazu, sie seien sehr froh, dass sie noch leben.

Wir also oben im 5. Stock, Blick vom Balkon direkt nach Nord beziehungsweise NNO, woher auch der Wind bläst; heulender Wind aber die Balkontüre bleibt offen, er ist eher warm und bleibt im Wesentlichen draussen.

Nachtrag Samstag, 14.09.2019, 23:12:32 :: Mittlerweile ist es sehr wahrscheinlich, dass auch am Sonntag keine Fähre nach Naxos die Häfen hier verlassen wird. Zum Glück können wir eine Nacht nachbuchen. Das ist nicht selbstverständlich, den ganzen Tag quoll die Eingangshalle förmlich über vor gestrandeten Touristen und ganzen Gruppen.

Links:

Über die verheerenden Brände 2018 und 2019:

Google-Fotos

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* Rund Europa 2019 (5), 5. Tag: Nova Zagora – Orestiada/Neos Pyrgos

Samstag, 08.09.2019, Samstag, 17:45:38 :: Neos Pirgos, Hotel Estia
Montag, 09.09.2019, 21:21:21 :: Fanari

Vorübergehend … ohne Fotos, da das Internet nach Süden zusehends schlechter wird. Sie sind unten in Google Fotos und irgendwann auch hier im Text.

Es ist ganz sicher Zufall, dass wir schon wieder in einem Hotel mit dem Namen der Herdbeschützerin Hestia gelandet sind (im Griechischen Ἑστία), zuletzt in Călăraşi in Rumänien, nicht in Moldawien.

von der Visitenkarte

Links:

Nach einem spärliches Frühstück am Straßenrand fahren wir los nach Swilengrad ging flott, da fast durchgehend sehr gute Straßen. Bergig, sehr ruhige waldige Landschaft. Teils stepping mit wenig Bäumen.

Die Dörfer sind in einem sehr traurigem Zustand, viele Häuser verlassen, verfallen, keine Farbe, verwahrlost.

Die Mustafa Pasha Brücke

Die osmanische Mustafa-Pascha-Brücke von 1529 ist zufällig die grosse Überraschung des Tages, ehe wir auf der Autobrücke über die Maritsa nach Griechenland entschwinden: In 21 majestätischen Bögen überspannt sie die aufgestauten Maritsa und erinnert mich sogleich an die Drina-Brücke in Višegrad, die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke, die durch Ivo Andrićs Weltklassiker Die Brücke über die Drina auch literarisch berühmt wurde. Allerdings ist die Drinabrücke deutlich kürzer und hat nur 11 Bogen (gegenüber 21 der in Svilengrad):

The Old Bridge in the southern Bulgarian town of Svilengrad is a 16th century arch bridge over the Maritsa River. It is 295-meters long, 6 meters wide, and has 21 arches. It was built in 1529 AD as the first major work of the most famous Ottoman architect Mimar Sinan. It was part of a medieval Ottoman waqf complex (a property given to a religious establishment for charity purposes, which existed near the bridge). It included a caravanserai (inn), a mosque, a bazaar (market), and a hammam (Turkish bath). The only of these structures to survive to this day is the Turkish bath which has been renovated and turned into an art gallery. It is around this complex that the town of Svilengrad developed. Some historical sources allege that the Ottoman complex near the bridge was built at the initiative of legendary Roxelana (1502-1558), the favorite wife of Ottoman Turkish Sultan Suleiman I the Magnificent (r. 1520-1566 AD), an ethnic Ukrainian.

During the period of the Ottoman Yoke, i.e. when Bulgaria was part of the Ottoman Empire (1396-1878/1912), Svilengrad’s Old Bridge was known as Mustafa Pasha Bridge because its construction was ordered by Coban Mustafa Pasha, an Ottoman statesman and vizier. A flood destroyed some of the arches in 1766, and they were rebuilt in 1809. The Ottoman army unsuccessfully tried to destroy the Old Bridge as it was fleeing the Bulgarian advance after the Battle of Lule Burgas during the First Balkan War in November 1912.

The Old Bridge in Bulgaria’s Svilengrad is comparable to the Mehmed Pasa Sokolovic Bridge on the Drina River in Visegrad, Republika Srpska, Bosnia and Herzegovina, which, too, was built by Ottoman architect Mimar Sinan but much later in his career – in 1577 AD. However, Visegrad’s Mehmed Pasa Sokolovic Bridge is much shorter: it is 179 meters long, and has 11 arches. The other major difference between the two bridges of the legendary Ottoman architect is that the bridge in Bosnia was proclaimed a UNESCO World Heritage Site in 2007, while the bridge in Bulgaria lacks that status.

Archaeology in Bulgaria: The old bridge of Svilengrad

Sowas lockt mich doch immer: Warum nun die Drina-Brücke UNESCO-Welterbe-Status geniesst und diese hier nicht …

Die gleiche Bauweise, derselbe Architekt und ein sehr ähnliche Widmung an den »Bauherren« unterstreichen das noch:

Siehe Mehmed Pascha, der größte unter
den Weisen und Großen seiner Zeit,
erfüllte das Gelöbnis seines Herzens,
und mit seiner Fürsorge und seinem Eifer
erbaute er eine Brücke über den Drinafluss.
Über diesem Wasser, tief und schnellen Laufes,
konnten seine Vorgänger nichts erbauen.
Ich erhoffe von der Gnade Gottes,
dass ihm dieser Bau fest sein möge,
dass ihm sein Leben im Glück verlaufe
und er niemals Trauer erfahre.
Denn zeit seines Lebens hat er Gold und
Silber für Stiftungen gespendet;
und niemand kann sagen,
dass ein Vermögen vergeudet,
das für solche Zwecke verwendet wurde.
Badi, der dies gesehen, sprach,
als der Bau vollendet, folgende Widmung:
Gott segne diesen Bau,
diese wunderbare und herrliche Brücke!

Wikipedia

Und hier die Widmung in Swilengrad:

An der Grenze nach Griechenland ging alles sehr zügig. In der Raststätte der ersten Tankstelle dann der erste Griechische Metrio! Wir haben es also fast geschafft, das Senfle hat nicht schlapp gemacht, ausser einem von mir selbst beim Zurücksetzten zertrümmerten Rücklicht ist bisher nichts passiert. Möge es den Rest der Strecke so bleiben.

Auf der autobahnähnlichen Schnellstrasse geht es weiter, vorbei an Kastanies, dem Grenzort zur Türkei, wo wir einst im Garten der türkischen Zollstation zum Tee gebeten wurden.

Orestiada

Der nächste grosse Ort und unser heutiges Ziel ist dann Orestiada, eine Neugründung, wo wir zufällig neben der Polizeizentrale parken: Alles voller hin und her eilender Polizisten, Polizeiautos überall – kurz: Polizei in Hülle und Fülle: Man merkt deutlich, wo wir sind.

Die Stadt wurde 1923 von den griechischen Vertriebenen aus der Gegend des mittlerweile türkisch gewordenen, knapp 20 km nordöstlich gelegenen Edirne (= Adrianoupolis = Orestiada) neu gegründet, daher die exakte schachbrettartige Anlage:

Links:

History of Orestiada

According to the legend, Orestes, in order to escape from the Erinyes (Furies) at the suggestion of the Oracle of Delphi, he headed to the area of ​​Adrianoupolis and the confluence of three rivers: Evros, Ardas and Tontzou. He was bathed and healed of the sin that was haunting him. At this point, he built the city and gave it his name: Orestiada. Slowly Orestiada grew and for several centuries it was the center of Thrace, as it was the seat of the most important Thracian Kings.

In 127 BC the Emperor Hadrian of Rome visited Orestiada, and after he embellished and fortified it, he renamed it Adrianoupolis. This name has been established since then and kept until nowadays even by the Turks, even somewhat altered (Edirne).

In 1361, Adrianoupolis was conquered by the Ottomans and became their first capital city in Europe. In 1920 after the World War I, Adrianoupolis was given to the Greeks after five and a half centuries. The release, however, only lasted 2 and a half years. After the Asia Minor catastrophe and the Treaty of Lausanne, Greeks abandonned definitively Karagatz and Adrianoupolis.

Historisches über Oristiada (English)

Die gefundenen Hotels sind beide belegt. Ich finde dann während des Mittagessens in einem der zahlreichen Restaurants (wir sind wieder in Griechenland, was für ein Unterschied zu den Tagen zuvor in Moldawien bis Bulgarien) im Internet das Hotel Estia in Neos Pirgos, im Ort gleich nebenan, gar mit Schwimmbad. Telefonisch reserviert finden wir wenig später diese total typisch griechische, relativ grosse aber familiäre und fast leere Anlage mit endlich wieder wirklich freundlichen Gastwirtsleuten. Die wirtschaftliche Lage in den vorigen drei Ländern schlägt stark aufs Gemüt, was Wunder. Häufig trafen wir dort auf dezimierte Gesichter und lustlose Menschen. Was doch ein paar Kilometer Landstrasse ausmachen!

Russe war da allerdings die hervorstechende Ausnahme.

Da sitzen wir dann am Abend unten im Aufenthaltsraum, freundliche Wirtsleute, einer spricht perfekt Deutsch, ein fusskranker Hund, nach einem Unfall auf der Strasse gefunden und nach Hause mitgenommen, bettelt um Streicheleinheiten und im TV ist Eröffnung der Industriemesse in Thessaloniki mit langatmiger kirchlicher Messe und einem ewig dümmlich-freundlich grinsenden Mitsotakis samt erblondeter Ehefrau; alles schwitzt und fächelt. Der Patriarch kann kaum durchhalten, mit brechender Stimme zelebriert er seinen Teil der Liturgie, selbst ein Chor mit Stimmenpotenzial fehlt nicht und rettet über kritische Momente hinweg.

Google Fotos

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* Rund Europa 2019 (5), 3. Tag: Călăraşi (RO) – Russe (BG)

Donnerstag, 05.09.2019, 17:35:15 :: Russe, City Art Hotel
Mittwoch, 23.10.2019, 22:00:28 :: Galanado

Beim Frühstück in unserem Nobelhotel in Călăraşi sitzen wir wie gewohnt alleine. Und wir verlassen es bei sattem Regen, der Tag fängt also erst mal nicht gut an.

Die Stadt ist eine grosse Baustelle, die Kanalisation wird hier wohl eingeführt oder grunderneuert. Und so fahren wir auch urplötzlich über Geröllfelder. Überraschend sind eben immer wieder die Gegensätze, oft auf wenige hundert Meter kommt man vom Dorf in die Hochhaussiedlung, vom k.u.k.-Kietz in moderne Stadtanlagen.

Die Strecke ist subjektiv betrachtet ein einziges Dorf, ständig unterteilt in Abschnitte unterschiedlichen Namens aber gleichen Aussehens, selbst die Kirchen gleichen sich oft wie die berühmten Eier.

Wir fahren immer so 5–10 km nördlich der Donau, zwischen ihr und uns Felder, wenig Wege; dichter heran zu fahren ist wohl nicht möglich, ausser man riskiert mit hoher Wahrscheinlichkeit, zurück fahren zu müssen. Es ist eben Schwemmland, zuweilen durchzogen von Gräben, Kanälen unterschiedlicher Breite und Seen. Also bleiben wir hübsch auf der einzigen Strasse, die nach Westen führt und erahnen den Fluss dort, wo hohe Pappelreihen ihn vermuten lassen.

Der Blick in die Seitenstrassen zeigt uns immer wieder, wie gebrechlich die Infrastruktur ist: Die Hauptstrassen waren früher schlecht bis leidlich, heutzutage sind sie aber in aller Regel gut, Querwege oder Wege in der zweiten Reihe hingegen deprimierend.

Wenn neu (an-)gebaut wird, dann wohl ausschliesslich mit diesen Steinen, die überall gestapelt herumliegen. Ansonsten merkt man, dass der Winter naht.

Und dann werden wir auf halber Strecke mit dem Wetter doch noch glücklich und die Landschaft beginnt zu strahlen und auch die Radfahrer können aufatmen.

So erreichen wir als ersten grösseren Haltepunkt Giurgiu am Nordufer der Donau.

Giurgiu

Erst hier in Giurgiu sehen wir die Donau wieder. Zunächst aber finden wir dort unverhofft die Taverna La Grecu und essen dort zu Mittag. Die Chefin ist Griechin, der junge Mann, der uns bedient, hingegen Rumäne. Mein Kaliméra geht demzufolge voll daneben beziehungsweise ins Leere, was sein fragender Blick peinlich zum Ausdruck bringt.

Giurgiu war bis zum Beginn des 2. Weltkriegs Haltepunkt für den Orientexpress, in den Jahren davor sogar Endstation auf der ältesten Strecke des Zuges. Man musste den Zug verlassen, mit der Fähre nach Russe übersetzen und von dort aus die Bahn nach Warna nehmen. Von dort ging es dann weiter auf dem Schwarzen Meer nach Konstantinopel. Die Freundschaftsbrücke, über die wir nachher komfortabler ans andere Donauufer nach Russe gelangen werden, existiert nämlich erst seit 1954.

Die Geschichte des Orientexpress‘ ist spannend, wie die Karte unten zeigt. Es lohnt sich, ein wenig lesend beziehungsweise schauend zu verweilen in Agatha Christies Krimi Mord im Orientexpress: Ein Fall für Poirot, den es auch in einer hervorragenden Verfilmung gibt …


Quelle: Wikipedia

Bei der Fahrt zur und über die Freundschaftsbrücke wird am Rumänischen Zoll zunächst offenbar, dass wir in Rumänien ein Vignette für alle Straßen hätten kaufen müssen. Die Strafe beträgt eigentlich 150 €, was natürlich heftig ist. Ein junger Beamter, immer freundlich, macht einen deal: 50 € und wir dürfen passieren, nicht ohne den Hinweis, dass für Bulgarien ebenfalls eine Vignette erforderlich ist; was wir aber von früher wissen.

Russe

Warum ich Russe besuchen wollte muss ich erklären. Karl-Markus Gauß‘ Bücher sind mir sehr wertvoll, wenn es um die Geschichte Osteuropas und die dortigen Minderheiten geht.

Aus einem Interview des Standard mit Karl-Markus Gauss

STANDARD: Die Literatur, Ihre, reagiert auf diese unterschiedlichen Sichtweisen. Der slowenische Autor Drago Jancar hat einmal geschrieben, er kenne keinen zweiten Autor, der die „reale und die imaginäre Grenze zwischen dem Osten und Westen Europas so leicht überwindet“ wie Sie. Wie gelingt Ihnen das?

Gauß: Sofern es mir überhaupt gelingt, dann dadurch, dass ich mir mein Europa reisend in Büchern und in Ländern, also in der Imagination und in der Wirklichkeit, zu erkunden versuche. Ich bin an der Geschichte mit ihren Widersprüchen, aber auch am Augenschein, an der unmittelbar wahrzunehmenden Welt interessiert. Und es reizt mich nur dann zu schreiben, wenn ich mich zu einer Region und ihren Menschen, gleich wo, in eine persönliche Beziehung setzen kann. Ich finde, wenn ich es so sagen darf, dass die Welt überall ziemlich originell ist. Übrigens auch in Estland, aber sicher nicht deswegen, weil dort die Digitalisierung des Alltags am weitesten in ganz Europa fortgeschritten ist.

Meine geistige Gegenwart reicht vielleicht zehn, zwanzig Jahre voraus, aber 200, 300 Jahre zurück. Ausgerechnet in einer Zeit, in der wir technologisch den größten Zugriff auf Informationen über die ganze Welt haben, hat uns ja die globale Amnesie ergriffen. Gegen sie beharre ich starrsinnig auf der Bedeutung von Wissen und historischer Bildung. Ich bin kein Vordenker. Vielleicht manchmal ein Nachdenker. Vor allem aber bin ich ein Liebhaber der Welt, und wer ein Buch von mir liest, soll das ruhig merken. (INTERVIEW: Gerhard Zeillinger, 1.7.2017)

Karl-Markus Gauß: „Europäer wissen wenig von Europa“

 

Als ich Anfang 2017 20 Leva oder tot – Vier Reisen las, stiess ich u.a. auf die Städte Widin und Russe an der Donau. Danach war klar: Diese Städte will ich besuchen. Nun, heute also sind wir hier in Russe; mehr ist dieses Jahr nicht mehr drin.

Der Orientexpress und Europa

Dass in Russe, anders als auf der anderen Donauseite in Giurgiu, der Begriff »Europa« nochmals eine eigene Bedeutung hatte (und offenbar noch hat), zeigt ein Zitat:

Elias Canetti, der seine ersten fünf Jahre in Russe verbrachte, schrieb in seinen im Alter verfassten Erinnerungsbüchern, die ihm jenen Ruhm einbrachten, den er für sein Frühwerk verdiente, ebendies: dass die Leute, wenn einer Russe verließ und die Donau aufwärts fuhr, von ihm sagten, er fahre nach Europa. Hundert Jahre später war es noch immer so, und auch der Kellner, der achtsam auf Deutsch nach unseren Wünschen fragte, war einst aufgebrochen, um sein Glück in Europa zu suchen. Er fand es in Osnabrück, aber es war nicht ungetrübt, sodass er wieder heimkehrte. Was ihm von Deutschland geblieben war? »Mein Deutsch ist schlecht, aber mein Opel ist gut.«

Karl-Markus Gauß: Zwanzig Lewa oder tot. Paul Zsolnay Verlag

Wir finden in Russe nach eigene Runden (das GPS spinnt total in diesen Straßen) schließlich das City Art Hotel, ein Glücksfall, wie sich schnell herausstellt. Es liegt günstig zum Stadtzentrum, beherbergt ein Chinesisches Gartenrestaurant für den Abend und ist spannend restauriert.

Stadtrundgang

Nach dem, was ich bei Gauß über die Stadt erfahren habe, bin ich natürlich gespannt, als wir uns am frühen Abend aufmachen zur Stadterkundung. Sie lohnt sich. Welcher Unterschied zu Călăraşi am Abend zuvor! Die Stadt hat südliches Flair, ist voller Leben, der Park und die Strassen sind voller Erwachsener mit vielen Kindern. Es fühlt sich schon fast wie Griechenland an.

Die prachtvollen Gebäude sind fast durchgehend prächtig restauriert, nur an wenigen Stellen gähnen uns leere Fensterhöhlen entgegen.

Das Abendessen lassen wir uns dann im schon erwähnten Gartenlokal im Hinterhof unseres Hotels schmecken.

Links:

  • Inge Morath: Donau. Mit einem Essay von Karl-Markus Gauß :: „Die Einführung von Karl-Markus Gauss ist ein Meisterstück der Essayistik; auf knappstem Raum vermag er es, Mythos, Geschichte und Realität der Donau zu veranschaulichen, dieses Stroms, der allem Nationalstaatentum widerspricht, selbst wenn er nicht mehr wie einst Abendland und Morgenland verbindet.“ Taja Gut, Neue Zürcher Zeitung

Google Fotos

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* Rund Europa 2019 (5), 2. Tag: Ovidiu – Călăraşi

Mittwoch, 04.09.2019, 19:54:41 :: Călăraşi, Hotel Hestia ****
Sonntag, 06.10.2019, 10:47:15 :: Galanado

Im Hotel Herberth’s haben wir nicht sonderlich gut geschlafen: Es liegt, wie schon am Tag zuvor beschrieben, zwischen mehreren Hauptverkehrsstrassen, die offenen Fenster sind aber zwecks Luft für mich unvermeidlich. Dafür haben sie aber Fliegengitter, so dass Moskitos keine Chance haben. Das Frühstück ist rumänisch, will heissen spartanisch, für 4 € aber irgendwie doch ok.

Ich krame überrascht die Eintrittsbillett von gestern Mittag aus der Hemdentasche und wundere mich darüber zum ersten Mal. Sie scheinen nicht neueren Datums zu sein, wurden aber gestern gelöst und zwar eben in Histria. Altertümer gibt es offenbar auch bei Eintrittskarten.

Über Nacht hat es in unserem Zielgebiet geregnet, die Temperatur ist kräftig auf ein für mich angenehmes Niveau gefallen, hoffentlich bleibt’s beim »es hat geregnet« …

Zur Tagesroute muss ich wohl vorab etwas ausholen: Unser Ziel am nächsten Tag wird Russe an der Donau sein, jedoch am südlichen und damit bulgarischen Ufer. Von Ovidiu aus betrachtet wäre der direkte Weg daher eine Strasse südlich der Donau. Da ist er wieder, der Unterschied zwischen »fahren« und »reisen«. Ich möchte am nördlichen, dem Borcea-Arm der Donau durch die rumänischen Donaudörfer reisen und da landet man dann eben in Călăraşi

Die beiden Donauarme Borcea und der südlichere Alte Donauarm schliessen die Insel Balta Ialomița ein, 830 km² gross und 94 km lang. Teilweise ist sie Naturreservat und des öfteren überflutet, denn sie ragt nur 10-17 Meter aus den Donaufluten.

Nicht alle Inseln in der Donau sind unbescholten, das ca. 250 km weiter westlich liegende Inselchen Belene, auf dem 1944 das erste bulgarisch Arbeitslager errichtet wurde, zum Beispiel:

Der in Bulgarien geborene Ilija Trojanow hat einen Dokumentarfilm über Belene gedreht und eine bittere Reportage über den Ort an der Donau, nein, über das große Vergessen verfasst, das über alles, was in Belene geschah, bis heute verhängt ist. 1944 errichteten die bulgarischen Stalinisten auf der Insel ein Arbeits-und Umerziehungslager, in das Abertausende verschleppt wurden, unter den üblichen Anklagen als vermeintliche Saboteure enttarnt, die sich in die Reihen der Kommunistischen Partei eingeschlichen hatten. In Belene wurden Bauern inhaftiert, die angeblich Tierseuchen in den landwirtschaftlichen Kolchosen herbeigeführt hatten, und Künstler, die mit ihrem dekadenten Formalismus den natürlichen Optimismus der Werktätigen zersetzen wollten. Zahllose Menschen starben an Hunger und Entkräftung, in den eiskalten Wintern, den brühheißen Sommern, in denen sie immerzu arbeiten mussten, Donaulastkähne entladen und wieder beladen. Wie viele es waren, ist bis heute nicht bekannt, denn die Enkel derer, die ihre Landsleute denunzierten, drangsalierten und ermordeten, haben sich in den Besitz des neuen Staates gesetzt, sodass die Akten über die Verbrechen geschlossen bleiben.

Aus: Karl-Markus Gauß, Zwanzig Lewa oder tot – Vier Reisen. Paul Zsolnay Verlag

Ach ja, und Maut: Rumänien und Bulgarien verlangen für die Nutzung jedweder Strassen eine Maut-Vignette. Wer das nicht weiss, zahlt – so wie wir beim Verlassen Rumäniens. 50 € Strafe waren da so mal schnell fällig, »Freundschaftspreis«, wie mir die Dame an der Zollkontrolle lächelnd erzählt.

Gut, durch diese Landschaft am nördlichen Donauufer werden wir also reisen.

Zunächst geht es im Strassengewirr des nach Norden auswuchernden Constanțas über den Nordarm des Donau-Schwarzmeer-Kanals. Dieser Kanal verkürzt übrigens die Verbindung zur Donau und damit zwischen Constanţa und Rotterdam um 370 km. Ja, diese europäische Wasserstrasse ist aktiv!

Quelle: Wikipedia

Sonne ist heute wie gesagt Mangelware, kein Fotolicht …

Die bullige Radarstation am Horizont links erinnert uns daran, dass die USA einige feste Stützpunkte in Constanța haben, neben dem Militärhafen am Schwarzen Meer auch auf dem militärischen Teil des Flughafens Constanța, auf dem die USA mit Wissen und Duldung höchster rumänischer Politiker geheime Foltergefängnisse unterhielten:

Die USA in Rumänien

Neue Stützpunkte in Osteuropa

Zu den Regionen im Bereich des EUCOM, in denen trotz des insgesamten Abbaus ein Zuwachs von Truppen erfolgen soll, gehören eine Reihe von osteuropäischen Staaten. In Rumänien hatten die USA bereits während des Dritten Golfkriegs Truppen stationiert, sie jedoch 2003 wieder abzogen. 2004 bot die rumänische Regierung den USA die erneute Nutzung des Mihail-Kogălniceanu-Militärflugplatzes und nahegelegener Hafenanlagen in Constanța an, ebenso den Marinehafen Mangalia und eine Übungseinrichtung in Babadag. Am 6. Dezember 2005 schlossen die beiden Staaten einen Vertrag, der die Errichtung einer Forward Operating Site vorsieht. US-Truppen sollen neben dem Kogălniceanu-Flughafen, der als einziger Stützpunkt eine ständige Besatzung von rund 100 Mann erhält und Babadag auch Einrichtungen in Cincu und Smârdan nutzen.

Wikipedia

Nach einem am 8. Juni 2007 vom Europaratsermittler zur CIA-Affäre, Dick Marty, vorgestellten Bericht gibt es Beweise, dass auf der Militärbasis geheime Foltergefängnisse untergebracht waren und hochrangige rumänische Politiker davon Kenntnis hatten. Als Personen, die die Foltergefängnisse autorisierten oder zumindest davon wussten und zu verantworten haben, werden in dem Bericht namentlich genannt: der frühere Präsident Rumäniens Ion Iliescu, der dies mittlerweile auch zugegeben hat,[4] der frühere Präsident Rumäniens Traian Băsescu, der frühere Berater des Präsidenten für nationale Sicherheit Ioan Talpeș, der frühere rumänische Verteidigungsminister Ioan Mircea Pașcu und der frühere Kopf des Direktorats für den militärischen Nachrichtendienst Sergiu Tudor Medar.

Wikipedia

Nachdem wir uns zunächst verfranst haben, weil die GPS-Dame die aktuellen Strassen hier nicht so recht beherrscht, gelingt uns doch die Überfahrt über die beiden Donauarme nach Feteşti.

Obst- und Weinplantagen, oft bis zum Horizont, wechseln mit dörflichen Ausblicken, selbst Moscheen fehlen hier nicht.

Man kann sich diese Brücken nicht kolossal genug vorstellen. Obwohl wir diesen Übergang über die Donau in der Gegenrichtung schon 2006 und 2010 genutzt haben, sind wir wieder sehr beeindruckt über die beiden 1,7 km und ca. 500 m langen mittlerweile stillgelegten „Märklin“-Konstruktionen der Podul Regele Carol I, die zur Insel Balta Ialomița führt. Mittlerweile wird für die Passage Maut erhoben, das gab’s früher nicht, knapp 3 € verschmerzen wir aber locker.

Links:

  • Die Vorgängerin der heutigen Brücke: Die König-Karl-I.-, später in Anghel-Saligny-Brücke umbenannt. Sie wurde 1895 fertiggestellt. Nur rund 50 m weiter südlich bzw. flussaufwärts steht die 1987 eröffnete, meist einfach Cernavodă-Brücke genannte, kombinierte Eisenbahn- und Autobahnbrücke, die die Anghel-Saligny-Brücke ablöste.

An der schönen blauen Donau?

Naja, blau geht heute garnicht. Es ist bedeckt und wir sind dankbar, dass es wenigstens nicht regnet. Wir passieren viel mehr Dörfer, als ich vermutet habe, Einblicke ins bäuerliche Leben, mal dicht am Wasser, mal weiter entfernt, die Donau aber bleibt die Leitschnur, das merken wir immer wieder.

Die Bebauung ist wie fast überall in Osteuropa, die Unterschiede zwischen Polen und Rumänien, viel weiter südlich, verwischen zuweilen; es sind beim genaueren Hinsehen fast alles Relikte des schief gegangenen sog. Sozialismus.

Auffällig immer wieder die grossen Silos am Strassenrand. Hier werden wohl Getreide und Sonnenblumenkerne gesammelt, vermute ich. Und immer wieder die Storchennester in grosser Zahl, besonders, je näher wir dem Wasser sind. Wie weit hinunter werden wir ihnen wohl noch begegnen?

Die Gegensätze aber bleiben: Aktuelle durchbrausende Automodelle und die Pferdewagen, die Tierfutter und Menschen transportieren, aber durchweg mit Gummibereifung, die Strassen wären sonst endgültig nicht mehr zu gebrauchen.

Geben wir diesen Ländern aber die Ehre: Im letzten Jahrzehnt sind die meisten Strassen auf dem Stand – ausser man sucht so wie wir die kleinsten, meist mit vier Ziffern gekennzeichneten, da wird Asphalt dann zu Geröll und Staub, ob in Lettland oder in Bulgarien (Estland lass‘ ich aus, groooße Ausnahme!).

Unsere kurzen Abstecher ans Ufer enden zuweilen abrupt, zusammen mit dem Sträßchen oder zuletzt im Feinststaub bei einer kleinen Fähre.

Kirchen

Der Stil der Kirchen ist sehr unterschiedlich, ich vermute später, dass wir wieder mit dem enormen Mix an unterschiedlichen Nationalitäten zu tun haben: Hier siedeln neben Rumänen auch Ungarn, Türken, Bulgaren, Russen und Lipowaner, von denen ich bisher nichts wusste.

Nachdem wir gestern an der Ausgrabungstelle von Histria ein Restaurant mit Griechischer Musik als Dauerberieselung vorfanden (Histria als Kolonie des ionischen Milet gegründet), landen wir heute im Griechischen:

Die Göttin Hestia, nach der unser Hotel (**** !) benannt ist, ist in der griechischen Mythologie die Göttin des Familien- und Staatsherdes, des Herd- und Opferfeuers und eine der zwölf olympischen Götter, u.a. immerhin die Schwester des Zeus. Wir dürfen in diesem Haus in Călăraşi also einiges erwarten.

Unerwartet

Die äussere Ausstattung lässt uns daher zunächst erschaudern ob des Pomps, der Preis hingegen erfreut uns (45 € m.F.). Nur bei den Details, da hapert es: Im Bad tropft das Heizungsrohr und die Klimaanlage schafft es nicht, die Temperatur auf ein erträgliches Mass zu senken. Da bleibt nur die Flucht hinunter in den Terrassenbereich des Restaurants, da ist Schatten und ein kühlender Wind. Und Eiscreme. Und Cappuccino …

Stadtrundgang

Am Abend, als die Tageshitze sich etwas gelegt hat, machen wir uns auf den Weg zur Stadtbesichtigung.

Viel gibt es wohl nicht, was man Touristen bieten könnte. Nur wenige alte Gebäude, heruntergekommen, wie in noch vielen Städten Rumäniens, die unter Ceaușescu teilweise ja komplett abgerissen und neu aufgebaut wurden; insofern bin ich zufrieden, wenigsten ein paar der alten und reich verzierten Gebäude ausmachen zu können.

Wichtig wäre das Alltägliche: Es ist traurig und oft widersprüchlich, was wir zu sehen bekommen – Rumänien ist arm, das sieht man auch hier überall deutlich, wiewohl zum Beispiel der Gerichtskomplex pompös dasteht. Hingegen modern noch stehende alte aber respektable Prachtgebäude vor sich hin, wie zum Beispiel die ehemalige Kreisverwaltung von Călărași; die Polizeiwache versteckt sich noch irgendwo hinter einem Seitenflügel im Wäldchen.

Das Gerichtsgebäude präsentiert sich transparent mit viel Glas, ein »viel versprechender« Stand der korrupten und verrufenen Regierungspartei PSD – Partidul Social Democrat wirbt für irgend etwas, das Krankenhaus macht den Eindruck, den fast alle postsozialischen Krankenhäuser in Osteuropa machen und die Kirchen ducken sich irgendwo dazwischen.

Historisches

Von Vögeln verunstaltet und ziemlich allein gelassen treffen wir zunächst auf die Büste von Barbu Dimitrie Știrbei, einem Politiker der Revolutionsjahre 1848 ff., der wohl u.a. auch hier wirkte. Er blickt stumpf auf den neuen Prunkbau der Bezirksverwaltung, Die stolz ihre Fahnen in den Himmel streckt.

Und wir begegnen Tudor Vladimirescu als unscheinbare, zur Seite gesetzte und verwitterte Büste im Hof, einem der massgeblichen Anführer des rumänischen Aufstands gegen das osmanische Reich, 1821. Ausgerechnet der, der den ersten griechischen Aufstand total vermasselt hat, Alexander Ypsilantis, liess ihn hinrichten, als er ihm aus dem Ruder lief.

Tudor wurde vermutlich 1780 in Vladimir im Kreis Gorj in einer Bauernfamilie geboren. Er war Güterverwalter eines Bojaren. In den Jahren 1806 bis 1812 nahm er auf russischer Seite als Mitglied und Kommandeur des Pandurenkorps an dem Russisch-Türkischen Krieg teil. Später schloss er sich der Philike Hetairia an. 1821 stellt sich Tudor Vladimirescu an die Spitze einer revolutionären Bewegung gegen das Feudalsystem und die türkische Vorherrschaft und war Anführer eines Volksaufstandes in der Walachei und der Moldau. Am 29. März 1821 folgte die Besetzung Bukarests durch ihn. Die anschließenden Verhandlungen mit dem Ziel, den Einmarsch türkischer Truppen in Bukarest zu verhindern, wurden von Alexandros Ypsilantis als Verrat angesehen. In der Folge ließ dieser Vladimirescu festnehmen und hinrichten.

Wikipedia

Und so bin ich beim Niederschreiben doch erstaunt, was wir alles entdeckt haben, so ganz ohne Reiseführer, auch wenn wir das Donauufer mit seinen Grünanlagen, von dem uns nur noch 300 Meter trennten, verpasst haben. Wer weiss: Da wir Călărași im September 2016 unbesehen passiert haben, um auf die Fähre nach Silistra in Bulgarien zu gelangen, …


2016-09-18 Reni – Rasgrad

… dieses Mal immerhin herumspaziert sind – vielleicht klappt es ja das nächste Mal, denn irgend etwas muss man sich schliesslich aufheben für’s nächste Mal.

Links:

Google-Fotos

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* Rund Europa 2019 (5), 1. Tag: Murighiol – Halmyris – Babadag – Histria – Ovidiu

Dienstag, 03.09.2019, 22:24:05 :: Ovidiu, Hotel Herberth’s
Montag, 30.09.2019, 15:11:14 :: Galanado, Ergänzungen

Unsere »Pensiunea Cristian« hier in Murighiol ist wohl ein ehemaliger Bauernhof, umgebaut zur Unterkunft und als Familienunternehmen betrieben, familiär, freundlich und einfach.

Wegweiser zur Pension

Gastraum der Pession

Und so ist auch das Frühstück: reichlich und deftig. Wir haben es eilig, die Sonne wird uns wieder zusetzen. Wir fahren also los.

Halmyris

Dass die Schwarzmeerküste, die Dobrudscha und weiter bis über die Krim hinaus schon früh von griechischen Kolonisten besiedelt wurde, ist eher wenig bekannt, dass die Römer nachzogen schon eher. Erstaunt bin ich allerdings über das Ausmass.

Halmyris zum Beispiel liegt hier vor der Haustüre, dicht bei unserem derzeitigen »Wohnort« Murighiol. Deshalb wollen wir in aller Frühe dort vorbei schauen, wenn es noch nicht so heiss ist. Denn das wird es werden – ein heisser Tag. Das Donaudelta hat sich ja über die Jahrhunderte sehr verändert, Halmyris lag zum Zeitpunkt seiner Gründung durch die Römer direkt am Wasser und war ein wichtiges Zentrum, im Gegensatz zu späterer Zeit, als die Donau ihren Weg wegen Erdbeben veränderte. Hierdurch wurde diese so wichtige Festung und Siedlung zusehends unwichtiger und wurde verlassen.

Dass Halmyris auf dieser Touristenkarte nicht ausgewiesen ist, ist bedauerlich, aber andererseits auch nachvollziehbar, denn …

… Was wir vorfinden, ist eine einsame, kaum erkennbare Ausgrabungsstätte, über die wir bisher wenig lesen konnten. Es wird hier noch viel Jahre gebuddelt werden, wie aus der sehr interessanten und aktuellen Webseite und der auf Facebook hervorgeht. Man erhält dort auch unmittelbare Eindruck über die Studenten und ihre Erfahrungen beim Graben. Nur: Als wir ankommen, ist niemand da.

Die ältesten Heiligen Rumäniens

Aus byzantinischer Zeit hat man in der Krypta der freigelegten byzantinischen Kirche die Knochen zweier Märtyrer, Epiktet und Astion, gefunden.

Man weiss, dass die Heiligen Epiktet und Astion im Jahr 290 n. Chr. während der von Diokletian angeordneten Verfolgungen in Halmyris das Martyrium erlitten haben. Und von den beiden stammen die Skelette wohl. Sie sind damit die ältesten Heiligen Rumäniens.

Das Kloster …

… das ein paar hundert Meter weiter östlich stehen soll, entpuppt sich als Baustelle. Auch hier wird wohl zur Erreichung des Ziels noch gehörig Zeit vergehen.

Und das alles läuft unter der Überschrift »Operationelles Programm für die Fischerei«. Offensichtlich seit 2016 …


Links:

Wir umrunden das Nordufer des Razim-Sees und weitere kleinere Seen, die alle aufgrund der weiten flachen Landschaft meist nicht zu sehen sind, die Windparks auf den ein wenig entfernteren Hügelketten aber dagegen schon.

Und einmal landen wir dann doch am Ufer.

Kirchen sind karg gesät, verfallene Häuser dagegen nicht. Auch Storchennester finden wir überreichlich; kein Wunder, denn es ist feucht hier, leicht zu erkennen, wenn man durch hohe Schilfalleen fährt. Die Felder sind abgeerntet, gelb, nur in den Obstplantagen stehen die Bäumchen saftig grün.

Aber in den Dörfern verkommt das Obst am Boden.

Was wackere Radtouristen hierher verschlägt, das müsste man sie fragen; aber wir fahren immer wieder nur dran vorbei.

Babadag

Babadak ist die nächste grössere Ortschaft auf dem Weg nach Süden. Sie soll eine Moschee und ein Mausoleum des Derwischs Baba Sari Saltuk beherbergen, auf beides bin ich gespannt. Doch wir finden zwar die Moschee mit einem kleinen Nebengebäude aber keine erklärenden Informationen.

Ob es sich hierbei um das Mausoleum handelt, bezweifle ich, da es 1488 eingeweiht worden sein soll, an der Moschee aber die Jahreszahl 1610 zu finden ist.

Nachdem das nur wenige hundert Meter entfernte Museum sich im Umbau befindet und deshalb geschlossen ist, ziehen wir enttäuscht weiter.

Histria

Und so landen wir an diesem heißen Tag genau zur Mittagszeit in Histria, das einst als Kolonie der ionischen Stadt Milet gegen Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. gegründet wurde. Ihren Namen erhielt sie von der Donau, deren Unterlauf die Griechen Istros nannten und die bei Histria ins Schwarze Meer mündete.

Hier stiegen wir 2006 aus dem Süden kommend und auf dem Weg nach Tulcea schon einmal aus – und standen vor verschlossenen Toren.


Links 2019, rechts 2006 (Google Earth, aus ca. 600 m)

Diesmal gibt es hier ein schönes offenes Museum, eine Kasse und sinniger- und glücklicherweise auch ein griechisches Lokal. Dort setzen wir uns nach einem Rundgang durch das Museum zum Ausruhen und zu einem Mittag-Snack.

Ich wage dann einen kurzer Rundgang bei prallem Sonnenschein durch die Ruinen und finde nichts Weltbewegendes. Von den griechischen Befestigungsanlagen gibt es nur einen lächerlichen Mauerrest, alles andere stammt aus der Zeit der späteren römischen Besiedlung.

Verloren im Bauboom

Nördlich von Constanța haben wir zuvor dicht am Wasser, was wir ja lieben, einige Hotels ausgemacht, die wir nun ansteuern. Anzusteuern versuchen. Es wird zur extrem holprigen Irrfahrt durch die Riesenbaustelle am Strand auf der Halbinsel, nichts ist fertig außer der Strandpromenade und wohl ein paar Apartments.

Das ganze in Chaos, Staub, Lärm und Baugelände. Selbst die beiden Hotels, die Gäste aufzunehmen scheinen, entsprechen nicht ganz der Lage, die wir uns wünschen. Entnervt geben wir auf.

Weiter geht’s ein paar Kilometer weiter nach Süden, nach Ovidiu. Dort finden wir wie beschrieben das Hotel Herbert‘s, das wir zuvor im Internet ausgemacht haben, tatsächlich am vorgesehenen Platz und ziehen dort ein. Es liegt mitten im Zwickel von stark befahrenen Strassen.

Aber wir haben genug und freuen uns auf eine ausgiebige Dusche. Wir sind geschafft. Die Betten sind gut, die Klimaanlage tut …

Das noch zum Abschluss: Ovidiu heisst natürlich nicht zufällig so:

Der Ort wurde 1650 unter dem Namen Siliște erstmals urkundlich erwähnt. Im Zuge der Kolonisierung durch Türken erhielt er die türkischstämmige Bezeichnung Canara. 1930 – in der Ära Großrumäniens – erfolgte die Umbenennung in Ovidiu nach dem römischen Dichter Ovid, der auf einer Insel der nahegelegenen Lagune begraben sein soll.

Wikipedia

Das wäre das richtige Plätzchen für unser Hotel gewesen, am Wasser und nahe dem Dichter der Metamorphosen

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