* Rund Europa 2008, 2. Etappe – 5. Tag: Khust – Baia Mare (2008-08-29)

Samstag, 30. August 2008, 0:50 :: in Baia Mare

Der heutige Tag brachte viel Erhellendes: Was man nicht gesehen hat, kann man sich nicht vorstellen. Deshalb reisen…

Vor zwei Jahren hatten wir vor, auf unserem Weg durch Rumänien/Ukraine auch in die Marmures zu fahren, die Theiß von der anderen Seite zusehen, Klöster und einen »lustigen Friedhof« zu besuchen. Damals war uns das nach unserem Ausflug nach Deutsch Mokra zuviel gewesen. Diesmal wurde es wahr. Aber alles war ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte: Flaches Land mit einem breiten Fluss ist in Wirklichkeit i.W. gebirgige, waldreiche »Karpatei«, Passhöhen von über 900 m haben wir heute überquert.




Nur, um von Rumänien aus in die Ukraine rüber zu schauen, dort hin, wo wir Tags zuvor gefahren waren? Nicht ganz, aber auch. Es ist wichtig, die Dinge von zwei Seiten zu bertachten – meine schon Luther. Nur: ausser einem Blick war nichts drin. An der einzigen Stelle, wo das auf der Strecke möglich ist, patroullierten zwei Grenzer und verboten uns kategorisch jede Fotografiererei. Es ist EU-Aussengrenze, das ist wahr und wir könnten die Bilder ja für ukrainsche Schleuser und Mädchenentführer aufnehmen, die nicht wissen, wie der Fluss von der anderen Seite aussieht – denk‘ ich mir so; Blödheit kennt wahrlich keine Grenzen…

So gibt es also kein Bild von der Theiß, die hellblau, fast wie der Hinterrhein in ihrem Bette liegt, gemächlich fliessend, gesäumt von hellen Kiesrändern zwischen üppigem Bewuchs aus Weiden, Pappeln und allem möglichen anderen; undurchdringliches Gestrüpp. Davor, wo die Talbreite das zulässt, Maisfelder. Kurz nach dieser Stelle grosse Menschenbewegungen, Kisten, Säcke, Kartons. Sogar ein Bus steht herum. Was ist los? Hier geht eine Brücke über die Theiß, kleiner Grenzverkehr, nur für Fussgänger. Die Menschen schleppen zu Fuss alles rüber nach Rumänien, was sie so brauchen; wahrscheinlich kommt dank »Trinkgeld« so manches mit, was die EU nicht erlaubt. Und wir dürfen kein Foto vom Fluss machen…

Einen vergleichbaren Übergang gibt es dann auch in Sighetul Marmatiei, einer unerwartet grossen und belebten Stadt an der Theiß. Sogar für Autos, aber wieder nur für den kleinen Grenzverkehr. Deshalb mussten wir den grossen Bogen fahren an diesem Morgen, über Vynorhadiv, das so nach vino, nach Wein klingt. Und in der Tat: Fast alle Häuser haben grosse Weinlauben, Gärten, Bäume, Mauern sind überwuchert mit Weinreben. Der Süden rückt offenbar näher 🙂


Das war also früh morgens…

…als wir ohne Frühstück das Hotel verliessen und erst in Vynorhadiv im funkelnagelneuen Supermarkt leckere Schneckennudeln erstanden und diese nebenan in einer winzigen Gartenkneipe mit je zwei Tassen gutem Lavazzo verspeisten.


Erstaunlich, was es alles gibt, wenn man so ungeplant durch die Gegend reist – Lavazzo in Vynorhadiv. Aber auch das: Lis wurde fast die Kamera abgenommen, als sie den schönen Supermarkt auch von innen fotografierte. Drei Wachmänner bewachen dort das Geschehen an der Kasse und meinten »delete it!« in bestem Englisch. Lis behauptete sich und so sind wir jetzt im Besitz kosbarer Aufnahmen eine funkelnagelneuen Supermarkts in Vynorhadiv, im Südzipfel der Ukraine, auf dem Weg nach Rumänien.

Der Grenzübergang…

…war an sich problemlos. Was uns mächtig aufstiess war der Dreck, den die – fast ausnahmslos rumänischen – Grenzgänger produzieren: Sie kippen in aller Öffentlichkeit Ihren Müll aus dem Auto an den Strassenrand. Und ein beleibter Mann geht die Strasse entlang, kehrt und sammelt mit den Händen alles zusammen und packt es in Kartons. Als ich das fotografiere, erhebt sich aus allen Autos hinter mit lauter Protest: Grenze, Fotografieren verboten. Aber was ich hab‘, das hab‘ ich…

Klöster…

…gibt es auf der Karte (die i.Ü. teilweise enorme Fehler aufweist) einige, sicher auch in Wirklichkeit. Nur, ausser einem sehr neuen haben wir keines gefunden; vielleicht wollen sie gar nicht gefunden werden, die Mönche.



Aber mit allem anderen wurden wir reichlich entschädigt. Und viele Fragen bleiben zunächt unbeantwortet. Z.B. die, weshalb es in den Dörfern südlich der Berge praktisch keine alten Häuser gibt. Neubauten sind die Regel, häufig nicht fertig – Albanien lässt schön grüssen. Woher kommt das Geld? Warum sind sie nicht fertig? Auf der Gebirgsseite zur Theiß hingegen dominieren alte Holzhäuser, wunderschön zum Teil und mit verzierten Toren zur Strasse hin abgetrennt.



Der touristische Höhepunkt…

…war dann »der lustige Friedhof« in Sapanta: Eine Menge Touristen, mehr als bisher auf der ganzen Reise, aber auch wunderschöne Grabmale – so widersprüchlich auch Tod und »lustig« sein mögen.


Die aus Holz geschnitzten und liebevoll bemalten Grabkreuze erzählen jeweils vom Leben der/des betreffenden Menschen. Alte, verwitterte Kreuze neben ganz neuen, noch in voller Farbe prangenden.



Die Fahrt nach Baia Mare…

…führte dann u.a. über besagten 900-m-Pass. Die Landschaft zwingt ein immer wieder, sich klar zu machen, dass das echt ist, was man sieht; man ist geneigt, zu glauben, man gleite durch ein Märchen. Es liegt wohl vor allem an der Weite, der dünnen Besiedlung, die einen glauben macht, mann sei alleine auf der Welt. Und zum andern die Dörfer, die in ihrer Kargheit und Ärmlichkeit einfach nicht in unserer Zeit zu passen scheinen. Aber es ist EU-Realität. Was aber wirklich zu tun wäre für diese Länder, diese Menschen – ich weiss es nicht. Die Pferdewagen alle durch LKWs ersetzen? Die Häuser renovieren oder neu bauen? Die alten Zäune abreissen? Die vergrasten Wassergräben entlang der Strassen durch unterirdische Betonröhren und einem 08/15-EU-Einheitpflaster ersetzen…?



In Baia Mare selbst…

…überraschte uns dann das Unwetter, das wir immer vor uns sahen: Beim Gang zum Hotel, auf den paar Metern, fing es an zu schütten – 30 Sekunden früher und wir wären »in Sicherheit gewesen«. Aber das Hotel entschädigte uns: Perfekt alles, mit WLAN an jeder Stelle des Hauses, einem ebenen Bett, einem kleinen Kopfkissen…

Ansonsten hat die Stadt einen dunklen Fleck auf der Weste: Ein Dammbruch führte 2000 zu einer schaurigen Umweltkatastrophe. Wer erinnert sich noch daran, weit, weit weg im nördlichen Rumänien?

Reisestatistik

Tagesleistung: 243km 05:59h 04:30h 92,5km/h 40,6km/h 23,2km/h

GPS Track Logs 2008-08-29 Khust-BaiaMare.kml

Technorati Tags: , , , , , , , , ,

Dieser Beitrag wurde unter Foto, KMZ-Dateien, Reisen, RO, Rund Europa 2008, UA veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu * Rund Europa 2008, 2. Etappe – 5. Tag: Khust – Baia Mare (2008-08-29)

  1. Pingback: Lange nichts mehr geschrieben… « Lis ihr Sammelsurium

  2. Pingback: Von Mir Nix & Dir Nix » Blog Archiv » * Rund Europa, 2. Etappe Vilnius - Naxos

  3. Pingback: Ferienhäuser in Azalas » Blog Archive » Bitte nicht ernst nehmen!

  4. Günther Schäfer sagt:

    Die Menschen in Rumänien sind sicher finanziell gesehen bitter arm. Ich behaupte jedoch: reicher als wir verwöhnten, nimmer satten „Westler“. Oder ? Warum sollte man diese Idylle ändern, Reinard ? Leider wird sich auch dort im Laufe der Jahre der „Westen einschleichen“ und die Menschen werden plötzlich unzufrieden sein.

Schreibe einen Kommentar