So viel Scheinheiligkeit und Scheisse…

…wie sie nun wieder von den Offiziellen zur Schau getragen und abgelassen wird, ist fast schwerer zu ertragen, als der Gedanke an einen jungen Menschen, der sich nicht mehr zu helfen wusste. Dessen soziales und familiäres Umfeld »nichts merkte«, dessen Lehrer keine Hinweise erkannten (oder erkennen wollten), der der Gesellschaft schlicht »durch die Lappen ging«. Und der sich nach einem selbst inszenierten Fanal verabschiedete.

Amok die Dritte

Nach Erfurt 2002 und Emsdetten 2006 sind die Scheinheiligen wieder alle fassungslos und mit ihren »Gedanken bei den Angehörigen der Opfer«. Die Diskussion führt wieder über Verwahrlosung, Battle-Dattel-Spiele, Verschärfung von Gesetzen bis zur Erschwerung des Zugangs zu Waffen und so weiter und so weiter. Grandios.

Leute, das ist doch nicht das Problem! Und ihr wisst das. Eine Gesellschaft, die junge Menschen in diesen Zustand kommen lässt, mit schöner Regelmässigkeit und wie es scheint, fast zwangsweise, die ihre Lehrer über Schülergenerationen mit zu grossen Klassen und sichtbar wachsenden Problemen alleine lässt, die Lehrer lange vor der Verrentung psychisch demoliert aus dem Dienst fliehen lässt, die Eltern und Kinder in einem nie gekannten und steigenden Masse der Armut preisgibt und mit billigstem Konsumschrott (inkl. schandenmässiger Medienberieselung) zumüllt während »die Oberen« wegschaufeln was geht – eine solche Gesellschaft ist am Ende.

Von welch‘ unendlich beklopptem Politikerinventar werden wir eigentlich regiert? Und von welcher bescheuerten und niederträchtig verdummenden Presse werden wir geführt? Und wie abgestumpft und vor allem wie lange noch so hirnlahm will sich das Wahlvolk hinschleppen zu den Westermerkels und Köhlers. Irgendwann muss doch dem Letzten auffallen und auf den Sack gehen, dass er kontinuierlich so für dumm verkauft wird. Doch, ja, ich gesteh’s: Wo sind die Alternativen? Stimmt.

»The same procedure…

…as every year, James!« So lange die Gesellschaft, und das ist jeder Einzelne, sich nicht besinnt und ändert, werden wir in ein paar Jahren wieder gleich belämmert tun. Trotz dann videoisierter und mit hohen Mauern und Wachmannschaften »geschützter« Schulgebäude.

Der Satz aus dem letzten Freitag kommt mir drohend hoch:

Vielleicht liegt hierin das Geheimnis des Untergangs: Die Menschen hatten einfach keine Lust mehr auf komplexe Wahrheiten. Sie verloren den Gemeinsinn für arbeitsteilige Organisationsformen. Sie hatten kein Interesse an einer Zivilisation, die sie nicht mehr verstanden und deshalb nicht mehr als ihre begriffen. Jede Gruppe suchte lieber ihr eigenes Glück innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft fernab der großen Gemeinschaft…

Positiver und mit Blick auf vielleicht Änderbares formulierrt es Baden-Württembergs SPD-Chefin Vogt:

Man müsse sich „über sehr viel Grundsätzlicheres unterhalten – nämlich die Frage, was wir Kindern und Jugendlichen eigentlich vermitteln wollen, um zu verhindern, dass Konflikte mit Gewalt gelöst werden.“

So schwer ist das.

Nachträge:

2009.03.17, 12:32 :: Auch die Frankfurter Rundschau hat’s gemerkt…

Samstag, 28.03.2009, 11:14:44 :: Beherzigenswerte literarisch-kulturelle Gedanken macht sich Wolfgang Tischer im Literaturcafé. Allerdings bleibt die Frage nach wie vor unbeantwortet, warum eine Gesellschaft es nicht schafft, rohe und hemmungslose Gewalt aus ihren Erziehungskonzepten zu verbannen; mir hilft auch nicht der Gedanke, dass ich zur ersten Generation derer gehöre, die (bisher) ohne Krieg das Leben durchschritten haben. Der Hinweis, dass »es schon immer so war« reicht nicht.

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2 Antworten zu So viel Scheinheiligkeit und Scheisse…

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  2. lisboeger sagt:

    Heute Abend war ich im Kino, im Caligari in Ludwigsburg.
    Ich schaute mir den Film „Klasse“, der 2008 mit Oskars und goldener Palme ausgezeichnet wurde, an.
    Darin wird aufgezeigt, wie schwer es für Lehrer und Eltern ist, mit ihren 13-15 jährigen Kindern/Jugendlichen umzugehen. Den Lehrern bleibt gar nicht so viel Zeit, um sich um die Kinder und deren Umfeld zu kümmern, um sie mitzunehmen und für das Lernen, den gegenseitigen Respekt zu akzeptieren und für die Schule und das Leben zu begeistern. Es ist sehr traurig, dass am Ende von ständigem „Fehlverhalten“ eines Schülers der Rausschmiss aus der Schule folgt. Das kann und darf doch nicht sein, ist aber bestimmt vielfach praktiziert!
    Schaut Euch diesen Film an und ihr bekommt ein Gefühl dafür, was so abgeht in den Schulen! Ich denke er ist seht authentisch!

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