* Rund Europa 2008: Aitoliko (3) – die grosse Liebe

Donnerstag, 13.08.2009, 16:11:35 :: So manches bleibt liegen, auch hier im sorgenfreien Trott auf der Insel. Aber ich habe jetzt die letzten Etappen unserer letztjährigen Europarundreise ausgegraben und ich ich verspreche, dass die jetzt der Reihe nach erscheinen und damit das »Reisepaket 2008« komplett ist – ehe (schon wieder!) ein Jahr rum ist…

Dienstag, 30. September 2008

Voriger Beitrag: Rund Europa 2008 – 3. Etappe: Naxos – Aitoliko (2. Teil)

Ich hatte geschrieben, Aitoliko sei zur grossen Liebe geworden. Das ist wahr, auch aus der zeitlichen Distanz von mehr als einem Monat. Wenn auch mancher oder jeder Ort einmalig ist, so hat dies im Falle von Aitoliko eine ganz besondere Bedeutung. Wo also anfangen?

Wir sind in den vergangenen Jahren mehrfach durch dieses Dorf gefahren und haben die Lage in der Lagune und die beiden Brücken bestaunt.

  • Einschub: Wenn ich »Dorf« schreibe, dann meine ich immer »Stadt«. Aitoliko ist Stadt

Wie wir vieles bestaunen, was uns unterwegs in die Quere kommt. Das Dorf Aitoliko (oder Etoliko) aber ist einmalig, insbesondere auch was seine Lage betrifft: Mitten in einer riesigen Lagune, nur über zwei Brücken mit dem Festland verbunden:

GoogleEarth: Etoliko

Aitoliko aus der Vogelperspektive (GoogleEarth)

Damit man das auch wirklich glaubt, muss man auf die Berge rechts oben im folgenden Bild fahren und auf die Lagune herunter schauen; zu dieser Wahnsinnstour aber später.

Etoliko 2

Lage von Etoliko mit unserem Ausflugsziel, den Bergen

Wie gesagt, die beiden Brücken sind die einzige Verbindung zum Festland. Unter ihren Bogen, die nachfolgen kaum noch zu erkennen sind, fuhren die Fischer einst mit ihren Booten. Dazu später mehr.

Brücke Etoliko

Die östliche Brücke

Beim abendlichen Spaziergang, einmal »rund Aitoliko«, spielt das Dorf einige Trümpfe aus.

Lis und Flora unter Palmen

Bucht Aitoliko am Abend

Die Lagune bei Sonnenuntergang

Zu Besuch

Dieses Mal fuhren wir also nicht durch sondern nach Aitoliko, weil wir von Marias Schwester Flora und ihrem Mann Dimitris eingeladen waren (Maria ist »unsere« Hotelbesitzerin in Naxos). Wir hatten Floras Familie in Naxos getroffen. Schon dort hatten wir in GoogleEarth zusammen das Haus ausfindig gemacht. So war es kein Problem, Floras Domizil zu finden. Dimitri stammt aus Aitoliko, seit Generationen, wie er stolz berichtet, baut Oliven an und vertreibt sie – ob als eingelegte Teilchen (lecker!) oder als Basis für Olivenöl – bis nach Patras.

Olivenöl,…

…das ist ein Thema, bei dem die Familie schnell ins Schwärmen und Fachsimpeln kommt, denn Oliven sind gewissermassen ihr Leben. Fazit:

  1. Olivenöl ist nur gut aus der ersten kalten Pressung und nur im ersten Jahr. Was bedeutet, dass wir in den Geschäften eigentlich nur Mist kaufen können…
  2. Alexi, der jüngere Sohn, verschmäht eigentlich jegliche Speise, die Flora auf den Tisch stellt. Er greift sich Weissbrot, eine Schale und die Ölflasche. In die Riesenöllache taucht er das Weissbrot, bis es trieft. Und davon lebt er. Sieht kerngesund aus, der Junge und ist bester Dinge.
  3. Wir bekommen eine grosse Flasche mit nach Deutschland. Und wir müssen feststellen: Sie haben recht, dieses Öl ist ein köstliches Labsal.

Ein Spaziergang durch den Ort…

…wird stets zur fröhlichen Plauschtour. Hier kennt jeder jeden und dass wir Gäste im Dorf sind, ist für Verwandte und Freunde ein willkommener Anlass, uns in die Dorfgeheimnisse einzuführen. Ob am Abend, wenn nur die Männer sich in der Taverne zum Ouso und zum Plausch bis tief in die Nacht treffen (ich werde freundlich gedrägt, mit zu kommen, Lis wir auch »geduldet«, ist aber nahezu die einzige Frau auf der abendlichen Strasse) oder am nächsten Morgen, als wir eine Extraführung durch das kleine Ethnologische Museum bekommen; die Dame mit der Schlüsselgewalt haben wir am Abend zuvor bei Dimitris Eltern kennen gelernt. Und so sehen wir, was zur Zeit der osmanischen Herrschaft so getragen wurde, an Kleidern und an Waffen.

 

 

Aitoliko war aufgrund seiner Lage ein Widerstandsnest während des Befreiungskampfes der Griechen gegen die Osmanen. Und der Boss der Widerständler, die sich auch immer wieder in die Berge verzogen haben (was wir am nächsten Tag auch tun werden, wie schon gesagt – später…), er steht hier leibhaftig im Glaskasten, prächtig und bis an die Zähne bewaffnet. Um ihn herum die Mädels und Damen der Gesellschaft in prächtigen Kleidern, beim Weben, Sticken und Häkeln (Kunstwerke!)…

 

 

…und bei der Verrichtung von Feldarbeit und das ganze Arsenal der Kleinfischerei.

Fischer, was sonst?

Denn in Aitoliko ist man eigentlich Fischer. Und eventuell noch was nebenher. Die Lagune war und ist Lebensgrundlage für das Dorf. Und wenn das Wetter mitgespielt hätte, wäre ich mit hinaus gefahren am nächsten Morgen. Der Vorsitzende der Vereinnigung der Fischer von Aitoliko hatt mir das am Abend angeboten. Als wir ihn am nächsten Morgen trafen, schaute er mit Bedenken um sich zum Himmel und meine, er fahre nicht raus, es gebe Regen. Und es war so. Zwei Stunden später kam er, der Regen.

Die strategische Lage…

…des Dorfes war schon immer bedeutend. Denn über die Lagune kommt man nur, wenn man die beiden Brücken und den Ort passieren kann. So konnte das Dorf sich in den Freiheitskriegen wohl mehrfach gegen übermächtige Muselmanenheere erfolgreich behaupten. Heut wird diese Lage zum Verhängnis. Da die griechische Regierung es bisher nicht geschafft hat, die Umgehungsstrasse um die Lagune herum fertig zu stellen, rollt der gesammte Brummiverkehr über die Brücken, die ehedem für Eselskarren und Fussgänger bestimmt waren. Ergebnis: Die Brücke wurde und wird regelrecht in den Lagunengrund gewalzt. Wo früher die Fische mit ihren Booten unter der Brücke hindurch vom südlichen Lagunenteil in den nördlichen wecheln konnten, kommt heude nicht mal ein Schwan erhobenen Hauptes durch. Vom Gedonner der LKWs ganz zu schweigen.

 

 

Die Hauptstrasse…

…samt aller Gassen bleiben davon verschont. Die Gassen! Man kann umherwandern, abbiegen, einbiegen, herum gehen – immer wieder entdeckt man ein neue Ecke. Blumenkübel, ein Kirchlein, eine Häuschen – fast keine Ruinen. Dieses Dorf ist quietschlebendig.

Dorfstrasse Hütte mit Mofa

Floras Haus mit Twingo Häuslein im Grünen

Wer meint, eine Rasur oder ein frischer und gewagter Haarschnitt liessen seine Chancen im Dorf steigen, der kann sich hier niederlassen.

Friseur

Die Überprüfung der Vogelperspektive…

…erfolgte dann am nächsten Tag, nach Museums- und ausgedehntem Tavernenbesuch neben der Post? Warum dort? Nun, es war der 30. September, Monatsende und da gibt’s Rente. Und zwar auf derb Post. Also trifft man da alle, mit denen man eine Schwatz halten kann. So einfach ist das.

Ja, also – der Auslug in die Berge, Aitoliko von oben sehen. Flora liess sich von ihrem Mann erklären, dass das nicht so ginge wie sie sich das vorstellte. Sondern anders. Gaaaanz aussen herum. Also fuhren wir anders, auf einer wunderbar neue Strasse.

Dimitri hatte recht gehabt. Nur oben dann, als die Strasse aufhörte am Friedhof, da half uns dann auch Bubi, unser GPS-Tausendsassa nicht weiter, sondern nur noch der einzige Einheimische, der aufzutreiben war. Ohne Griechischkenntnisse chancenlos.

 

Irrfahrten…

Nach mehreren Versuchen und Nachfragen hatten wir es dann endlich geschafft. Die Lagune tief unter uns, die Sonne direkt vor uns, Auge in Auge gewissermassen. Mittlerweile war es nämlich schon bedenklich spät geworden, die Dämmerung drohte von ferne.

…Belohnung…

Der Blick – überwältigend, das Bühnenlicht perfekt, die »Strasse« aber mittlerweile nur noch grobe Schotterpiste. Man sah deutlich: Hier wird gearbeitet.

…und Strafe

Das Dilemma: Wer oben ist muss auch wieder runter. Dimitri hatte Flora gesagt, dass die Strasse, die vor uns jetzt direkt nach unten führte, unpassierbar sei. Wir aber fanden erstens, dass hier ja mittlerweile mächtig gebaut wurde, man sah ja: Beste Schotterpiste. Und zweitens: Hier jetzt runter bei Abenddämmerung, immer wieder die Lagune im Blick – bestechend.

Und so fuhren wir. Das heisst: Zunächst fuhren wir. Noch. Dann immer weniger. Die Steine wurden grösser, die Löcher auch, die passierbaren Stellen dazwischen immer weniger und schmaler.

Damenwanderung

Schliesslich stiegen die beiden Damen aus. Der Twingo wurde dadurch leichter, die Gefahr des Aufsitzens geringen. Zunächst gingen sie vor mir her, schafften Steine irgendwie zur Seite ioder verfüllten Löscher damit, dirigierten mich und atmeten nach jeder geglückte Passage tief durch. Wieder geschafft, noch immer kein zerdeppertes Bodenblech oder so.

Irgendwann zuckelte ich vorneweg, dann wieder hinterher. Die Schafe und Ziegen wunderten sich. Hatte uns bzw. Flora doch ein Hirte auf seinem Mofa unterwegs mit sehr bestimmter Stimme darauf hingewiesen, dass das nicht ginge was wir da vorhatten.

Ende…

…gut, alles gut. Wir erreichten wandernd und holpernd und kurz vor dem Dunkelwerden (das wäre dann wahrlich kriminell geworden) die Hauptstrasse, unten an der Lagune.

 

Dies war die dritte Geisterbahnfahrt mit dem Twingo und wieder hatte er sich tapfer durch alle Widrigkeiten, über alle Felsbrocken und -kanten, durch alle Löcher ohne Schaden gekämpft. Freilich, ohne fachmänische Hammerschläge und Hebelbewegungen an unserem hinteren rechten Radkasten hätte es uns da oben wohl den Reifen aufgeschlitzt oder -gerieben – der Auffahrunfall von Piräus war ja nicht repariert. Morgens waren wir noch in Aitoliko bei Dimitris Kumpel in der Autowerkstatt gewesen. Der hatte uns den zerbeulten Radkasten so aufgebogen, dass beim Schwingen der Reifen nicht ans Blech ditschte. Das war uns auf der Fahrt von Piräus nach Aitoliko nämlich einige Male »aufgestossen«.

Einschub

Weitere »Höllenfahrten«

Fazit

Aitoliko ist eine tolle Stadt und wenn unser Abstieg misslungen wäre, dann wäre das wohl noch am selben Abend an dieser Anschlagsäule plakatiert worden…


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