* Geflogen sind wir nie nach Naxos… (1)

…in all den vergangenen fünfundzwanzig Jahren. Stets haben wir uns dieser Insel von Piräus aus auf dem Wasser genähert, seit Beginn im August 1984. Mit Isomatte und Schlafsack auf einer Bank hin und her rollend, weil, unerfahren wie wir waren, eine Bank längs zur Fahrtrichtung gewählt worden war, so dass das Krängen des Schiffes einem ab einer gewissen Stärke immer das Gefühl vermittelte, mann rolle im nächsten Moment zu Boden. Später dann lagen wir immer häufiger auf dem harten Metall des mehr oder weniger sauberen Decks der zusehends moderner werdenden Fähren, quer zur Fahrtrichtung, stets froh, »im Freien« zu sein, in Wind und Gischtgedonner.

Mittlerweile kann man froh sein, noch ein richtiges Schiff mit Decks und frischer Luft zu erwischen; die meisten Fähren sind mittlerweile schwimmende Busse und ohne Chance, reine, nicht durch die Kombüse verunreinigte Luft zu atmen und statt der Zwangs-Videoberieselung nur einfach die Möven, den Wind und die Diesel zu hören – letztere wummernd, ich gebe das gerne zu. Auch dass sie schneller sind. Aber schwimmende Annäherung ist auf ihnen nicht möglich.

Also hoch aufs zweite Freideck, Rucksack runter, ausbreiten. Hinliegen. So.

Das war stets der Punkt, an dem es in mir sagte: Jetzt ist Urlaub. Im Bewusstsein der unabwendbaren Tatsache, dass jetzt sechs Stunden oder mehr Seefahrt und nichts als Wasser und vorbeiziehende Inseln angesagt ist, löst sich aller Stress: Man döst, liest, balanciert mal an die linke, mal an die rechte Reling und fragt sich jedes mal wieder: Ist das jetzt Kéa? Oder Kíthnos? Links oder rechts? Je nachdem, ob man via Syros schippert, was man vorher meist nicht weiss.

Irgendwann holt eine(r) den mindestens zweiten Elenikó (die ersten gab’s schon im Hafen, ich komme darauf zurück!) von der Bar, vielleicht auch zwei ebenso scheussliche Käsetaschen. Denn wie gesagt: Sechs Stunden Wasser, Geschwindigkeit so um die 25 bis 30 km/h. Oder – zünftiger – 13 bis 16 Knoten. Sonst nicht. Vorbereitung. Abschalten. Zwangsweise.

Aber mit dem Himmel über uns!

Kein höherer Himmel als der ägäische! Tagsüber, versteht sich. Verlässt man Piräus am Abend, dann tauscht man das weite Blau gegen die Dämmerung mit ihren abertausend Lichtern entlang der Küstenlinie ein,

die Punkt für Punkt in dem Masse aufglimmen, wie die Sonne verschwindet. Und das Entschwinden der letzten Landspitze von Sounion gerät dann zur ersten romantischen Gedankenreise zurück ins klassische Griechenland: Wenn die alten Griechen von langer Fahrt zurück kamen und den Tempel auf dem Kap sahen…

Davor aber lagen…

…zweieinhalb Flugstunden, an deren Ende die dem Piloten ob seines fantastisch weichen Aufsetzens applaudierende Mitreisenden – nennen wir sie ruhig Touristen – dann wild drückend und schiebend zur Gangway drängten, diese verlassend, das Handgepäck absetzend die Kamera hochrissen um die Gattin im neuen Urlaubsdress noch auf dem Ausstieg zu erwischen. Das Besteigen des Shuttlebusses blieb stets ein schwieriges Unterfangen, da fast jede(r) stets nahe an der Türe stehen blieb, wohl um die Leere im Bussinneren geniessen zu können; Nachrückende störten das Bild durch ihr hartnäckiges Verlangen, eben diese Leere aufzufüllen, weil mitwollend…

Auch die Übernahme des Gepäcks vom Laufband war stets ein ungestümes Festival zu Ehren der menschlichen Intelligenz: Fast ausnahmslos stehen die, die warten ganz dicht am Band. Alle anderen, die ihren Koffer kommen sehen, stehen dahinter, durch die Wand der Wartenden an der Entnahme vom Band gehindert. Häufig erringt man seinen Koffer nach einer Ehrenrunde und unter dem mehr oder weniger aggressiv vorgebrachten Hinweis, dass Koffer abholen irgendwie was mit Intelligenz und damit mit Touristen nichts zu tun hätte.

All das hat sich in 25 Jahren kaum geändert

Nur der Flughafen ist seit der Athener Olympiade weiter draussen, die Busfahrt durch das Athener Chaos nach Piräus daher länger; gut, die Busse sind moderner heute, daher weniger lüftbar. Es mischt sich alles, was die chemisch-kosmetische Industrie an Schweissantidots aufzubieten in der Lage ist. Koffer und Rucksäcke haben einen eigenen Platz bekommen, stehen, liegen und fallen nicht mehr dort um, wo Menschen stehen.

Fortsetzung folgt

Anmerkung:

Diese Bilder sind ausnahmslos 25 Jahre alt. Sie wurden auf unsererv ersten Fahrt 1984 aufgenommen und die Dias 2009 gescannt.

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