* Wir sind in Wolke Sieben

Was hier folgt ist quasi eine mehrtägige Tagebuchaufzeichnung. Das für alle, die uns seit mittlerweile Tagen im Internet weder sehen noch hören, die uns vielleicht erreichen wollen, die auf Antwort auf ihre Email warten – Leute, es tut nicht!

So könnte man es zum Beispiel ausdrücken wie wir uns fühlen: Wie in Wolke Sieben. Wir dachten ja, wir hätten das mit den Regenmassen erst mal hinter uns. Aber es kam noch schlimmer: 95% zeigte der Hygrometer heute morgen (23.12.) im 1 Uhr, dazu aber 20°C, drinnen wie draussen.

Hygrometer, 95%

Südwind eben, der alles ranschafft, was er über dem Atlantik so finden kann an Wolken. Und die klebt er an die Cumbre. So, wie das sonst normalerweise im Osten stattfindet.

Es ist mittlerweile alles feucht, ein Gefühl ähnlich wie während der Calima. Nur: Da war alles heiß… Jetzt also alles feucht. Die Zeitung ist lappig, die Buchdeckel der Taschenbücher rollen sich, selbst die Leinendeckel beginnen sich zu heben, die Klamotten mag man nicht anfassen, anziehen eigentlich schon gar nicht.

Buchdeckel

Setze ich mich in den Sessel und lehne mich – einen Gedankenblitz lang – entspannt zurück, dann ist der Rücken – nein, nicht angenehm! – kühl und eher nass als feucht. Alles nass eben. Schon mal im klammen Schlafanzug im klammen Bett geschlafen, das Haupt auf klammes Kissen gebettet?

Außerdem fegen jetzt auch noch Sturmböen von Westen herüber und treiben die Wolkenfetzen herein ins Tal – und ins eigentlich gut überdachte Schlaffzimmerfenster; wohlgemerkt: Wir liegen auf 250 m ! Seit dem 12. Dezember geht das jetzt so, viele werden grantelig jetzt…

Ja, und dann eben der Stromausfall. Der schlug heute morgen (23.12.) mehrfach zu. Anfangs kurz. Das ist normal. Je öfter aber, desto länger. Mittlerweile hat auch meine USV (Unterbrechungsfreie Strom-Versorgung – für weniger technikaffine) keinen Saft mehr. Sie sorgt für ca. 20-30 Minuten dafür, dass die Computer und deren externes Gemüse am Leben bleiben, wenn die Versorgung mal wieder zusammenbricht. Was sie wie gesagt ja öfter tut, meist bei jedem kleinen Regenschauer und wenn eine kleine Brise mal zum Wind sich auswächst und kräftiger bläst.

Das wäre i. Ü. eine lohnende Tätigkeit für die Alkalden der Hauptgemeinden: Anträge in Brüssel zu stellen, damit die hiesige Stromversorgung funktioniert, anstatt Gelder für Autobahnen und Asphaltwerke einzustreichen. Irgendwann hatte ich mal gelesen, La Palma wolle elektrisch autark werden, mit Sonne und Wind und so. Mir schwant, wir landen eher irgendwann bei lokalen Lagerfeuern und/oder diesen kleinen Esbit-Dampfmaschinen; falls die noch jemand kennt.

Aus die Maus

Kein Strom, kein Telefon, kein Internet, kein Rechner. Nur Lis ihr Mac, der kann noch eine Weile. Und mein iPod, klar. Auf dem tippe ich jetzt. Für meinen Laptop hatte ich morgens das »Komplett-Entlade-Lade-Programm« angeworfen. Wie sollte ich ahnen, dass zum Zeitpunkt der vollständigen Entleerung des Accus auch die Lieferung der Ladeenergie ausfallen würde?

Wie gesagt: Aber dann zwei neue Asphaltwerke bauen wollen!

Seit Stunden jetzt fehlt also der Strom, nur weil Wind weht und Regen fällt, Dinge, die alltäglich sind. Verantwortungsvoll geht anders.

16:00 ist es jetzt. Es stürmt jetzt kräftig, dafür haben wir keinen Regen, sehen das Meer wieder – aber haben noch immer keinen Strom. Demnächst wird es dunkel…

Wer die Ausblicke nicht kennt: Man sieht normalerweise das Meer und den Roque…

16:40 Uhr. Richtig schwerer Sturm jetzt. Mit dämmert langsam, dass – wenn es jetzt dämmert – wir im Dunkeln sitzen werden. Es ist also an der Zeit, Taschenlampen zu prüfen, nach den Accus und Batterien zu schauen. Klar, und vor allem nach den Kerzen, den Feuerzeugen und Zündhölzern. Ganz sicher werden wir die brauchen.

17:13. Lis berichtet von Elga, die Besuch von Federico hatte: Fuencaliente erstickt im Schlamm, der Waldbrand fordert nochmals Tribut, die Strasse drüben ist ab Mazo gesperrt, auf der Westseite ab Jedy. Tazacorte ist überschwemmt. Es stürmt gewaltig. Der Flughafen ist seit 2 Tagen gesperrt.

Die politisch Unverantwortlichen dieser Insel soll der Teufel holen. Sie sind nicht in der Lage, für eine sichere Stromversorgung zu sorgen, aber Golfplätze und Autobahnen bauen, das soll gehen! Unwetter gibt es jedes Jahr, und immer fällt der Strom aus. Bei jedem kleinen Unwetter.

23:15. Zwölf Stunden ohne Strom! Es stürmt und schüttet in einem fort. Wir freuen uns über Elgas Holzvorrat, lang haltende Teelichter und handbetriebene Taschenlampen für 4,95€ von Aldi und Conrad. Ein Gefühl wie Weihnachten.

Heiligabend?

Es ist der 24., 11 Uhr: Jetzt sind es gut und gerne 24h ohne Strom, der Kühlschrank schützt den Braten schon längst nicht mehr, Lis hat ihn in gutem Rotwein ertränkt, auf dass er uns erhalten bleibe für den Ersten Feiertag, die Therme zündet nicht mehr, da eben ohne Strom, der Gasherd ist für alles die letzt Rettung, der Warmwassertopf kommt zu Ehren. Handtücher? Vergessen, sie sind nasser als das, was man abtrocknen möchte. Kaum Wind aber alles voller Wolken, 90% Rel. Feuchte, 20°C oder mehr, das Grass unten im Garten schießt aus dem Boden, Wahnsinn. Alles leuchtet grün.

12:30. Wir haben wieder Spannung, 175 Volt zwar nur, die USV klackert vergnügt vor sich hin. Sie weiss nicht ob sie arbeiten oder wieder schlafen soll bei der Spannung… Auch das Telefon tut wieder. Nicht aber ADSL. Nada.

17:00. Noch immer kein ADSL, das Lichtlein am Router will nicht brennen. Dafür heute Abend vielleicht viele Lichtlein: Lis dekoriert schon mal den Patio mit einer Mini-Lichterkette für den Abend. Es weht kein oder wenig Wind. Meine Festplatten spinnen oder sind sie gar kaputt? Die Wolken werden wieder dichter…

Heiligabend!

Es ist warm, ohne Wind, der kommt erst später. Wir sitzen am knackenden Feuer bei Salaten, Lachs und Körnerbrot, den geräucherten Ziegenkäse von Mercedes nicht zu vergessen, später unter Sternenhimmel – dank Lis.

25.12, Erster Feiertag

Frühstück. Wolken treiben nach wie vor von Westen heran. Selbst das rieselfähige Salz hat mittlerweile aufgegeben, es fällt nur in nassen Klümpchen aus dem vom Deckel befreiten Streuer. Der Zucker klumpt und ist mal wieder voller Ameisen. Die wollen wohl auch Weihnachten…

12:30. Die Sonne! Es gibt sie noch!

Sonne!

Alle Touristen dürfen mindestens einen Tag länger bleiben, vielleicht fliegt morgen der erste Flieger wieder. Unser Couchsurfing-Gast aus Tirol war wohl eine Glückspilzin, sie hat wahrscheinlich einen der letzten Flieger nach Tenerife erwischt, eh‘ sie die Kiste dort unten im Osten dicht gemacht haben.

Gast

Und die Telefonica bastelt auch schon am Schaltschrank oben an der Strasse, Ihr wisst schon

15:15. Wir haben wieder Internetverbindung, die Bastler der Telefonica haben es geschafft. Wenigstens bei uns hier.

Ach so: Ob das ganze nun schlimm war?

Och, weiss nicht. Hab lange nicht mehr so lange am Stück Zeitung gelesen…

Schöne und geruhsame Tage wünsch‘ ich. Und, wer’s braucht, dem wünsch‘ ich viele Strom- und Internetausfälle. Oder einfach einen Aufenthalt auf La Palma zur Winterzeit. Solange das politisch-administrative Defizit bei den Unverantwortlichen besteht und in dessen Folge all das Chaos hier. Hauptsache morgen regnet es nicht.

Nachtrag:

2009.12.25, 16:49 :: Hygrometer zeigt 68%, meine Badehose draussen ist TROCKEN!

Den gestrigen heiligen Abend genoß ich durch die Hoffnung, daß ich ihn heute am Christtage beschreiben würde: diesen genieß’ ich jetzt dadurch, daß ich mich des gestrigen Tags erinnern will.

Jean Paul, Der Jubelsenior, Appendix des Appendix oder meine Christnacht (Danke Armin!

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5 Antworten zu * Wir sind in Wolke Sieben

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  2. Reinard sagt:

    Ja, es gibt viel zu tun auf der Insel, wenn man das hier ansieht. Und es ist nahezu jedes Jahr dasselbe…

  3. Werner Ad. sagt:

    N achtrag:
    Reinard, warum zeigt Dein Blog ostereupäische Zeit an? (12°° anstatt 10°°) Bin vor Schreck fast aus dem Bett gefallen. wad

  4. Werner Ad. sagt:

    Hi Reinard, wünsche Frohes Fest gehabt zu haben.
    Zeitung hättest Du im Internet lesen müssen. Das kam immerhin eher zurück als die gedruckten Zeitungen, die es seit Montag nicht mehr gab. (elapuron.com, für alle, die Bilder von verschütteten Autos und abgerutschten Strassen, etc., lieben; eldia.es oder eben deutsch.
    Flüge waren seit Montag nicht oder nur sporadisch möglich, alles was hier Urlaub machen wollte, landete auf Teneriffa (o. G.C.?). Besonders am 23. war Totalsperre. Am 24. wurde das dann mit – soweit ich gehört habe – drei Sonderfähren (a 1000 Personen) kotzenderweise hierhergeschifft und die Wegflieger nach Tenerife. Immerhin sind seit dem 20/21. auch die Inselflüge, immerhin 12 pro Tag, teilweise komplett ausgefallen. Da hatte sich einiges angesammelt. Auch gestern am 25. kamen zumindest die frühen Maschinen aus D (HH und früher) noch auf Teneriffa an und wurden dann am späten Nachmittag per S-Fähre hier angeschwommen.
    Heute kommt „unser“ Regierungspräsident der gesamtem Kanaren zum Katastrophengucken und beileidigen Händeschütteln. Ob der auch wieder Versprechungen machen wird, auf die man bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag wird warten müssen?? Es gibt Palmeros, besonders in Fuencaliente, die denken daran, ihn mit der Guataca zu verprügeln.
    In diesem Sinne und auf dass das Hygrometer unter 65% bleibt und sich im Schlaffzimmer wieder was rührt:
    Die Demo heute bitte nicht vergessen – 17°°, kann Euch auch abholen – anrufen. Werner

  5. H.u.G.Bortenlänger sagt:

    Wir erlebten vor vielen Jahren einen 4 wöchigen Zyklon im Ind.Ozean.Der Strohm fiel nur 2 Tage aus,dafür wurden die Wasserleitungen teilweise weggespült,also kein Wasser aus derLeitung.Wäsche und Nahrungsmittel schimmelten,der Geruch war grausig.Wir hatten noch Glück,dass die Brauerei einen Brunnen hatte der dann nach einigen Tagen aktiviert werden konnte.Aber wie heisst es so schön,nach jedem Regen scheint auch
    wieder die Sonne!!!
    In diesem Sinne,Grüsse aus dem verregneten Senden
    Heidi u.Wack

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