* Europa2010: 7. Tag, Charzykowi – Gizycko

Den Kampf gegen die Mücken gestern Nacht habe ich gewonnen. Ich habe die Fenster geschlossen, solang ich Licht hatte. Das half ungemein… Heute Morgen kein einziger Stich. Dafür aber mal wieder kein brauchbares Frühstück und kein Bad im See. Lis fand keine Stelle, wo man das Schilf hätte durchdringen können. So fuhren wir eben nur geduscht…

Unsere Fahrt gen Osten führte uns u.a. durch Grudziądz (Graudenz) und Iława (Deutsch Eylau). Interessant wäre es durchaus gewesen, dort auszusteigen und herum zu gehen. Alleine die Hitze… So müssen eben Wikipedia & Co. weiterhelfen.

Die Feste Boyen (offizielle Seite und in Wikipedia) in Giżycko (Lötzen) allerdings, die werden w2ir uns morgen früh ansehen, ehe wir den letzen Abschnitt der ersten Etappe nach Vilnius angehen.

Dauerwellen

Nein, Lis war nicht beim Friseur. Unser Drang, immer möglichst die kleinen und kleinsten Nebenstrassen zu fahren, bringt uns zuweilen Überraschungen, Irrwege und zwingt auch zuweilen zu ergiebigen Holperfahrten. Erinnerungen an Rumänien etc. kommen dabei hoch, wenn man so durchgeschüttelt wird. Umkehren ist zuweilen die einzige Möglichkeit, weiter zu kommen. Wer den Track genau betrachtet wird sich zuweilen wundern.

Hilfreich war, dass Samstag ist und wir grösstenteils gegen den Strom fuhren. Die polnische Prozession lief uns entgegen: Alle wollen ans Meer, wir nicht. Aber die polnische Art, andere Autofahrer auszubremsen, haben wir auch heute wieder genossen. Da bleiben Unfälle nicht aus; wir blieben verschont. »Die Polen« gehören nach meinen Beobachtungen ganz sicher zu den ungehobeltsten Autofahrern Europas. Ihre Fahrweise hat zuweilen etwas Grobschlächtiges, Brutales an sich. Und die meisten Unfälle erlebten wir bisher auch auf polnischen Strassen; so wie heute die beiden zusammengeschobenen PKWs auf übersichtlicher Kreuzung, brutal gerammt der vordere. Da helfen alle Warnschilder und Hinweise nichts: Sie rasen, überholen an den unübersichtlichsten Stellen, scheren ein und bremsen einen ggf. eben aus.

Schilder!

Da ich gerade bei Schildern bin. Polen ist wohl mit Abstand das mit mit Schildern und Plakaten am meisten zugekleisterte Land Europas. Einerseits waltet dabei bemerkenswerte Fantasie. Andererseits spürt man aber das Fehlen jeden Gespürs für Ästhetik. Das sie das nicht stört bzw. ihnen nicht auffällt muss die gleiche Ursache haben wie die Tatsache, dass Verkehrszeichen keine Wirkung zeigen, egal wie gross, beleuchtet oder mehrfach aufgestellt sie den Schilderwald vergrössern.

Dennoch…

…die beschauliche Fahrt auf den Nebenstrassen entschädigt dann doch wieder durch wunderschöne Landschaft, Alleen, Feldraine mit überreicher Gräser- und Blumenpracht und durch die wegen des Lichterspiels in den Wäldern eben unsichtbaren Schlaglöcher und Bodenwellen. Oder so gesagt: Wir können solche Fahrten nicht empfehlen. Es sei denn, jemand mag das…

Erschreckend die Veränderungen mancher Strassen: Was einst trauliches Schaukeln durch die Landschaft war, ist heute Kampf gegen gigantische Baustellen, Umleitungen, Ampelstops und eben andere Autofahrer, deren Zahl ebenso zugenommen hat wie die PS-Zahl der Nobeldroschken. Kaum noch der schnuckelige Fiat 500 oder gar Trabant. Es muss schon was Hochhackigeres sein, auch in Polen…

Sozialistischer Barock…

…erwartete uns hier im Hotel in Gizycko, das noch gerade ein Zimmer für uns frei hatte. In allen vorigen Orten war alles belegt; nebenbei gesagt war’s auch nicht unbedingt für unseren Geldbeutel. Die Gutshäuser und Burgen, über deren ursprüngliche Besitzer man ja gern und begründet schimpfen konnte (ostelbische Junker etc.), werden heute von Menschen bevölkert, deren kultureller Hintergrund nicht eben höher scheint; nur sind sie heutzutage Gäste, nicht Besitzer.

Gut, unsere Zimmerausstattung und die Häuser selbst haben nur zum Teil eine Auffrischung erfahren und vermitteln uns so den ungebremsten zarten Schmelz der letzen 60, 70 Jahre. Aber wir geniessen die kühlen Räume und die Dusche, die – voll auf »heiss« gedreht – angenehme Kühlung spendet.

Bilder gibt’s später…

…wenn wir morgen Vilnius erreichen und etwas Ruhe und Besinnung einkehrt. Und vielleicht bitte die Temperatur auf ein menschliches Niveau sinkt. Ich werde jetzt versuchen, dem lautstarken Festen der geschlossenen Gesellschaft, die singt und tanzt (Marina, Marina, Marina…) meinen starken Willen zum Schlafenwollen entgegensetzen.


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3 Antworten auf * Europa2010: 7. Tag, Charzykowi – Gizycko

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  3. Günther Schäfer sagt:

    Irgend etwas hat mich immer abgehalten, nach Polen bzw. nach Polen in den Urlaub zu fahren. Nicht nur die Angst, meinen Daimler nicht mehr vorzufinden, sondern jetzt erst recht, die Angst vor dieser Art des Autorowdytums. Reinard, danke – das brauche ich nicht. Lieber fahre ich in andere Länder.

    Grüße Günther

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