* Europa2010: 28. Tag, Võru – Raudondvaris

Sonntag, 01.08.2010, 13:34:35 :: Raudondvaris, Countryside Cottage

Wir sind gestern Abend wieder in Raudondvaris gelandet, am Ende einer erlebnisreichen und teilweise wirklich strapaziösen Fahrt. Die letzten, z.T. immer wieder aufgekratzten Mücken- und vor allem Bremsenstiche erinnern vor allem an Letzteres, die Bilder mehr an das Angenehme…

Drei Staaten an einem Tag…

…das geht in Europa nicht an jeder beliebigen Stelle. Hier oben im Baltikum geht das: Von Estland, durch Lettlands Osten nach Litauen, gerade mal 450 km. Die elektrischen Fensterheber hatten, wie fast alle Tage zuvor, ständigen Einsatz; da war der Regen das wenigste. Die Sandpisten sind’s, wenn ein dreister VIP-Kutscher überholt oder – häufiger – wenn einer entgegen kommt. Dann ziehen die Karossen immer diese unvergleichlich feinen Staubschwaden hinter sich her, die sich dann bei Windstelle fast kilometerweit nicht verziehen wollen. Scheiben hoch, rechtzeitig, wenn möglich, Lüftung auf Umluft schalten; alles mittlerweile Routine geworden. Anfassen mag man hinterher fast kein Teil ausserhalb des Wagens.

Aber richtig fies werden die Pisten erst, wenn noch die kleinen Bodenwellen dazu kommen (»Minipli« nenn‘ ich sie), man schleicht dann, es wird zur Qual, wie das Auto schäppert.

So klein diese drei Länder sind…

…so unterschiedlich sind sie. Während wir uns auf Saaremaa ja noch mit Ülle Purga über den albanischen Müll unterhielten, ist Müll in Estland wirklich kein Problem: Strände sauber, selbst – wie in Võru – wenn bis in die schon hellen Morgenstunden gefeiert wurde. Mülleimer überall, die auch nicht überquellen. Die Lokale und Kiosks schenken meist nur in Gläsern aus.

Tja. Fast. Bis auf die Strecke entlang des Peipsi järv, des Peipussees. Über diesen Riesensee muss ich noch gesondert schwärmen mit seinen Ufern,

…Flussmündungen…

…und Dörfchen. Und Kirchlein.

Und Herrenhäusern.

Und Geschichten. Und, und, und…

Und nicht zuletzt den teils unaussprechlichen Namen.

Aber die Sache mit dem Müll, die existiert trotzdem.

Müll so entsorgt ist selten in Estland

Es ist einfach auffällig, ein abschliessendes Urteil aber sicher nicht zulässig. Das ist eine nahezu rein russisches Siedlungs- und wohl auch Urlaubsgebiet. Russische Schilder, Speisekarten, Laute.

Ansonsten schein uns Estland, trotz seines hohen russischen Bevölkerungsanteils die geringsten Probleme zu haben. Aufgeräumt, gut organisiert, eine Infrastruktur, die es einem fast überall erlaubt, einzukaufen oder in einem Bistro/Kiosk etwas zu trinken und die Toilette zu benutzen; unschätzbar, wenn man mit Kleinwagen von Unterkunft zu Unterkunft unterwegs ist.

Internet-Infrastruktur

Die ist nun wahrlich ein Phänomen und eine besondere Erwähnung wert. Wir würden wohl kein Hotel, kein Café und kein Restaurant finden in Estland, das keinen Internetanschluss hätte, meinte unsere Bekannter in Pärnu siegesgewiss lächeld. Und recht hat er. Selbst im kleinsten 100-Seelen-Dorf am Peipussee findet sich wenigstens ein i-Punkt mit Internet; dass zuweilen sogar noch ein Capucchino angeboten wird ist überhaupt nicht verwunderlich.

Daneben werden auch immer lokal hergestellte Handarbeiten u.a. angeboten;

dass wir auf La Palma diese wunderbar bunten Socken, Handschuhe und Mützen nicht so sehr brauchen, ist einerseits schön aber auch schade.

Selbstgefälliges Deutschland

Deutschland, diese selbstgefällige Wiege der Kultur und des technischen Wissens, auf das es seine Zukunft meint bauen zu können, wäre gut beraten, sich an diesem kleinen Land am Ende der EU-Welt ein Beispiel zu nehmen. Kein Flughafen, kein Bahnhof und meinst kein gastronomischer Betrieb, wo man nicht auf komplizierteste Weise abgezockt wird, nur um mal schnell seine Email zu prüfen, etwas zur aktuellen Route oder zum Standort nachzuschlagen.

Sie, die Esten, hätten viel und ausgiebig über Griechenland und ihre eigene Lage diskutiert. Sie hätten sich entschieden, nicht zu streiken, sondern sich durchzubeissen, meinte er, wie immer selbstsicher lächelnd. Nach den Tagen in Estland können wir nur sagen, irgendwie macht dieses Land etwas anders, richtiger – wenn die Steigerung mal erlaubt ist. Denn die Selbstverständlichkeit der Internetstruktur ist nur eine Ausprägung eines sehr positiven Lebensgefühls, das man spürt.

Võru hatten wir bei leicht bewölktem aber noch strahlendem Himmel verlassen;

es versprach, ein Tag wie »jeder andere« zu werden: Schwül, heiss, gegen Nachmittag unerträglich und klebrig.

Doch es kam anders. Irgendwann begann es sich von Süden her zuzuziehen;

es sah aus wie nahendes Gewitter und es wurde auch eins – bis Zarasai, wo wir dann bei einer Freundin kurz Station machten, mit den beiden Kinderns spielen und zhu Abend assen. Draussen ging ein Schauer nach dem anderen runter, nachlassende Tendenz.

Rückfahrt im Unwetter

Wer da nun ein Einsehen hatte, das bliebe zu klären. Jedenfalls erreichten uns die Unwetter am letzten Reisetag, an dem eh‘ nicht mehr sooooo viel anstand. Die Daugavamäander hätten wir uns allerdings zu gerne angesehen. Aluksne passierten wir noch bei grühender Sonne, flohen die Innenstadt, geschmückt mit reichhaltigem Flaggenmaterial, die zu einem Fest gesperrt war und in die die ansässige Bevölkerung in Scharen pilgerte. In Rezekne liefen wir bei Gewitter und Platzregen ein.

Zum Heiraten war dies nicht der richtige Zeitpunkt. Braut nass.

Beide Städte passierten wir wiederum ohne näheres Umschauen.

Kurz vor Raudondvaris dann…

…malten Gewitter, Nebel und Sonne dann noch ein dramatisches Landschaftsstück.

27. Tag

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