* Europa2010: 44. Tag, Raudondvaris – Bielsk Podlaski

Dienstag, 17.08.2010, 23:37:11 :: Zamość (Polen) :: Freitag, 20.08.2010, 13:04:58 :: Khmelnitskyi fertig gestellt

On the road again

Seit Montag sind wir auf der 3. Etappe unserer Europatour. Verlassen haben wir das alte Holzhaus, dessen Wohneinheiten sich mehrere Familien teilen, of verteilt auf mehrere Eingänge an unterschiedlichen Enden. Die Auflösungserscheinungen und die Hilflosigkeit gegenüber dem verbliebenen ehemaligen »Volkseigentum«, dessen Sahnestückchen sich die korrupten ehemaligen Funktionäre unter den Nagel gerissen haben, sie sind immer noch greifbare Realität. Was wir »im Westen« als unsägliche Armut, als unzumutbar, betrachten, das ist hier Alltag, normal, wohl auf lange Zeit unveränderbar.

Es geht jetzt nach Polen, in die Ukraine, nach Rumänien in die Karpaten, nach Moldawien, nochmals in die Ukraine nach Odessa und weiter durch Rumänien und Bulgarien nach Mazedonien und in den Kosowo. Von dort geht es nach Montenegro wo wir uns dann am Mittelmeer erst mal wieder ausruhen wollen. Das ist die Planung, mal sehen wie’s kommt.

Gestern also fuhren wir von Raudondvaris durch Südlitauen nach Polen. Białystok war unserer Ziel, wo wir uns mit einer polnischen Couchsurferin treffen wollten; das hatte ich im Winter auf La Palma mit ihr so verabredet. Sie war als Erasmus-Studentin auf den Kanaren. So hatte ich sie kennen gelernt. Nur: Meine Email-Akündigung blieb nun ohne Antwort. So fuhren wir weiter, bis wir in Bielsk Podlaski wenigstens ein Hotel fanden. Und nicht das schlechteste.

Couchsurfing ist wohl einfach nichts…

…für uns, denn wieder waren alle Versuche bisher erfolglos. Aber darüber ein andermal ausführlicher. Es war i.Ü. hoffentlich der letzte derart heisse Tag. Wir haben sie gründlich satt, diese Hitze. Die Fahrt durch Litauen und Ostpolen nach Süden ist immer wieder schön und erholsam.

Man kann sich noch mal von See zu See baden, bestaunt immer und zum x-ten mal wieder diese weite Landschaft, die endlosen Wälder, geniesst den sehr dünnen Verkehr auf den meisten Strecken,…

…wenn man die »Mörderstrecken« aus Vilnius heraus und dann wieder in Polen ausnimmt.

Bialistok versinkt nach wie vor in Baustellen gigantischen Ausmasses; aber einiges wird doch fertig mit den Jahren…

Sie nerven, aber es gibt keine wirklichen Alternativen, das Strassennetz ist sehr weit geknüpft im Osten Polens. Und die rasenden Polen, rücksichtslos, was Einhalten von Verkehrsregeln (vor allem Geschwindigkeitsbeschränkungen) angeht erfordern hohe Konzentration. Die vielen symbolischen Bestattungsstellen am Strassenrand lassen sehr daran zweifeln, dass die Raserei immer gut geht; oft ist dann wohl auch noch Alkohol im Spiel. Jedenfalls: Weder die Holzhammermethode mit den Schilderwäldern, der »Kamera-Radar« noch die teilweise dichten Polizeikontrollen helfen da.

Und die letzten Cepelinai auf litauischem Boden verdrücken; so einem die Hitze nicht den Hals zuschnürt.

Wirbelstürme…

…sind mittlerweile auch in diesen Breiten keine unbekannte Grösse mehr: In den letzten Tagen zog einer quer durch Litauen und verwüstete auf seiner Bahn nahezu alles, was er fand, selbst in Kaunas fällte er wohl einen über 100 Jahre alten Eichenwald. Was uns so an der Strasse zu Gesicht kam war teilweise wirklich schaurig.

Die meisten Storchennester sind schon leer, die Kinder bevölkern mit den Eltern die abgeernteten Felder und Wiesesn, fressen sich voll für ihren langen weg in den Süden. Ganz wenige noch stehen, sich zierend und unglücklich die Flügel schwingend, auf dem Nestrand. Es ist Herbst, Mitte August. Der erste Nebel am Morgen ist ein untrügliches Zeichen. Die Wehmut befällt die Litauer, wenn sie daran denken, wie kurz doch der Sommer ist. Und wie lange der Winter, der kommt.

Tabak und Mais…

…stehen noch auf den Feldern, der Mais mickrig weil zu wenig Wasser.

Die Grenzstationen der Litauer und Polen stehen hilfloser denn je in der Landschaft. Was sich ändert: Die Ortsschilder und Wegweiser wechseln die Farbe von blau nach grün, die Namen und Beschriftungen wechseln ins Polnische, die bewirtschafteten Flächen nehmen zu. Was gleich bleibt: Die Armut, die Holzhäuser, die Leere und Weite der Landschaft, die mittlerweile hügeliger aber nach wie vor voller Seen und Teiche ist, zwischen denen man hindurchfährt. Das Gefühl, dass man nicht in Europa ist. Und doch sagt einem das grosse Schild in Suchowola, dass hier der Mittelpunkt Europas sei; aber das hatten wir ja nun zur Genüge

…und Kirchen…

…und Wegkreuze und Gedanken zum gerade tobenden Kampf um den Standort eins simplen Holzkreuzes in Warschau. Es war ja gerade Mariä Himmelfahrt. Entsprechend geschmückt die Wegkreuze (die wir mittlerweile nicht mehr fotografieren…). Religiosität nimmt zuweilen doch groteske Züge an: Auch die Diskrepanz zwischen z.T. prunkvollen Kirchen in ärmsten Bauernorten,

Dörflein oft nur und voller baulicher und struktureller Gegensätze, zeigt, wie verbogen die Wahrnehmung ist von arm und reich und deren Ursachen.

Aber das beschränkt sich ja nicht auf das römisch-katholische Polen; in der Ukraine erscheint es noch krasser, die ersten orthodoxen Kirchen finden sich bereits hier in Ostpolen.

Europa – Trennung von Kirche und Staat, ein Ammenmärchen.

Picasa

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2 Antworten auf * Europa2010: 44. Tag, Raudondvaris – Bielsk Podlaski

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  2. Günther Schäfer sagt:

    Mit einem Jugendorchester in Zamosc hat unsere Schule in Michelbach jährlich einen Musikeraustausch. Was der dt. begleitende Kollege immer erzählte, deckt sich mit deinen Eindrücken. Arm aber sehr herzlich !
    Auch hier ist der Herbst mit nicht nur kühlen, sonder kalten Tagen eingekehrt. Darüber teuschen ein paar weitere warme Tage nicht hinweg. Den Sommer kann man nun „knicken“ wie die Jugendlichen sagen würden.

    Weiterhin sichere Fahrt Günther

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