* Europa2010: 59. Tag, Varna – Sliven

Dienstag, 31.08.2010

Dienstag, 31.08.2010, 23:37:40 :: Sliwen, Hotel Sportpalace

Der letzte Tag im August: Sommer ade? Nein, weit gefehlt, das war wohl der heisseste Tag überhaupt bisher, auch wenn wir dann abends Sturm und Regen hatten und mich fror… Aber gemach, der Reihe nach. Und – das ist unser spezieller Service – alles in lateinischem geschriebenem Deutsch, nicht Kyrillisch, womit wir, speziell Lis, uns wieder rumschlagen müssen.

Hotelzimmer in Varna…

…und der Bahnhof

Ein Kloster…

…pro Tag sollte es schon sein, wenn man durch Rumänien und Bulgarien reist. Und so war an diesem Morgen das Kloster Aladscha, das Felsenkloster nördlich von Varna auf dem Plan. Es ist schwül heiss, es braucht fast die Sonne nicht, um einem die Frühstücksäfte aus den Poren zu treiben.

Die Frage, ob man alles gesehen haben muss, wenn man schon in der Nähe ist, stellt sich an diesem Morgen dringend: Viele Touristenbusse sind unterwegs, es geht von Varna aus durch die nördlichen Touristensammelstellen, die da u.a. »Goldstrand« heissen, Hurghada im reduzierten Format, jedenfalls in GoogleEarth betrachtet. Nach 18 km und ein paar Serpentinen ist man auf dem Pauschaltouristenwunderlandparkplatz vor dem Zugang zu dem zweifellos interessanten Baudenkmal frühchristlichen Mönchtums: Eine in die Steinwand des hohen Kalkfelsens gehauene Klosteranlage, versehen mit wuchernden gesicherten Eisentreppen, Geländern, Drahtgittern; damit keiner runterfallen kann. Gut, aber dem ursprünglichen Eindruck tut das natürlich nicht gut. Ebenso wenig die wohl seit Jahrzehnten ungehemmte Kritzel- und Ritzwut der Besucher, die letzte Reste der Fresken und ursprünglichen Inschriften »aufwerten«. Hier hat ganz sicher staatliche Kulturhoheit kräftig versagt; und, da Bulgarien zu Recht stolz auf seine Altertümer ist, ganz unverständlicherweise.

Die Antwort auf die Frage,…

eingangs gestellt, ob man denn alles gesehen haben muss, was auf der Route liegt, ist also mal wieder ein überzeugtes »ja eigentlich schon«. Denn warum soll man sich durch den Massentourismus wichtige Kulturgüter verleiden lassen; die Wege des frühen Christentum liefen nun mal nicht über Rom.

Bulgarischer Nationalheld

Den Herrn hatten wir vor vier Jahren links liegen gelassen; man kann nicht alles – Ihr wisst schon. Diesmal aber lag er „>so dicht am Weg, dass wir vorbeisehen mussten beim Reiter von Madara.

In extremster Mittagshitze geht es ab kioskbewehrtem Parkplatz über 300 Stufen…

…nach oben zur meteora-ähnlichen Felswand, wo der Reiter in 23 Meter Höhe als lebensgrosses Relief auf uns herunterschaut.

Die weiteren Stationen dieses kulturellen Zentrums streifen wir beim Nachuntenschlendern auf den Wegen im kühleren Wald. Ein Hauch von Delfi verspüren wir. Irgendwie fühlt man unwillkürlich, dass derartige Naturwunder die Menschen einnehmen, zu mystischen Gedanken verleiten.

Den Kiosk nutzen wir hernach ausgiebig: Schaschlik, Pommes, Eis und Wasser, Wasser, Wasser… Und wie gesagt: Wer’s Kyrillisch lieber mag, kann sich hier einlesen.

Ein weiteres Naturwunder…

…lag zuvor direkt am Weg, Probiti Kamani, der Steinwald. Und dort kann man neben dem bizarren Naturwunder der Kalksäulen auch gleich seine negative Energie loswerden. Wer also esoterisch angelegt ist, ist hier richtig: auf einem mehrere Quadratkilometer grossen Sandgelände stehen Kalkfelsen in Massen herum, wan meint wirklich, durch einen versteinerten Wald am weissen Strand von Esoteriko zu wandeln. Die Entstehung der Säulen scheint immer noch nicht vollständig geklärt. Und wo Theorien aufeinander stossen, da ist eben auch der Glaube nicht weit…

…und der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. So ist das.

Nach dreifacher kultureller Betätigung…

…in dieser unsäglichen Hitze war uns nach air conditioning zumute, das Verlangen nach einer Bleibe war ganz stark um nicht zu sagen, vorherrschend. Aber vor jedes Ziel haben die Götter bekanntlich den Schweiss gesetzt, die Arbeit oder eben auch – den Horror.

Ok., ein paar landschaftlich und sonstwie liebliche bis interessante Blicke gab’s schon – bis es richtig los ging.

Architektur und Senfle, zwei Gegensätze…

… – noch.

Ein Horrortrip durch die Berge…

…unangekündigt, unerwartet und nicht ahnbar brachte völlig neue Erkenntnisse über bulgarische Strassen, deren Einträge und Qualität in Landkarten, auch den aktuellen des ADAC. Und über Schlaglöcher und das zur achsbruchfreien Befahrung erforderliche minimale Verhältnis zwischen Asphaltdecke und abgrundtiefen Löchern.

Und er förderte die umfangreiche und intensive philosophische Betrachtung über den Unterschied zwischen »befahrbar« und »passierbar« und über den Tod von Strassen und dessen Etappen. All das ward uns bescheret auf einer Passtrasse, die als einziger Hauptverkehrsweg jedwede Landkarte der Gegend schmückt.

Das nahezu völlige Fehlen von Dörfern auf der Strecke über den 850 Meter hohen Pass und danach durch Wald und Feld,…

…das plötzliche sporadische Aufleuchten der Ölkontrolllampe und der Gedanke, ob der ADAC uns wohl finden würde, hier im Niemandsland zwischen Veliki Preslav und Šumen.

Link:

Viliki Preslav bei Google

Doch Renault hatte vorgesorgt: Senfle hat diese Tortur überstanden. Und wir auch. Man fragt sich nach derartigen Aufregungen immer wieder, warum man nicht mal die richtig dicken Schlaglöcher abgelichtet hat. Tja, da scheint der Stress dafür zu sorgen…

Schumen dann war uns nicht sonderlich wohl gesonnen, ein Hotel liess sich nicht finden.

Mittlerweile goss es (wovor wir in den Bergen verschont blieben).

Erst in Sliwen, schon im Dunkeln fuhr dann ein Taxifahrer für drei Leu (1,50€) vor uns her, um uns zum Hotel Sportpalace zu geleiten, raunend, falls uns das zu teuer sei, er wisse was Günstigeres.

Aber wir waren angetan von diesem Superkomplex, zumindest was Preis und Leistung anging:

90 Leu, also 45€ für Zimmer und Frühstück, letztes bulgarisch, ersteres mit Internet und allem Komfort. Sportanlagen jeder Art und Grösse,

Stützpunkt der Ralley rund um Sliven, voller rauchender, biertrinkender Outdoor-Sportler, vermutlich eben die Ralleyvorhut, überall Flachbildschirme mit den catwalk gehenden Unterwäschemädels und schlechter Musik – ein Traum für jeden Urlauber, der sonst schon alles gesehen und genossen hat. Ehrlich: Im Speisesaal riecht es wie im Autohaus unseres Vertrauens.

Jedenfalls: Erschöpft und glücklich und daher geschlafen gut.

Picasa

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Eine Antwort auf * Europa2010: 59. Tag, Varna – Sliven

  1. Günther Schäfer sagt:

    Wow, ein Wahnsinn diese Gegensätze. Wahrlich gut, dass euch auf dieser Piste, genannt Straße, nicht der Regen überrascht hat. Einen Traktor zum Rausziehen aus dem Graben hättet ihr sicherlich nicht gefunden.

    Grüße von Günther

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