* Europa2010: 63. Tag, Burrel – Shkodra

Samstag, 04.09.2010

Samstag, 04.09.2010, 21:36:17 :: Shkodra, Hotel Grand Hotel Europa *****

Es regnet!

Gestern Abend fielen die ersten Tropfen, kurz nachdem ich meinen Abendspaziergang zur Erkundung des kleinstädtischen Abendverhaltens in Burrel beendet hatte. Und heute Morgen war das nicht anders als anderswo, wenn’s regnet: Die meisten gingen unterm Regenschirm ihren samstäglichen Verrichtungen nach. Zuweilen schreitet aber auch ein Albaner flotten Schritts entlang, gefolgt in gehörigem Abstand von seiner Frau mit weissem Kopftuch, nach albanischer Art lässig gebunden, die verzweifelt versucht, Schritt zu halten mit ihrem Herrn und Gebieter. Welche Gegensätze!

Wir hatten das Glück, dass sich gleich neben dem Hotel die »Pasticeri Greke Jonida« mit Café befindet. Dort erhalten wir in gewohnt herzlicher Art unseren Espresso Latte und je einen Crêpe. Die Inhaberin (!) war 19 Jahre in Griechenland, was maches erhellt und was sie uns in perfektem Englisch mitteilt, nachdem sie Lis ein traditionelles Mandelpräsent überreicht hatte; das gibt’s in Griechenland zu mancherlei Anlässen wie Taufe oder Hochzeit für jeden Gast.

Per Handschlag werden wir nach Begleichung der Zeche (3,90 € für 2 Crêpes und 4 Kaffees) entlassen, es ist nicht zu fassen.

Danach versuchten wir uns noch im Internetshop, zu dem uns ein Barbesitzer führt, den wir danach fragen. Auch er verabschiedet sich mit Handschlag. Geführt wir das Computerstudio von einem alten Herrn, tatkräftig unterstützt wohl vom Enkel und seinen Freunden, die uns in bestem Englisch erklären wollen, wie man ins Internet kommt. Das gelang mir auch alleine. Indes: Mangels Passwort komme ich nicht an meine Emails. Und auch dort: Verabschiedung durch Handschlag…

Die Fahrt durch die Berge zur Hauptstrasse…

…erfolgte also im Regen. Tief, bis auf 100 Meter herab hingen die Wolken- und Nebelfahnen. Die Schlaglöcher waren gut gefüllt, die Ungewissheit, wie tief sie wohl sind, ein stetes Erlebnis. Fernsicht war nicht, aber die Ahnung war sichtbar: Albanien ist grossartig! Alles hier ist grossartig: die Natur, die Berge, die tiefen Täler, Stauseen und kiesbankgefüllten Flüsse mit ihren waghalsigen Hängebrücken. Und nicht zuletzt die Menschen mit ihrer herzlichen und immer lachenden Offenheit und Hilfsbereitschaft. Selbst die Polizisten lächeln einem zu beim Durchwinken durchs Verkehrschaos. Kein Land in Europa hat bei uns einen derartigen emotionalen Eindruck hinterlassen wie Albanien; so auch heute wieder, zum x-ten Mal. Und trotz Regen. Und trotz der kolossalen (nicht grossartigen) Müllmengen, ja -bergen, die sich nach wie vor überall ausbreiten wie die Pest, an Strassenrändern, im freien Gelände, ja selbst in den Strassen von Dörfern und Städten. Und sie wissen es selbst, blicken betreten, wenn man darauf kommt. Aber ändern? Wann? Wer? Wie?

Wir wollten eigentlich weiter. Montenegro sollte es eigentlich werden. Aber im Regen? Wir kurvten durch Shkodra, suchen ein Hotel, um besseres Wetter abzuwarten. Und fanden das Grand Hotel Europa, das sich redliche Mühe gibt, den fünf Sternen zu genügen, das aber wirklich nicht schafft. Dafür ist der Preis ok., die Atmosphäre am Nachmittag und Abend angenehm, auch wenn wir keine Chance bekamen, im Restaurant ein Abendessen zu bekommen. Es war wohl Fastenbrechen angesagt, das Lokal war brechend voll mit Muslimen und -innen besetzt, die eifrig feierten und assen; kein Platz für Hotelgäste… Schon den ganzen Tag rief der elektronische Muezin von der Moschee die Gläubigen, unten im Park versammelte sich gegen Sonnenuntergang eine riesige Menschenmenge, fast ausschliesslich Männer. Irgendwann waren sie alle verschwunden, der Park leer.

Da wir am frühen Nachmittag nach einem Stadtbummel bereits in einer Gartenkneipe Salat und Fleischliches zu uns genommen hatten, nahmen wir am Abend mit einer Dose Erdnüsse aus dem Auto, Capucchino und Eisbecher vorlieb und liessen am Ende der Festivität die ganze Gesellschaft der Herren (sie kamen zuerst die Treppe herab) und hernach der festlich gekleideten Damen an uns vorüber defilieren; Sozialstudie zur albanischen Mittelschicht aus erster Hand…

Picasa

Links:

Dieser Beitrag wurde unter EST, Europa, Foto, LT, LV, Reisen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar