* Europa2010: 62. Tag, Skopje – Burrel (Albanien)

Freitag, 03.09.2010

Freitag, 03.09.2010, 20:24:47 :: Burrel (Albanien), Hotel Skura

Was eine Riesenpizza mit Kosowo…

…zu tun hat? Sehr viel, wie der heutige Tag zeigt. Denn hätte Lis gestern Abend nicht in Unkenntnis der wahren Grösse dieser Teile zwei dieser Wagenräder bestellt, von denen je zwei Drittel in den Müll wanderten, dann – ja dann wären wir heute Abend nicht in Burrel in den Albanischen Bergen. Dort – nein, ich greife vor. Also:

Wir haben heute Morgen bestens und in angenehmer Atmosphäre gefrühstückt, haben eine Griechin am Nebentisch irritiert, weil ich »orea!« sagte und sie hernach nicht sicher war, ob ich nun alles verstehe was sie am Telefon sagt, haben uns gegen eine erneute Altstadttour durch Skopje entschieden, haben uns vom katholischen Drohkreuz auf dem Berg nicht beeindrucken lassen und sind so früh los gekommen; die Uhrenumstellung auf deutsche Sommerzeit (ja! Mazedonien hat sie auch) hat uns dabei ebenfalls geholfen, eine Stunde früher los zu kommen. Priština und Prizren würden wir also gut schaffen. Von Skopje bis zur Grenze sind es ca. 20 km, der mazedonische Zoll ist freundlich und flink, der Kosowarische sehr freundlich. Nur: Die deutsche Grüne Versicherungskarte, sie gilt nicht im Kosowo. Bitte dort hinten Versicherung kaufen. Ich parke an der Seite, Lis marschiert los und kommt wutschnaubend zurück. Vierzig Euro wollen sie haben für zwei Tag, billigster Tarif.

So. Und die haben wir nicht mehr. Die Pizzas hatten 14 € verschlungen, von fünfzig, da waren’s nur noch 36 Batzen im Beutel. Der nächste Bankomat da vorne, ein Kilomter im Kosowo, darf nur zu Fuss – Nein, ich entscheide, wir fahren zurück. Die Zöllner beider Länder lachen und finden das ok., meist auf Deutsch wünschen sie gute Fahrt, geben Tips, wie wir am besten via Albanien nach Montenegro kommen. So viele Möglichkeiten gibt es nicht, die Strassenverhältnisse sind darüber hinaus nicht bekannt.

So platzte unser Plan endgültig. Und aus der Fahrt nach Priština und Prizren wurde nur ein kleiner morgendliche Abstecher an die Grenze zum Kosowo.

Wir entscheiden uns für eine der beiden Möglichkeiten und fahren über Tetovo, Gostivar hinein ins Gebirge, durch den Nationalpark Mavrovo und bei Debar direkt nach Albanien und wählen dann eine Strecke, die wir noch nicht kennen, eben die nach Burrel. Eigentlich sollte es heute schon regnen. Das hätte bedeutet, dass wir wieder bei Regen durch Kosowo gefahren wären. Aber es war nur dunstig, die Sonne war nur sporadisch zu sehen. Entsprechend duster wurden die Fotos; ohne Sonne mag die Kamera nicht so richtig, weder Farben noch Schärfe.

Die besten Bilder…

…sind aber eh‘ die, die man im Kopf hat. Das zeigt sich immer wieder, so auch heute Abend, als ich die Fotos des Tages durchsehe. Nichts oder kaum etwas von dem ist drauf, was in meinem Schädel ist. Wenn man das dann mit der Kamera umsetzen kann, dann hat man auch ein gutes Foto. Deshalb muss man eben reisen, sonst hat man nur mittelmässige Fotos anderer und keine Bilder.

Burrel liegt ca. 40 km östlich der Küstenstrasse zwischen Tirana und Shkodra im Mati-Tal. Sagt sicher kaum jemandem was, jedenfalls ist es eine wundervolle Fahrt bis dort hin; die Strassen sind nicht immer so, wie wir das als verwöhnte Nordeuropäer gewohnt sind, aber sie sind i.W. befahr- und nicht nur passierbar. Auf dieser Strasse werden wir wohl morgen über Shkodra nach Montenegro reisen und hoffentlich dann mal wieder im Mittelmeer schwimmen gehen; nach Ostsee und all dem Süsswasser in den letzten Wochen sicher eine Wohltat. Dabei fällt mir wieder ein: Wir sind noch nie im Schwarzen Meer geschwommen, haben uns das stets verkniffen, war immer irgendwie nicht so animierend.

Ich habe das anlässlich unserer früheren Fahrten durch Albanien ja schon und immer wieder geschildert: Das Land ist fantastisch. Die Landschaft gewaltig, die Menschen durchweg ausnehmend freundlich, offen und hilfsbereit. Sie lachen fast immer. Bis auf unseren Hotelier übrigens. Der muffelte herum, bis wir die zweitausend Lek (14 €) für das Zimmer aus einem Automaten geleiert hatten, obwohl unser ganzes Gepäck schon auf dem Zimmer war. Erst danach konnte sich offenbar eine gewisse Freundlichkeit abringen.

Männergesellschaft

Wir brauchten nach dem hektischen Bezug des Hotelzimmers etwas zu Essen. »Restaurant?« fragten wir Passanten, die uns, wie schon zuvor bei der der Suche nach einem Hotel, freudig in unterschiedliche Richtungen schickten. Einer wollte gar vor uns her fahren, 10 Jahre Oxford, auch Stuttgart kennt er. Aber ein Restaurant fanden wir nicht. Als wir in einem der vielen Cafés (die sich zuweilen ungeniert auch »Restaurant« nennen) fragten, kam »hungry???« zurück und nach kurzer Diskussion der Einheimischen stand einer auf und führte uns in eine Nebenstrasse. Das Etablissement aber, wohl das einzige in der Stadt, hatte geschlossen. Als wir uns zum Gehen umdrehten, blickte er glücklich auf einen Hähnchenbratstand mit einem (!) Tisch und einer hungrigen Katze und verwies uns noch glücklicher auf dieses Tischlein. Wir waren ebenfalls hinreichend glücklich: Hotelzimmer für 14 €, zwei halbe Hähnchen, Brot und zwei Tonic für 3,30 €. Meckern wäre da ungerecht. Auch das Fehlen des Internetanschlusses ist da hinnehmbar. Aber ich wollte ja zur Männergesellschaft etwas sagen.

Auf den Strassen flanieren und in den Cafés sitzen am Abend fast ausschliesslich Männer, dort wo Fussball über den Schirm flimmert, die meisten. Eben ist wohl ein Tor gefallen, die Luft ist stadtweit gefüllt vom Bocksgesang der Fans. Eine einzige junge Dame sah ich vorhin, selbst flanierend, mit zwei jungen Männern sitzen, vier Damen mittleren Alters den Gehsteig entlang spazieren. Dazu gibt es heute, Freitag Abend, einen Autoscooter auf dem Hauptplatz. Dort tummelt sich die Jugend, ausschliesslich männlich und ein Vater mit kleiner Tochter. Das war’s. Eine Gruppe Jungs sah mir wohl an, dass ich keiner der Ihrigen war. »Hello!«, »What’s your name?« und »Where are you from?« schmetterten sie mir lauthals entgegen. Was dann auf Albanisch nachkam, kam freudig und spöttisch. Und fröhlich zogen sie nach einer Kopfnuss meinerseits weiter.

Nicht so ausgeprägt findet man diese Zustände auch noch in Griechenland. Aber es weicht auf, das zeigt sich auch am frühen Abend hier in Burrel: Wer will, darf total verwestlicht über den Gehsteig stöckeln, das Niveau der Ukraine wird allerdings ganz offensichtlich nicht erreicht. Auch am Steuer der zahlreichen Autos, vorzugsweise ja Mercedes in Albanien generell, habe ich noch nie eine Frau gesehen.

Picasa

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