* Europa2010: 67. Tag, Novi Vinodolski – Cernobbio (Italien)

Mittwoch, 08.09.2010

Mittwoch, 08.09.2010, 19:44:43 :: Cernobbio/Como, Albergo Centrale***

Im Moment geht ein schweres Gewitter nieder, Sturm und Hagel, es hört sich an, als ob alles zerschlagen wird, warten wir, was mit Senfles Schiebedach passiert.

19:59:03 :: Jetzt tobt die Feuerwehr/Polizei mit Lalülala durch Cernobbio.

Ok., mittlerweile weiss ich auch, weshalb ich mich in den letzten Tagen mehr und mehr unwohl fühle: Ich bin zurück im Alten Europa, einem Europa, das mir nicht mehr gefällt, das nicht mein Europa ist, das i.Ü. auch nichts mehr vernünftig oder gar gerecht geregelt bekommt. Das fängt im Kleinen an und endet in der Grossen Politik. Woran ich das merke? Ich lese Zeitung im Internet. Im Ernst:

Je näher wir Deutschland kommen, umso mehr erkenne ich, wie eingebildet, überheblich und eigensüchtig – ja, ich empfinde es so, wie verkommen das westliche Europa ist. Waren es zunächst die Zimmerpreise in Kroatien, sind es z.B. die Hotelpreise und Zusatzkosten hier in Como: Unterste Klasse, direkt an der lauten, tobenden Uferstrasse: 120 €/Nacht, Internet extra 4 €/Stunde; das sei so in Italien, da würde man für’s Internet bezahlen. Und in der Tat: Erst das Hotel Regina Olga, 225 €/Nacht, verlangt nichts extra, unser Albergo gegenüber, 85€/Nacht, wiederum 5€/Stunde. Das Best Western Hotel Intercontinental, wahrlich keine Perle an der westlichen Hauptachse an der Stadtmauer, ohne eigene Parkplätze 125€/Nacht, für’s Parken (so man ein Plätzchen findet) muss man Groschen in die Parkuhr werfen bis 20 Uhr, ab 9 Uhr morgen früh auch wieder und Internet extra…

Das gab es auf unserer ganzen bisherigen Reise nicht und nirgends. Wir hatten vor Jahren auch den Fall, dass öffentliche Parkautomaten bemüht werden mussten. Aber da gab’s dann eben ein Gutscheinticket und alles war erledigt. Jeder Gemüsehändler in Ludwigsburg ersetzt mir meine Parkgebühren.

Und kein Hotel in gesamt Osteuropa, das Internet hatte (und danach hatten wir sie ausgesucht und fast stets Glück), verlangte für die Nutzung Gebühren. der schlimmste Fall war, dass der Anschluss auf dem Zimmer nicht funktionierte; dafür entschuldigte man sich aber. Ganz an der Spitze natürlich Estland, ich will das jetzt nicht wiederkäuen. Aber das steht generell fest: Es ist das Reiseland, wenn man preiswert, sorglos und naturnah jeden Komfort sicher gestellt haben will.

Es mag dem Einen oder Anderen übertrieben vorkommen, dass ich mich darüber auslasse oder gar ereifere. Es ist nicht die Verfügbarkeit des Internets und seine Kosten als solche, die ich bemängle. Dieses dämlich Internet ist pars pro toto, ist ein Beispiel. Wie verdaut man z.B. die Tatsache, dass ein Hartz-IV-Empfänger von weniger als zwei Übernachtungspauschalen leben muss und zwar dreissig Tage lang? Ich weiss, dass diese Masslosigkeit auch im Osten schon los geht: Das sich besonders doll findende Grandhotel Alexander in Skopje wollte 190 €/Nacht. Zum Vergleich: Das ebenbürtige Hotel in Sliven verlangte 45€/Nacht und das 5-Sterne-Teil in Shkodra 85€/Nacht; es liegt also nicht unbedingt am Land, denn vergleichbar sind Mazedonien, Bulgarien und Albanien schon. Und in die grosse Politik, dieses westerwellesche Gemerkel, will ich jetzt gar nicht eintauchen; das darf jeder wie er mag und lustig ist selbst.

Ees gibt einfach Menschen, die die guten Sitten und damit die Preise verderben, indem sie dieses abstruse Spiel unterstützen. Mit Kultur hat das meist wenig oder besser: gar nichts zu tun. Beispiel: Unsere Wirtin in Novi Vinodolski erzählte Lis nach dem Frühstück heute morgen allerhand aus ihrem Leben und die folgende Meldung aus der Zeitung von vor ein paar Tagen.

Der Russe mit dem steilen Zahn

Da mietete jemand per Email kurzerhand eins der nobelsten Hotels in Opatja (nahe Rijeka), das gesamte Haus, für einen Monat. Es erschien ein Russe in Begleitung einer jungen Dame. Den Einwand des Managers, das sei nicht möglich, denn sie hätten weit über hundert Angestellte usw. liess er sehr wohl gelten, er bezahlte alle Zimmer und die üblichen Dienstleistungen, überschüttete nach einem Monat die Angestellten mit reichlich Trinkgeld und verschwand. Ein Märchen? Könnte man denken. Nur: Alle Welt fragt sich nun, was mit diesem Hotel los ist, das offenbar »immer« leer steht. Das Hotel leidet nun erheblich unter Gästemangel, keiner traut sich da wohl mehr rein…

Ok., gefahren sind wir…

…häufig in Nebel, Wolken und Regen via Rijeka, Triest nach Como. Triest stand schon nach kurzem Wolkenbrüchlein nahezu unter Wasser: Die Gullies spuckten bereits Fontänen und die Strassen am Hafen verwandelten sich in Anlagen zur Unterbodenwäsche.

Venedig haben wir natürlich wieder diskutiert aber ebenso natürlich wieder verworfen, nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass die Wolken Trauer trugen.

Slowenien

Der Wechsel von Kroatien nach Slowenien, also zurück ins EU-Reich, verlief reibungslos durch oberflächliche Begutachtung unserer Pässe. Autopapiere interessierten nicht. So weit ist Kroatien also schon integriert. Mit Euro zu zahlen ist dort übrigens auch kein Problem (In Montenegro erst recht nicht, die haben den Euro als Währung). Er ist also noch was wert, der Euro, unsere DM-Ersatzwährung.

Darf ich noch erwähnen, dass die kleine Rastätte, die Bar DIMNICE oben in den slowenischen Bergen nicht nur guten Cappuccino sondern auch kostenloses WIFI hatte?

Der Trip auf der Autobahn (20€ bis Bergamo) ist ein ständiger Versuch, ausscherenden LKWs auszuweichen und in der Schlange mitzuhalten; sie reicht wohl, 2- bis dreispurig von Triest bis Turin, ich weiss es aber nicht genau.

Ach ja,…

…eins noch: Die 5 €/Stunde für ein Internetticket, die habe ich jetzt eben bezahlt. Sonst könntet Ihr das hier nicht lesen. 🙂

Pustekuchen

Wer mit dem Internetzugangs-Verkauf Geld verdienen will, sollte es wenigstens technisch beherrschen. Die kostenlosen Zugänge machen nie Schwierigkeiten. Jetzt sass ich eine geschlagene halbe Stunde und versuchte, den Beitrag zu veröffentlichen. Ärgerlich…

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Eine Antwort auf * Europa2010: 67. Tag, Novi Vinodolski – Cernobbio (Italien)

  1. Günther Schäfer sagt:

    Wenn du das hohe Lied auf Estland singst, so wäre das doch im nächsten Sommer, so es ihn geben sollte, ein Reiseland. Ich habe immer nur Bedenken wegen des Wetters. Allerdings war der Süden Deutschlands außer im Juli in diesem Jahr auch eine Katastrophe.
    Wenn ich dich auf dem Bild so ansehe, haben dich die vielen „Ferientage“ nicht zermürbt, trotz der Strapazen, die ihr zweifellos durchgemacht habt.

    Gruß Günther

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