Der 10. Tag: Von Czernowitz nach Khmel’nyts’kyi

Wir sind im 2., dem zungenbrecherischen, Ort des Titels –  in der Ukraine.

Wir haben dort einen jungen Mann und seine Freundin getroffen. Ihn hatte ich vor 2, 3 Monaten uebers Internet kennen gelernt. So war es auch leichter, das hotel zu buchen und einges zu verstehen, was hier wie ablaeuft. Es ist doch eine andere Welt: Die Anmeldung im Hotel, mit tausend Zettelchen, Fruehstuecksbons, Ausweiskaertchen, falls man auf der Strasse „auffaellt“ oder sonstwie nach seiner Daseinsberechtigung gefragt wird – man zeigt dann das Kaertchen und darf anwesend sein…

So zogen wir zu Viert auf den Hauptboulvard: Freitag Abend, die Luft warm, nicht heiss, die Roecke kurz aber nicht zu kurz, die Schuhe hochhackig aber noch berherrschbar zum Gehen, der Hunger und der Durst gross, das Platzangebot wie gesagt minimal im Angesicht des Ansturms. Essen: Strickte Selbstbedienung und Fastfood – aber billig, fuer uns jedenfalls: 3 Pizzas, 4 Getraenke = 5 Euros. Aber es giltwie in Polen letzes Jahr erlebt: Die meisten Menschen essen zuhause und gehen aus zum Flanieren, allenfalls was trinken, mehr ist eben nicht drin. Bierflaschen am Strassenrand und im Park zeigen, dass selbst die Getraenkepreise in den „Bars“, „Trinkgaerten“ und Restaurants zu hoch sind – neben dem Problem des mangelnden Sitzplatzangebots.

 Ein grosses Problem in den ukrainschen Staedten (wie auch z.g.T. in Rumaenien) fuer unser Gewohntsein scheint zu sein, dass die Nachfrage nach Sitzplaetzen in Restaurants deutlich hoeher ist als das Angebot. Stets steht man da, hat Hunger und Durst aber keinen freien Tisch. Das Angebot an Futter ist mehr als beschraenkt. Aber auch hier gilt: Wie man’s gewohnt ist, darf man es nicht erwarten. Auffaellig aber: Wie wenig sich hier veraendert hat in den letzten Jahren, zB. im Vergleich zu Litauen. Die waren deutlich schneller. Die Innenausstattung der Hotels beispielsweise ist nur als ruehrend zu bezeichnen. Andere Worte verbieten sich, denn es ist sauber und mit Liebe arrangiert. Der sozialistische Gang ist den Menschen aber noch voll im Blut. Darueber hatten wir in Czernowitz vor 2 Tagen auch mit zwei Dresdner Wanderfreunden diskutiert, die immer wieder ihre Beobachtungen lachend zum Besten gaben, immer darauf hinweisend, dass sie das ja alles „von frueher“ kennen und daher Verstaendnis aufbringen koennen – aber eigentlich nicht mehr wollen. Ein Laecheln zB. der Empfangsdrachen – eine schiere Unmoeglichkeit! Allenfalls das allwissende Zucken der Mundwinkel werden erkennbar. Aber wenn es an die Bedienung des Kartenlesegeraetes fuer die Visakarte geht (man kann damit tatsaechlich bezahlen, hier jedenfalls), dann sind drei Versuche angesagt, abgetippt aus handschriftlichen Handlungsanweisungen aus einem zerflederten Schulheft. Zuweilen absurd, aber Realitaet. Sie ist zu akzeptieren, so wie man sie vorfindet.

Das Restaurant beim Fruehstueck: Ein rauschender Traum aus Tuell, schwerroten Tischdecken, Volants, goldrandigen Glaesern, die keiner braucht, weil Saft gibt’s keinen. Bilder des Grauens? Nein, es ist einfach so. Auch unsere Suite, die wir fuer 2 Naechte zugeteilt bekamen, hat allenfalls den gebrochenen Charme der Vor-Fuenfziger. Pluesch ist Trumpf, 2 Zimmer, 1 Bad, 1 WC, letztere geheizt bei dieser Hitze. Ja klar: Und ein Ankleidezimmer! Alles ueberstanden, so sitzen wir hier im Internetclub.

Die Fahrt, die Staedte

In Czernowitz besuchten wir den Juedischen Friedhof, ein riesiges, verwildertes aber sehr beeindruckendes Areal. Er gilt wohl als bedeutendstes Zeitzeugnis des Judentums in diesem Teil Europas. Immerhin war Czernowitz ein sehr bedeutendes Zentrum des Judentums, neben dem Ruf als Multikulti-Stadt zu k.u.k.-Zeiten. Alles dauerte nicht lange: Der 2. Weltkrieg und die sozialistische Aera haben ein zerfallenes, marodes, fast nur bollersteingepflastertes, schlaglochuebersaetes Stadtbild hinterlassen, bis auf wenige renovierte, auch sehr schoene, Jugendstilhaeuser.

In Kotyn haben wir Lage und Habitus der dortigen Wehranlage gefunden und bestaunt – der Spaziergang in der prallen Sonne dorthin, den haben wir unterlassen. Mit einer Burg wie dieser liessen sich frueher erfolgreich ganze Taeler sperren.

In Kamianetz‘-Podil’s’kyi hingegen wurden wir nicht fuendig. Altstadt und Wehranlage waren nicht zu finden, trotz Reisefuehrer. Lediglich 2 Bruecken ueber die impossante Schlucht des dort maeandernden und die Stadt einschliessenden Flusses haben wir passiert. Wahrscheinlich die Hitze…

Die Landschaft: Weit, weit, weit, huegelig, nachlaessiger genutzt als in Rumaenien. Auch die Doerfer machen einen sorgloseren Eindruck als die meisten rumaenischen Ansiedlungen.

Strassen breit, mit Sandseitenstreifen, aehnlich wie in Litauen.

So, das war’s erst mal. Wir gehen jetzt was trinken und Lis geht shoppen…

Zu Toiletten waere noch das Eine oder Andere zu berichten – Nur so viel: Was oeffentlich zugaeglich ist, ist abscheulich. Der Rest mit Zahlenschloss verriegelt oder i.O.

 

Über reinard

Allen Neugierigen sei meine Webseite http://www.hr-schmitz.de ans Herz gelegt. Dort gibt's alles Un-/Wesentlich zu mir und über mich.
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