* Rund Europa 2011, 3. Tag: Lecco – Urbino

Dienstag, 24.05.2011, 23:08:32 :: „>Hotel La Meridiana, Urbino
Mittwoch, 20.07.2011, 14:59:10 :: Überarbeitung, Bilder :: Azalas

Wie gut, dass wir gestern solch einen schönen Tag hatten. Und dass ich ein Bild vergessen hatte, das heute für den Gag des Tages herhalten kann.

Und ewig grüsst…

…das Murmeltier. Das heisst es waren gestern drei, die uns über den Weg gelaufen sind. Sie scheinen sich um Menschen nicht zu kümmern da oben auf dem Splügenpass.

Heute hingegen…

…waren die Grüsse des Murmeltiers nicht zu zählen: Ein schlechtes Erlebnis nach dem andern – und eben immer wieder dasselbe. Doch ich greife vor. Und dazu kam, dass unsere Hauptrichtung ja Ost bzw. Süd-Ost sein würde; schlechte Karten für anständige Fotos, so en passant geschossen. Die Sonne ist einem eigentlich immer im Weg, so von vorne.

Nach einem hervorragenden Cappuccino zum Frühstück starten wir jedenfalls in Lecco sehr früh und stürzen uns in den Morgenverkehr Richtung Bérgamo.

Ziel ist der Grossraum Rimini, wo wir einige Campingplätze aus den ADAC-Empfehlungen gepickt haben. Weiterhin ist erwähnenswert, dass wir vor Jahren die obere Ecke um Ravenna, Verona und eben auch Rimini besucht hatten und uns vom Strand und was so an touristischem Zubehör angeboten wurde entsetzt abgewandt hatten; eigentlich wollte ich dort nie wieder hin. Nachdem wir aber mittlerweile die ex-jugoslawische Riviera derart oft rauf und runter gefahren sind und letztes Jahr so gar nicht begeistert waren, dachte ich: Gib Italien eine Chance. Und so kam es zur Planung, nicht die Autostrada durchzubrettern sondern »über die Dörfer« zu tingeln, wohl wissend, dass die Gegend ab Mailand und die Poebene nicht der Renner sind. Aber man kann ja seine Meinung ändern und es noch mal versuchen.

Als Quintessenz kann ich sagen: Es war grauenvoll, so dass wir auch von Piacenza, Parma, Modena und Bologna nichts weiter wissen wollten als »wie kommen wir ungeschoren drum herum oder wieder raus?«.

Alle Orte, die interessant sein könnten, sind meist durch brutale Ortsumfahrungen geschützt, die man wohl ihrerseits nur dadurch umgehen kann, indem man exzellente Ortskenntnis besitzt; mit einer normalen Strassenkarte wird man dem Problem nach heutiger Erfahrung nicht Herr.

Gut, dass die Landschaft flach, flach, platt ist, dafür können die Italiener nichts, das ist alleine dem Po geschuldet.

Aber eben die Ausstattung… Zum Beispiel scheint das Gefühl für Braun und Gelb, typische Erdfarben, altehrwürdig, verloren gegangen zu sein. Jedenfalls sind diese hier farblich daneben. Es liegt wohl vor allem an der Art der Farbe: Moderne Fassadenfarbe ist eben was anderes als Putz oder Kaseinfarbe oder wie immer unsere Altvorderen die Struktur in die Fassaden hingekriegt haben.

Aufrecht stehende Dinge…

…und so manches, was nach oben weist, scheint den Norditalienern zu imponieren. Ob winkende Heilige auf Kirchtürmen, Siegessäulen, LKW-Diebe – hier jedenfalls eine kleine Auswahl:

Schilder und Plakate

Man weiss oft nicht: Ist man in Polen oder in Italien. Es scheint hier einen inoffiziellen Wettbewerb zu geben, wer seine Landschaft am schönsten mit Plakaten verhängen kann; so es eine gibt, die man vorzeigen möchte.

Bei Rimini

Die Beschilderung trägt darüber hinaus heftig zur Verwirrung bei:

Zu klein, zu spät, die Zielorte werden beliebig ausgetauscht, fehlen plötzlich oder weisen in zwei völlig verschiedene Richtungen; möglicherweise sogar beide in die falsche – ich will das nicht ausschliessen. Dazu kommt, dass es wohl keine Verkehrsregel gibt, die die Mehrzahl der italienischen Auto- und Motorradfahrer nicht ständig und wiederholt bricht.

Nachtrag:

2011.06.20, 22:25 :: Max Frisch charakterisiert in Mein Name sei Gantenbein einen rabiaten Autofahrer als einen, der fährt wie ein Napolitaner – das Problem besteht also schon länger/immer, zumindest, seit es Autos gibt in Italien…

Poebene, Felder, Latifundien?

Was aber am Schlimmsten ist: Eine ganze Kulturlandschaft geht da den Bach runter. Die in dieser riesigen Ebene verstreuten Gutshäuser, Latifundien – sie liegen grösstenteils zerfallen, mit blinden Augenhöhlen, oft gar ausgebrannt und mit eingefallenen Dächern. Die Portale, dicht an der Strasse, von denen die langen Einfahrten ehemals zum stolzen Herrenhaus führten, sie stehen funktionslos als karge Ruinen an den Strasse, in hohem Grass und Gebüsch, oft ist der Weg nicht mehr zu erkennen, das zugehörige Haus nur noch zu erahnen. Anhalten und fotografieren ist nie möglich bei dem Verkehr.

Industrie…

…hingegen, soweit das Auge reicht.

Statt dessen ist die Ebene eine einzige zusammenhängende, untrennbar verwobene Beton- und Bauwüste; Industrieansiedlungen säumen fast ununterbrochen die Strassen und Seitenflächen, oft gerade so, dass nutzbar.

Staub, wenig Grün.

Die Orte: ohne viel Struktur, klägliche »Bars«, strukturiert mit viel Plastik, Plakaten. Die Kirchen, oft prächtig (einst), zerfallen, versteckt, von der mit LKWs vollgepferchten Strasse wie zur Seite gedrängt.

Zuweilen allerdings ist dann die Kirche doch derart beherrschend, dass man die Strasse ersichtlich um sie herum geleitet hat,…

…Anlass zu Staus mit zugehörigem ausgiebigem Gehupe. Denn was gar nicht geht: Keinen Anlass zum Hupen zu haben.

Jedenfalls: Die oberitalienischen Politiker der Lega Norte, die Oberitalien vom Rest trennen wollen, sie wohnen nicht hier sondern eher an den Lagi. Dort sind die Städtchen schöner, gemütlicher…

Und überhaupt Plakate, die grossflächigen, um auf sie noch einmal zurückzukommen: Die Restlandschaft, so sie überhaupt da und sichtbar wäre, ist damit verstellt, verhängt, zugestellt. Polen kann sich rühmen, den Weltmeistertitel im Schilder aufstellen an Italien abgegeben zu haben.

Getrieben vom Verkehr bleibt nicht einmal richtig Gelegenheit, das eine oder andere Motiv in Ruhe zu fotografieren, auch wenn es wirklich lohnenswert gewesen wäre. Im positiven Sinn. Es ist nicht vorgesehen, hier anzuhalten.

Städtereisen!

Ich bin fest davon überzeugt, dass man jeder dieser Städte – Piacenza, Parma, Reggio Nell’Emilia, Modena und was noch so kommt – je mindestens einen Tag schenken sollte: Einfliegen, mit dem Taxi zum Hotel, dann zu Fuss schlendern, kaputt nachmittags zurück zum Hotel, duschen, später fein essen usw. Und irgendwann, nach zwei, drei Tagen wieder Taxi und up, up, away: So wären sie sicher mehr als erträglich, ja sicher ihr Besuch sogar ein Gewinn.

Die Hölle hat viele Namen, z.B. …

…Rimini.

Das Reiseerlebnis steigerte sich kurz vor Rimini zum Alptraum. Der Küstenstreifen ist der Ort, mit dem insbesondere die katholische Kirche seit zweitausend Jahren allen bösen oder auch nur unangepassten Menschen droht – er ist die Hölle. Und deshalb ist auch klar, warum derart viele Menschen selbst jetzt schon, erst recht natürlich während der Hauptsaison, sich dort aufhalten (müssen). Es kann einfach nicht sein, dass sie das freiwillig tun.

Ich hatte nur einen Gedanken: Flucht

Wir suchen den Weg nach Westen, in die Berge der Marche; kurz vor Pésaro geht’s ab. Gerettet.

Und so landeten wir – was wir von der Route her eh‘ geplant hatten – in Urbino, das wir dann morgen früh in Ruhe besichtigen werden, ehe auch hier die Massen einfallen. Zuvor, auf der Suche nach einer ausgeschilderten Bleibe (die dann aber noch geschlossen hatte) erhielten wir einen ersten Eindruck, wie es auch sein kann in Italien, in den Marken. Und im Abendsonnenschein.

In der dem Hotel nahe gelegenen Pizzeria »La Nuova Cometa« (noch unterhalb von Urbino) gab’s ein einfaches aber leckeres Abendessen. Und viel Cola, das musste sein nach diesem Tag.

Picasa

Tagesleistung und Track:

  • 512;10:29;2:09;104;48.7;40.4
  • Track
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4 Antworten auf * Rund Europa 2011, 3. Tag: Lecco – Urbino

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  4. Helmut Hansen sagt:

    Lieber Reinard,

    Deine Reiseschilderungen sind sehr eindrücklich: sie geben eine atmosphärisch dichte Beschreibung all der Orte und Landschaften, die Du/Ihr besucht. Es ist ein Vergnügen, sie zu lesen…

    Dir und Liz weiterhin alles Gute und spannende Erfahrungen

    Herzliche Grüße
    Helmut

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