* Rund Europa 2011, 11. Tag: Zitsa – Lias – Filiates (Teil 2)


Mittwoch, 01.06.2011, 19:41:51 :: Filiates, Hotel Morféas
Samstag, 04.06.2011, 12:48:51 :: Miraka/Olympia

<–– Teil 1

Epirus

Eleni Gkatzogianni, Lia

Ein wesentlicher Grund, weshalb wir Epirus (Épirus, wie wir lernen durften) durchstreifen wollten, war das Bergdorf Lia (oder Lias, wie es heute ausgeschildert ist),…

…das in den Wirren des Bürgerkriegs eine sehr traurige aber typische Rolle gespielt hat. Nicholas Gage (eigentlich Nikolaos Gatzoyiannis) hat die Geschichte um den Tod seiner Mutter in diesem Dorf recherchiert und in dem Buch Eleni niedergeschrieben (s.a. hier). Sie wurde von kommunistischen Partisanen hingerichtet, weil sie ihren Kindern und anderen die Flucht aus dem Dorf ermöglicht hat um sie dadurch vor der Verschleppung zu bewahren. Eine Geschichte, die nicht nur menschlich tief beeindruckt sondern historische Einsichten vermittelt, die vielleicht gerade bei der Diskussion über die heutige Lage in Griechenland hilfreich sein könnten – es gehört immer alles zusammen; dazu an anderer Stelle dann mehr. Diese leidvolle Geschichte wurde auch verfilmt und in einer Oper gewürdigt. Man mag auf den Gedanken kommen, dass hier persönliches Leid kommerziell ausgeschlachtet wird; wer jedoch das Buch gelesen hat wird sich diese Gedanken eher nicht mehr machen.

Wir wollten also diese Bergwelt und das Dorf sehen. Nicht um eines Schauers über den Rücken willen sondern um besser zu verstehen, wie wohl die Menschen seinerzeit gelebt haben, topologisch und, dadurch geprägt, in ihrer sozialen Relation.

Aber zuvor…

…kamen wir auf dem Weg nach Lia an der Abzweigung nach Kalithea vorbei, einem kleinen Dorf, auf einem vorgeschobenen Bergrücken gelegen. Dort kehrten wir ein, was eine sehr gute Idee war. Nicht weil der Bürgermeister unsere beiden kafedes metrius übernahm, nein, unser Mittagessen war hervorragend:

Der anschliessende Rundgang durch’s Dorf zeigt: Nur alte Menschen, die Häuser meist Ferienwohnungen. Aber eine reiche und vielfältige Pflanzen und Tierwelt.

Und natürlich eine Kirche mit einer schönen handgeschnitzten Kastentüre.

Lias

Vieles dort liegt verfallen, versteckt hinter Feigengestrüpp, vieles leer, weil nur noch Ferienwohnung.

Wir suchen nicht gezielt, wir lassen einfach alles auf uns wirken.

Das einzige Hotel am Platz nimmt keine VISA-Karte, unser Geldbeutel gibt aber derzeit die nötigen Euros nicht her: Abfahrt ist angesagt.

Nachdem wir die engen Strassen hinauf und hinunter gefahren waren, hartnäckig verfolgt von einem österreichischen Ehepaar, das das Haus von Eleni suchten, ging’s eben weiter durch die Berge hinab, Richtung Igoumenitsa, nach Filiates, der Bezirkshauptstadt, zu der auch Lia gehört. Die fast schon obligatorische Schildkrötenrettung musste natürlich auch wieder sein; eine Schildkröte überlebt die Überfahrt eines PKW oder gar Lasters nicht, wenn sie gemächlich die Strasse benutzt.

Filiates durchkurvten wir erfolglos nach dem ausgeschilderten (einzigen!) Hotel. So blieb nur die Polizei, den Freund und Helfer. In der Polizeistation grübelte der junge Wachhabende sichtbar lange, was er tun sollte, zum Erklären des Weges reichte sein Englisch nicht aus. »One moment« murmelnd entferte er sich, kam nach kurzer Zeit mit dem Schlüsselbund in der Hand wieder und winkte mit grosser Geste, schwach grinsend: »Follow me«.

Er hatte sich wohl die Erlaubnis seines Chefs geholt, eilte zu seinem Privatwagen (!) und so fuhren wir, gewissermassen in polizeilicher Eskorte, den Berg hinauf. Und da stand es in der bereits zum Untergang ansetzenden Sonne, das einzige Hotel von Filiates. Und mit bester Aussicht.

Nach heftigem efcharisto poli und tipota rauschte er ab und Lis betrat die leere Hotelhalle, schwach und dann lauter rufend. Schliesslich erschien ein verschlafene, sich noch zurecht zupfende junge Frau, missmutig – wir hatten sie wohl aus der Siesta gerissen. Sie telefonierte mit dem Chef, richtete dann ein Zimmer und hierdurch endgültig aufgewacht wurde sie richtig agil: Zu trinken? »Anything else?« in bestem fliessendem Englisch.

Später am Abend dann stellte sich heraus, dass sie aus Rumänien stammt, Transsylvanien, in London, Korfu und sonstwo gearbeitet hat und in Athen wegen der Abweisung tatschender Männer rausflog; in Filiates tatscht keiner.

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4 Antworten auf * Rund Europa 2011, 11. Tag: Zitsa – Lias – Filiates (Teil 2)

  1. Helmut Hansen sagt:

    Lieber Rainer,

    eines meiner Lieblingszitate lautet: „Die Welt endet nicht am Rand, es ist der Rand, der sie enträtselt.“ Dies schrieb Joseph Brodsky über den westindischen Dichter Derek Walcott. Er war der Meinung, Columbus habe die Inseln entdeckt, die Briten haetten sie kolonisiert, doch Walcott, so Brodsky, haette sie unsterblich gemacht, indem er diesem peripheren Ort poetische Realität verlieh..
    Mittlerweile habe viele Autoren sich dieses Motto zu eigen gemacht, insbesondere jene, die den RAND EUROPA’s bereisen. Deine poetischen Fotos haben mich daran erinnert…Es gab 2006 eine entsprechende Fotoausstellung mit dem Titel: „Auf den Territorien der Müdigkeit“

    Euch weiterhin eine interessante und erfuellte Reise.

    Herzliche Gruesse
    Helmut

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  3. Erich sagt:

    Wenn ich die Bilder sehe und Euren Text dazu, kann ich gar nicht anders, als mich für Euch freuen. Wirklich toll! Erich

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