* Rund Europa 2011, 17. Tag: Kalamata – Gerolimenas (Mani)


Dienstag, 07.06.2011, 23:32:20 :: Gerolimenas (Mani), Hotel Akrotaenaritis

Der erste Blick aus dem Balkonfenster heute Morgen verriet nichts Gutes: Dunstig, Himmel zu – kein Fotowetter, kein Blick zum Horizont. Das beeinflusst das Bilderergebnis fast des ganzen Tages. Nur der Regen, der blieb uns fast ganz erspart.

Die Frühstücksfrage wurde typisch griechisch beantwortet: Ochi. Die Mutter des Hoteliers ist freundlich, hilfsbereit, kann gut Deutsch, da sechs Jahre in Köln (der Junge 33 Jahre in Berlin; es gibt also mindestens zwei Söhne, vermuten wir, denn der Hotelier radebrecht sehr) – sie marschiert die nachbarschaftlichen Bars ab und findet eine, die schon offen hat nach unserem morgendlichen Bad im Meer und bereit und Willens ist, ein Omelett und Cappuccino auf den Tisch zu bringen. Das hätten wir also geschafft.

Mit dem Bezahlen happert’s dann wieder. Das Maschinchen, extra an Stelle des Faxgerätes an die Telefonleitung geklemmt, versagt den Dienst – warum auch immer. Wo also ist der nächste Bankomat? Zwei Leute, zwei Meinungen: Der Sohn meint, im Hafen seien gleich zwei Banken. Lis versteht die Mutter so, dass 200 Meter weiter eine Bank sei. Wer hat nun recht? Nach 500 Meter Fussmarsch und zurück steht unverrückbar fest: Mit dem Auto zum Hafen. Das half. Wir konnten zahlen und los fahren.

Ach ja, die Preise

Ein paar Worte muss man darüber ja doch mal verlieren. Drei Kugeln Eis im Glas für 6 €, das geht gar nicht. Das ist unverschämt. Offenbar abgesprochene 3 € für einen miesen, dünnen Cappuccino, das ist unverschämt. Um es allgemein zu sagen: Griechenland ist nicht (mehr) billig. Muss es auch nicht sein, wenn die Qualität stimmen würde. Das tut sie aber eben nur äusserst partiell. Nur weil das Restaurant, nur zum Beispiel, oben im Antiken Pisa für einen starken, gepflegten Cappuccino 3 € nimmt, muss das die Taverne an der Dorfstrasse oder an der Uferpromenade nicht auch verlangen, wo man leicht erkennen kann, dass entweder die Bedienung der Maschine nicht beherrscht wird (im positiven Fall) oder ganz einfach und bedenkenlos abgezockt wird.

Das hat den Griechen vor über 15 Jahren kräftig Touristen gekostet. Ich kann nicht erkennen, wie durch diese dumme Preis-Leistungspolitik die Zahl steigen sollte. Und dabei haben wir über den miesesten Massenfrass in der Altstadt von Athen noch gar nicht gesprochen. Aber das nur am Rande.

Die Mani also

Die Anfahrt rund um die Bucht von Kalamata im Südosten ist nicht sehr erfreulich: Das typische griechische Kleingewerbe, Müll und dazwischen Hotels – auch noble.

Neapel? Nein, Dreckrand von Kalamata

Wenn am Ende der Bucht das Kleingewerbe irgendwann langsam dünner wird, dann aufgibt und die Natur wieder eher das Sagen kriegt, dann wird’s gleich freundlicher und irgendwann »richtig griechisch«: Meer, Tavernen, Cafés am laufenden Meter. Und später Berge, Blumen, Duft… Ja, und Kirchen, Kirchlein, Wegmale an jeder Ecke.

Ja, und irgendwann die Mani: Berge, schroffen Felsen, sich windende Strassen und Strässchen. Und da kommen wir dann an einen bestimmten Punkt.

Lis kam nur bis Agia Nikololoas

Vor Jahren hat Lis die Mani alleine unsicher gemacht. Bis zu einem bestimmten Punkt. Weiter kam sie nicht auf ihrer Entdeckungsreise. Wir finden auch die Taverne, wo sie’s damals so schön empfand. Und wir fahren weiter. Es hat wenig Sinn, das alles zu beschreiben, es ist einfach schön hier, schwimmen kann man in jeder Bucht, Tavernen sind immer zur Stelle. Und die Berge. Eine eigene Welt, ganz anders als Albanien, mit dem man diese wilde, dünn besiedelte Landschaft am ehestens vergleichen könnte. Karg auf alle Fälle. Aber die Mani hat auch ihre Reichtümer. Vor allem die Oliven, sie wachsen überall, am Wegrand, an steilen Hängen, geduckt, klein stehen sie in riesigen Steinfeldern, man wähnt sich zuweilen in schwedischen Findlingsfeldern. »Wie uff d’r Alb« meint jemand, den wir wenig später treffen…

Olivenöl von der Mani…

…ist das beste (oder weniger anmassend: was vom allerbesten), das man kriegen kann. Das schreibt uns unsere Freundin Brigitte als Kommentar zu unserer Ankündigung, heute die Mani zu besuchen. Sie muss es wissen und sie hat recht.

Auf dem Weg fahren wir dann folgerichtig an einem gar nicht griechischen Schild vorbei…

…das auf eine Ölmühle verweist, bei der wir wenig später en passant landen: Ein »Öl-Shop«. Eigner sind Deutsche aus Ulm. Schwaben also. Wir kommen daher ohne jegliches Griechisch sofort ins Gespräch. Sie haben die Mühlen vor vielen Jahren erworben, die Besitzer waren zu alt, die Jungen der Mani entflohen; für Griechen war das Anwesen zu teuer. Und so ölmüllern die Schwaben eben heute für die eigene Produktion samt Vertrieb und für die umliegenden Olivenbauern, die hier abliefern, peinlich darauf achtend, dass ihre Oliven nicht mit denen des Nachbarn vermischt werden. Und während dieser Beobachtungs-, Mahl- und Pressphase sitzen sie im Maschinenraum zusammen und tauschen aus, was es so zu bereden gibt auf der Mani.

Wir lassen uns den Vorgang von der Sackanlieferung bis zum fertigen Öl im Maschinenraum erklären. Angeliefert wird in Jutesäcken (Plastik ist verpönt), die Oliven gesäubert von Ästchen und Blättern, gewaschen (oder besser nicht?) und dann in den Kollergang gegeben,…

…wo alles – auch die Kerne (was ich bis dato nicht wusste) – zu Maische zerrieben wird. Die wird dann auf grosse Tuchbahnen aufgetragen, die dann letztlich in die Presse kommen.

Aber, und jetzt kommt’s: Bevor sie in der Presse landet, die Maische, läuft schon Öl ab, ohne dass gepresst wurde. Dieses sog. »Tropföl« haben wir gekostet, aufgesaugt in Weissbrotschnittchen – und dann folgerichtig eine Flasche erstanden. Zum »So-Essen«. Eine weitere für Salat und Brat…

Weiter im Text. Das kalt (!) Erpresste wir zur Absonderung des Wassers langsam zentrifugiert (Erhitzung vermeiden)…

…und landet dann irgendwann in Flaschen.

Die abgepresste Maische geht an die Weiterverwerter, die dem Material das abquälen, was man als Olivenöl so kauft, als Schnäppchen. Irgendwann, wenn auch der letzte Liter Lösemittel samt Aufkochen dem Zeug nichts irgendwie Verwertbares mehr entwinden kann, wird der getrocknete Gries – sieht aus wie etwas gröberer braun-schwarzer Sand – zurückgeliefert und dient als Brennmaterial für den Ofen, der im Winter im Maschinenraum für hinreichende Temperaturen sorgt. So wird alles restlos verwertet.

Der Preis des Öls

Tropföl ist am teuersten, klar, 12 € für 250 ml. Aber auch eine gute Kalt-Erst-Pressung hat ihren Preis, muss ihren Preis haben. Denn unser Freund in Aitoliko, der ja auch ausschliesslich von seinen 700 Olivenbäumen lebt, hat mir den Ablieferpreis in der Ölmühle in Patras vor Jahren genannt. Danach, mit ein wenig kaufmännischer Kalkulation aufgehübscht, kann ein Liter gute Erstpressung im Laden eigentlich nicht unter 15 € weggehen. Die Ölmühl-Schwaben bestätigen mir das.

Und wenn der geneigte Leser das nächste Mal die Olivenöl-Flasche zum Abschmecken des Salatsösschens aus dem Schrank und in die Hand nimmt, dann sollte er/sie sich zumindest drei Fragen stellen:

  1. Wie teuer war das Fläschle?
  2. Hab ich mir je Gedanken gemacht, welche Mühsal in dieser Flasche sich konzentriert? Welcher Aufwand? Schweiss? Krumme Rücken?
  3. Wo kommt das Öl überhaupt her?

Denn wie mir berichtet wird, tragen junge Polen mittlerweile die Olivensäcke. Die Alten können nicht mehr, die Jungen sind, wie erwähnt, weg. Und was die Herkunft angeht: So viel italienisches und spanisches Öl gibt es nicht, wie da in den Regalen steht. Die Italiener z.B., die im Marketing geübter (trickreicher, vielleicht sogar verschlagener) sind als die Griechen, kaufen grosse Mengen griechisches Öl und strecken damit das einheimische, verkaufen es aber als Produkt aus bella Italia. Aus welchen Quellen und nach welchem Herstellungsverfahren das Streckmittel ist – darüber machen wir uns der Einfachheit halber jetzt mal keine weiteren Gedanken.

Isage nur »Mahlzeit!«. Und das nach dem Durchprobieren dessen, was mir die Schwaben von der Mani so auf’s Weissbrot tropften…

Verfallene Manidörfer

Je weiter man nach Süden kommt, fällt vor allem zweierlei auf: Die fast immer von Hügeln oder hoch am Hand herabschauenden Dörfer sehen naxisch-venetianisch aus – sie waren hier sehr aktiv in den Jahrhunderten vor uns, die Eroberer aus Venedig. Und so mancher Kreuzfahrer ist hier beim Zwischenstop auf der Mani ausgebüxt, wie ich lese und hat sich sein Domizil erschaffen, im Stil der Zeit und den hat wohl Venedig vorgegeben. Aber die turmartigen Gebäude sind heute fast alle verfallen. Die Dörfer sind oft reine Museumsruinen.

Aber es wird auch viel restauriert, wer immer das veranlasst und hernach nutzt. Und es wird viel neu gebaut, im selben Stil, mit den selben grauen Marmor- und Kalksteinen.

Mein Gefühl wird dabei zuweilen aber überstrapaziert: Es gibt Hänge, da entsteht ein Studiodorf, eine Ferienanlage neben der anderen, alle in echt »manisch«. Das ist dann nicht mehr romantisch, es tut eher weh. Denn wenn voll belegt, und mit Bussen hier über die Insel gekarrt – es ist ein Horror, daran zu denken. Andererseits: Welche Zukunft hat die Mani? Oliven? Alleine? Wohl kaum. Jedenfalls ist das, was wir sehen nicht immer das, was uns positiv staunen lässt.

Hotelsuche mal wieder ein Abenteuer

Ganz unten im Süden liegt als relativ grosser Ort auf der Karte Vathia, mit seinen Türmen imposant anzusehen aus der Ferne.

Nur, als wir dort am späten Nachmittag landen ist die Enttäuschung gross: wie ausgestorben, leer, kein Hotel. Die für Touristen vorgersehenen Objekte verrammelt. Also zurück. Da ging’s vorhin runter zur Küste. Ein Küstenort, da müsste es doch was geben. Und so landen wir in Gerilomenas, herzallerliebt gelegen, das erste Haus am Platz bietet alles, was man als verwöhnter Tourist so erwarten kann – für 100 € die Nacht. Wir begnügen uns mit einem tadellosen Zimmer, alleine für uns in einem der renovierten Wohntürme – 35 €, das ist ok.

Ausblick von unserer »Suite«

Und auch das Abendessen, das uns die rührige und freundliche Wirtin vorsetzt, ist vorzüglich.

Nur einen dunklen Fleck setzt sie: Sie hat Internet aber »only for receiving, not for you« meint sie und es bleibt ungeklärt, was sie damit meinen könnte. Jedenfalls: Kein WiFi-Passwort, kein Anschluss…

Das absolute Highlight jedoch…

…ist die abendliche Illumination der Felswand des Cavo Grosso

Über das Dorf morgen mehr.

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