* Rund Europa 2011, 10. Tag: Sarande – Zitsa

Dienstag, 31.05.2011, 23:20:10 :: Zitsa, bei Kostas auf dem Balkon
Montag, 11.07.2011, 19:14:28 :: Azalas
Dienstag, 19.07.2011, 11:58:02 :: Chora

Der letzte noch offene Beitrag…

Sarande verlassen wir eigentlich ungern aber irgendwie muss es ja weiter gehen, in Epirus, mit der Geschichte von Eleni, mit neuen Couchsurfingfreunden, die uns in Zitsa erwarten. Wir verlassen die Stadt nicht Richtung Süden; Butrint steht nicht auf dem Programm. Wir fahren nach Osten, dort müssen wir über den Pass nach Griechenland. Es ist ein schöner Tag, wir werden Fotowetter haben. So jedenfalls am Morgen…

Während unter uns mit grossem Ernst und Einsatz der Strand gesäubert wird…

…halten wir das letzte Frühstück ab,…

…verfolgen die erste Fähre nach Irgendwo…

…und schlängeln uns dann aus der Stadt. Richtung Delvine zunächst, doch selbst mit Erinnerung an damals drehen wir eine Ehrenrunde – mangels passender Beschilderung, offensichtlich ist die Stelle nicht, wo’s abgeht.

Wir bewundern auf unserer unfreiwilligen zweiten Stadtrundfahrt Bauwut, das frühe städtische Treiben und auch die Unverdrossenheit professionell anmutender Radtouristen.

Die Strasse aus Sarande heraus oder das, was wir dafür halten, führt uns wie geplant ins gelobte Land.

Mesopotam…

…wird tatsächlich von zwei Flüssen bzw. Flussläufen eines Flusses durchflossen, alles Grün, friedlich, auf der Insel zwischen den Läufen soll ein altes Kloster stehen, nur wo? Wir finden es jedenfalls mal wieder nicht. Ein Flusslauf ist kanalisiert, hier fliesst wohl der Teil des Wassers, der weiter oben in Bistrice zur Stromerzeugung genutzt wird, ab. Der andere darf natürlich und lieblich vor sich hin und durch die Wiesen fliessen.

Bistrice

Hier finden wir nicht nur das Wasserkraftwerk sondern auch eine Wassertankstelle direkt an einer Kurve, wo viele Leute ihr Auto waschen, Nachrichten tauschen, diskutieren und Wasser für zu hause fassen. Im Gebüsch blüht’s im Verborgenen.

Es geht jetzt hoch ins Gebirge. Von den ersten Hügels schaut man zurück und entdeckt das Vorhaltebecken des Wasserkraftwerks.

Nebenbei: Wir denken eine solche Einrichtung immer zusammen mit dem, was wir insgesamt auf dem Balkan und speziell in Albanien an Autarkiebemühungen gesehen haben: Erdölförderung, stinkende Teerseen, riesige Industrieanlagen, heute verfallen. Und eben auch immer wieder Wasserkraftwerke, oft in tief eingeschnittenen wilden Tälern, am Ende eines kilometerlangen Stausees – oder besser eines aufgefüllten dahinter liegenden Tales. Und neben diesen schon recht martialisch wirkenden Einrichtungen wirkt dies kleine Kraftwerk hier in Birstice irgendwie putzig.

Die Kirschen sind reif…

…und deshalb sitzen am Strassenrand die Menschen aus der Gegend und hoffen darauf, dass sie ihnen jemand abkauft. Für uns ist das unterwegs immer so eine Entscheidung: Kaufen ja, waschen? Geht gerade nicht. Und ob abends dann, im Hotel oder wo immer landen, nur noch Matsche im Behältnis ist. Eine Quelle in der Nähe gab es nicht – also weiter.

Und da kommt dann auch der erste Pass

Das folgende weite Tal, in Nord-Süd-Richtung verlaufend, führt nach Norden gen Gjirokaster, diesem wunderschönen alten Städtchen, hoch oben mit seiner Festung, Heimat des wenig segensreichen Führers Enver Hoxha. Aber ich greife schon wieder vor.

Die Hitlerarmee…

…hat an diesem Pass ihr Unwesen getrieben. Da Musolinis Armee Albanien und Griechenland aus der Sicht Hitlers nicht »in den Griff bekam«, besorgte die deutsche Armee das bekanntlich selbst. Hier war das Einfallstor nach Epirus. Die wenigen verbliebenen Ein-Mann-Bunker, aus denen heraus der Pass wohl verteidigt werden sollte, zuerst gegen italienische Truppen und später, 1943, offensichtlich gegen deutsche alpine Verbände, zeugen neben der Gedenktafel dafür, dass es hier einmal nicht so friedlich war wie heute.

Hinweis: Astrid Scharlaus Buch Zwei Türen hat das Leben schildert einige Erlebnisse ihres Schwiegervaters in diesem Gebiet.

Die Kühe, die hier weiden und die es immer wieder auf die Strasse und zur Tankstelle zieht, kümmert’s wenig, was hier war. Und ein ein LKW, ehemals ganz offensichtlich in Deutschland beheimatet, fährt hier heute ohne grosse Hintergedanken herum; alles Geschichte.

Europa wächst zusammen, auch wenn man derzeit die Furcht haben muss, es könne eher wieder zerfallen, ehe es komplett ist. Hoffen wir mal und belassen es dabei… Wir selbst vertanken unsere letzten albanischen Pfennige, pardon, Lek. Senfle bekommt was und wir auch.

Weit unten, vor uns in der Ferne erspäht Lis ein schnurgerades, quer zum Tal verlaufendes kilometerlanges Strässlein, das dann irgendwo, noch weiter hinten, den sich schlängelnden Fluss überquert.

Und da will sie hin, wohl wissend, dass das nur ein Abstecher wird. Denn dieses Strässlein endet in einer der letzten kleinen Ansiedlungen, bevor es zum endgültigen Pass hoch geht und hinüber nach Griechenland.

Aber es ist wahr: Eine aus weiter Ferne wahrnehmbare Struktur in der Landschaft löst sich fast immer ganz anders auf als erwartet, wenn man näher und ganz nahe kommt.

Am Wegesrand erkennen wir: Quer zum Tal verlief hier eine reale (oder von Hoxha gedachte) Verteidigungslinie:

Alle paar hundert Meter einer die kleinen flachen Ein-Mann-Bunker – über mehrere Kilometer. Welche Armee sie immer auch aufhalten sollten, sie wären (oder sind) gescheitert. Dieses Klein-Klein der ehemaligen, abgeschlossenen Hoxha-Welt, sie erregt immer wieder ein tragisch-komisches Gefühl der völligen Verkennung des Weltengangs, der Albanien in seiner in unverbrüchlicher Moa-Treue ergebenen Isolation erlag.

Und am Ende des Abstechers wird aus der schnurgeraden Strasse, dem Fluss und der Brücke eine Auenlandschaft mit Blümlein zum Pflücken.

Imposant die Gebirgsstruktur mit den schräg liegenden, frei liegenden Steinbändern. Meist nur spärlich bewachsen, prangen die Hänge plötzlich in sattem Grün.

Plötzlich mischt sich auf den Richtungsschildern Griechisch zwischen das Albanische; wir sind ja in dem Gebiet, das einmal griechisch war, ich hatte in Sarande ja schon darüber berichtet.

Grenzkontrolle

Nach wenigen Kilometern haben wir dann auch die Grenze erreicht, eine der wenigen in Europa, an denen man das Prozedere in gemilderter Form erleben kann, wie es noch vor Jahrzehnten überall war in Europa. Aber eben abgemildert: Keine Motorblock- und Fahrgestellnummer, kein Reifenbad im Desinfektionstümpel, keine Zettelchen zum Ausfüllen, keine Gebühren.

Auf nach Lia!

Und dann sind wir im krisengeschüttelten Euroland. Wir wollen nach Lia und das auf einer Route, die wahrscheinlich so nicht zum Erfolg führen wird, wir ahnen es und fahren trotzdem den direktesten Weg nach Ag. Marina, nördlich von Lia, von wo eine Erdstrasse nach Lia führen soll. Wir schwelgen zunächst aber in Nah- und Fernsichten, in einem duftenden Blütenmeer aus Ginster, Zistrosen und anderem Gekraute – und Kräutern.

Hinweis: Die Bilder gibt’s auf Picasa:

Ag. Marina erreichen wir, der Erdweg endet nach wenigen hundert Metern auf eine Weise, wie wir es befürchtet hatten.

Gerade mit der Arbeit fertige Bauarbeiter, die am Wegfahren sind, schütteln auf unsere Lia-Frage nur den Kopf: »Oxi!«

Also geht es einen Grossteil der Strecke zurück.

Der tägliche Regen

Aber während dessen fährt Bewölkung auf. Und irgendwann sieht es so richtig nach Regen aus. Wir entscheiden, dass Lia für heute gestrichen wird, wir wollen dort ja aussteigen, umhergehen.

Kurze Zeit später fallen auch die ersten Tropfen,…

…werden mehr – und das bis Zitsa, das wir dann gegen 15.15 Uhr erreichen und wo wir Kostas, unseren Couchsurfer nicht finden.

Aber seinen Bruder. Der betreibt ein Restaurant oben, hoch über Zitsa. Und dort geniessen wir zu einem Kaffee den Blick auf die abziehenden Regenwolkenfetzen und erfahren so nebenher, dass das in dieser Jahreszeit das eingefahrene Spiel ist in Epirus: Morgens schönstes Sonnenwetter, um 14 Uhr die Wolken und Regen bis zu Wolkenbrüchen. Und am Abend dann wieder feines Wetter.

Bäckerhandwerk

Wenig später fahren wir zurück ins Dorf, Kostas und Anna sind nun zugegen, auch die Mutter von Kostas, die Bäckerei ist offen, wir schauen uns um und kosten; das Beste nehmen wir zum Abendessen mit nach oben: Leckere Käse-Vollkorn-Zungen und ein herrliches einfaches Brot, das angeblich nicht hart wird – seine Erfindung. úberhaupt: So stellt man sich keinen Bäcker vor. Ein junger, weltoffener Mann, der auf das Studium in Athen verzichtet hat, weil die Besetzung der Bäckerei anstand; der alte Bäcker war gestorben. Diese Bäckerei, die einzige im Dorf, ist nun sein Experimentierfeld: Neue Backmischungen, Mehlsorten, Zutaten. Zu viel darf er nicht ändern, das Althergebrachte wird im Dorf bevorzugt. Aber trotzdem, so ein klein wenig Änderung wird dann – zwar nicht laut posaunend – aber dennoch geduldet und irgendwann auch akzeptiert und am Ende gelobt.

Na also.

Wir sitzen im Dachbalkon, ganz im osmanischen Stil, das eigentlich Wohnzimmer mit angeschlossener Stube innen… Wir erledigen die Internetgeschichten und reden über das Dorf, die Geschichte, auch die Rolle der deutschen Invasoren und Besatzer, kommen auf Lord Byron (s. nächster Beitrag), auf Lia und Eleni, die Mutter von Nicolas Gage, deretwegen wir morgen nach Lia aufbrechen werden. Bis vor Kurzem kannte er die Geschichte nicht, las das Buch aufgrund meiner Nachfrage in unserem Vorreise-Dialog dann und besuchte daraufhin Lia. Er bestätigt die Zustände, auch in seiner Familie gab es Betroffene. Zuvor stellt er uns aber noch der alten Dame vor, bei der wir übernachten werden und unser Nachtgepäck dort unter.

Und irgendwann ist dann Schluss. Ein Bäcker muss früh raus…

Picasa

Tagesleistung, Track, Links:

  • 2011-05-31;139;4:25;4:54;88.3;31.4;14.9;Sarande-Zitsa
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