* Rund Europa 2011, 66. Tag: noch immer Azalas

Sonntag, 24.07.2011, 14:51:19 :: Azalas
Freitag, 29.07.2011, 12:37:58 :: Bei Ingbert

Sommer auf Naxos und kein Wölkchen. Keines?

Der Zas (1004 m)

Ok., symbolisch geht ab und zu was, wenn man im richtigen Augenblick an der richtigen Stelle den Fotoapparat parat hat; ein, zwei Minuten später ist der Spuk aber schon wieder vorbei.

Das mag ja nun langweilig klingen, schon 41 Tage am selben Ort, abgeschieden an der Ostküste von Naxos – und überhaupt: Naxos? Wo ist das? Nein, es ist überhaupt nicht langweilig und Naxos ist die grösste der Kykladen im östlichen Mittelmeer – falls das immer noch nicht alle wissen. So. Und es geht uns gut, trotz herb-hoher Temperaturen in diesen letzen Wochen, weiter schwelendem EU- und Euro-Konflikt. Da mir heute der Wind mal wieder hilft, das Gehirn in Gang zu halten, nutze ich die Gelegenheit, Bericht zu geben.

Apropos Wind: Wenn er aufkommt, braucht man nachts das Moskitonetz zwar nicht mehr so richtig. Aber dass der Wind dann so aufräumt, das fand ich am Morgen schon bemerkenswert; hält alles ohne Ösen und Haken…

Krise?

Noch immer erinnern kleinere Demonstrationen daran, dass viele Griechen sehr wohl wissen, dass die Lage nicht die beste ist und dass man einiges zu ändern hätte, die Argumente und die Parolen zeigen aber, dass Einigkeit über Schuldige, Mittel und Wege nicht herrscht: Heute ziehen die einen durch die Strassen, morgen »die Andern«, die heute schon mal Handzettel verteilen. Es sind die kleinen Parteien, von PASOK und N.D. sieht und hört man nichts, sie haben sich verkrochen, haben wohl Angst vor einer Portion Prügel – und sei sie nur symbolisch. Die noch vorhandenen weithin sichtbaren PASOK-grünen und N.D.-blauen Wandmalereien scheinen nur noch daran zu erinnern, dass diese Parteien in den vergangenen Jahren sich zwar verbissen bekämpften aber stets dasselbe wollten: Den eigenen Machterhalt.

Andererseits: Dass nun »die Griechen« entschlossen wären, das Steuer herum zu reissen (welches? In welche Richtung?) das kann man nicht sagen. Es ist hier eben so wie im selbstgerechten Deutschland und anderswo: Man spürt das Unbehagen, man weiss, dass einiges faul ist, sich ändern müsste – aber das sollen andere tun, die dafür da sind… Ich kann da sowieso nichts machen, aber ich weiss natürlich genau, was da zu tun wäre. Oder so ähnlich.

Es ist aber jetzt höchste Urlaubszeit, etwas, was wir seit ewigen Zeiten hier nicht mehr erlebt haben. Da gelten ganz andere Gesetze und Prioritäten. Die Chora ist dicht mit Touristen besetzt, auch viele Griechen vom Festland, die Strassen voller übervorsichtig bis äusserst unsicher gesteuerter bunter Leihwagen und voller Quads, diesen vierrädrigen, dickreifigen Mofa-Ersatz-Fahrkzeugen, die z.T. in 4er- oder 5er-Kolonnen zum Pass Richtung Apiranthos hinaufstinken, mit helmbewehrten Kugelköpfen besetzt sind und eine Schlange erwartungsfroher Touristen-Fernost-Kisten hinter sich her ziehen. Und hinten dran hängen wir, die Milchflaschen für die Kinder hinten im Kofferraum, wo deren Temperatur sich stetig vom wohligen Kühlrank-feeling wegbewegt.

Ob es ohne Griechen-Land-unter-Krise noch mehr Erholung Suchende wären, wer weiss; Maria jedenfalls kommentiert »our hotel is full till ends of August« und unterstreicht das mit einer energischen, nach Handkantenschlag aussehenden Armbewegung, die Widerspruch oder Nachfrage nicht duldet. Und die meisten Gäste sind Griechen, denn vierzig Grad in Athen treibt jeden, der gehen kann zwangsläufig dahin, wo der Wind weht: Auf die Inseln. Was sonst, wenn’s irgend geht? Oder doch länger arbeiten? Angela, komm vorbei, wir besorgen Dir den schönsten Sonnenplatz zum Schwitzen.

Wer kommt noch? Deutsche, Skandinavier jeder Art, Franzosen, Engländer, Amerikaner, Italiener, Rumänen mit bestem Siebenbürgischem Deutsch treffen wir, und erfahren dabei, dass Nokia seine Produktion in Cluj-Napoca (Klausenburg) gedrosselt bzw. aufgegeben hat. Aus der Nach-Bochum-Traum. Nur Entwicklung wird dort noch betrieben, konzentriert im Siebenbürgen. Jetzt nur mal rein technisch gefragt: Was soll dabei herauskommen, wenn man sich eigentlich nach der Decke strecken muss und sich stattdessen ausgerechnet mit Microsoft verbandelt? Gerade mal drei Jahre ist es her, dass wir dort durchgefahren sind, durch Cluj-Napoca, und den neuen Komplex »bewundert« haben. Da schaute das alles noch sehr hoffnungsfroh aus, vor allem für die Menschen dort. Aber Kapitalismus ist eben alles und überall.

Also: Sommer, Sonne, Urlaub

Für die Nutzung als Massenziel mag auch das lokale Klima hindernd sein, das von Starkwinden und eher kühlen Temperaturen an 240 Tagen im Jahr, nicht zuletzt in den Sommermonaten, gekennzeichnet ist. Außerdem wird der Zugang zum Meer mancherorts durch zerklüftete, algenüberwachsene Steinplatten stark behindert.

Wikipedia über Naxos

Tja, wer auch immer sich da als Autor von welchen altehrwürdigen Quellen hat leiten lassen: Er sei gelobt. Dass er über kilometerlang, weisse Strände nichts weiss, zum Beispiel. Es wären sonst wohl tatsächlich noch mehr Touristen… Der Deutsche liebt es störungsfrei und all inclusive, wie eine Untersuchung der TUI gerade in einem Artikel in der ZEIT zitiert wurde. Da muss der weisse Strand natürlich gleich neben dem Bettvorleger beginnen. Im Ernst: Es gibt da schon sonderbare Zeitgenossen, junge dazu, die reisen ab, weil am Tag der Ankunft Wind & Meer mal gerade braune »Seegras«-Reste auf den Sand geschoben hatte.

Dorfleben

In Filoti, dem zweitgrössten Ort auf der Insel (offiziell 1804 Einwohner lt. Wikipedia), steht und geht und parkt und fährt alles typisch griechisch und wie immer durcheinander, ein meist stehendes Chaos. Aber: die Strasse ist gesäumt mit unzähligen Kafenions und Tavernen, teils mittlerweile für die Touristen aufgeblasenen Cafés; die Griechen sitzen in den kleinen, drei- bis sechsstuhligen und schauen sich, zuweilen diskutierend, das Durcheinander an, das sie kennen und wohl so auch in Ordnung finden. Die Touristen fallen allenfalls durch erhöhte Disziplin auf. Und wo dann abends der Platz vor der Taverne und auf dem schmalen Gehsteig für die Hochzeitsfeier, zu der wohl die halbe Insel erwartet wird, nicht hinreicht, da muss eben die Strasse mit dran glauben. Beginn der Veranstaltung: Nicht vor 11 Uhr nachts…

Azalas ist nicht mehr ganz so einsam, die Surferpest will hier wohl um sich greifen: Der kleine Strand ist nicht belagert von plantschenden Kindern nebst lauthals über sie wachenden griechischen Müttern und Grossmüttern aus der Nachbarschaft und Astrid’s Gästen sondern von frei campenden Windsurfern aus Österreich, Lörrach, Italien und Frankreich; bisher… Plastiksärge auf dem Auto, Gestänge, bunte Plastikfetzen, überdimensionierte, verbogene Bügelbretter am Strand – man kennt das von Flisvos am Georgiosstrand auf der Westseite, wo sich das lernende Bretter-Volk tummelt und der allgemeine Urlauber.

 

Für einige scheint es dort südlich der Chora jetzt wohl zu überlaufen zu sein. Und es hat sich offenbar herumgesprochen, dass es hier in Azalas einsam, friedvoll und lieblich ist; das Präsens mutiert aber eben zusehends zum Perfekt… Schlimm, wenn sie dann auch noch anfangen, ihre Wohnwagen auszuladen und die Klippen zum Wohnzimmer zu machen. Nur mal so zum Vergleich: Azalas hat offiziell weniger als dreissig Einwohner. Wenn hier nachmittags vier bis fünf Busse die Klippen und das Kirchlein Agios Dimitris zuparken, dann sind deren Insassen schon fast in der Überzahl…

Moutsouna…

…ist der einzige etwas grössere Ort hier unten (82 Einwohner), mir drei Tavernen am Hafen, wo man abends beschaulich verweilen kann, was Gutes zu Essen und zu Trinken bekommt; und wo es keine oder nur einzelne verirrte Moskitos hat.

Man trifft dort Bekannte, Freunde von Nikos und Astrid und deren Gäste. Man bekommt einen Wein spendiert, plaudert und wundert sich immer wieder, wie dann so gegen zehn, halb elf die Griechen zum Schmausen kommen, leicht zu unterscheiden, ob ansässig oder »aus der Grossstadt«. Sommerleben, das ist nachts… Und die Kinder tollen bis nach Mitternacht auf der Strasse zwischen Tischen herum.

 

Hier war die Verladestation für den oben in den Bergen abgebauten Schmirgel, der einst eine Haupteinnahmequelle für die Bergdörfer war. Die deutsche Naxos-Union hatte seit 1871 das Monopol für den Vertrieb in Europa. Noch 1984 brachten die Bergbahnloren das schwere Gestein zum Hafen. Ob damals noch verschifft wurde, weiss ich nicht. Aber das kann man anderswo nachlesen.

Jedenfalls, Moutsouna liegt auf dem Landschaftsbild w.o. südlich des Kaps und irgendwo da unten liegt auch Azalas, aber nördlich des Kaps, also links im Bild. Dort kleben wir derzeit, helfen den Garten giessen, der im Sommer so einiges schluckt; zum Einen will man ja ernten – Tomaten, Gurken, Kartoffeln, Kräuter, Minze – eben alles, was man so braucht, andererseits sind viele Bäumchen noch jung und ungenügend verwurzelt um ans »eingemachte« Wasser zu kommen. Aber sie tragen bereits.

Aprikosen

Und der Rest kommt von den Nachbarn. Sei es der Portulak, lecker-gehaltvoller Kuchen oder die Innereien vom gerade geschlachteten Schaf. Die letzte Leber haben wir gerade gestern Abend verdrückt (2011-07-28).

 

Einer der Nachbarn feiert dieses Jahr in meiner Bildersammlung seinen 10. »Geburtstag«. Er ging seinerzeit mit seinen Schafen vor mir her, ein Vorbeikommen war nicht möglich, fotografieren war da die einzige Alternative…

Heute hängt dieses Bild u.a., 2 x 3 Meter, in Vilnius.

Hochsommer

Ansonsten ist eben Hochsommer, das Land um uns herum wird jetzt immer brauner und leuchtend gelb,…

…grün stechen nur noch die Oliven und einige Eichen hervor; oder wie hier ein gut gegossener Gratatapfeljüngling. Es hüpft und krabbelt auch unentwegt: Grasshüpfer in Mengen, in allen Grössen, Farben und Ausstattungen, Spinnen, Käfer – Schlangen auch und Eidechsen.

Und ewig schrillen und kreischen die Zikaden – ohrenbetäubend z.T., vor allem sitzen sie auf den Olivenbäumen, damit’s auch recht weit schallt. Aber das sind dann auch schon alle Geräusche hier, vom fauchenden Wind und einem ab und an auf dem Sandweg unten vorbeifahrenden Auto abgesehen; seine lange Staubfahne zieht fast immer streng nach Süden, kümmert uns also wenig.

Kunst aus Marmor

Marmor umgibt uns hier in nahezu jeder denkbaren Ausprägung. Auf und vor Marmor sitzt auch dieses typische ältere, deutsche Rentnerehepaar,…

 

…das hier jeden Morgen in Ruhe und erfolgreich frühstückt…

…und das sich z.B. auch solche Sonnenaufgänge anschaut…

 

 

…wie sie atemberaubend-kitschiger fast nicht sein können. Oder man träumt alleine in der Pergola, von der man diesen 180-Grad-Blick über Obergarten, Atelier und Landschaft hat.

Panorama, 180°

Oder man sammelt und verziert seine Kiesel…

 

 

Lis‘ Sammelsurium

…oder kocht sich einen Pfefferminztee, frisch gepflückt aus dem Garten.

Ingbert Brunk, unser Gastgeber lebt und arbeitet hier in dieser Abgeschiedenheit, vorzugsweise in seinem Freilicht-Atelier.

Seine ungewöhnlichen und ästhetischen Marmorobjekte entstehen hier, sie finden sich überall auf dem Gelände in unterschiedlichen Entstehungsphasen: Als rohe Marmorblöcke, zum Teil schon mit angerissenen Formen, Ausgesägtes, Gefrästes, Gebohrtes, Grob- und Feingeschliffenes, daher ist auch fast jeder Fleck hier mit grellweissem Marmorstaub dick gepudert.

Ingbert Brunks Objekte sind weltweit gefragt, Hemdchen, Kissen, Schalen zum Beispiel aber auch Unikate in Übermannshöhe gewinnen hier ihre einmalige und immer wieder aufs Neue verblüffende Gestalt ehe sie dann in Ausstellungen in Paros, Milos, Athen, Belgien, Deutschland, Schweden oder sonst wo bestaunt werden und ihre Käufer finden. Seit über 25 Jahre arbeitet er auf Naxos, seit fünf Jahren hier unten in Azalas.

 

Was aber nicht heisst, dass hier nur hart gearbeitet wird: Es wird auch gelebt. Frisches aus dem Garten, reichlich bestes Olivenöl und »Nikos-Wein« – es ist für alles gesorgt.

 

Lis belegt zuweilen die kleine Küche mit Beschlag…

…und zaubert irgendwelche solidarisch-griechisch-deutsche Leckereien.

 

Fisch & Olive

Ich komme wieder ganz vom Thema ab, zu viel geht mir durch den Kopf, wenn ich mal anfange. Also zurück zur Kunst, ob heiter oder ernst.

Ingberts Objekte liegen, hängen und stehen auch in Halki, einem der grossen Orte der Insel in der Tragea (635 Einwohner – offiziell…), in der Galerie von Katherina und Alexander, wo sie ebenfalls ihre internationalen Käufer finden.

Fisch und Olive ist davon unabhängig eine geglückte Kombination (auch wenn ich Fisch nicht mag): Katharina und Alexander betreiben hier in Halki nicht nur diese wunderschöne kleine Verkaufsgalerie mitten im Zentrum – sie bietet dort zu allererst die eigenen Werk an: Töpfereiwaren vom Feinsten, auf denen sich die Olive in allen ihren Ausprägungen präsentiert, Blätter, Zweige, die Früchte selbstverständlich. Und dann Alexanders Fische, deren filigrane Rückenflosse mich schon vor Jahren begeisterte, als ich sie an den Wänden von Sofias Restaurant in Kastraki zum ersten mal sah.

Ach ja: Sofia und ihre Mannschaft könnten wir in Azalas jetzt gut gebrauchen. Sie haben vor vielen Jahren als Umweltgruppe den Wildcampern in Kastraki und Aliko die Zufahrt zu Klippen und Strand verwehrt, in dem sie Felsbrocken an den Zufahrten zum Strand abluden. Die schönen alten Strandwacholder wurden dort von den Brachialtouristen einfach niedergewalzt. Wacholder habe wir hier nicht, aber ein paar Felsbrocken könnten trotzdem nicht schaden…

Und was sonst noch passiert?

Viel. Und ich merke, dass der Beitrag nun lang genug ist. Mehr über Marmor, Vergänglichkeit, das Naxosfestival im Pirgos Bazeos, den Namenstag des Heiligen Nikodemus, Tanz, Jazz – es folgt alles, ich bemühe mich jedenfalls. Und der Wind soll mich unterstützen. Hej Wind! Blase!

Aber das muss ich…

… jetzt jetzt zum Schluss doch noch los werden: Die Chora von Naxos zieren dieses Jahr 4 (in Worten: vier) Chinashops. Alle auf der Hauptstrasse.

 

 

Und wenn ich so rekapituliere, was da früher drin war: Alles kleine Selbstständige, meist wohl Lebensmittel, Bäcker… Und nun? Lis hat reingeschaut: Nur Mist. Und daraus kann man was schliessen? Dass China, der Mensch, speziell der Tourist, vernunftgeleitet handelt? Kann man. Vielleicht, denn die Läden sind leer, wenig, keine Kundschaft. Wie in ganz Europa, ob in Estland, in Mostar,…

Mostar, 1. Juni 2006

…in der Ukraine. Das spricht für die potenziellen Kunden. Aber China hat eine sehr lange Geschichte – und einen langen Atem.

Und wenn ich die Bilder von Mostar ansehe bei der Gelegenheit – nun, das wird dann endgültig eine andere Geschichte.

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2 Antworten auf * Rund Europa 2011, 66. Tag: noch immer Azalas

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  2. Erich sagt:

    Lieber Reinard,
    Text und Bilder Deiner Naxos-Beiträge unterstreichen eindrucksvoll, dass die Hitze Deine Kreativität offensichtlich in keiner Weise beeinträchtigt. Sie sind sehr informativ und unterhaltsam. Ein Genuß!
    Aber dass Du Fisch nicht magst? Naja, es gibt ja bald eh keinen mehr.

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