Kann man für andere reisen?

Nein.

Aber trotzdem ein paar Gedanken dazu. Sie kommen mir, während ich über unsere GPS-Daten und die zugehörigen Bilder gehe. Ich sitze hier in Raudondvaris im Bokstas, in »meinem« Zimmer am offenen Fenster. Die Sonne scheint fad, es ist sehr kühl (andere würden das wohl eher als kalt bezeichnen…) und gehe unsere Routen durch.

Alles hat da eine Bedeutung:

  • Die GPS-Tracks. Es ist die erste Reise, die wir vollständig »getrackt« haben. D.h., jeder Meter Fahrt und i.d.R. auch Bewegungen zu Fuss (an den Strand, in den Städten) sind festgehalten: Koordinaten, Höhe, Datum/Uhrzeit. Jede Situation, in der wir uns verfahren haben (passiert auch mit »Bubi«!), wo wir gehalten, rangiert, gewendet haben ist da festgehalten. Selbst ohne Fotos erscheinen die Bilder im Kopf. Und wenn man nach den Fotos sucht, dann stellt man oft fest: Es gibt keins. Es war’s nicht wert, eins zu machen. Aber das Bild ist trotzdem da. Doch manchmal fehlt es. Ein Loch. Nichts…
  • Die Wegpunkte, die man ab und zu setzt. Tankstelle, Raststätte/Café. Mancher Punkt hat nur eine Nummer. Nichts eingegeben. Dann sucht man im Track. Und in den Fotos. Damit man ein Bild in den Kopf bekommt. Aber auch da, seltener – Lücken. Warum dieser Wegpunkt? Meist während des Fahrens, da blieb keine Zeit zur Texteingabe. Pech…
  • Die Fotos. Lis macht welche, meist während der Fahrt, direkt aus der Co-Piloten-Perspektive. Das ist authentisch, oft aber – vor allem bei schlechtem Licht – unscharf und oft ohne Aussagekraft. Oft aber liefert das Foto doch das Bild im Kopf.

    An mir wichtigen Stellen halte ich an, steige aus und fotografiere aus der Perspektive, die mir die günstigste erscheint. Hinterher oft ärgerlich: Nicht genügend Zeit gelassen. Entweder fehlt doch die Turmspitze oder das Bein eines Passanten ragt am Bildrand wie ein Fusstritt ist Bild. Photoshop, »wegstempeln« denke ich dann, später. Es ist nicht wiederholbar, ich werde wohl nicht noch einmal hier sein.

    Die Fotos haben ganz unterschiedliche Funktionen. Für einen selbst und für andere. Das ist trivial. Aber für einen selbst, kurz nach der Aufnahme, nach 2, 3 Tagen. Und »später«, nach einen halben oder gar ganzen Jahr, wenn man endlich die Muse findet, ans »Wegstempeln« und Auswählen zu gehen. Vor allem später haben sie eine fast magische Funktion: Sie reanimieren Ereignisse, Eindrücke, die im Hirn sind, aber nur präsent, wenn sie diesen Anstoss bekommen. Und es tauchen Fragen auf: Was zeigt man anderen? Warum? Was ist eigentlich für andere interessant? Was sind Erinnerungen wert?
  • Die Aufzeichnungen. Eine Reisetagebuch in klassischer Form führe ich nicht. Wann das auch noch? Wenn Zeit und Möglichkeit gegeben sind, schreibe ich auf dem Mac mein Tagebuch, ziehe die Fotos von den Kameras auf zwei Festplatten, hole die GPS-Daten vom Bubi, kommentiere teilweise, vervollständige das Mac-Tagebuch und/oder direkt im Internet mein BLog.

Ja, wozu? Kann man vermitteln, was alles war? Wie sich die Welt im Kopf verändert, neu aufbaut, zusammensetzt? Eines ganz gewiss: Einem selbst wird nachvollziebar, was sich wodurch im Kopf verändert hat. Diese Funktion hat ein Tagebuch schon immer gehabt. Nur, wer führt eines? Immer wieder stellt man sich eine Frage wie: »Was ist eigentlich die letzte Woche passiert?« Und die Antwort bleibt aus oder reduziert sich auf die Antwort, dass sieben Tage vergangen sind…

Man reist für sich selbst. Andere teilhaben lassen ist möglich. Aber eigentlich nur, um neugierig zu machen, um die Sehnsucht zu wecken, selbst los zu ziehen.

Über reinard

Allen Neugierigen sei meine Webseite
http://www.hr-schmitz.de
ans Herz gelegt. Dort gibt’s alles Un-/Wesentlich zu mir und über mich.

Dieser Beitrag wurde unter Foto, Reisen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar