Niederschmetternd.

Zuweilen bin ich – direkt oder indirekt – gefragt worden, warum nicht mehr im Blog steht. Nichts Politisches zum Beispiel. Das hat viele Gründe.

Ein wesentlicher ist sicher, dass ich mich, zuweilen sehr eindringlich, frage, wozu ich etwas aufschreibe. Man tut das ja eigentlich, um sich etwas zu merken. Oder um den Kropf zu leeren und alles hernach zu vergessen. So wie Kant das mit seinem Kammerdiener Lampe versucht hat. Aber da sind wir schon bei einem der Themen, über die ich eigentlich nicht schreiben wollte: Im Freitag stiess ich unter dem Titel Wie man eine Debatte los wird auf das Problem »Aufschreiben oder Seinlassen?« am Beispiel Wulff. Und den kann man und den will ich vergessen. Kant hat das mit Aufschreiben versucht, s.o.

Ich dachte mir, es ginge einfacher mit einfach Verdrängen, einfach Vergessen oder einfach Nichtwissenwollen. Ich dachte gewissermassen, es reiche, das was man weiss einfach nicht wissen zu wollen. Aber die Gedanken machen eben, was sie wollen. Dachte ich. Machen sie das? Da stiess ich darauf:

Die herrschenden Gedanken sind weiter Nichts als der ideelle Ausdruck der herrschenden materiellen Verhältnisse, die als Gedanken gefaßten herrschenden materiellen Verhältnisse; also der Verhältnisse, die eben die eine Klasse zur herrschenden machen, also die Gedanken ihrer Herrschaft.

Die Deutsche Ideologie (Karl Marx, Friedrich Engels, Moses Hess)

Da kamen dann Zweifel auf: Macht jemand was mit meinen Gedanken? Sind die, die ich meine zu haben, gar nicht meine? Ich meine, wirklich meine? Oder habe ich gar nicht meine oder keine sondern andere? Oder die von anderen? Oder haben andere meine?

Ich fragte Kant: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Spätestens bei der zweiten Frage landen wir bei der Ethik. Und dann wären wir wieder bei Wulff und das wollte ich ja gerade nicht. Aber wenn nicht Kant, wer dann?

Jedenfalls: Man merkt schon, in solch einer Verfassung ist man irgendwann blockiert. Man merkt das ja bei Wulff und all den anderen Politgockeln und -hennen – nein, nun bin ich schon wieder versucht… Also, ich denke jeder versteht, dass in all dem Durcheinander es überhaupt keinen Zweck hat, zu vergessen, zu schreiben, zu denken. Man kann einfach nur noch staunen beim Lesen.

Jetzt mal im Ernst

Die Tatsache, dass so viel Intelligentes, Gescheites, Wahres, Bedenkenswertes und Motivierendes geschrieben wird, das von den Wenigsten und dann meist von den »Falschen« gelesen wird – dies ist niederschmetternd. Und wenn man über die Ursachen nachdenkt, dann kann einem jede Hoffnung abhanden kommen.

Viel wird – zu Recht – über das Versagen der Presse geredet, über den Missbrauch der in falsche Hände gekommenen Medien. Aber wenn selbst das, was zwischen all dem Ramsch, dem Wertlosen, Geschmacklosen, Belanglosen noch an Gutem zu finden ist, nicht gefunden, wahrgenommenen, gelesen und kapiert wird: Wo soll das enden? Man kann es finden, auch wer meint, die Zeit nicht zu haben, hätte die Möglichkeit, das Internet und ein intelligentes Suchprogramm (news aggregators) für sich arbeiten zu lassen um wenigstens eine Vorauswahl treffen zu können. Denn es gibt mehr Gutes, als wir ahnen.

Wer allerdings in der Scheisse sitzt…

…und vor lauter TV- und BILD-Modder um sich herum weder das Ufer noch die Ziele sieht, die es zu erreichen gälte, wenn’s weiter gehen soll – der hat’s schwer. Vielleicht hilft ja der eine oder andere Link am Ende. Oder aber, und das ist wohl beabsichtigt, man sinkt tiefer und fühlt sich einfach sauwohl.

Es ist klar aus allem, daß Deutschland seine Krise noch gar nicht erfaßt hat. Der tägliche Jammer, der Mangel an allem, die kreisförmige Bewegung aller Prozesse, halten die Kritik beim Symptomatischen. Weitermachen ist die Parole. Es wird verschoben und es wird verdrängt. Alles fürchtet das Einreißen, ohne das das Aufbauen unmöglich ist.

Bert Brecht, 1948

Und dann drängt sich bei mir ein Gedanke nach vorne und der kommt nicht von den Herrschenden sondern ganz von alleine und zwar ziemlich zwingend: Könnte es sein, dass da irgendwo jemand rechte hatte und wir haben es nicht bemerkt? Das heisst, wir hätten versäumt, zu reagieren, wenigstens zu reagieren, uns zu äussern? Uns ganz ordinär aber noch gehörig zu räuspern? Am Ende aufzustehen?

O.k., darüber liesse sich vielleicht mal schreiben…

Links:

  • DIE ZEIT: MOSES HESS – Der Unbequeme :: Radikaler Antikapitalist, glühender Europäer, …
  • dito: Lernen von Versagern :: Die Alternative ist uns dann sympathisch, wenn sie andere betrifft. Vielleicht hat der Westen deshalb noch keinen Weg aus der Finanzkrise gefunden. Vielleicht verbeißen sich seine Intellektuellen deshalb in den alten Gegensatz: Kapitalismus oder Sozialismus? Fegefeuer des Marktes oder Purgatorium der Planwirtschaft? Wer so fragt, will keine Antwort. Er hat sich damit abgefunden, dass die Menschheitsträume von einer gerechteren Gesellschaft ausgeträumt und die utopischen Energien erschöpft sind. Fällt uns keine neue Alternative ein?
  • DER FREITAG: Wie man eine Debatte los wird
  • dito: Jenseits des Schlosses :: Das Potenzial von Veränderung war lange nicht so groß, die Neigung, sich den Schwierigkeiten der praktischen Gestaltung auszusetzen, lange nicht so klein.
  • Blog »ad sinistram«: In eigener Sache :: Nebenbei bemerkt: »VonMirNix&DirNix« wird sieben Jahre alt – eigentlich acht, aber lassen wir das…

Aber zum Schluss wieder was Schönes,…

…eine »Hymne auf eine gewöhnliche Bewegung«:

The Hymn of Ordinary Motion – Barenberg, Douglas & Meyer

(Wenn das im GEMA-Land wieder nicht tut, bitte Bescheid geben…)

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