* Rund Europa 2012, 27. Tag: Tornio – Kiuruvesi

Mittwoch, 27.06.2012, 16:39:00 :: Kiuruvesi, Hotell Sininen Helmi

Nach neun Tagen sind wir wieder hier. Am 18. Juni waren wir hier von Vaasa aus gestrandet. Heute fuhren wir von Tornio fast dauernd im Regen hierher. Der Scheibenwischer tun noch immer nicht, entsprechend stressig war das Ganze. Und ausserdem, bei derart eingeschränkter Sicht geht einem natürlich die eine oder andere Naturschönheit durch die Lappen – Seen, Flüsse, Wiesen meine ich. Seht Euch die Bilder an, es ist zum Jammern. Aber es hilft nichts. Und: Ganz im Norden kommt morgen der Schnee zurück, hier soll es ab Freitag bestimmt sonnig werden.

Ddennoch konnten wir einiges Neues erleben – allerdings nicht immer Erfreuliches.

Kirchen und Friedhöfe,…

…um damit mal anzufangen, habe wir jetzt in allen drei skandinavischen Ländern einige besucht, wann immer wir welche fanden. Sie sind fast immer offen, im Sinne des Wortes: Die Flügeltüren weit geöffnet, fasst immer warten junge Menschen auf Besucher, ein Gästebuch und Infomaterial über die Geschichte, meist als Fotokopien, liegen aus oder werden einem überreicht. Die meisten Kirchen liegen weit auseinander, die Bevölkerungsdichte zwingt zu Kompromissen (lokale Bethäuser und Kirchendörfer), Abwanderung dezimiert die Gottesdienstbesucher.

Ich denke, dass Kirchen und Kirchhöfe einen grossen Anteil haben und Ausdruck sind der jeweiligen Kultur eines Landes. Oft muss man sich sogar fragen, was denn sichtbar wäre von einer Kultur, wenn sie fehlen. Skandinavien ist fast durchgängig lutherisch-evangelisch mit einer eigenen Note, die man nur fühlt und schlecht beschreiben kann.

Was auffällt: Fast alle sind aus Holz erbaut, sie sinnen innen hell, licht, offen,…

…fast immer steht ein (zusätzlicher) Glockenturm vor der Kirche selbst. Alle haben sie Orgeln, meist noch ein Harmonium und/oder ein Klavier,…

…was ja ein erheblicher Kostenfaktor ist, viele wurden ständig erweitert oder wegen Brand neu erbaut, die Altarbilder zeigen immer Szenen aus der Gegenwart, »Altertümliches« findet sich eigentlich nie. Die Kanzeln sind immer herausstechend prächtig, Gesangbücher stehen oder liegen in grosser Zahl bereit, einmal fanden wir sogar welche extra in Grossschrift.

Nun bin ich kein gläubiger Mensch, messe dem Ritus persönlich keine Bedeutung bei, aber dennoch: Ich weiss, dass Kulturen durch ihre jeweiligen Religionen massgeblich geprägt sind.

Zur Kultur gehört auch die Erinnerung. Und darauf bin ich heute mehrfach gestossen worden: Die Friedhöfe, besonders hier in Finnland, werden liebevoll gepflegt. Und fast alle haben sie eine »Abteilung« Pro Patria. Und immer stehen da diese Jahreszahlen: 1939 … 1944.

Und dann kommt mir schlagartig zu Bewusstsein, dass die deutsche Wehrmacht ja auch hier gewütet hat, verbrannte Erde und Tote hinterlassen hat; Lapplandkrieg heisst dieser Teil der Tragödie, die Deutschland über Europa brachte: Vom Nordkap bis nach Kreta, ja bis Afrika. Und man merkt dann immer wieder, wenn man mit den jungen Leuten in den Kirchen spricht, dass sie das nicht vergessen haben; ihnen ist es gegenwärtig. Nur in unseren Köpfen nicht. Es wäre daher gut, in der Diskussion um den deutschen Einfluss in und auf die Europäische Krise das alles mitzudenken. Dann verstehen wir unsere Nachbarn besser. Denn wir haben es nötig…

Iirgendwann steht da plötzlich ein orthodoxes Gebilde am Weg. Es erinnert uns daran, dass ca. 60.000 Orthodoxe in Karelien leben.

Sogar ein orthodoxes Kloster gibt es nahe der Grenze zu Russland – Zeichen des Wirrwarrs, den es hier gab: Finnland, Russland, Deutschland… »Wir« waren immer dabei.

Wir, also Lis und ich, werden dieses Kloster in den nächste Tagen besuchen auf unserem Weg nach Helsinki, von wo aus es dann nach Tallinn gehen wird. Der Skandinavienteil unserer Reise neigt sich. Aber drüben warten schon Freunde auf uns, es bleibt also spannend.

Für eine Gesamtschau…

…ist es noch zu früh, vieles muss sich setzten. Eines ist aber deutlich geworden: Deutschland als Ganzes geht es gut. Wir haben immer wieder den Eindruck – auch in dem so reichen Norwegen – nicht im »alten Europa« zu sein, sondern in Osteuropa, wir haben falsche Vorstellung von der Lebenssituation, von den Zuständen in den Dörfern, von der teilweisen Trostlosigkeit (die wir natürlich mittlerweile auch an manchen Stellen in deutschen Städten finden).

Haparanda und Tornio sind gute Bespiele. Wir haben die Nacht in einem B&B-Hotel in Tornio verbracht, wo wir dann in der Wohnstube gefrühstückt haben und anschliessend bei zünftigem Regen und kaltem Wind eine Stadtrundfahrt versucht haben: Alles dicht, trist, Geschäfte, Auslagen… Die Doppelstadt am Ende des Bottnischen Meerbusens stellt man sich anders vor. Eignet man sich aber deren Geschichte an – Wikipedia reicht da schon mal – dann versteht man.

Und ich sage das selbstverständlich ohne Kritik zu üben, die mir nicht zusteht. Ich sehe nur, ich fühle: Europa ist nicht Deutschland. Und Deutschland ist nicht Europa. Wir sollten das beherzigen, wenn der Stammtisch oder manche Politiker andere als Lümmel abqualifizieren. Europa lebt in seinen Teilen anders als deutscher Ordnungsfimmel das vielleicht gerne hätte.

Und das ist gut so.

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