* Rund Europa 2012, 29. Tag: Kiuruvesi – Joensuu

Freitag, 29.06.2012, 18:36:26 :: Joensuu, Hotel AADA

Hatte ich schon erwähnt, dass »Kiuru« die Feldlerche und »vesi« das Wasser ist? Schöner Ort, »Lerchenwasser«. Den haben wir nun heute Morgen nach einem Tag Pause dort, zum zweiten Mal verlassen, um weiter nach Osten nach Nordkarelien und vor allem zum Russisch-orthodoxen Kloster Uusi Valamo zu fahren. Fehlende oder ungenügende Planung bringt da wieder Überraschungen, die das Reisen so unterhaltsam machen.

Zunächst aber hatten wir gestern die Ehre, die neue Dampfsauna des Hotels einzuweihen, original finnisch, alles aus mehr oder weniger rohem Holz, ausser dem Ofen und den Steinen natürlich, die diesen beissenden Dampf Erzeugen, wenn man ein wenig Wasser drauf giesst. Der Atmen vergeht einem fasst, man braucht eine Weile bis man wieder ruhig durchatmen kann…

Aansonsten habe ich geschrieben, Lis brachte endlich den überfälligen Sonnwend-Blütenkranz daher und – ja, so verging der Tag eben…

Heute Morgen nun…

…ging es dann los. Zunächst gab’s zum letzten Mal dieses hervorragende Frühstück, Schafsmilchjoghurt und diese Beerenflut, Blaubeeren, Preiselbeeren, als Gelee, als Marmelade, als Saft, Quitten – ich weiss nicht was. Lokalen Kümmelkäse, zünftige saure Heringe, selbst gebackenes Brot… Es ist wie die Abendmahlzeiten: Vom Besten. Und Bio.

Nach dem letzten sehnsüchtigen Blick durchs Fenster (Sonne, Wolken, kein Regen) musste es sein: Ein letztes Adieu der Wirtsleute und der Enkel und ein letzter Blick auf die freundliche Bauersfrau vorne an der Strasse, die uns vor zehn Tagen schon den Weg gewiesen hatte zu diesem wirklich himmlischen Fleckchen am See, dieser Blauen Perle. Das beutet »Sininen Helmi« nämlich.

Es kam, wie es kommen musste

Wieder »nur« Landschaft…, Sonne, Wolken, Strassen. Geschleife durch endlose Wälder und Wiesen, Lupinenalléen, riesige Fliederbüsche in den Gärten, die auch hier erst jetzt blühen; aber Apfelbäume, die bereits kleine Äpfelchen tragen, Glockenblumen, mannshohe Disteln, die einfach ihre Knospen nicht öffnen wollen – auch hier nicht, wo es es doch deutlich wärmer ist; heute konnte man in der Sonne sitzen und nicht frieren sondern Eis essen. Und diese Wiesen: Sie sind flächig dicht besetzt mit Wilder Möhre. Dort, wo die Wiesen noch nicht gemäht sind, erzeugen sie statt dem sonst satten Grün ein fast romantisches Pastell.

Und eben die Seen. Dicht an dicht. Ohne scheint es nicht zu gehen. Wem sie zum Hals raushängen, der darf um Himmels Willen nicht nach Finnland reisen.

Und wieder Kirchen, heute Morgen noch verschlossen, obwohl bereits eine Trauergemeinde wartet. Wir sind zu früh, vor 11 Uhr wird nicht geöffnet in Iisalmi. Ausserdem versteckt sie sich mit ihrem Glockenturm so geschickt hinter den Bäumen, dass sie fotografisch kaum zu fassen ist.

Essen fassen, Einkaufen…

…muss auch sein. Ein zweites Frühstück mit Kringel und Kaffee ist schon fast obligatorisch. Allein am Strassenrand gelegen treffen wir auf eine Metzgerei mit angeschlossenem Imbiss oder Café – egal. Es gibt leckere Lammfrikadellen, in Teig gebackenes Rentierfleisch, eine Leib Brot und eben Kringel und Kaffee.

Auf die Frikadellen und Ren freuen wir uns, heute Abend in der Unterkunft dann, die Kringel und der Kaffee gehen natürlich gleich weg.

Aber zurück zu den Seen

Wenn man die Karte Finnlands genauer studiert, hat man den Eindruck, jedes Stück Wasser hängt irgendwie am andern. Das stimmt meist. Aber zuweilen gibt es da Höhenunterschiede, die merkt man erst, wenn man wie wir heute an einer vierstufigen Schleuse landet, unverhofft und erstaunt, an die von Varistaipale. Eine Drehbrücke lässt auch den kühnsten Viermaster durch und dann folgen tatsächlich vier Stautore.

Fast 15 Meter weiter unten geht’s dann weiter.

Deise unverhoffte Attraktion und ein Ein am Kiosk…

…konnten uns letzten Endes aber nicht von unserem eigentlichen Ziel abhalten, dem

Kloster Valamo

Die neue…

…und die alte Kirche

Wir fürchteten eine Busorgie. Schliesslich ist dieses Kloster eine Besonderheit: Das einzige Russisch-orthodoxe Kloster auf finnischem Boden. Baulich gibt es nicht viel her, Tourismus schein oberstes Gebot.

Aher wir hatten Glück: Nach mässig interessantem Schlendern durch die Anlage bis zum Bootssteg…

…und durch die Souvenirläden…

…betraten wir die eigentliche Kirche genau fünf Minuten vor Beginn eine Konzerts, wie uns ein junger Mann im Mönchsgewand auf deutsch erklärte. Und so setzten wir uns eingehendem Bestaunen der modernen aber unverkennbaren Einrichtung erwartungsfroh auf’s Bänken und zückten die Kameras. Doch wir hatten uns zu früh platziert: Mann setzte sich mit massivem Aufgebot eine Reihe vor uns; daher die anmutigen Hinterköpfe auf manchen Fotos…

Was wir geboten bekamen, war mehr als beeindruckend. Ein Quartett aus vier Herren, aufgrund der Tracht durfte man Mönche vermuten, schritt mit schwarzen Mappen in der Hand zum Altarbereich und lieferte für eine halbe Stunde non stop Kirchengesänge vom Feinsten; oder zum Gänsehaut kriegen, ganz wie man eben gestimmt wird von den fantastischen Klängen orthodoxer Kirchengesänge.

Wir kaufen noch eine CD beim Hinausgehen und setzen uns ins klostereigene Café, Cappuccino und Kakao. Da kommt der junge Mönch vorbei, dieser klare Tenor, in Zivil und mit kleinem Rucksack. Wir unterhalten uns länger mit ihm, er will sein Deutsch verbessern. Und er berichtet: Sie sind alle Berufsmusiker, er studiert am Konservatorium in St. Petersburg. Ja, St. Petersburg! Wir prallen ja morgen an der Grenze ab und werden in Helsinki landen. Wäre es nach Plan verlaufen hätten wir uns dort mit ihm treffen können. Überraschungen, einmal so und einmal anders.

Heute Abend nun…

…stellen wir im Hotel fest, dass der Metzger heute früh die Lammfrikadellen nicht in die Tüte gepackt hat. Mahlzeit.

Picasa

Tagesleistung, Tracks & Links:

  • 2012-06-29;266;03:39;04:58;116;72.9;30.8;Kiuruvesi-Joesuu
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