* Rund Europa 2012, 35. Tag: Randvere – Pärnu

Donnerstag, 05.07.2012, 17:07:20 :: Pärnu, Hotel Villa Marleen

Inselhüpfen

Also, wenn schon Inseln irgendwo auf dem Weg liegen, dann müssen wir die besuchen; innerer Zwang sozusagen. So sind wir wieder auf den westestnischen Inseln gelandet, diesmal von Nord nach Süd.

[Einschub: Wie wir da hingekommen sind, das kommt noch…]

Heute Morgen sind wir von Saaremaa (Ösel) gestartet, bei Regen – versteht sich. In Randvere wären wir gerne länger geblieben, aber ab heute ist alles ausgebucht. Dieses Haus ist ja eine Augenweide, der Garten grossflächig und ein kleines Paradies. Schon letztes Mal haben wir geschwelgt. Ülle Purga, die Gastgeberin, hat all die Jahre, die sie vor allem in den postsowjetischen Ländern Projekte zur Staatenbildung und Demokratisierung betreut hat, Landestypisches gesammelt. Es steht und hängt in allen Räumen. »Unser Zimmer«, dasselbe wie vor zwei Jahren, ist Griechenland, dem Berg Athos, gewidmet…

Wir hatten heute Morgen wenigstens noch das Glück, mit Ülle Purga, die heute Morgen aus Baku von einem ihrer Projekte dort zurück kam, ein Weile über ihre Arbeit, über Europa, die Bedeutung der Turkstaaten und der Orientierung nach Europa hin zu unterhalten. Mehr wäre schön gewesen… Sie ist sehr kritisch, was die Entwicklungen dort angeht, aber es wurde deutlich, dass die Aufnahme der Türkei in die EU ein grosse Hilfe für die Identitätsfindung der Staaten dieser Region wäre. Sie gerieren sich zwar derzeit demokratisch (Das grosse Lalala in Baku hat das ja letztens gezeigt), sind aber noch zutiefst in ihrer korrupten Realität gefangen. Korruption ist Teil des völlig normalen täglichen Lebens; wer nicht schmiert oder sich schmieren lässt, wird als verrückt angesehen und würde auch nicht überleben. Dass die Demonstrationen der Opposition dort es bei uns auf den TV-Schirm und in die Papiermedien geschafft haben, hätte nur am ESC gelegen, das würde schon länger so gehen. So ist es eben, wenn einem Europa am A… vorbei geht. Man bekommt dann wenig mit, was so passiert um uns herum.

Was wohl etwas Mut macht: Die Potentaten haben wohl zumindest erkannt, dass es ihnen allen besser geht, wenn sie die Bevölkerung am Wohlstand aus Gas und Öl ein wenig beteiligen…

Kirchen auf Ösel

Wie wir gestern und heute wieder feststellen konnten, haben alleine die Insel Hiiumaa (Dorpat), Saaremaa (Ösel) und Muhu mehr Kirchen zu bieten, als uns in Schweden oder Finnland begegnet sind. Alle paar Kilometer zeigt ein Wegweiser nach links oder rechts. Doch sie sind fast alle in einem erbärmlichen Zustand, einige auch völlig zerfallen, so wie diese orthodoxe Kirche heute.

Park oder »nur« Landschaft?

Im Übrigen hat man bei der Fahrt über Land fast stets das Gefühl, durch eine Parklandschaft zu fahren. Dass wir nicht mehr in Finnland sind, merken wir auch am Zustand und der Anordnung der alten Holzgehöfte: Es ist »baltisch« hier, wer nicht aufpasst und sich nicht auskennt, würde von einem Kulturschock sprechen; später in Pernau noch viel deutlicher.

Ösel verlässt man über einen Damm (estnisch »Tamm«) nach Muhu. Nach kurzer Fahrt kommt man zur Fähre nach Virtsu am Festland.

Angesichts des augenschonenden Grau am Himmel und den hinreichend fallenden Tropfen entschieden wir uns gegen eine entspannte Fahrt entlang der Küste. Vorteil: Unfallgefahr minimiert und einen Faden mehr in unserm Routingnetz über Europa.

Zu Gast bei Lilli Marleen

Den Campingplatz bei Pernau meiden wir diesmal: Zelt aufbauen ist heuer nicht ratsam. Und mal was anderes als ein drittes mal dieser Campingplatz mit Andrang zur Toilette ist ja auch nichts Schlechtes. So finden wir dank Naiv schnell eine Villa, die zwar baulich etwas anderes ist, aber das Hotel heisst nunmal »Villa Marleen« und ist genau richtig, auch bzgl. ihrer Lage zur Stadt.

Das Kurhaus von Pernau…

Grosse Mühe geben sich die Pernauer

…bot sich heute an, um estnische Essgewohnheiten zu testen – Argentinischen Steakhouse passt nicht ganz. Also estnische Kurnahrung: Reichlich, fett und eigentlich ohne zwei, drei Wassergläser Wodka kaum zu schaffen. Wir lassen daher von der gemeinsamen Ein-Personen-Portion, von der gut vier Personen satt geworden wären, einiges zurückgehen. Die richtig liebe Bedienung ist mütterlich besorgt, ja schrecklich traurig und kann es überhaupt nicht verstehen, dass wir den Rest nicht eingepackt haben wollen: Der Tag sei noch lang, und morgen…? So nimmt sie die Platte mit, innerlich sicher heftig den Kopf schüttelnd.

Diese Schmausorgie verleben wir – nebenbei bemerkt – mit einer Theateruntermalung vorne in der Orchestermuschel. Es muss spannend und dramatisch sein, was da geschieht, denn ganz vorne harren viele in Regenkleidung mitfühlend aus, wir weiter hinten unterm Dach der Kurterrasse haben es da komfortabler. Sind schliesslich Touristen. Und unerwartet damit konfrontiert, dass die Komparsen vorne plötzlich geschlossen mit Hitlergruss marschieren.

Jedenfalls sieht es für uns so aus – vielleicht sind wir auch nur übersensibilisiert durch die ererbte Schuld – den Kirchturm der orthodoxen Kirche auf Ösel (s.o.) hat auch die Deutsche Wehrmacht niedergemacht, im September 1941. Wie gesagt: »Wir« waren überall und »wir« können alles…

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2 Antworten auf * Rund Europa 2012, 35. Tag: Randvere – Pärnu

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  2. Helmut Hansen sagt:

    ..ich möchte jetzt nicht unbedingt die Rolle des estnischen Gewissens übernehmen, aber warum habt Ihr den Rest nicht einpacken lassen? Angesichts des beigefügten Fotos dieser Essensplatte ist diese Frage – lieber Reinard – unausweichlich…

    Herzliche Grüsse und Euch weiterhin eine gute Reise!
    Helmut

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