* Rund Europa 2012, 83. Tag: Łosice – Horodło

Mittwoch, 22.08.2012, 21:04:46 :: Horodło, Hotel »Sława«

Jetzt haben wir sie,…

…die heissesten Tage der Saison. Schon am Morgen ist seit Sonnenaufgang »dicke Luft«. Seit gestern ist heftiges Schwitzen und permanenter Angriff auf den Kreislauf angesagt. Kein »schönes Wetter« ohne Reisen? Sieht danach aus.

Wir verabschieden uns nach reichhaltigem Frühstück von unserer Couchsurferin, ihrer Familie und deren Freunden. Nach einem Blick in den Schweinestall (bestialischer Gestank!) geht’s dann los.

Wir wollen dicht an der Grenze zu Weissrussland, entlang des Bug im Wesentlichen, zu einem Grenzübergang hinüber in die Ukraine.

Wieder solch ein Fluss, der ganz leicht erklärt, warum hier die Grenze so verläuft, zuerst die nach Belarus, später auch ein Teil der Grenze zur Ukraine. Zwischen Ukraine und Rumänien sind es Donau, kurz vor der Mündung, und vor allem die Theiß

Verlassene Landschaft, arm, freundliche Häuser und Menschen – Ostpolen. Und…

…Sobibor

Nur ein kleines Hinweisschild auf ein »Museum« zeigt dort hin, wo das Vernichtungslager Sobibor lag. Der dort hin führende Waldweg ist derart schlecht, dass wir uns die rund 5 km verkneifen – das wären wieder 10 km Holperstrecke,…

…wir hatten schon viel und werden auch noch mehr als genügend bekommen – zwangsweise. So rollen mir nur die Bilder durch den Kopf: Dachau, Buchenwald, Auschwitz, Birkenau, Majdanek…. Und die Wolfsschanze, alles Hardware gewordene Hirngeburten von Deutschen, unserer Väter- und Grossvätergeneration. Und wir fahren hier sightseeing-mässig durch die Gegend, nicht mal siebzig Jahre später, werden freudig aufgenommen – nur Verdrängen ist »schöner«…

Das Vernichtungslager Sobibor war ein deutsches Vernichtungslager in der Nähe des heute 350 Einwohner zählenden Dorfs Sobibór, eines Ortsteiles der Stadt Włodawa, im südöstlichen Polen. Es lag an der Ostgrenze des damaligen Distrikts Lublin des Generalgouvernements, im heutigen Dreiländereck Polen–Weißrussland–Ukraine. Das Lager wurde Anfang 1942, während der deutschen Besetzung Polens, errichtet und diente neben den Lagern Belzec und Treblinka als Vernichtungslager im Rahmen der ‚Aktion Reinhardt“, der planmäßigen Ermordung der Juden des Generalgouvernements. Im Vernichtungslager Sobibor wurden nach Schätzungen bis zu 250.000 Juden in Gaskammern ermordet, darunter 33.000 aus den Niederlanden.

Quelle: Wikipedia

Alos wieder ein Ort, wo »wir« waren. Lublin/Majdanek liegt gerade mal 75 km südwestlich, unser Besuch dort nur ziemlich genau zwei Jahre zurück.

Eine einsame, verlassene Gegend hier, kaum dass mal ein Auto entgegen kommt oder uns überholt. Ja zuweilen. Einer der »Möderfahrer«, die riskant fahren, schneiden, dicke VIP-Schaukeln, schwarz. Die Blumenstöckchen am Strassenrand, zuweilen mit einem kleine Holzkreuz, sie sprechen beredt davon, was hier zuweilen geschieht. Touristen? Wir können uns nicht erinnern, je in den vergangenen Tagen eine ausländische Nummer gesehen zu haben. Ukrainische werden wir sehen heute, vermutlich. Die Grenze rückt näher. Tourismus aber ist anderswo…

Und so reicht auch dieses Infozentrum mitten in der Landschaft für eine ganze Reihe von Häusern, Dörfern sogar. Nur Kirchen, die stehen überall in nicht begreifbarer Zahl. Und Bushaltestellen, Wegmale die anzeigen, dass es hier irgendwo Menschen geben muss, die zuweilen ihre Katen verlassen.

Was säen sie, was ernten sie hier? Das Getreide ist verarbeitet, die riesigen Strohrollen liegen überall auf den weiten Feldern. Sie sind heuer früher dran, sagte uns unsere Gastgeberin in Łusice, wenig Regen im Frühjahr, daher reifte das Korn am kurzen Halm. Aber der Mais steht prächtig und grün, im Gegensatz zu manch früherem Jahr, wo wir nur an traurig braun-grauen Strünken vorbei fuhren. Tabak steht und blüht, Leinen, Strauch- und Stangenbohnen, ja selbst Hopfen vermeinen wir zu sichten.

Und irgendwann dann…

…doch tatsächlich der Bug, leibhaftig. Alles verkrautet und verwildert, dass klar ist: Hier kommt keiner rüber. Aber dennoch: Die häufigsten Fahrzeuge waren Polizeiwagen, wir sind auf der Kontrolettistrecke…

Wie ich auf den Gedanken gekommen bin,…

…hier in dieser Einöde, in Dubienka, könnte es eine Übernachtungsmöglichkeit geben, kann ich nur damit erklären, dass ich schludrig recherchiert habe. Aber jedem anderen wäre es genauso gegangen. Wetten? Ausprobieren.

Jedenfalls ist da nichts ausser ein paar Holzhäusern und einer Stassenkreuzung. Also weiter richten Süden, der Grenzübergang ist da. Und so landen wir in Horodło. Und wie wir da so durchfahren, Tenor: hier ist auch nichts, was sticht da im Augenwinkel? Ein Schild, »Słava«, Restaurant, Hotel. Aber wir fahren weiter. Nur, um nach ein paar hundert Metern zu überlegen, was wir da eigentlich gesehen haben. Und kehren um. Und mieten uns ein.

Internet in der Provinz

Das Hotel »Sława« ist mit EU-Mitteln entstanden. Nun liegt Horodło nicht gerade im Zentrum des Europäischen Geschehens. Dennoch ist das Haus technisch soweit perfekt erbaut und ausgestattet. Wir sind jedoch (mal wieder) die einzigen Gäste. Woher das Konferenzzentrum seine Nahrung erlangen soll ist schleierhaft. Die Holzkirche mir wunderschöner orthodoxer Inneneinrichtung direkt gegenüber, mit agressivem Schild mit der FM-Frequenz, mir der man sich katholisch beschallen lassen kann, kann mit ein paar Hochzeiten nicht die Rettung sein. Wer mutet Menschen diesen Ort zu, wenn man sie froh stimmen oder gar motivieren will?

Dass der Provider einen Internetzugang liefert, der nicht funktioniert, und mit konstanter Boshaftigkeit das gleich schrille Reklamelayout liefert wie das restlich Reklame-Polen – das passt nun schon wieder eher ins Bild. FTP, d.h. Cloud-Dienste und Uploads gehen gar nicht, Mail und HTTP nur, wenn man alle 30 Sekunden die nichtsnutzige Reklameseite an- und wegklickt. Schade, denn alles andere ist doch gelungen!

Hinter Gittern

Das Abendessen gerät wieder zur unwiederbringlichen Lustbarkeit. Vor dem Haus sitzen wir hinter einem schweren Schiebegitter zum Gehweg hin, das nur personenbreit offen ist. Hunde schauen rein, ob was für sie abfällt, Mütter mit Kindern schauen erstaunt durch die Stäbe, viele invalide Männer Humpen – mit und ohne Stock – vorbei und grüssen herein. Gäste!

Die Speisekarte wieder reichlich, aber die entscheidenden Dinge sind nicht servierbar; verständlich, ohne die geringste Aussicht auf Gäste würde ich mir auch kein abgehangenes Filetstück hinlegen. Aber ich würde es dann auch von der Karte nehmen.

Gut. Wir radebrechen und beim bestellten Tee haben wir zunächst mal Glück. Dann aber wird es schwierig. Ich flattere dann irgendwann hilflos mit den Armen. Das Gesicht des Mädels erhellt sich. Das kennt sie. Mit chicken hingegen konnte sie noch nichts anfangen. Einmal – Lis hebt den Daumen, das Mahnmal: EINMAL. Sie nickt heftig. Dasselbe bei der Pilzsuppe, auf die Lis in der Karte zeigt, original polnische Text. EINMAL, mit Daumen.

Zzunächst kommen die Gewürze und das Körbchen mit dem Besteck: zwei Löffel, zwei Gabeln, zwei Messer. Uns schwant Schlimmes. Und so kommt es auch: Zwei Schüsseln mit grauer Flüssigkeit, gegen die Atmosphäre durch eine dicke gelbe Ölschicht abgetrennt. Ich rühre eher angewidert und versuche, Pilzstücke ohne Ölschwemme heraus zu fischen. Nach zwei Happen war’s das. Lis löffelt alles Feste aus beiden Schüsseln. Die Reste gehen zurück. Jeder normale Abfluss würde sich weigern, den Rest zu schlucken.

Und dann, klar: Es schweben zwei Teller mit drei vortrefflich panierten Hühnerbruststücken an Pommes (ja, die gewellten…) und Gurken-Zwiebel-Sahnesalat an. Lecker soweit, aber eigentlich viel zu viel. Aber der Abend ist ja noch lang, die Moskitos konnten mit AUTAN soweit gezügelt werden. Ausser einer Portion Gewellter bleibt fast nichts übrig.

Am Nebentisch sitzt mittlerweile eine Runde Einheimischer. Ein kräftiger, kahlgeschoren wie die meisten Männer heutzutage, scheint mir der örtliche Bürgermeister oder Bauunternehmer zu sein, er spendiert (und holt!) sichtlich gönnerhaft für alle ständig Getränke, will sagen Bier. Der schon betrunken erschienene Herr hinter uns lässt den halben Teller stehen und wankt wieder aus dem Käfig. Lokalkolorit.

Und wie wir so am Schmausen sind, da kommt auch schon das Mädel, diuesmal mit dem ein Zentimeter breiten Kassenbon. Eigentlich wollten wir ja noch – aber ok., es soll wohl nicht sein in Polen, dass man nochmals zur Bestellung schreitet nach dem Mahle. Dessert ist nicht erwünscht seitens des Gastronoms. Saft steht oben, wir werden weder untergehen noch verdursten. Ach ja: 50 Złoty, ganze 12 € das Essen & Trinken, 24 € das Zimmer…

Bilder folgen.

Tagesleistung, Tracks & Links:

  • 2012-08-22;240;03:45;02:39;110;63.9;37.4;Losice-Horodlo
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