* Rund Europa 2012, 91. Tag: Viseu de Sus – Wassertalbahn (2)

Donnerstag, 30.08.2012, 23:12:30 :: Viseu de Sus

<–– Teil 1

Als die Lok den Bauch wieder voll Wasser hat, mahnt sie mit schrillem Pfiff abermals zum Aufbruch: Zweiter Abschnitt, weiter hinauf bis zum Endpunkt der touristischen Reise. Die Gleise selbst führen noch viel weiter, imm tiefer in die weglosen Wälder der Karpaten. Aber eben nur für den Abtransport der Stämme, die dort geerntet werden. Es gibt aber Hinweise auf den Seiten des Vereins, dass man auch weiter kommt – wenn man noch früher aufsteht und mit den Waldarbeitern fährt.

Also alle wieder zurück in die nach wie vor frischen bis sehr kühlen Wagen. Aber mittlerweile hebt die Sonne die Temperatur doch langsam an.

Picknick!

Und als wir dann am Endpunkt ankommen sind auch wir überrascht, was sich hier seit letzen Jahr getan hat: Aus einer doch eher provisorischen Picknickveranstaltung ist eine regelrechte Restauration geworden. Die Marketenderinnen haben aufgebaut und aufgetischt: Leckeres vom Grill, Kuchen, allerlei Getränke werden angeboten, viele noch immer fröstelnde Fahrgäste stehen Schlange. Andere haben alles selbst mitgebracht, die Bänke und Tische werden belagert, es wird ausgepackt und in der prallen Sonne taut auch der Letzte auf, die Mägen weiten sich – es wird gefuttert und getrunken.

Und dann trifft der zweite Zug ein, der nach uns los fuhr. Er bringt all die, die nicht rechtzeitig aufgestanden sind heute Morgen…

In der Zwischenzeit wir gepfiffen, gezischt und rangiert: Die Lock muss samt Holztender ans bisherige Zugende – Sudoku für Fortgeschrittene.

Rückfahrt im Sonnenschein

Nachtem auch der/die Letzte den strengen Geruch der Toilettenhäuschen in sich aufgenommen hat, die Lokomotiven samt Brennstoff auf der richtigen Seite stehen und alle bestens durchgewärmt sind, gellt wieder der muntere Pfiff. Er hört sich immer an, als würde es dem Lokführer höllischen Spass bereiten, seine Dampfmaschine pfeifen zu lassen.

Ich weiss nicht, wie es wäre, wenn tiefe Wollen im Tal hängen würden, wir haben ja dieses Jahr wieder Glück und bestes Wetter. Dieselbe Strecke zurück? Langweilig? Mitnichten.

Die Perspektiven sind andere, vieles erkennt man wieder, anderes hat man wohl übersehen und so wird auch das Hinabschnaufen zum Erlebnis.

Die Bremser haben jetzt viel zu tun: Sie beobachten, in jedem zweiten, dritten Wagen an der Bremse stehend, genau, was links und recht voraus passiert, denn dann heisst es gegebenenfalls die Bremskurbel zu drehen, die Wagen würden sonst am Ende die Lock vor sich her schieben. Es bleibt also irgend wie spannend. Die Stimmung ist gelockert, weil warmes Drumherum: Man ist zufrieden…

…verliebt…

…oder lässt die Seifenblasen fliegen, ein Vergnügen nicht nur für Vorschulkinder.

Alles hat ein Ende

So auch diese Fahrt, es wird wieder kultivierter…

…und dann sind wir da.

Museum »Juden in Oberwischau«

Wenn man dann am Bahnhof dem Zug entstiegen ist, vielleicht doch etwas steif ob der langen, harten Sitzerei, dann sollte man nicht versäumen, beim Elefant vorbei zu schauen, einer kleinen unscheinbaren Holzhütte, wo man gemütlich noch ein Kaffeechen schlürfen kann um sich dann die kleine Ausstellung anzusehen. Gewiss, das Meiste ist Lesestoff auf grossen Wandtafeln, aber nachdem das Mädel uns das Licht angeknipst hat, geht das sehr gut. Die Buchstaben sind gross genug, man muss sich also nur Zeit nehmen. Die Dokumentation schildert das Schicksal der jüdischen Bevölkerung hier in Oberwischau und Umgebung. Denn auch hier, wie in den gesamten Gebieten Polens, der Ukraine und der Baltischen Länder stieg der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung ab Ende des 18. Jahrhundert stetig und war sehr hoch, oft sogar stellten sie die Mehrheit – auch Folge der Fluchtbewegung aus dem zaristischen Russland, wo Pogrome den Juden sehr zusetzten. Ohne auch nur den kleinsten Gedanken an Relativierung aufkommen zu lassen: Das, was dann im Zuge des Zweiten Weltkriegs den Juden in Europa durch Deutschland widerfuhr – es hatte seine Vorgeschichten, überall, besonders in Osteuropa und wohl kein Land Europas hat sich in seinem Bemühen, Minderheiten zu schützen, mit Ruhm bekleckert.

Man liest da Sätze wie

Das eingewanderte Judentum überschwemmt die Städte Rumäninens und hat unsere Bevölkerung mit seiner moralischen und physischen Dekadenz angesteckt.

Mihai Eminescu, rumänischer Nationaldichter

Oder

Das Judentum muss man vom ungarischen Boden entfernen. Ers gibt keine andere Lösung als die Aussiedlung der 800.000 Juden aus Ungarn.

Mildós Kálley, Ungarischer Ministerpräsident, 1942

Und zunehmend deutlicher

Das Wichtigste ist mir nach wie vor, dass jetzt an Juden nach dem Osten abgefahren wird, was irgendwie menschenmöglich ist.

Heinrich Himmler

Und dann eben das grausige Ende:

Aus dem Graben loderten riesige Flammen empor. Ein Lastwagen schüttete seine Ladung hinein: kleine Kinder, Säugling… ich habe es mit eigenen Augen gesehen.

Elli Wiesel, Friedensnobelpreisträger

Zumutung

Ich bin der festen Überzeugung, dass man sich immer wieder vor Augen führen muss, was damals geschehen ist und ich widerspreche allen, die sich der Verantwortung mit der »Gnade der späten Geburt« entwinden wollen. Verantwortlich sind wir »Jüngeren« nicht. Man muss aber im Gedächtnis behalten, wozu wir als Menschen fähig waren und sind. Hunger und Elend sind nicht verschwunden. Kriege nicht. Und wer die Lebenssituation der Sinti und Roma in Rumänien und den anderen Ostländern einmal wahrgenommen hat, den Nachrichten über Pogrome in Ungarn, der Slowakei und eben in Rumänien ein paar paar Minuten Aufmerksamkeit widmet, der erkennt und weiss: Es ist noch nicht zu Ende. Europa hat keine Veranlassung, sich beschwichtigend auf die Schulter zu klopfen. Es kann alles wieder hochkommen: Sündenböcke suchen. Wir erleben es ja seit Jahren in der Europakrise. Unsere Politiker und die grosse Mehrzahl der Medien sind Meister dieses Fachs. Und die Krise wird sich nicht beenden, sie wird wachsen. Und wieder sind nicht die grossmedial vorgeführten »Sündenböcke« die Verursacher…

Das kann man mitnehmen, vor oder nach einem Kaffee im Elefant-Museum, am Wassertalbahnhof in Oberwischau, in Maramuresch in Nordostrumänien. In Europa, der EU.

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