* Rund Europa 2012, 82. Tag: Augustow – Łosice (2)

Dienstag, 21.08.2012 :: Łosice
Montag, 10.12.2012, 19:29:07 :: La Palma

<––– Teil (1)

Eine Bar, eine Bar!

In Polen ist eine »Bar« ein Kiosk, ein Minirestaurant, ein Strassencafé, irgendwo an einer der endlosen Strassen. Und die braucht man auch irgendwann. Selbst wenn die Luft eindringlich nach frischem Dung duftet: Irgendwann hat man Durst oder gar Hunger. Und dann ist jede Bar recht.

Was man in der Bar bekommen kann, stellt man fest, wenn man ins Dunkle an die Theke tritt, was man bekommt, stellt sich immer erst heraus, wenn man den Bestellversuch soweit hinter sich gebracht hat, dass einem was auf den Tisch gestellt wird. Meist klappt das ganz gut. Lis ist dann gut drauf.

Am Nebentisch erquickt sich ein elegantes weissrussisches Pärchen, fährt aber rasch in der zweifelsfrei passenden schwarzen Limousine weiter; die Limousine selbst passt allerdings gar nicht hier her… Hier draussen ist tote Hose, dünnste ostpolnische Besiedlung, Armut. Aber hier ist auch unsere heutige…

…Endstation

Meszki heisst der kleine 120-Seelen-Weiler nahe Łosice, den wir finden müssen und auch finden, mit GogoleEarth geht ja fast alles.

Dort erwartet uns ein junge Couchsurferin mit einer Gruppe anderer junger Leute, die gemeinsam hier versuchen, den Kindern des Dorfes sinnvolle und spannende Ferientage zu bieten. Dazu aber später. Wie immer, wenn man sich nach langem Email-Hinundher dann trifft, hat man Erwartungen: Klappt’s mit dem Partner? Findet man sich sympathisch, kann man miteinander reden?

Alles kein Problem. Ein herzlicher Empfang, ein grosses Hallo in der Wohnstube des Bauernhauses, wo alle gerade beim Essen sitzen. Wir werden dazu gesetzt, Fleisch, Kartoffeln (für Lis), Sosse, »Kompott« (wasserverdünnter Saft), ein Fragen hin und her. Der Rest der Gruppe kommt aus Warschau, teils an der Uni, ein Mädel aus Malaysia studiert Medizininformatik in Warschau. Sie kümmern sich um die Kinder hier am Ort, da es sonst niemand tut. Gegen Abend sollen wir dazu kommen, vorne in dem Haus an der (einzigen) Kreuzung im Dorf, die Kinder würden sich über Besuch freuen.

Für die Zeit bis dahin bekommen wir Tips für die Umgebung. Wir machen uns auf den Weg zu einer…

…Rundfahrt: Droheczyn und Korczew

Es geht wieder zurück nach Norden, wieder über den Bug, denn Drohiczyn liegt nördlich des Bug.

Uns erwartet dort eine Ansammlung von Kirchen und ein Kloster.

Eerstaunlich, derart vieler Kirchen an einem derart kleinen Ort anzutreffen. Das Kloster mit seiner beherrschenden Kirche – eigentlich unwirklich. Aber wir sind nicht die einzigen »Wallfahrer«, der Reihe nach rollen die Wagen an. Andererseits, das hatte ich ja bereits an anderer Stelle geschrieben, war Ostpolen eben das »Bollwerk« der Römisch-katholischen Kirche gegen den Einfluss der Russisch-orthodoxen, K.u.K. gegen Zarenreich. Da musste man jeweils was darstellen.

Klöster, Kirchen, Herrenhäuser

Es ist richtig schön heiss, die mehrfach plakatierte Kneipe im Städtchen würde uns helfen, aber alle Türen sind zu bzw. nur für’s Personal. Wir ziehen durstig weiter, hinein in den sich ankündigenden Sonnenuntergang, vorbei an den Menschen vor ihren Häusern, vorbei an den heimkehrenden Kühen.

Man müsste eine Europäische Kulturgeschichte des Vor-dem-Haus-Sitzens schreiben: Osteuropa, Südeuropa, Spanien, Kanaren/Südamerika; Deutschland käme darin kaum vor…

Unterwegs geht’s weiter mit Kirchen, auch Holz ist ab und an darunter, Marienaltären, bunt geschmückten Wegkreuzen.

Zum Herrenhaus in Korczew,…

…einem der vielen Schlösser, Burgen und Paläste in Masowien werden wir vorbildlich geführt.

Es wird derzeit noch renoviert, die Enkel der ehemaligen Besitzer sind aus England zurück gekehrt und machen es für die Öffentlichkeit zugänglich. Nur: wir kommen an, als sie schliessen. So bleibt nur der kurze Rundgang und die Ansicht von aussen.

Aber so kommen wir wenigstens pünktlich unserem Treffen mit den Kindern.

Die Kinder von Meszki

Als wir, schon fast gehetzt, zum orangenen Haus an der einigen Strassenkreuzung des Dorfes kommen,…

…ist da niemand. Dort steht eine grössere Zahl von Fahrrädern, aber keine Menschenseele ist da. Nach einer Weile kommen sie aber alle, die Gruppe hat einen gemeinsamen Spaziergang gemacht. Sechs, sieben Kinder vielleicht, lächelnd, etwas schüchtern – normal.

Abendstimmung

Draussen geht der heisse Tag zu Ende, es wird aber nicht kühler.

Wir sitzen in der dörflichen Feuerwehrhalle, die aber allem dient, was im Dorf gesellschaftlich passiert; selbst eine Bühne gibt es.

Ewelina erzählt: Sie versuchen, die Kinder mit Spielen, Musik und Gesang vom Fernseher und vom Computer wegzuholen; fast alle haben eine Rechner zuhause und hängen daddelnd davor rum – wie überall. Wenn sich die Gruppe nicht kümmern würde, täte es niemand. Ferien machen? Kommt nicht in Frage. Zu arm. Die Kinderzahl nimmt dramatisch ab, auch wie überall: Als Ewelina hier zur Grundschule ging, waren sie ca. sechzig Kinder. Heute sind es noch ca. dreissig. Wer qualifiziert ist, bleibt nicht im Dorf, junge Familien gibt es praktisch nicht mehr.

Die Mädels der Gruppe singen, die Kinder toben oder sitzen dabei. Später machen wir alle ein Kreisspiel, die Begeisterung bei den Erwachsenen ist grösser als die der Kinder. Sie klimpern eher unmotiviert auf einer der herumliegenden Gitarren, kicken lustlos einen Ball oder schmeissen sich an die »Betreuerinnen«: Zuneigung ist gefragt.

Landwirtschaft in Ostpolen

Abendliche Fragestunde beim und nach dem Essen: Grossbauern, die sich nach der Wende möglichst viel unter den Nagel rissen, gibt es hier. Sie betreiben Monokulturen. Die Kleinbauern bauen allerlei Sorten Getreide an, weniger Mais. Kartoffeln natürlich, Champignonzucht versucht. Viel Getreide geht in die Schweinezucht. Das Bauernehepaar hat drei Kinder: Der Sohn hat Agrikultur studiert, er wird den Hof übernehmen, die beiden Töchter studieren in Warschau und werden das Dorf verlassen, wenn sie eine Arbeitsstelle angenommen haben. Bisher pendeln sie, wenn es sich ergibt, Warschau ist 125 km entfernt, mit dem Bus in drei Stunden erreichbar.

Für Lis und mich wird das Wohnzimmer geräumt, alle anderen verteilen sich auf die vielen Zimmer. Es ist sehr warm, Autan muss vor Moskitos schützen, denn das Fenster muss unbedingt auf…

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