* Rund Europa 2013, 17. Tag: Brindisi – Sarande

Dienstag, 25.06.2013, 21:56:33 :: Sarande, Hotel Porto Era

Ja, mittlerweile sind wir bereits in Saranda (Facebook-Nutzer wissen da schon mehr…), also eigentlich bereits in Griechenland. Das werden sich die Albaner sicher verbeten haben, dass ich das so einfach sage, aber ohne englische Marinesoldaten wäre das vielleicht noch heute so. Jaja, alles Geschichte. Auch die Wahlen letzten Sonntag in Albanien, deren offizielle Ergebnisse wohl mittlerweile (Dienstag Nachmittag?) raus sind, sind bereits Geschichte. Für das Land, das jetzt den ehemaligen Bürgermeister Eid Rama zum neuen »sozialdemokratischen« Ministerpräsidenten bekommen wird, hat das wohl wenig Folgen. Berisha verliert die Wahl, dem siegreichen Widersacher werden nur zaghaft demokratischere, antikurruptive Züge nachgesagt. Dennoch: Ein Meilenstein. Weniger Unregelmässigkeiten währende der Wahl (besser: nicht mehr), gestiegene Wahlbeteiligung – EU, öffne deine Pforten. Den überreichen Verpackungsmüll haben wir schon geliefert, ohne parallel dazu auch zu vermitteln, wie man ihn geordnet und umweltverträglich wieder los wird. Klimaanlage im Hotelzimmer tut auch, wie’s scheint aber binär: gar nicht oder zu kühl.

Aher warum greife ich schon wieder vor? Der Bericht ist für gestern, als wir tatsächlich so gegen 2 Uhr morgens mit der »Red Star«-Fähre, einem total überpinselten italienischen Vehikel unter der Flagge Panamas, in Brindisi abgelegt haben. Eigentlich von »Costa Morena« und eigentlich 23.30 Uhr am Vortag. Aber das ist dann Gegenstand des Berichts vom Tag zuvor und der muss noch geschrieben werden.

Überfahrt und Ankunft in Vlora

Oder Vlorë. Oder Valona, wie die Italiener sagen. Oder Αυλώνα. Die Griechen sind als grosse Minderheit im Süden, unserem Ziel, bis hier hoch präsent. Man sieht’s allenthalben an der einfachen Wahlplakatierung…

…per blauer Farbe in Kyrillisch – wie gesagt, die Wahl ist gerade vorüber und jede Seite brüstet sich inoffiziell aber gockelhaft als Sieger der Rocky Horror Politshow.

Das sehen wir dann alles am Morgen. Bis dahin gilt es, eine sogenannte geordnete Nacht im Chaos einer recht gut mit fast nur heimreisenden Albanern gefüllten Fähre zu verbringen oder besser zu überstehen. Wir sind als Touristen nicht alleine, zumindest ein Auto mit schwedischem und eins mit Züricher Kennzeichen sahen wir beim Warten auf das embarking. Aber das war gestern, so ab 21 Uhr. Allerdings bis nach 24 Uhr – verdammt! Wo anfangen, wo aufhören?

Jebenfalls: Es hat sich wenig oder gar nichts geändertgegenüber 2011. Dasselbe Chaos in Italien wie dann in Albanien. Auf griechischen Fähren flutscht das besser. Dass ein Beamter die italienische Passkontrolle zu erledigen hat, wenn hunderte Autos anstehen und er wegen fast jedem Pass rein und raus rennt, während andere, die Hände gemütlich auch dem Hintern verschränkt auf und ab flanieren – ich weiss nicht…

Fährenheimeligkeiten

Als wir schliesslich auf der Fähre sind und versuchen, vom abgestellten Auto in den Restaurationsteil im 3. Stock vorzudringen, klettern wir schon über Familienclans schlafender oder sich zum Schlafe vorbereitender Albaner. Dass sie sehr freundlich Menschen sind, haben wir immer wieder erlebt und beschrieben. Daran ändert ein kleiner Rempler oder eine Stolperei über ausgestreckte Beine nichts. Und oben finden wir neben sehr schlechter Luft und zu hoher Temperatur ein munteres Treiben und freie Plätze, die wir aber eigentlich nur zur Ablage unserer wenigen Habseligkeiten nutzen – wir liegen nach kurzer Zeit ebenfalls auf dem Boden ausgestreckt, Beine unterm Tisch, wie nach einem schweren aber erfolgreichen baltischen Gelage, über uns steigend freundliche Albaner, Kinder, Frauen, Männer…

Zwei, drei Mal checke ich draussen an Deck unsere Position und Geschwindigkeit: Am Anfang 140 km, 28 km/h. Später dann, es ist schon hell, die Sonne schon hoch hinter Wolken, noch 25 km, noch 4… Das Chaos erwacht zu neuem Leben.

Kleine Kinder, wie leblos und lächelnd schlafend, werden aus ihren Zwei-Stuhl-Betten hochgenommen und mit Plastikflaschenwasser zu neuem morgendlichem Leben erweckt, es wird gegähnt, sich gekämmt und zum Landgang fein gemacht, die Gänge mit sich selbst und umfangreichem Gepäck verstopft – zum Auto nach unten kein Durchkommen. Irgend wann dann doch. Und dann rangieren, einreihen, vordrängen und raus!

Luft, Sonne!

Und so empfängt uns ein morgendlich frisches Vlorë, etwas wolkig, daher angenehm.

Und überall fliessen Unmengen an Wasser über die Strassen, wohl in Erwartung des Staubs, der da kommen wird, tagsüber.

Der nächste Geldautomat mag unsere Karten nicht, ich habe meine PIN der VISA vergessen und mag sie nicht suchen, also Euros tauschen. Das Mädel in der Bank ist willig und nun sind wir reich: 10.000 Leke, fast wir damals 2001 in Nordnikosia, wo wir für ein paar Stunden Millionäre waren – türkische alte Lira allerdings…

Vielleicht wäre hier was rausgekommen?

Ein Frühstück muss her. An der Strasse nach Süden ist schnell eine Bar gefunden – es reiht sich hier, weil Badestrand. »Hannover« steht Hoffnung verheissend auf dem Schild. Und mit freundlichem Lächeln und einem bestgelauntem Grinse-»Guten Morgen« nimmt der Wirt Lis‘ Bestellung entgegen und sein scheuer junger Kellner bring zwei Cappuccino und zwei lätschige Croissants – ohne Nutella drin, danke! Aber dafür mit Vanillepudding. Frage: Welcher Albaner war noch nicht in Deutschland? Erstaunlich, keiner hebt die Hand…

Usere Fahrt nach Süden ist eigentlich schon Routine, schade eigentlich. Und doch begeistert uns wieder und wieder die Wildheit dieser Landschaft.

In Himara machen wir wieder Halt und besuchen den Kiosk der Griechen vom letzten Jahr.

Als ich den Laptop raushole und der Besitzerin, die uns mit starkem Kaffee (kein Cappuccino!) und Cola versorgt hat, die Bilder vom letzten Herbst zeige, wo die γιαγιά, die Oma drauf ist und des neu geborene Enkelkind, da ist sie hin und weg, und holt extra die Brille hinter der Theke vor, das will sie genau sehen: Wir waren hier? Wann? Sie hat sich nicht mehr erinnert. Warum sollte sie auch. Aber eine schöne grosse Zitrone drückt sie Lis in die Hand zum Abschied. Völkerverständigung im ganz, ganz Kleinen…

Nach viel Auf und Ab, nach vielen Windungen dann Saranda mit seinen Bautrümmern und -leichen. Es empfängt uns in noch vollständiger Wahlkampftracht.

Aber auch mit seinem kleinen Hafen, der Promenade links und rechts und »unserem« Hotel »Porto Eda«, der Name eine Anlehnung an Musselins Tochter Edda, nach der er nach der Besatzung von Saranda im WK2 diese Stadt benannte? Wahrscheinlich schon. Italien ist nah, gerade mal knappe 130 km und die italienischste griechische Insel, liegt in Blickweise, knappe 12 km vor der Bucht.

Was ist Europa,…

…was Griechenland, Albanien, was der Balkan, geprägt von den Römern, Venedig, dem Osmanischen Reich. Und der USA. Der Nato. Der UN. Aber das ist dann schon wieder was für den Bericht vom Vortag.

Wir fühlen uns gleich wohl, beziehen ein Zimmer mit Blick über den Hafen, der der Siesta wegen wie ausgestorben da liegt. Relaxen! Aber gegen späten Nachmittag füllen sich Promenade und Hafen mit aufgeregten Menschen, auf den Strasse hinter dem Hotel fahren wild hupende Autocorsos mit johlenden Menschen entlang. Es ist wohl das Wahlergebnis, auf das alle gewartet haben Endlich, seit Sonntag, zwei Tage lang Ungewissheit, jetzt ist es offiziell. Sali Berisha ist Geschichte, der unerwartet grosse Verlierer dieser Wahl. Über 20 Jahre hat er nach Enger Hoxha die Geschicke Albaniens bestimmt, ob er diese Niederlage einfach hinnehmen wird? Nach den Erfolgen seine vielen früheren Wahlfälschung etc.? Man darf gespannt sein, auch was seine amerikanischen Freunde dazu meinen, für die ja Albanien das Sprungbrett auf dem Balkan ist.

Jebenfalls, die Anhänger Edi Ramas diskutieren, feiern und sind fröhlich. Wir haben uns eine als Taverne ausgebende Kneipe an der oberen Promenade gewählt um etwas zu Abend zu essen. Es ist griechisch. Und die Riesenportion an gegrilltem Hühnchen, κοτόπουλο, schaffe ich auch mit Lis‘ Hilfe nicht. Sehr schade. Während wir essen, taucht wie aus längst vergangenen Zeiten ein Mann auf, grosses Tamburin auf dem Rücken und an einer eisernen Kette um den Hals – einem Braunbären! Ich komme mir vor wie in Kurt Helds Buch »Die rote Zora«. Und wenig später »tanzt« der Bär nach dem Tamtam des Tamburins und der Singstimme des Bärenführers, während ein Animateur der Kneipen – so macht er den Anschein – grosse Ankündigungen zum Programm macht, fotografieren erwünscht…

Ich weiss nicht, normalerweise ist das kein Motiv für mich, dennoch ich tu’s… Der Bär leckst ständig die Hand seines Herrn, Passanten dürfen den Bär streicheln, fotografieren erwünscht…

Tagesleistung, Tracks & Links:

  • 2013-06-25;Brindisi-Sarande;161;06:07;07:35;73.3;26.3;11.7;Werte stimmen nicht, da GPS aus war auf der Fähre
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