* Rund Europa 2014, 5. Tag: Sarandë, ein Spaziergang

8. April 2014 :: Sarande, Hotel Porto Eda
17.April 2014, 18:57:13 :: München

Sich in Albanien über den Müll zu beklagen ist sicher berechtigt. Auf der einen Seite. Andererseits ist es ungerecht, denn die Albaner wissen das. Und es ist auch nicht überall so. Renovierungs- und Bautätigkeiten, Baumbeschnitt, Verschönerung durch Pflanzen, Statuen von rührender Einfachheit und Aussage – es tut sich viel. Wir sind auf einem Stadtrundgang. Gemeinsam mit vielen Menschen hier, vor allem Männer. Wir sind in Albanien, immer noch treten Männer bevorzugt in der Öffentlichkeit auf. Frauen mittleren und fortgeschritteneren Alters sehr selten, junge Mädchen und Frauen schon. Man merkt den Umschwung innerhalb der Generationen nach der Öffnung Albaniens schon sehr.

Die Paralia ist verbreitert, fast ohne Stolperfallen oder gar Löcher im Belag. Schön: Kein Uni-EU-Belag aus grauen und rosa eingefärbten Betonsteinen, wie sie europaweit die Gehwege „zieren“, sondern individuell albanisch. Überall stehen weiße Skulpturen, wachsen Blumen, Palmen werden beschnitten, die Riesenwedel werden sofort auf dem bereit stehenden LKW geladen, sie bleiben nicht liegen. Papierkörbe tauchen hie und da auf.

Sarandë beginnt, ein Urlaubs- und Badeort zu werden. Die in der zweiten und dritten Reihe stehenden Hotelbauten werden tatsächlich fertig, fast zu prächtig. Aber eines Tages wird das nicht mehr auffallen. Selbst süddeutsche kehrwochenverwöhnte und wiedergekehrte Besucher müssen zugeben, dass es besser wird.

Ich sagte vorhin, dass die Albaner um ihr Müllproblem wissen. Schon vor sechs oder 8 Jahren zogen zwei Jungs den Kopf ein bei dem Thema. Nur: Vor Jahren gab’s zwar plötzlich die Segnungen des westlichen müllerzeugenden Konsums. Wie alle „befreiten“ Ländern des Südens und Ostens wurden sie von heute auf morgen damit überschüttet. Alles war verpackt, die alten Brotfabriken z.B. wurde abgewickelt, offene Lebensmittel wurden abgeschafft, alles gab’s nur noch in Plastik und Karton. Aber es gab weder eine Idee noch eine praktische Möglichkeit, den Verpackungsmüll wieder los zu werden. So landete er eben auf den Straßen, in den Straßengräben. Heute stehen Müllcontainer selbst auf den meisten Dörfern, zuweilen überlaufend, ok., aber man merkt, es wird.

Wir gehen also auf und ab, balancieren an ungesicherten Baugruben vorbei, so wie alle andern auch. Hier und da steht ein Grüppchen, Männer, natürlich. Dort geht ein Mann, in Anzug, Weste und Hut mit seiner Frau. Alles erkennbar in Würde und Ruhe. Jungs düsen auf dem Fahrrad vorbei, kichernde Mädchengruppen kommen uns entgegen. Wir werden nicht weiter beachtet. Wir fallen nicht auf. Warum also sollten uns die Menschen hier auffallen? Was in unseren Augen Armut ausdrückt ist die Norm. Die Klagen mitteleuropäischer, meist deutscher Touristen über Bauruinen, den Müll, die verfallenen Wohnhäuser, aus deren Fenstern und Türen die Armut blickt, parieren wir mittlerweile fast aggressiv. Wie schwer fällt es ihnen, etwas zu akzeptieren, auch wenn es nicht wie “ Zuhause“ ist!

Picasa

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