* Rund Europa 2014 Nord, 7. Tag: Reszel – Raudondvaris

Samstag, 09.08.2014, 13:39:59 :: Raudondvaris

Burg Reszel ist ein Ort, an dem man es auch länger aushalten könnte. Die Touristen-»Ströme« halten sich in Grenzen, einzig: Es ist deutsch hier, selten polnische Stimmen von den Hotelgästen…

Dennoch, wir fahren nach dem Frühstück los, letze Etappe nach Vilnius. Das Wetter meint es gut mit uns, bedeckt bis sonnig, nicht heiss.

Keine Wallfahrt

Schon kurz nach Reszel, noch vor Kętrzyn, passieren wir Święta Lipka, einen wichtigen Wallfahrtsort in Polen ,der wichtigste hier oben im Norden. Wir bewegen uns ja immer mehr nach Norden dem Dreiländereck Litauen–Polen–Russland (Kaliningrad) zu. Dieser Landstrich war von längerer Hand geplant –eigentlich sogar für längere Zeit. Er interessiert mich in vielerlei Hinsicht: Grenzland schon seit alter Zeit, das Ermland und das nördliche Masuren, seine Geschichte (da schreibt doch jemand über eine winzige Ansiedlung und die dort tätigen Pfarrer seit der Reformation bis 1945!), die Veränderungen durch die Teilung nach dem Niedergang der UDSSR, der zeitweiligen Entstehung einer Drei-Staaten-Grenze in einem Gebiet, in dem fast keine grösseren Ansiedlungen mehr bestehen (mit Angerburg und Goldap die einzigen grösseren Städte). Aber zu der Grenze ist es es noch ein wenig hin…

Da steht also im Ort Święta Lipka das Kloster »Święta Lipka«, das »Kloster Heilige Linde in Ostpreussen«. Seine Geschichte ist ein Paradebeispiel für die Umdeutung alter heidnisch-religiöser Bräuche und Orte im Zuge der recht späten Christianisierung dieses Landstrichs. Da wird aus einer heidnischen Linde einfach eine Linde »unser lieben Frau« (natürlich Maria):

Die Ursprünge des Kults von Unserer Lieben Frau von Heilige Linde (polnisch Święta Lipka) gehen zurück auf das 14. Jahrhundert. Die Sage berichtet von einem in Rastenburg Verurteilten, der auf Intervention von „Unserer Lieben Frau“ eine aus Holz geschnitzte Figur ihres Kindes anfertigte. Nachdem er wegen dieser Skulptur freigelassen wurde, hängte er die Figur an eine Linde auf dem Weg von Rastenburg nach Rößel. Viele Wunder ereigneten sich der Sage nach um die Statue des Marienkindes. Allerdings weist der Begriff „Heilige Linde“ weiter zurück in die Vergangenheit: nämlich auf einen heidnischen Kultplatz der Prußen. Die Linde war das Symbol der Göttin Puskaite, einer Göttin für Fruchtbarkeit und Getreide, der zu Ehren im Frühjahr und im Herbst Feste veranstaltet wurden. (Siehe auch Zwangschristianisierung).

Im Laufe der Zeit wurde die Kapelle rund um den Baum errichtet. Die Priester der Kapelle dienten dem Deutschen Orden in Rastenburg. Die ältesten dokumentierten Informationen über die heilige Linde wurden im Domkapitel von Płock gefunden. Aus einer Aufzeichnung von 1473 geht hervor, dass der Ort zum Deutschordensstaat kam, die Kapelle wird nicht erwähnt. In einer Erlaubnis des Hochmeisters des Deutschen Ordens, Johann von Tiefen von 1491 zur Einrichtung einer Gaststätte ist die Kapelle genannt. Zahlreiche Wallfahrten wurden nach Heiligelinde unternommen – so auch vom Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht von Brandenburg-Ansbach.

Wikipedia

Frisch – mittlerweile rot – gestrichen (in der Wikipedia ist sie noch gelb-weiss) steht diese wuchtige Barockanlage unvermittelt am Waldrand.

Wir überlegen uns kurz, ob wir helfen sollen, den Parkplatz zu füllen um in den Touristenströmen unterzugehen. Aber wir belassen es bei einem groben Überblick von aussen – Bilder der prächtigen Überlegenheit im Innern gibt’s in Wikipedia. Es ist zu voll, zu laut, zu touristisch – schon die Souvenirstände, die den Strassenrand fast vollständig einnehmen, drängen uns eher zum Weiterfahren…

Die Ruhe der Wälder und Felder tritt auch sofort wieder ein nach ein paar hundert Metern. Alte Alleen – teils als Abstecher zu ehemaligen Gutshäusern–,…

…weite Wiesen, Störche, fliegend und stochernd, weidende und wiederkäuende Kühne, zum Horizont sich weitende goldgelbe Stoppelfelder mit ihren Strohrollen, Teiche, schilfumwaldete Seen, selbe Windhightec findet sich hier…

…und – ja, leider: einer Strassenbaustelle, die fast bis Gołdap reicht. Wir fragen uns, was das zu bedeuten hat hier draussen, ein äusserst grosszügiger Ausbau, innerorts, ausserhalb, mit kombiniertem Fuß- und Radweg, teilweise umgewühlte Landschaft – weshalb? Erhoffter Tourismus? Spekulativ: Ein Geschenk der Amerikaner, die ihr gegen die MarsiIraner bedachtes Rakenabwehrsystem hier oben irgendwo errichten?

Wir sind da mit den Gedanken an Krieg sehr schnell in vielerlei Hinsicht in der Wirklichkeit, nämlich der, die uns unser grössenwahnsinniger »Führer« übrig gelassen hat und zwar ganz ganz in der Nähe: Beim weiter oben bereits nicht ohne Grund erwähnten Städtchen Kętrzyn (wer sich die Zunge nicht aushängen will: zu deutsch Rastenburg) liegt die Wolfschanze:

Ab September 1940 wurde unweit von Rastenburg nahe dem kleinen Ort Görlitz (Gierłoż) unter höchster Geheimhaltung das Hauptquartier „Wolfsschanze“ in Vorbereitung des Krieges im Osten angelegt, wobei man vorgab, Anlagen für die Chemischen Werke Askania zu bauen. Hitler hielt sich vom 24. Juni 1941 bis zum 30. November 1944 an rund 800 Tagen in der Wolfsschanze auf. Am 24. Januar 1945 wurde die gesamte Anlage von deutschen Pioniertruppen gesprengt. Die Reste der Wolfsschanze sind heute ein Freilichtmuseum.

Der Zweite Weltkrieg brachte erhebliche Zerstörungen, die jedoch vornehmlich nach der Besetzung eintraten. Die gesamte deutschsprachige Bevölkerung der Stadt wurde im Rahmen der Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges und danach durch sowjetische Soldaten vertrieben oder ermordet.

Diesen Alptraum haben wir uns 2004 bereits zugemutet, Fotos von dort gibt es nicht, damals gab es noch kein Weblog… Wir lassen das Gelände unbesehen liegen, was nicht heisst, dass man sich dieses Monstrum nicht ansehen sollte:

Und auch das bei der Gelegenheit mal erwähnt zu haben: Wer zu träge aber dennoch interessiert ist, wie es hier oben – meist sogar bei Sonnenschein – aussieht, die/der kann per Google StreetView durch die Gegend zuckeln. Im Gegensatz zu Deutschland ist Polen (wie die meisten Länder Europas) gut erschlossen… Man schämt sich fast, noch Fotos zu machen und sie gar noch zu zeigen.

Doch zurück zur Baustelle!

Sie verfolgt uns nicht, wie folgen ihr, es gibt keine Alternativen. Alle paar Kilometer aufgestellte Ampeln verzögern die Fahrt erheblich. Manche stellen uns vor schwere Entscheidungen: Ernst gemeint? Geht’s da wirklich weiter? Da fährt man dann irgendwann und letztendlich in seiner Not doch auch bei Rot…

Wir erreichen Gołdap…

…die letzte Stadt hier oben, Grenzübergang nach Kaliningrad. Ohne Visum keine Chance. Aber wie viele Jahre schon: Es ist zu langwierig, bindet einen und ist ausserdem sehr teuer. So begnügen wir uns mit einem Eis von den letzten Złotys, die es ja immer noch gibt. Anders in Litauen, wo ab 2015… – aber dazu kommen wir noch.

Drei-Länder-Eck

Von hier aus sind es dann nur noch wenige Kilometer bis zu der Stelle, auf die ich gespannt war, vorab durch Google StgreetView etwas verwirrt: Die Stelle, 140 Meter von der Strasse entfernt, wo die Grenzen Russlands, sprich: Kaliningrads, Polen und Litauens sich tatsächlich in einem Punkt treffen:

Auch Irrsinn ist zuweilen ein Studium wert.

Eine Stelle mitten im Gelände, absurd, eine blankpolierte Basaltsäule mit drei Aufschriften auf der jeweiligen Seite, klar, in Russisch, Polnisch und Litauisch, wem der jeweilige Zipfel gehört. Dazu drum herum Hinweis- und Warntafeln, was man alles nicht dürfen soll, welche Strafen drohen. Und über allem hängt an einem langen dürren Baumstamm hinterm Zaun (dem einzigen!) auf der russischen Seite eine Überwachungskamera, gerichtet auf die Säule…

180°-Panorama, links hinten Russland, Rechts Litauen, ich stehe auf polnischem Grund…

Auf diesem Foto verbirgt sich Lis auf der russischen Seite so, dass mich als Fotografen die Kamera nicht sieht.

Fünfzehn, zwanzig Meter breite freiplanierte Streifen ziehen sich von dieser Säule aus entlang der Grenzen ins fernere und fernste Gelände; einzig der russische Quadrant ist mit grünem Eisenzaun abgetrennt, zwischen Polen und Litauen gähnt sinnlose Leere – seit dem EU-Beitritt dieser Länder.

Und wie gelangt man zu der Stelle? Sie liegt am Ende eines grossen Wiese, Privateigentum bis zur Grenze und begehbar gegen 1 Złoty Eintritt pro Person. Die Frau im Häuschen verkauft dazu Souvenirs, unter anderem selbstgemachten Käse… Und wir sind nicht alleine! Viele halten, Rad- und Autofahrer, pilgern zur Säule, kaufen was und sind wieder weg.

So auch wir – es geht zum Grenzübertritt Richtung Marijampole.

Litauen – fast Routine

Diese Strecke sind wir sicher seit zehn Jahren nicht mehr gefahren. Seit der längere aber schönere Weg über Sejny, Lazdijai und Merkinė möglich wurde, schon lange vor dem EU-Beitritt, führte uns der Weg »hin und her« immer dort entlang. Diesmal kommen wir vom Norden, also diesmal die »Mörderstrecke«, auf der der Hauptverkehr, vor allem die LKWs, rollen. Wir haben Glück, es ist Samstag, der Verkehr, die fast endlose Schlange der Trucks, bewegt sich nach Polen.

Die polnische Seite des ehemaligen Grenzübergangs, an dem man Stunden zwischen und neben LKWs stand, an dem man gastronomische und sonstige Infrastruktur aufgebaut hatte – für ein paar Jahre – an ihm hält keiner mehr.

Und auf der litauischen Seite gilt natürlich dasselbe.

Ob dieses Strassenbaudenkmal als schlechtes Omen gewertet werden muss? Wir hoffen nicht, umfahren es elegant und sind drin!

Picasa

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Eine Antwort auf * Rund Europa 2014 Nord, 7. Tag: Reszel – Raudondvaris

  1. Holger sagt:

    Hallo Ihr Zwei,
    toll, dass es Reinard wieder so gut geht, dass Ihr diese Tour machen könnt.

    Einige der Ort kommen mir bekannt vor, allerdings sind sie in einem wesentlichen besseren Zustand als damals 1992, als wir dort waren. Auch die z.T. weite und unberührte Natur mit Kühen seht viel Störchen haben uns damals sehr beeintruckt.

    Euch weiterhin viel Spass und geniesst das schöne Baltikum.

    Lieben Gruss
    Holger

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