Davon haben wir nichts gewusst

Mittwoch, 24.06.2015, 19:54:16 :: Galanado

Davon haben wir nichts gewusst!“. Dem Wesen nach oder gar wortwörtlich hört man diesen Satz immer wieder, nicht nur nach dem Zweiten Weltkrieg, die Judenverfolgung betreffend.

Wer hier beipflichtet, also von nichts eine Ahnung hat, kann die Seite wegklicken, er oder sie könnte sonst hinterher Gewissensbisse bekommen. Der Satz fällt auch heute: Kosovo, Irak, Ukraine, Griechenland, Libyen, Syrien – die Liste wird nicht enden. Auf der anderen Seite erlebe ich Diskussion zu diesen ja zum Teil tagesaktuellen Themen, bei denen zerreisst es mir fast das Hirn. Deshalb versuche ich den Druck da oben etwas zu mindern, indem ich hier für mich schreibe – mitlesen ist aber wie immer erlaubt.

Also…

Wir können davon ausgehen, dass wir von staatlichen Stellen und der Presse regelmäßig nicht wahrheitsgemäß unterrichtet werden.

Voran gestellt ein Zitat, das ich bereits 2002 und danach mehrfach herangezogen habe.

»Bis zum heutigen Tag gibt es so etwas wie eine unabhängige Presse in der Weltgeschichte nicht. Sie wissen es und ich weiß es. Es gibt niemanden unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben, und wenn er es tut, weiß er im Voraus, dass sie nicht im Druck erscheint. Ich werde jede Woche dafür bezahlt, meine ehrliche Meinung aus der Zeitung herauszuhalten, bei der ich angestellt bin. Andere von Ihnen werden ähnlich bezahlt für ähnliche Dinge, und jeder von Ihnen, der so dumm wäre, seine ehrliche Meinung zu schreiben, stünde sofort auf der Straße und müsste sich nach einem neuen Job umsehen. Wenn ich meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe meiner Zeitung veröffentlichen würde, wäre ich meine Stellung innerhalb von 24 Stunden los. Es ist das Geschäft der Journalisten, die Wahrheit zu zerstören, unumwunden zu lügen, zu pervertieren, zu verleumden, die Füße des Mammon zu lecken und das Land zu verkaufen für ihr tägliches Brot. Sie wissen es und ich weiß, was es für eine Verrücktheit ist, auf eine unabhängige Presse anzustoßen. Wir sind die Werkzeuge und Vasallen der reichen Männer hinter der Szene. Wir sind die Hampelmänner, sie ziehen die Strippen und wir tanzen. Unsere Talente, unser Fähigkeiten und unser ganzes Leben sind Eigentum anderer Menschen. Wir sind intellektuelle Prostituierte.«

John Swinton, Doyen der amerikanischen Presse und einstiger Redaktionsleiter der »New York Times«, 1880

Wir können also davon ausgehen, dass wir von staatlichen Stellen regelmäßig nicht wahrheitsgemäß unterrichtet werden. Ebenso wenig von der Massenpresse, die entweder Mitteilungen der staatlichen Stellen übernimmt und verbreitet oder aber Informationen streut, die die wahren Auftraggeber der staatlichen Stellen verbreitet haben wollen und die der Regierung indirekt klar machen, was aus höherer Sicht von ihr erwartet wird.

Eine objektive oder zumindest vielfältige Information und Einbeziehung der Bevölkerung zur Meinungsbildung ist nicht vorgesehen. Die Wahlen in Griechenland sind das schlagende Beispiel hierfür.

Massenpresse und Fernsehen sind Steuerungsinstrumente

Wem gehören die Medien?

Die erhaltenen Informationen dürfen für uns objektiv also zunächst immer nur dazu dienen, zu erfahren, was die Leser denken sollen und was sie – soweit verifizierbar – wissen dürfen. Diese Einschätzung verliert ihre Gültigkeit dadurch nicht, dass es sehr wohl Journalisten und deren Beiträge in der Presse gibt, die von solchen Zwängen frei sind. Sie sind entweder für zulässig erachteter Ausweis einer (angeblich) unabhängigen Presse oder sie sind Beleg dafür, dass das Establishment sich die Freiheit der Veröffentlichung leisten kann, weil die Einhegung der Bevölkerung weit genug fortgeschritten ist und ein folgenschweres Umdenken entweder nicht zu befürchten steht oder gegebenenfalls machtmässig als beherrschbar betrachtet wird (zum Beispiel fünf Polizisten auf eine Demonstranten).

Das Internet wird nicht ausreichend genutzt

In dem Maße, wie von herrschender Seite erkannt wird, dass das zunächst nicht kontrollierte und kontrollierbare Internet zur alternativen und der offiziellen Linie zuwiderlaufenden Informationsbeschaffung genutzt wird oder genutzt werden könnte, wird es Schritt für Schritt eingehegt (zum Beispiel Vorratsdatenspeicherung, Zensur, URL-Sperren, zeitliche Einschränkungen, Urheberrecht). Geheimdienste sind schon längst in der Lage, den gesamten Internetverkehr lückenlos zu überwachen. Dies ist bekannt und wird von staatlicher Seite nicht bestritten sondern offensiv vorangetrieben, freilich unter zum Teil verschleiernder Argumentation. Die Tatsache, dass dies zugegeben wird, ist ein weiterer Beleg dafür, dass die Herrschaftsverhältnisse für das Establishment soweit gefestigt gelten, dass Camouflage nicht mehr erforderlich ist.

Dass heute im Internet noch eine gewisse Vielfalt und Freiheit vorhanden ist, ist im Wesentlichen darauf zurück zu führen, dass die Bedeutung von den Herrschenden (Krise im Zeitungs- und Literaturbereich) bisher noch nicht vollständig erkannt wurde („Neuland“) oder das technische Personal sich nicht ausreichend zur Verfügung stellt.

Allerdings darf diese Verzögerung nicht darüber hinwegtäuschen, dass wesentlich Kooperationspartner der Herrschenden sehr wohl präsent sind (BILD, SPON, DIE ZEIT etc.), deren leitenden und Journalisten und Redakteure nachweislich eingebunden sind in „innere Zirkel“ wie Atlantikbrücke und ähnliche informelle Kreise und Thinktanks. Dass diese dem traditionellen Papierbereich noch sehr verhaftet sind, verliert immer mehr an Bedeutung, was man daran erkennt, dass immer mehr grundsätzliche „Leitartikel“ auch in den Online-Publikationen erscheinen um auch hier prägend zu wirken.

Von der Vierten Gewalt zum Handlanger

Schon in der Zeit vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde deutlich, welche Rolle die Presse spielte, wie sie aktiv (und mit ihrer Hilfe die Regierungen) die Öffentlichkeit zu einer ganz gezielten Meinung drängte. Dabei trieb die Presse vielfach die Regierungsverantwortlichen genau so vor sich her wie die Regierung durch Lancierung gewisser Nachrichten über sie die Bevölkerung präparierte.

Nichts anderes passiert heute, nur deutlich sichtbarer durch die Möglichkeiten des Publizierens abweichender Meinungen im Internet, ja das Internet ermöglicht überhaupt nur, der Meinungsmacht der Pressekonzerne und des Staatsfernsehens zu entkommen und deren Funktion zu erkennen.

Die klassischen Medien haben ihren Status als bevorzugte Informationsquelle aber trotzdem nicht verloren. Laut der Umfrage beziehen die Deutschen ihre politischen Informationen nach wie vor hauptsächlich aus dem Fernsehen, und zwar mit weitem Abstand vor allem von ARD und ZDF. An zweiter Stelle stehen Printprodukte wie Zeitungen und Zeitschriften, gefolgt vom Radio und schließlich dem Internet.

DIE ZEIT

Fazit

Wer sich heute eine möglichst unabhängig gebildete Meinung verschaffen will, kommt um ein ausgedehntes Suchen und Lesen im Internet nicht herum. Sich dabei aber wiederum auf die Seiten der etablierten Massenblätter zu begeben ist vergebliche Mühe, es kommt nichts Essenzielles hinzu. Helfen können hingegen Recherche- und Lesehilfen, insbesondere RSS-Reader, in denen man sich relevante gefunden Seiten zur Vorauswahl zusammenstellt. Nur so verwendet man einerseits seine Zeit ökonomisch bei gleichzeitig vielfältiger Information, die einem nicht vorgesetzt wird, sondern die man selbst dynamisch verwaltet und überwacht. Und das eben aktiv muss. Sonst hat man am Ende – siehe Anfang – wieder von allem nichts gewusst.

Eingeschlossen sind ausdrücklich auch zum Beispiel Facebook und Twitter. Jawohl! Werkzeuge sind nützlich, wenn man sie zu gebrauchen weiss. Und das kann man lernen. Wenn man will.

Nachtrag:

2015:09:12, 11:02 :: Unbedingt schauens- und lesenswert: Rainer Mausfeld, Video: Warum schweigen die Lämmer? und als PDF zum Herunterladen und In-Ruhe-Lesen.

2015-08-16, 17:44 :: Nachdenkseiten: „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“

2015.06.26, 20:42 :: Nachdenkseiten: Wie kann man sich vor Manipulation und Meinungsmache schützen? :: Seltsam, wie gewisse Gedanken mehr oder weniger gleichzeitig an verschiedenen Stellen auftauchen…

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