Keine Ruhe in Griechenland

Dienstag, 08.12.2015, 18:27:08 :: Naxos

Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus
Und segnet Fried‘ und Friedenszeiten.

(FAUST I), J.W. von Goethe

Es wird jetzt auch in Griechenland kälter. Der Nordwind kommt bald als Sturm und in schweren Böen. Was das bedeutet, wenn man Angst haben muss, weil man demnächst aus seiner Wohnung, seinem Haus vertrieben wird, das darüber hinaus wahrscheinlich sogar nur notdürftig oder nicht beheizt wird, kann man sich schwer vorstellen, wenn die Heizung funktioniert und man sich allenfalls über den Ölpreis ärgern muss.

Man muss nicht bis Syrien reisen, es reicht, in den Süden Pseudo-Europas zu reisen, z.B. nach Griechenland. Greece has 86% more taxes on fuel than allowed by EU and hikes are on the way schreibt Talking Greece, ein Blog, in dem man u.a. das liest, was nicht einmal gutgesinnte deutsche Zeitungen erfahren – geschweige denn deutsche Leser.

Ja, und dann sind da »noch« die griechischen Inseln vor der Küste der Türkei, Samos und Lesbos insbesondere.
Da kommen die Boote an wie im Hauptbahnhof die U-Bahnen. Mittlerweile sind dort Freiwillige aus ganz Euro rund um die Uhr im Einsatz, mit Wasser-Motorjets und mit kräftigen Schwimmerarmen ziehen sie alles aus dem Wasser, was sie zu fassen bekommen, auch in stockdunkler Nacht, tot und lebendig. Und die Menschen vor Ort, die selbst nicht sonderlich viel haben, »sie schaffen das«. Es scheint ein ehernes Gesetz zu sein: Denen, deren Not am grössten ist, packt man noch eine Bürde mehr drauf und drangsaliert sie. Und dem türkischen Sultan schiebt man die Euros hinten rein. Von seinen sonstigen falschen Spielchen wollen wir gar nicht reden…

Wie dort in der nächsten Saison wieder ein lebensnotwendiger Tourismus ans Laufen kommen soll, das kann ich mir nicht vorstellen. Der Normaltourist wird sich kaum wohlig in den dann vom Winter zwar gründlich gereinigten Sandstrand ausstrecken, wenn er erfährt, dass an seiner Stelle vor ein paar Monaten noch ertrunkene, erfrorene und angeschwemmte Kinder lagen. Mit der Stimmungslage »unvorstellbar« ist es nicht getan.

Im späteren Sommer hatten wir hier einen Couchsurfer-Übernachtungsgast aus Samos. Er kam mit der Fähre von Samos und musste die Nacht auf Naxos verbringen, da erst am nächsten Mittag ein Schiff weiter Richtung Piräus ging. So hatten wir Gelegenheit zu einem langen abendlichen Gespräch. Er ist Soziologe und seiner Aussage nach einer der glücklichen Einprozent, die mit dieser zweifellos wichtigen Qualifikation Arbeit haben; er vermittelt auf Samos den Schülern, dass Alkohol und Drogen keine Lösung sind sondern ein Problem und was für eins. Damit kann er sich über Wasser halten, da er bei seiner Mutter wohnt und sie einen Garten haben. Neulich chatten wir und er erzählte, dass das Rote Kreuz seine angebotene freiwillige Arbeit abgelehnt hätte. Er trägt seinen Anteil an der Hilfe nun eben »illegal« bei… Aber wem erzähle ich das: Deutschland hat seinen Berliner Flughafen und das Chaos in der Lagos. Und dann noch ein Steuerskandal in Saarbrücken und in Bayern. Bitte? Das war 1994? Entschuldigung, ich meinte diesen hier. Die Berichterstattung ist dünn…

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Unsere Griechischklasse,

die so schon ein internationales Häufchen darstellte – Deutschland, England, Frankreich, Holland, Litauen, Schweden und Hawaii/USA waren neben dem griechischen Lehrer zu Anfang vertreten – hat nun auch einen jungen Syrer in ihrer Mitte. Es ist erst seit 4 Monaten hier, wartet immer noch auf seine Familie, die in der Türkei festsitzt und er lernt Griechisch in ungeahnter Schnelligkeit…

Da man ja aber auch mal was Positives sagen soll, also zum Abschied noch eine kurze Nikolausgeschichte.

Nikolaustag

Wir fahren mit Popi und Christos, unseren Vermietern, um halb neun zur kleinen Feldkirche am Potamia-Fluss, mitten in die Felder. Der Gottesdienst hat schon begonnen. Wie immer stehen die Besucher vor allem vor der Kirche und hören der nicht enden wollenden, ellenlange Liturgie zu. Der Priester und seine Gehilfen kommen mehrfach raus aus dem Kirchlein, es gibt Weihrauch, Rosenwasser, Kerzen, Brote und Kuchen werden gesegnet. Nebenher wird bereits Brot geschnitten und Essen ausgepackt, denn am Ende, kaum ist der letzte Ton der liturgischen Gesänge verklungen, kommt alles auf die Tischlein und Mäuerchen: Der Wein, Käse, Eier, Kartoffeln – eine reiche Auswahl. So ist das immer, das Dorf kennt sich, speist und feiert, die Kinder toben.

Naxos hat ja eine Unmenge an Kirchen und Kapellen, von uralt bis frisch betoniert und gemauert. Jede/r Heilige hat mindestens eine Kirche. Und so auch Sankt Nikolaus, ‚Αγιος Νικολαος. Namenstage sind in Griechenland wesentlich wichtiger als Geburtstage. Und daher ist eigentlich das ganze Jahr über immer irgendwo Kirchenfest. In der Chora hat der Heilige Nikolaus ebenfalls ein kleine, sehr alte Kirche, verborgen zwischen Häusern in der zweiten Reihe der Altstadt. Dort waren wir letztes Jahr. Und da zeigt sich: Man nicht gleichzeitig überall dabei sein…

Und die Repräsentation des Heiligen Nikolaus der naxischen Fischereiseefahrt möchte ich Euch auch nicht vorenthalten.

Nachtrag:

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