* Rund Europa 2016, 7. Tag: Sarandë – Durrës

Sonntag, 03.04.2016 :: Arapaj/Durrës, Hotel Kadrisa (http://www.german.hostelworld.com/hosteldetails.php/Hotel-Kadrisa/Durres/88659)

Donnerstag, 07.04.2016, 14:45:12 :: Baška Voda, Hotel Palac

An einem Sonntag von Sarandë Richtung Norden entlang der Küste zu fahren hat einen besonderen Grund. Aber soweit sind wir noch lange nicht.

Sonnenaufgang

Wir sind die einzigen Gäste im Hotel Porto Eda, trotzdem bekommen wir unsere Frühstück, u.a. je zwei Spiegeleier und hartes Würstchen. Ausserdem zehren wir noch vom Erwerb in der Bäckerei in Zitsa. So gestärkt fahren wir bei bedecktem Himmel los. Regen brauchen wir nicht zu befürchten, es ist freundlicher als gestern früh.

Ärgerlich: der Seilzug zum Vorklappen des Beifahrersitzes, den wir in Naxos kurz vorher zum zweiten Mal haben reparieren lassen weil abgerissen ist schon wieder in diesem Zustand, die letzte Reparatur ist gerade mal zwei Wochen her. Irgendwie geht’s schon mit dem Verstauen, aber trotzdem.

Was erwarten wir von der Fahrt, die wir in die eine oder andere Richtung schon x-mal absolviert haben? Eigentlich wenig, und trotzdem entdeckt Lis noch ein Kirchlein eines ehemaligen Klosters unterhalb der Straße, gleich nach Sarandë.

Einige Streckenabschnitte hat sie nicht mehr in Erinnerung. Ehrenrettung: ich bin letzten April und Mai die Strecke zweimal gefahren.

Porto Palermo, Himarë und Ali Pascha

In Porto Palermo, einer kleinen Bucht noch südlich von Himarë, statten wir endlich der Burg des Ali Pascha von Tepelenë auf der kleinen Halbinsel einen Besuch ab. Stets waren wir vorbei gefahren, sandten Blicke hinüber – aber es war uns immer zu heiß, den an sich kurzen Fußmarsch auf den Hügel zu absolvieren. Wir staunen: Auf dem Weg kommt uns eine junge Frau entgegen, die uns fragt, ob wir die Burg besuchen möchten und kommt darauf mit nach oben. Aha, die 1804 mithilfe französischer Berater erbaute Burg ist gut erhalten, Nationaldenkmal und verschlossen.

Wir irren durch die dunklen Gänge und Kasematten, steigen der dreieckigen Festung aufs Dach. Irgendwann ist da auch der Herr mit der Bauchladenkasse und möchte von jedem 100 Leke (70 Cent).

Das ist verständlich, der Unterhalt kostet Geld, das sicher mit Eintrittsgeldern nicht abgedeckt wird. Ein Grüppchen Albaner kommt mit Plastiktüten an und veranstaltet ihr Sonntagspiknik oben zwischen den Zinnen. Mittlerweile scheint die Sonne unablässig und es wird heiß.

Die Geschichte der Burg, ihres Erbauers und der Bedeutung des Städtchens Himarë muss hier noch kurz erzählt werden, Tepelenë, seinem Geburtsort, und einer seiner weiteren Festungen, inbegriffen. Auch der Hinweis auf Ismail Kadares Buch »Der Schandkasten« darf nicht fehlen. Kadare schildert hier sehr intensiv das Ende des Ali Pascha, dem seine vielen Burgen nichts genutzt haben; seine Aufsässigkeit und der Aufstand gegen die Hohe Pforte in den 1820er-Jahren kostete ihm seinen Kopf, der dann im Schandkasten in Istanbul zur Schau stand.

Die Burg in Porto Palermo diente zur Sicherung seiner und damals noch der Ansprüche der Hohen Pforte gegenüber Himarë, das stets aufsässig war.

Auch der Hinweis auf den U-Boot-Bunker im nördlichen Teil der Bucht darf natürlich nicht fehlen: Ein U-Boot-Hafen im Berg, obskures Überbleibsel aus dem Kalten Krieges der 60er-Jahre.

In Himarë wollen wir auf der Paralia einen Kaffee bei der griechischen Oma trinken. Pech: Ihr Büdchen ist nicht mehr, mehrere junge Leute sind dabei, eine etwas größere Restauration an der Stelle einzurichten.

So trinken wir eine Cola nebenan, wo laut diskutierend in der prallen Sonne Schach gespielt wird, und stellen mal wieder fest, wie viel und vor allem wie schnell Albanien sich verändert: Esel, eine neue Promenade, rohe Hotelneubauten überall, andere, die jahrelang leer standen sind jetzt fertig, viele neue Wegweiser und neue Straßen zu Stränden, die früher nur zu Fuß oder garnicht erreichbar waren, auch dort mittlerweile Hotelneubauten.

Auch die Anzeigen von historischen Stätten und Gebäuden nehmen zu, die Straßen werden besser. Allerdings nicht überall. Unverhofft treffen wir auf große und vor allem tiefe Schlaglöcher – selbst auf der Autobahn! –, auf Schotterabschnitte, natürlich alles ohne Warnschilder. Wer da hinein fährt, benötigt todsicher einige Ersatzteile und einen Autoklemptner.

Die Küstenstraße, die in Himarë für längere Zeit zum letzen Mal auf Meereshöhe verläuft, steigt kurz darauf hinauf in die gebirgige Küste. Weit unten das Meer, heute nicht blau sondern grau-grün, die Sonne fehlt. Und dann muss das Senfle auf über tausend Meter hinauf und über den Llogara-Pass um hinab in die Ebene von Orikum zu gelangen. Ab dort bleibt es für heute eben.

Doch nach Überwindung des Llogara-Passes komme ich nun den eingangs angesprochenen Grund, diese Strecke sonntags zu fahren, zurück. In den Wäldern der Abfahrt steht rechts an der Straße ein kleines Restaurant, davor ein Büdchen mit einem Spiess. Und da gibt es sonntags Ziege vom Spiess – nichts für Vegetarier, ich weiß, aber wir wissen, dass sie köstlich schmeckt, 2011 war das zumindest so.

Dort also kehren wir wieder ein. Und auch hier stauen wir: alles neu, vergrößert. Und im weiteren Verlauf der Straße nach unten reihen sich mittlerweile mehrere Restaurants und sogar ein kleines Hotel. Albanien macht sich.

Vlorë

Und wir kommen nach dem leckeren Mahl zur Erkenntnis, dass das mit dem Ziel Lezhë heute Abend wohl nichts wird, jedenfalls nicht, wenn’s Spaß machen soll. Also fahren wir auf albanischen Straßen unterschiedlichster Qualität, oft ausgebremst durch offenkundige Sonntagsfahrer und waghalsige Wahnsinnige zunächst nach Vlorë. Das ist der Hafen für Fähren von und nach Italien. Und vor allem berühmt für seine Palmenalleen. Doch das war einmal. Nahezu alle Palmen hat der Palmrüssler nieder gemacht. Traurig und nutzlos stehen die kronenlosen Stämme Spalier. Die Plage hat auch auf Naxos schon einen Großteil der Palmen vernichtet.

Fier

Weiter kämpfen wir uns durch und um Schlaglöcher herum nach Fier. Auch hier ist trotz der teils miserablen Straßen unverkennbar: das “alte” Albanien verschwindet langsam und gleichzeitig zeigen sich riesige Gegensätze zwischen Land und Stadt.

Durrës

Wir entscheiden uns dafür, die Nacht in Durrës, einer der amerikanischsten Städte auf dem Balkan, zu bleiben und finden gleich im Außenbezirk ein Hotel, einen der kleineren Klötze, etwas zurückgesetzt, aber wie wir später feststellen, neben den Bahngleisen. Jeder Güterzug wirft einen mit seinem Warnsignal aus dem Bett. Macht nichts, wir werden die Nacht überleben, im 5. Stock, für 25€ – mit Frühstück. Für beide.

Fragt jemand, warum »amerikanische Stadt«? Nun, im Hafen von Durrës landete und landet alles an für die amerikanischen Stützpunkte im Kosovo, was nicht direkt hingeflogen wird. Bars und Restaurant, selbst Hotels haben Namen wie »Florida«, »Texas« etc., die amerikanischen Wimpel überall gar nicht gezählt. Selbst die »sozialdemokratische« Partei schmückt sich mit der amerikanischen Nationalflagge…

Links:

  • GPS Track Logs 2016-04-03 Sarande-Durres.gpx
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