Ein altes, leidiges aber eminent wichtiges Thema

Montag, 25.12.2017, 13:46:59 :: Galanado

Jan Fleischhauer, der ewig provozierende Kolumnist hat sich auf SPIEGEL ONLINE unter der Überschrift Neue Klassengesellschaft –
Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern
gefragt …

… Wenn ein Fünftel der Grundschüler nach der vierten Klasse nicht richtig lesen und schreiben kann, was sagt uns das über die Eltern? Oder anders gefragt: Ist Armut eine Entschuldigung, den Kindern nicht vorzulesen?

Und Mirko Wenig, ein Blogger hat darauf sehr dezidiert geantwortet: »Dumm und selbst schuld dran? Von wegen.«

“Ich bin der Working Class Proll” – ein offener Brief an Jan Fleischhauer

Da kam mir mein Blogbeitrag Die Unterschicht… vom 11. November 2006 (!) wieder in den Sinn. Es ist erschütternd, wie sich das Thema durch die Jahre zieht und sich nichts bessert.

Auch die Nachdenkseiten haben unter Nr. 17 reagiert: »Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern«

… Das erstaunliche ist, dass Fleischhauer in dieser verächtlichen Sprache über Bürger dieses Landes herziehen darf, ohne dass sich aus dem doch so gebildeten und humanistischen idealen verpflichteten gehoben Bürgertum auch nur die Andeutung von Widerspruch bemerken lässt. Hätte Fleischhauer in diesem Tenor über Flüchtlinge geschrieben, eine Welle der Empörung wäre von der Seite des linksliberalen Just Milieu hervorgebrochen. Wobei Fleischhauers Menschenverachtung durchaus kompatibel mit der Haltung des neuen akademischen linksurbanen Milieus ist, dass die weiße Unterschicht wegen ihrer vorgeblichen intellektuellen und kulturellen Rückständigkeit verachtet, mindestens ignoriert und grundsätzlich für sexistisch und rassistisch hält. …

Jan Fleischhauers Gedanken und Ansätze sind ja im ersten Anlauf so falsch nicht. Er übersieht u.a. aber geflissentlich, dass die Schaffung von Unterprivilegierten politische Pflichtübung ist. Die „Unterschicht“ als wärmende Matratze der Mittel- und Oberschicht ist notwendige Voraussetzung für das feine Leben der zwei Letzteren. Und eben auch für Herrn Fleischhauers gemütlichen Schreibplatz. Wer Schule und Universität zur Ausbildungsstätte von für Industrie und Wirtschaft brauchbares Menschenmaterial degradiert, wer gewisse Studiengänge oder Wissenschaftszweige für entbehrlich, ja schlichtweg für unnötig hält, der produziert bewusst Unbildung, ja Nichtbildung. Und _das_ sollte ein zweifellos gebildeter Journalist wie Herr Fleischhauer bedenken und artikulieren. Weil er es weiß. Und dennoch verschweigt.

Eine Frage, die ich zumindest erwartet hätte, ist die, wie man bei Kindern Interesse und Neugier weckt und erhält. Erhält! Nicht nutzt. Und die weiteren Fragen nach den Ursachen, diese nicht nur bei den Eltern zu suchen sondern in der Gesellschaft, wie zum Beispiel beim Unterschichtenfernsehen, das ja nun gezielt eingesetzt wird und das wir zwangsweise auch noch finanzieren müssen; womit wir wieder bei dem w.o. angesprochenen »Unterbodenschutz« für Mittel- und Oberschicht wären.

Provokation ist noch lange kein Journalismus, Herr Fleischhauer. Auch wenn ich ihre Denkanstöße zuweilen schätze.

Es lohnt, die Referenzen druchzulesen. Eine Menge, um darüber nachzudenken.

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