Pírgos Bellonia und die Kirche Agios Ioannis

Sonntag, 07.01.2018, 23:03:37 :: Galanado

Hier auf Naxos ist der Frühling ausgebrochen. Es ist grün, mild, sonnig. Es blüht. Und die Feste jagen sich. Heute zum Beispiel ist Namenstag einer Kirche oberhalb von Galanado, auf die wir seit drei Jahrzehnten neugierig waren: Die Doppelkirche beim Pírgos Bellonia.

Ein Pírgos ist ein venezianischer Wohnturm. Von diesen gibt es auf Naxos viele, allerdings in unterschiedlichem baulichen Zustand. Die Ägäischen Inseln mit Hauptsitz Naxos waren über 300 Jahre Venezianisches Herzogtum. Und noch ein paar Wort zu den Festen zum Namenstag des Namensgebers der Kirchen. Sie beginnen stets mit der Liturgie, der mehr oder weniger andächtig gelauscht wird. Da bei den kleinen Kirchen nicht alle im Kirchenraum Platz finden, stehen die meisten draussen und unterhalten sich. Zuweilen tauschen sie die Plätze ausserhalb mit einem in der Kirche. Und die Kinder tollen vorzugsweise draussen herum, immer wieder liebevoll von Eltern oder Grosseltern ermahnt …

Mit dem nahende Ende der Liturgie beginnen insbesondere die Frauen mit dem Auspacken des mitgebrachten Essens, denn hernach wird es gemütlich: Es gibt deftige Fleischteile, Käse, Wein und was so gebacken wurde. Derweil rennen immer mehr Kinder mit einem grossen Stück des mittlerweile geweihten Weissbrots herum, das nach einer kleinen Weile alle in Händen halten. Mit Ende der Liturgie strömen alle zum Essen, dem sich auch der Pfarrer anschliesst, nachdem er ein paar Worte mit mir gewechselt, einige Fotos mit seinem Handy gemacht hat – er kennt wohl mich aber diese Kirche offensichtlich auch nicht – und ein wichtiges Telefonat geführt hat.

Aber zurück zum Pírgos und der Kirche selbst. Das Ensemble besteht aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen. Die Kirche Agios Ioannis stammt aus dem 13. Jahrhundert, der Pírgos wurde um 1600 daneben errichtet. Das jedenfalls berichtet uns Naxos.net als eine der kargen Quellen. Beide liegen heute in einem grossen Garten rund um Pírgos und Kapelle an der schon lange asphaltierten Strasse nach Tripodes.

Das Ganze sah 1984 so aus …

… und wurde im Reiseführer von Christian Ucke von 1984 so beschrieben:

Soweit ich mich erinnern kann, wurde der Pírgos Bellonia in den Neunzigerjahren renoviert und erhielt so seine heutige Gestalt.

Auch die Doppelkirche Agios Ioannis wurde instand gesetzt. Da sie heute Namenstag hat, haben wir Gelegenheit, Blicke in den Wohnturm und die Kirche zu werfen. Normalerweise sind wir auf den Festen zum Namenstag der Kirchen von Galanado (es sind mehr als zehn!) immer dabei, wenn wir es rechtzeitig von Popi, unserer Vermieterin, erfahren. Bei dieser nun war es heute das erste mal.

Mit den Doppelkirchen, deren es in der Ägäis, so auf Naxos – auch oben im Kastro – viele gibt, hat es eine einfache Bewandtnis: Die Venezianer brachten den römischen Katholizismus auf die orthodox geprägte Insel. Wenn ein Venezianer sich eine Naxiotin zum Weibe nahm, so beteten sie beide zwar in derselben Kirche aber er im linken Kirchenschiff und sie im rechten.

Die Orthodoxie hat aber in der Agios Ioannis heute eindeutig die Oberhand.


Die linke Seite katholisch, rechtes orthodox


Blumenumkränzt und mit seinem eigenen Kopf auf dem Teller: Johannes der Täufer

Der Innenraum ist weiss gestrichen, auch die einzige tragende Säule zwischen den Schiffen. Dadurch hat sie die Produktion von Stalaktiten und Stalagmiten einstellen müssen, ebenso kam die Tropfsteinbildung an den undichten Stellen an der Decke und an den Fenstern solcherart zum Stehen.

Aussen finden wir die Insignien der Crispis und den offenbar neu eingesetzten venezianischen Löwen; dazu gleich mehr.

So. Und jetzt wird es kompliziert. Ich werde mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass man die Platte mit dem Löwen hier irgendwo im Garten gefunden hätte und dass sie erst vor kurzem von kundiger Hand hier in die Wand eingesetzt wurde. Wer nun den Löwen hier mit dem in Uckes Beschreibung oben vergleicht, stellt fest, dass letzter seitenverkehrt ist. Das wäre noch verzeihlich. Aber Uckes Beschreibung stammt aus dem Jahre 1984. Wie also nun? Vielleicht kläre ich das irgendwann, jetzt bleibt offen, welche Bewandtnis es mit dem venezianischen Wappentier hat.

Ioannis wer?

Johannes, der Vorläufer und Täufer

Diese Frage ist bei Ioannis, zu Deutsch natürlich Johannes, immer zu stellen, denn es gibt mehrere. In diesem Fall handelt es sich um Johannes den Täufer, nicht um den Theologen beziehungsweise Jünger und Namensgeber des namensgleichen Teils im Neuen Testament. Der hat auf Naxos natürlich auch seine Heimatkirchen, zum Beispiel diese:


Das Kirchlein hat einen Anbau, der als Ölmühle diente


Der Innenraum trägt noch die alten Fresken

Sie steht in einem Olivenhain nördlich von Filoti. Aber ich schweife ab. Das geht fast immer so: Sobald man die erste Frage stellt, kommen immer neue hinzu. Kehren wir also zurück zu unserer Täuferkirche und dem Pírgos Bellonia.

Ein Blick in den Wohnturm …


Zum Obergeschoss geht es durch eine Falltüre


Im Wohnraum findet sich eine Sammlung schöner Keramik

… und in die Umgebung


Der Garten


Unterhalb des Gartens liegen Terrassen


Im Hintergrund immer die Insel Paros

Links:

  • Ορεινός Αξώτης liefert in einem Beitrag vom Juni 2017 weitere Erklärungen in Griechisch sowie einige interessante Bilder.
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