»Man muss kein Marxist sein«,…

…das ist so ein Einleitungssatz, der häufig selbstverständlichem, objektivem, jedermann zugänglichem Wissen vorausgestellt wird; besonders dann, wenn die Stimme gegen politisch-wirtschaftliche Missstände erhoben wird. Aber muss man sich der Wahrheit wegen entschuldigen? Es ist zwar mittlerweile schwer, die Wahrheit zu sagen. Vor allem, weil sie keiner hören mag. Keiner mehr hören mag. Alles schon zu oft gesagt. Doch warum verstecken?

Weil es so einfach ist, Wahres abzuwehren. Am einfachsten ist es, man bringt das Gesagte in Verbindung mit Links, Marxismus, Sozialismus. Dass die, die man mit der Wahrheit angreift, so zurückschlagen, das ist zwar lumpig und unlauter aber noch nachvollziehbar. Dass aber die Betrogenen selbst mittlerweile so konditioniert (worden?) sind, dass sie es ihren Schändern gleichtun, das allerdings ist nun doch ein Phänomen.

Wilhelm von Sternburgs Beitrag Das St. Florians-Prinzip (*) im freitag geht der Frage nach, ob es denn tatsächlich eine linke Mehrheit gibt in Deutschland und warum der SPD (mal wieder) der erbitterte Hieb nach links wichtiger ist als eine »linke Politik«, die sich an einfachen Einsichten messen aber trotz eigentlich einhelliger gemeinsamer Grundüberzeugung nie machen lässt:

Wer ist nicht dafür, dass die Armut bekämpft, Krieg und Gewalt gegeißelt und die Arbeit als Sinngebung unserer Existenz geadelt wird.

ebenda.

Am 1. Mai waren heuer…

…um die 420.000 Menschen bei den DGB-Demonstrationen. Wie festgestellt werden konnte, können ca. 16.000.000 Arbeitsfähige in Deutschland von ihrem Einkommen nicht oder nur zum Teil leben. 2,6 % davon war auf der Strasse. Und man darf aus Erfahrung davon ausgehen, dass es sich vorzugsweise um irgendwie engagierte Gewerkschafter gehandelt hat, die Arbeit haben. Also nicht mal in der Mehrzahl die, die es in erster Linie angeht.

Wie meinen die derzeit und absehbar zukünftig Betroffenen ihre Lage eigentlich ändern zu können? Auf wen muss man da eigentlich »dreinschlagen«, über wen oder was den Kopf schütteln? Da wird ein Volk – und das ja nicht nur hier in Deutschland – Schritt für Schritt, systematisch und täglich erfahrbar seiner sozialen Absicherung beraubt, da werden Junge auf Alte gehetzt und umgekehrt, Arbeitsplatzinhaber auf Arbeitslose, da wird korrumpiert, da werden Schwarze Kassen gefüllt und aufgelöst, da werden sehenden Auges Steuern hinterzogen, da steigt die Armut in einem Land, dessen Löhne bei fantastischer Produktivität ständig sinken, da werden Renten systematisch abgebaut und die »frei werdenden« Mittel auf die Mühlen der Versicherungswirtschaft umgelenkt, denen noch fantastischere Prämienberge winken, die dann wieder verzockt werden können – amerikanische Rentner lassen grüssen.

Ja, zum Beispiel Renten!

Die Rente ist sicher! Nur hat kein Mensch mitgekriegt, dass wir aus der Rente inzwischen ‘ne Basisrente schon längst gemacht haben. Das ist alles schon passiert. Es ist alles schon passiert.

Wir sind runtergegangen durch den Nachhaltigkeitsfaktor und durch die modifizierte Bruttolohnanpassung. Diese beiden Dinge sind schon längst gelaufen. Ja. Waren im Grunde genommen nichts anderes als die größte Rentenkürzung, die es in Deutschland jemals gegeben hat. Beides Vorschläge der Rürup-Kommission.

Aber im Wesentlichen hat die Rentenversicherung kein Nachhaltigkeitsproblem mehr. Ja. Aus dem Nachhaltigkeitsproblem der Rentenversicherung ist quasi ein Altersvorsorgeproblem der Bevölkerung geworden. So! Das müssen wir denen erzählen jetzt. Also ich lieber nicht. Ich hab genug Drohbriefe gekriegt. Kein Bock mehr, irgendwie. Aber Sie müssen das. Das ist Ihr Job.

Alles zitiert in einem lesenswerten Beitrag der Nachdenkseiten; letzteres gegenüber den Versicherungsvertretern, die das nun alles abschöpfen sollen.

Und dieses Volk reagiert gar nicht, mit beleidigter oder gleichgültiger Wahlenthaltung, mit Partei- und Gewerkschaftsaustritten oder mit Bockwurst und Bier. Es reagiert so, wie es von denen gewollt wird und in die Wege geleitet wurde, die als Nutzniesser übedr allem schweben. Also mit Verzicht auf Soziale Gerechtigkeit und auf Widerstand. Warum begreift das die Masse nicht? Darf man »Masse« sagen? Oder besser »die betroffene Schicht« oder »freie Bürger«? Wie hätten Sie es denn gerne, liebe objektiv Betroffene? Mit welchem Schmusewort wollen Sie denn hofiert werden?

Wir haben Pressefreiheit, es ist möglich, das alles zu wissen, zu hinterfragen und zu diskutieren. Und etwas dagegen zu tun! Warum hampelt der DGB mit dem läppischen Slogan »Gute Arbeit muss drin sein!« über die 1. Mai-Bühnen? Weil seine verbliebenen Mitglieder hinter mehr nicht mehr stehen? Ist das der letzte gemeinsame Nenner? Der kleinste oder der noch maximal mögliche?

Übertrieben? Dummes Zeug?

Nein, es ist die tägliche Realität. Und es ist deprimierend.

Brecht meint dazu…

… in ihm eigenen einfachen Worten

Reicher Mann und armer Mannn
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

Bert Brecht, Alfabet

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7 Antworten auf »Man muss kein Marxist sein«,…

  1. Gunter sagt:

    Da hast Du recht Reinard. Ein gutes Beispiel ist ja die geplante Bahnprivatisierung, die völlig unnötig ist, aber von Herrn Mehdorn und der Regierung am Parlament vorbei betrieben wird. Damit beginnt der Ausverkauf und die Zerschlagung der Deutschen Bahn und damit die Verschleuderung des letzten Tafelsilbers, das unserem Land noch geblieben ist. Die größte Gefahr für unser Land ist tatsächlich der Terrorismus, aber nicht der, den Herr Schäuble immer beschwört, sondern der, den eben die oben genannten Manager und Politiker gegen die (leider zu schweigende) Mehrheit der Bevölkerung Tag für Tag ausüben.

  2. reinard sagt:

    @ alle: Ich denke, die Manager & Politiker sind zur Überzeugung gekommen, dass die deutsche Demokratie sturmreif ist; und deshalb geht’s jetzt los…

    Ich empfehle : http://eva.juni.com/eva/details.php/p_id/437 (Raubzug der Manager); und wer’s immer noch nicht glaubt – nun, so funktioniert die Welt…

  3. Gunter sagt:

    Die CDU geht doch diesen Missstand jetzt an: gestern hat Herr Profalla verkündet, daß die/derjenige, die/der ein Leben lang gearbeitet hat, eine Rente zumindest in Höhe des Existenzminimums erhalten soll! Gleichzeitig stand vorgestern in der Zeitung, es gäbe bei uns keine Altersarmut (diese Äußerung kam auch von einem CDU-Politiker. Fazit: die CDU tut was, obwohl es nicht nötig ist. Aber das hat sie ja schon immer getan: Steuern senken für die Reichen! Und jetzt der Einsatz für die „Armen“! Einfach eine SUPERPARTEI!!!

  4. reinard sagt:

    @alex: Zum einen ist Brechts Gedicht schon etwas älter; andererseits wäre es doch schon ein Fortschritt, wenn wenigsten der Zustand »arm« in seiner Grundform als zu bekämpfender Missstand verstanden würde…

  5. Alex sagt:

    Reicher Mann und armer Mannn
    Standen da und sahn sich an.
    Und der Arme sagte bleich:
    Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

    Ein schönes Gedicht, aber leider fern jeder Realität. Die wirtschaftliche Erfahrung legt vielmehr den Schlußsatz nahe: „Wärst du nicht reich, wär ich noch ärmer.“

  6. Eckhard sagt:

    Zu unserem „Wissen“ sollte auch die Erkenntnis gehören, dass Schäuble nach wie vor den Aufgabenbereich der Bundeswehr für das Inland erweitern will. Dass letztlich dann junge Soldaten gehorsam auf Bürger schießen werden, die sich z.B. gegen die Armut in unserem Lande wehren wollen, sollte klar sein.

    Einerseits wird die historische Verantwortung gebetsmühlenartig Monat für Monat in die Medien eingestellt, andererseits soll das totalitäre Gedankengut, das die 68er so überzeugend bekämpft hatten, mit dem Deckmantel des Terrorismus wieder belebt werden. Damals waren es die organisierten Schläger des persischen Geheimdienstes in Zusammenarbeit mit Politik und Polizei, morgen sollen es die jungen Leute der Bundeswehr sein, die gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden. Es ist ja auch etwas schwieriger, gut ausgebildete Polizisten mit Waffengewalt auf Demonstranten zu hetzen; mit Befehl und Gehorsam hat man es da einfacher.

    Die demokratische Verfassung soll offenbar nach den Vorgaben der USA und mit Nachdruck weiter zurück gedrängt werden. Und das von einer Regierung, deren Gesetzes-Attacken gegen die Grundrechte der Bürger reihenweise vom Bundesverfassungsgericht kassiert werden.

    Da wundert es auch nicht, dass die für jeden Bürger offenkundigen Verbrechen der US-Administration (Folter im Irak, Entführungen, Führen völkerrechtswidriger Kriege, Guantanamo, …) in den offiziellen Äußerungen der Regierung kaum Erwähnung finden. Ganz im Gegenteil: der Irak-Krieg findet auf verschiedene Weise Unterstützung durch die Regierung.

    Dass diese Regierung kein Interesse daran hat die Bürgerrechte zu verteidigen, ist offenkundig. Geschützt werden allenfalls die Interessen der Wirtschaft und der sie tragenden Gruppierungen. Der Rest der Bürger, allemal die Arbeitssuchenden und Rentner, sollen parieren und die Interessenpolitik nicht stören. Dazu braucht es dann auch die Möglichkeit des Bundeswehreinsatzes im Inland.

    Das was die 68er vehement bekämpft hatten, nämlich den braunen Filz in Regierung und Polizei, wird gerne medial klein geredet. Dass sich das totalitäre Gedankengut wieder auf dem Vormarsch befindet, sollte so langsam jedem Bürger klar sein. Und dazu gehört auch die ständig wiederholte Forderung des Einsatzes der Bundeswehr im Inland. Die 30er und 40er Jahre sind noch lange nicht überwunden.

    Nur nebenbei: die Regelungen der „Amtshilfe“ ermöglichen längst die Unterstützung der Bundeswehr im Inland (z.B. bei Katastrophen und ähnlichen Ereignissen). Da sollten doch einmal die Unterstützer des Studienkreises Weikersheim bekannt geben, warum solche Regelungen nicht ausreichen. Auch zur Terroristen-Abwehr wäre es der Polizei erlaubt, „Amtshilfe“ anzufordern. Das macht deutlich, dass es in Wirklichkeit nicht um die Bekämpfung des Terrorismus geht. Es geht vielmehr darum, letztlich die Bundeswehr auch gegen die eigenen Bürger einsetzen zu können.

  7. wir war! Artikel sehr gut. Was aber auch empörend ist:
    Da übernehmen Neonazis einen ganzen Zug inklusive Lautsprecheranlage des Zuges und die Polizei erscheint nicht und machts nichts. Die Nazis steigen unbehelligt in HH-Dammtor aus.
    http://www.jungewelt.de/2008/05-03/067.php
    Sitzende Protestierer, gegen den Naziaufmarsch, werden abgespritzt.
    http://www.abendblatt.de/gallery/gallery.php/randale/s/96841

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