Robert Pfaller: Die totale Manipulation

Sonntag, 11.02.2018, 22:09:20 :: Galanado

Quelle: Rubikon

Die totale Manipulation

Robert Pfaller konfrontiert das Programm der Political Correctness mit der globalen Realität. Exklusivabdruck aus „Erwachsenensprache“.

von Robert Pfaller

Wie kann es sein, dass volljährige Fluggäste im Bordkino vor Erwachsenensprache gewarnt werden, während am Boden Krieg, Armut und Ausbeutung mit zunehmender Brutalität um sich greifen? Wir kultivieren Empfindlichkeiten, wetteifern in subtilen Sprachregelungen und nehmen zugleich unvorstellbare Verrohungen im Weltmaßstab als scheinbar alternativlos hin. Robert Pfaller nimmt diesen Widerspruch in seinem Buch zum Anlass mit dem Neoliberalismus und unseren moralischen Ersatzhandlungen abzurechnen. Die Lektüre von „Erwachsensprache“ weitet den Blick und befreit das politische Sprechen.

Vorsicht, Erwachsene!

Vor kurzem fliege ich von Amsterdam aus in die USA. Die Maschine gehört einer europäischen Fluglinie, und sie befindet sich noch über europäischem Boden, als ich mir in der Videothek Michael Hanekes Film „Amour“ ansehen möchte – jenen 2012 mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten Film, worin Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant alternde Eheleute und deren Leiden nach einem Schlaganfall der Frau darstellen. Bevor der Film beginnt, erhalte ich aber noch eine Warnung: Es werde in diesem Film „adult language“ vorkommen, also Erwachsenensprache, die möglicherweise meine Gefühle verletzt. Ich staune.

Denn zunächst ist „Amour“ ja alles andere als ein pornographischer oder auch nur betont sexueller Film. Es geht um die verzweifelte, aufopferungsvolle Liebe zwischen alten Leuten. Und da werde ich schon gewarnt? Welche Art von Filmen könnte ich mir ansehen, ohne solche Warnungen zu bekommen? Außerdem handelt es sich um ein Kunstwerk, einen Autorenfilm klassischen Zuschnitts, wie nicht mehr allzu viele produziert werden, für ein wohl schmaler werdendes Publikum. Wer „Amour“ ansieht, dürfte darum in der Regel wissen, was ihn erwartet. Wer es aber nicht weiß und vielleicht irrtümlich einen Abenteuerfilm mit amourösen Verwicklungen, eine frivole Burleske oder einen Porno erwartet – muss der wirklich gewarnt werden?

Mein Befremden rührt, wie ich mir nun sage, daher, dass ich eine Grenze zwischen Kulturen überschreite: ich bin schließlich dabei, von der etwas robusteren, europäischen in die bekanntermaßen zarter besaitete US-amerikanische Kultur überzuwechseln. Und offenbar hat die europäische Fluglinie – in einer Art von Antizipation oder von vorauseilendem Gehorsam, oder um sich gerichtliche Klagen amerikanischer Passagiere auf amerikanischem Boden zu ersparen – sogar schon innerhalb Europas die US-amerikanischen Standards übernommen. Das ärgert mich ein bisschen: habe ich denn als Europäer in Europa keinen Anspruch auf die mir vertrauten und von mir verteidigten kulturellen Bedingungen und Spielregeln? Muss ich mich hier den puritanischsten US-Amerikanern anpassen?

Andererseits, sage ich mir, überquere ich vielleicht weniger eine Kultur- als eine Zeitgrenze. Was die US-Amerikaner heute schon praktizieren und was uns heute noch seltsam vorkommt, wird schließlich – so wie zum Beispiel die Rauchverbote, die verstärkte Aufmerksamkeit für Hautfarben und die diversen kleinlichen Sprachregelungen – vielleicht morgen schon auch bei uns allgemeiner Standard sein. Dann allerdings empört mich die Sache noch mehr. Meinetwegen sollen die US-Amerikaner, oder wenigstens die stimmungsbildenden Mehrheiten dort, sich in ihren Eigentümlichkeiten ergehen, soviel sie wollen. Aber sie sollen sie bitte nicht auch noch uns aufnötigen. (Freilich muss ich mir sagen, dass auch es auch in Europa Leute gibt, die auf genau so etwas hinarbeiten.)

Aber was ist es, das mir hier so sehr missfällt? Bekomme ich nicht des öfteren Warnungen, die ich nicht unbedingt brauche? Was ist das Besondere an diesem Typ von Warnung? – Nun, zunächst bemerke ich, dass ich ja als Erwachsener vor Erwachsenensprache gewarnt werde. Man erklärt nicht einfach, dass dieser Film erst für Menschen über 18 geeignet ist. (Und ohnehin ist „Amour“ wohl kaum ein Film, den sich Teenager gerne ansehen möchten.) Es wird also mit Selbstverständlichkeit davon ausgegangen, dass nicht alle Erwachsenen in der Lage sind, sich erwachsen zu verhalten und einen Film, dessen Sprache ihnen nicht gefällt, kritisch zu betrachten oder aber sein Abspielen auf ihrem Monitor zu unterlassen. Das scheint mir das Neue und Auffällige an diesem Phänomen, diesem Symptom der aktuellen Kultur, zu sein: die als evident vorausgesetzte Annahme, dass es Erwachsenen nicht zumutbar sei, sich als Erwachsene zu verhalten; dass die Belastbarkeit, die Erwachsenen eignet, nicht von jedem Erwachsenen mehr verlangt werden dürfe.

Nun gut, denke ich mir. Ich bin ja zum Glück belastbar, und hier wird eben einmal für die anderen, die es nicht im selben Maß sind, etwas unternommen. Warum aber regt mich das so sehr auf? – Ich sage mir: meine Wut rührt daher, dass mir dieses Zartgefühl von oben nach unten (denn es sind ja die Autoritäten, die hier zartfühlend auf die Untergebenen einzugehen scheinen) infam vorkommt. Und warum infam? – Nun, weil es in einem auffälligen Gegensatz zu dem steht, was sonst gerade, oder sagen wir, seit gut zwei bis drei Jahrzehnten in dieser Kultur – der Kultur der privilegierten westlichen, kapitalistischen Länder – passiert: der eklatanten Brutalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse. Hier nehmen scheinbar Leute auf Leute Rücksicht, auf die sie im übrigen nicht die geringste Rücksicht nehmen. Und vielleicht hilft ihnen das Erstere ja auch noch beim Zweiteren.

Ich halte mir dazu kurz vor Augen, was eigentlich jeder weiß – aber was man sich vielleicht nicht immer in seiner Gesamtheit, als Panorama vor Augen hält: Neoliberale Austeritätspolitik hat in den letzten Jahren nicht nur reiche westliche Staaten in den Ruin getrieben und alleine in Europa Millionen von Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut gestürzt. Sie hat auch vieles, was bislang an zivilisatorischen Standards, Formen erfüllender Arbeit und guten Lebens selbstverständlich war und zum Gemeineigentum zählte, zerstört: Plötzlich fuhren Eisenbahnen in die Irre, Pensionsvorsorge geriet zum Spekulationsgegenstand, Gesundheit und Bildung verfielen einem irrationalen Ökonomisierungsdruck, Arbeiten verwandelte sich zum bullshit-job, Produkte zerfielen vorzeitig dank geplanter Obsoleszenz oder entzogen sich in die Undurchschaubarkeit ihrer ständig wechselnden Benutzeroberflächen, Bürgerrechte fielen umstandslos der Überwachung durch die Geheimdienste (mitunter sogar durch fremde Geheimdienste) zum Opfer, menschliche Grundrechte (wie zum Beispiel die Versorgung mit Trinkwasser) wurden verhandelbar, demokratische Selbstbestimmung opferte man für Freihandelsverträge, und Universitäten wurden zu stressigen, überregulierten Lernanstalten für Menschen, die nur noch tun durften, was man ihnen vorschrieb – und was anhand von Punkten, Zertifikaten und Kennzahlen bürokratisch darstellbar war.

Unter der Führung der USA war diese Politik zugleich extrem aggressiv: der Reihe nach haben die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre diversen Verbündeten innerhalb und außerhalb der NATO bezeichnenderweise gerade vergleichsweise säkulare arabische Staaten wie Irak, Libyen und Syrien im Namen von „humanitarian warfare“ und mit dem Ziel des „regime change“ militärisch angegriffen. Allein die Zahl der Kriegsschauplätze, auf denen die deutsche Bundeswehr gegenwärtig Kampfeinsätze tätigt, mag hier erstaunen – insbesondere angesichts des deutschen Grundgesetzes. Diese Kriegshandlungen, meist anfänglich mit dem Vorwand, an diesen Orten Demokratie zu installieren, gerechtfertigt, hinterließen freilich regelmäßig alles andere als demokratische Verhältnisse. Stattdessen entstanden an den Orten der westlichen „demokratischen“ Interventionen nichts als „failed states“ mit permanentem Bürgerkrieg. Darin zeichnet sich ein neues Muster von Kolonialismus nach dem Ende des kalten Krieges ab: Während im kalten Krieg die beiden großen Machtblöcke NATO und Warschauer Pakt noch vorwiegend daran interessiert schienen, in den ausgebeuteten Regionen der Welt wenigstens halbwegs funktionierende, wenn auch meist diktatorische verbündete Vasallenstaaten zu errichten, produziert der nunmehr weitgehend allein herrschende „freie“ Westen, wo er kann, nur noch Zonen ohne jegliche funktionierende Staatlichkeit: denn so können private westliche Firmen mit diversen lokalen Gangsterbanden offenbar umso besser lukrative Rohstoffgeschäfte tätigen. Man kann dies gegenüber dem klassischen Kolonialismus als eine sarkastische Form von „Postkolonialismus“ betrachten.

Schließlich kann man dieses Bild noch ergänzen durch einen Blick darauf, wie das reichste und mächtigste Land der Welt mit seinen eigenen Bürgern umgeht. Mochten die USA kurz nach dem zweiten Weltkrieg noch als Hoffnungsträger einer Konsumgesellschaft erscheinen, die Wohlstand für alle oder wenigstens viele, und dies in einer baldigen Zukunft auch für Menschen anderer Länder zu versprechen schien, so scheint auch dieses Versprechen kurz nach dem Ende des kalten Krieges entbehrlich geworden zu sein. 2015 lebten 43,1 Millionen Amerikaner unter der Armutsgrenze – das ist ein Satz von 13,5 Prozent. Dazu weist dieses Land – knapp hinter den Seychellen – auch die höchste Rate von Inhaftierungen auf: Auf 100.000 US-Bürger kommen rund 700, die einen Gefängnisaufenthalt verbringen müssen – das ergibt aktuell eine Gesamtzahl von mehr als 2 Millionen Menschen. Der Anfang 2017 aus dem Amt geschiedene Präsident Barack Obama hat diese Zustände in einem programmatischen rechtswissenschaftlichen Aufsatz treffend wie folgt kommentiert:

„Wir können es uns nicht leisten, 80 Milliarden Dollar jährlich für Inhaftierungen auszugeben; 70 Millionen Amerikaner, das ist nahezu ein Drittel aller Erwachsenen, mit irgendeiner Art von krimineller Vormerkung abzuschreiben; 600.000 Häftlinge jährlich zu entlassen ohne ein besseres Programm zu ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft; oder die Humanität jener 2,2 Millionen Menschen zu ignorieren, die sich gegenwärtig in US-Gefängnissen befinden, sowie jener 11 Millionen Männer und Frauen, die jedes Jahr in die US-Gefängnisse kommen oder daraus entlassen werden. Außerdem können wir das Erbe des Rassismus nicht verleugnen, das weiterhin Ungleichheit in die Wahrnehmung des Justizsystems durch viele Amerikaner bringt.“

Der letzte, betont vorsichtig formulierte Satz verweist nicht allein auf den hohen Anteil von Schwarzen in US-Gefängnissen. Auch der Umstand, dass in den letzten Jahren auffallend viele unbewaffnete Schwarze bei Polizeikontrollen ums Leben kamen, mag darin anklingen.
(Angesichts solcher Zustände wird übrigens wohl deutlich, wie fremd und lächerlich den Betroffenen ausgerechnet die Sorge um ihre angemessene Bezeichnung erscheinen muss – und dass diese Sorge folglich nicht die ihre ist. Die Bemühungen um das saubere Bezeichnen kommen nicht von den bezeichneten Gruppen, denn die haben ganz andere Sorgen – und fühlen sich durch diese Sorge allenfalls bevormundet. ) Freilich stehen die reichsten europäischen Länder in manchen solcher Statistiken der Schande nicht weit hinter ihrem großen Vorbild zurück. Dass in Deutschland, dem reichsten Land der europäischen Union, 15 Prozent der Bevölkerung in Armut leben, und damit jedes fünfte Kind, wirft ein ähnlich bezeichnendes Licht auf die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

So lassen sich, in aller Kürze und Grobschlächtigkeit, die – ihrerseits groben – Entwicklungen der westlichen sowie der westlich dominierten Welt zusammenfassen, die seit dem Ende des kalten Krieges möglich und wirklich geworden sind. Ohne Resignation, aber in aller gebotenen Schonungslosigkeit müssen wir uns heute die Wirkungen des sogenannten Neoliberalismus vor Augen halten: Nicht nur haben die führenden Mächte der westlichen, kapitalistischen Welt den Anspruch aufgegeben, andere Länder unter ihrer Hegemonie, wenn auch vielleicht mit Verzögerung, in den Wohlstand zu führen. Sie haben sogar im jeweils eigenen Land das Versprechen preisgegeben, mithilfe eines „Fahrstuhleffekts“ im Zug wachsenden Wohlstands auch die ärmeren Klassen mit nach oben zu ziehen. Die „Kurve“ des Ökonomen Simon Kuznets hatte dies in der Zeit des kalten Krieges hoffnungsvoll prophezeit: „Growth is a rising tide that lifts all boats“. Dies schien sich anfänglich zu bewahrheiten. Tatsächlich führte in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg der wirtschaftliche Aufschwung der kapitalistischen Länder zu einer beträchtlichen Reduzierung gesellschaftlicher Ungleichheit, so dass das oberste, reichste Zehntel der Bevölkerung schließlich nicht mehr als 30 bis 35% des nationalen Einkommens bezog. Seit den 1970er Jahren jedoch geht diese Schere wieder auseinander.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts hat die gesellschaftliche Ungleichheit wieder die Ausmaße angenommen, die sie in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgewiesen hatte. Das oberste Zehntel verdient jetzt wieder 45-50% des nationalen Gesamteinkommens. Aufgrund von Deindustrialisierung und Kürzung von Sozialleistungen finden Arbeitslose und prekär Beschäftigte nicht mehr aus der Armutsspirale heraus. Und selbst wenn die Wirtschaft wächst, produziert sie keine zusätzlichen Arbeitsplätze mehr. Die sogenannte Globalisierung nützt, entgegen den anfänglich geweckten Hoffnungen, wie immer offensichtlicher wird, nur den privilegierteren Teilen der privilegierten Gesellschaften. Nach dem im Jänner 2017 veröffentlichten Bericht der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam besitzen nun 8 Reiche genau so viel wie die ärmsten 50 Prozent der Menschen. Ihr Anteil am globalen Vermögen beträgt 0,2 Prozent. Und das reichste Prozent der Weltbevölkerung verfügt über 50,8 Prozent des weltweiten Vermögens – es besitzt mithin mehr als die restlichen 99 Prozent der Menschen.

Die Weltgesellschaft spaltet sich, wie Alain Badiou (übrigens noch anhand etwas älterer, geringfügig optimistischerer Zahlen) anschaulich zusammenfasst, nun grob in drei Teile:

Die reichsten 10 Prozent besitzen 86 Prozent der verfügbaren Ressourcen. Die globale Mittelschicht, 40 Prozent der Menschen, fast ausschließlich in westlichen Ländern beheimatet, besitzt 14 Prozent; die übrigen 50 Prozent besitzen so gut wie nichts.

Quelle: Die totale Manipulation

Robert Pfaller, Jahrgang 1962, studierte Philosophie in Wien und Berlin und ist nach Gastprofessuren in Chicago, Berlin, Zürich und Straßburg Professor für Kulturwissenschaften und Kulturtheorie an der Kunstuniversität Linz. Von 2009 bis 2014 war er Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst Wien. Weitere Informationen unter www.robert-pfaller.com.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert.

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Ein Regierungspräsident i. R. versucht den Ruf unseres Landes zu heilen – mit einem sehr guten Brief nach Wolgograd

Mittwoch, 07.02.2018, 23:40:24 :: Galanado

Aus den Nachdenkseiten vom Mittwoch, 07.02.2018

Die meisten NachDenkSeiten-Leserinnen und Leser werden davon unterrichtet sein, dass unsere amtierende Regierung und der Bundespräsident ausgesprochen schäbig mit dem Gedenken an das Ende der Schlacht um Stalingrad und die vielen Opfern, Russen wie Deutsche und Menschen aus anderen Völkern umgegangen sind. Zum 75. Jahrestag am 2. Februar ist kein offizieller deutscher Vertreter in Wolgograd erschienen. Erstaunlich viele deutsche Medien haben sich über die Gedenkfeiern in Russland eher mit Spott als mit Sympathie und Trauer hergemacht. Der frühere Regierungspräsident von Braunschweig Karl-Wilhelm Lange, lange auch Präsident des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge, hat an die ihm aus der Zusammenarbeit bekannte Museumsdirektorin Valentina Sorokoletova einen Brief geschrieben, den zu lesen und zu verbreiten wirklich lohnt. Albrecht Müller.

Karl-Wilhelm Lange
Beethovenstraße 25
34346 Hann. Münden

3. Februar 2018

Regierungspräsident i.R.

Wolga-Don-Kanal-Museum
Frau Museumsdirektorin
Valentina Sorokoletova

Volgograd. Russia 400082

Liebe Valentina,

heute vor 75 Jahren kapitulierten die Reste der 6. Armee unter General Paulus in Stalingrad nach monatelangen schweren Kämpfen, bei denen auf beiden Seiten fast 500.000 Soldaten, Zivilisten – auch viele Kinder unter ihnen – ihr Leben verloren. Ich wäre heute gern bei Euch, unter den Zehntausenden gewesen, die sich zum Trauern und Gedenken in Wolgograd versammelt haben. Denn ich weiß um die Gefühle der Veteranen und Veteraninnen, die an diesem Tage nicht nur einen Sieg über die deutschen Aggressoren feiern, sondern sich auch an das Leiden, an das Sterben und den Tod erinnern, der keinen Unterschied machte zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen Frauen und Kindern und auch nicht zwischen Russen und Deutschen.

Du hast zahlreiche Briefe der jungen deutschen Soldaten aus dem Wolgograder Militärmuseum veröffentlicht, die ihren sicheren Tod vor Augen einen letzten Gruß an ihre Mutter richteten, Briefe die die Heimat nicht mehr erreichten. Ihre Abschiedsworte klingen in ihrer Trauer, ihrem Mut und in ihrem Trost für ihre Mütter nicht anders als die Briefe ihrer russischen Kameraden, die ebenso unschuldig in diese Kämpfe gezogen waren und ihr Leben opferten, weil der militärische Befehl ihnen keine andere Wahl ließ.

Und ich erinnere mich an die vielen Gespräche mit russischen Generälen, Offizieren und einfachen Soldaten, die ihren deutschen Gegnern mit Respekt begegneten und ihnen die Hand zur Versöhnung reichten, weil sie sehr wohl zu unterscheiden wussten zwischen der faschistischen Führung unter Adolf Hitler und seiner Aggression gegen die Sowjetunion und den deutschen Soldaten und dem deutschen Volk.

Ich fühle mich an diesem Tag in tiefer Trauer Dir, den Wolgogradern und den Veteranen verbunden, erinnere mich an unsere Zusammenarbeit beim Bau der Soldatenfriedhöfe in Wolgograd/Rossoschka und bin dankbar für die Brücken der Versöhnung, die wir hier für unsere beiden Völker geschaffen haben, Brücken auf denen wir uns – Alte und Junge – begegnen konnten, uns umarmten und gelobten, dass Nichts und Niemand uns jemals wieder von diesem Weg der Versöhnung, des Friedens und der Zusammenarbeit würde abbringen können.

Die Ansprache von Präsident Putin im Jahre 2001 vor dem deutschen Bundestag, dessen Mitglieder ihm für diese große Rede zu den deutsch-russischen Beziehungen im gerade begonnenen 21. Jahrhundert stehend dankten, bildete den symbolischen Eckstein dieser neuen Friedensordnung zwischen unseren Völkern und für Europa. Für uns schien sich damals ein Traum zu erfüllen.

Doch heute, am 75.Jahrestag der Schlacht von Stalingrad stehen wir vor den Trümmern dieses allzu kurzen Traums, mitten in einem neuen kalten Krieg, der allein den Interessen der USA/NATO dient und die Kräfte der Versöhnung, des Friedens und der Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland durch Hochrüstung, durch Manöver an der Grenze zu Russland sowie durch wirtschaftliche Sanktionen zu zerstören versucht.

Trotz alledem, liebe Valentina, wollen wir nicht verzweifeln, sondern an unserem Traum festhalten und mit allen Kräften dafür arbeiten, dass die Kräfte des Friedens und der Versöhnung den Sieg erringen werden über diese aus den Tiefen der Hölle wieder hervorgestiegenen Gespenstern der Vergangenheit. Zu dieser beharrlichen Arbeit verpflichten uns die Erinnerung an die Schlacht und die Soldatenfriedhöfe in Stalingrad, das Gedenken an die Millionen Opfer des Großen Vaterländischen Krieges und unsere Verantwortung für die jungen Menschen in unseren Völkern, die unser politisches Wirken zu Recht eines Tages vor Allem daran messen werden.

In Freundschaft und Verbundenheit sowie mit herzlichen Grüßen an alle Freunde in Wolgograd

Dein Karl-Wilhelm

Quelle: Nachdenkseiten – http://www.nachdenkseiten.de/?p=42290

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Pírgos Bellonia und die Kirche Agios Ioannis

Sonntag, 07.01.2018, 23:03:37 :: Galanado

Hier auf Naxos ist der Frühling ausgebrochen. Es ist grün, mild, sonnig. Es blüht. Und die Feste jagen sich. Heute zum Beispiel ist Namenstag einer Kirche oberhalb von Galanado, auf die wir seit drei Jahrzehnten neugierig waren: Die Doppelkirche beim Pírgos Bellonia.

Ein Pírgos ist ein venezianischer Wohnturm. Von diesen gibt es auf Naxos viele, allerdings in unterschiedlichem baulichen Zustand. Die Ägäischen Inseln mit Hauptsitz Naxos waren über 300 Jahre Venezianisches Herzogtum. Und noch ein paar Wort zu den Festen zum Namenstag des Namensgebers der Kirchen. Sie beginnen stets mit der Liturgie, der mehr oder weniger andächtig gelauscht wird. Da bei den kleinen Kirchen nicht alle im Kirchenraum Platz finden, stehen die meisten draussen und unterhalten sich. Zuweilen tauschen sie die Plätze ausserhalb mit einem in der Kirche. Und die Kinder tollen vorzugsweise draussen herum, immer wieder liebevoll von Eltern oder Grosseltern ermahnt …

Mit dem nahende Ende der Liturgie beginnen insbesondere die Frauen mit dem Auspacken des mitgebrachten Essens, denn hernach wird es gemütlich: Es gibt deftige Fleischteile, Käse, Wein und was so gebacken wurde. Derweil rennen immer mehr Kinder mit einem grossen Stück des mittlerweile geweihten Weissbrots herum, das nach einer kleinen Weile alle in Händen halten. Mit Ende der Liturgie strömen alle zum Essen, dem sich auch der Pfarrer anschliesst, nachdem er ein paar Worte mit mir gewechselt, einige Fotos mit seinem Handy gemacht hat – er kennt wohl mich aber diese Kirche offensichtlich auch nicht – und ein wichtiges Telefonat geführt hat.

Aber zurück zum Pírgos und der Kirche selbst. Das Ensemble besteht aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen. Die Kirche Agios Ioannis stammt aus dem 13. Jahrhundert, der Pírgos wurde um 1600 daneben errichtet. Das jedenfalls berichtet uns Naxos.net als eine der kargen Quellen. Beide liegen heute in einem grossen Garten rund um Pírgos und Kapelle an der schon lange asphaltierten Strasse nach Tripodes.

Das Ganze sah 1984 so aus …

… und wurde im Reiseführer von Christian Ucke von 1984 so beschrieben:

Soweit ich mich erinnern kann, wurde der Pírgos Bellonia in den Neunzigerjahren renoviert und erhielt so seine heutige Gestalt.

Auch die Doppelkirche Agios Ioannis wurde instand gesetzt. Da sie heute Namenstag hat, haben wir Gelegenheit, Blicke in den Wohnturm und die Kirche zu werfen. Normalerweise sind wir auf den Festen zum Namenstag der Kirchen von Galanado (es sind mehr als zehn!) immer dabei, wenn wir es rechtzeitig von Popi, unserer Vermieterin, erfahren. Bei dieser nun war es heute das erste mal.

Mit den Doppelkirchen, deren es in der Ägäis, so auf Naxos – auch oben im Kastro – viele gibt, hat es eine einfache Bewandtnis: Die Venezianer brachten den römischen Katholizismus auf die orthodox geprägte Insel. Wenn ein Venezianer sich eine Naxiotin zum Weibe nahm, so beteten sie beide zwar in derselben Kirche aber er im linken Kirchenschiff und sie im rechten.

Die Orthodoxie hat aber in der Agios Ioannis heute eindeutig die Oberhand.


Die linke Seite katholisch, rechtes orthodox


Blumenumkränzt und mit seinem eigenen Kopf auf dem Teller: Johannes der Täufer

Der Innenraum ist weiss gestrichen, auch die einzige tragende Säule zwischen den Schiffen. Dadurch hat sie die Produktion von Stalaktiten und Stalagmiten einstellen müssen, ebenso kam die Tropfsteinbildung an den undichten Stellen an der Decke und an den Fenstern solcherart zum Stehen.

Aussen finden wir die Insignien der Crispis und den offenbar neu eingesetzten venezianischen Löwen; dazu gleich mehr.

So. Und jetzt wird es kompliziert. Ich werde mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass man die Platte mit dem Löwen hier irgendwo im Garten gefunden hätte und dass sie erst vor kurzem von kundiger Hand hier in die Wand eingesetzt wurde. Wer nun den Löwen hier mit dem in Uckes Beschreibung oben vergleicht, stellt fest, dass letzter seitenverkehrt ist. Das wäre noch verzeihlich. Aber Uckes Beschreibung stammt aus dem Jahre 1984. Wie also nun? Vielleicht kläre ich das irgendwann, jetzt bleibt offen, welche Bewandtnis es mit dem venezianischen Wappentier hat.

Ioannis wer?

Johannes, der Vorläufer und Täufer

Diese Frage ist bei Ioannis, zu Deutsch natürlich Johannes, immer zu stellen, denn es gibt mehrere. In diesem Fall handelt es sich um Johannes den Täufer, nicht um den Theologen beziehungsweise Jünger und Namensgeber des namensgleichen Teils im Neuen Testament. Der hat auf Naxos natürlich auch seine Heimatkirchen, zum Beispiel diese:


Das Kirchlein hat einen Anbau, der als Ölmühle diente


Der Innenraum trägt noch die alten Fresken

Sie steht in einem Olivenhain nördlich von Filoti. Aber ich schweife ab. Das geht fast immer so: Sobald man die erste Frage stellt, kommen immer neue hinzu. Kehren wir also zurück zu unserer Täuferkirche und dem Pírgos Bellonia.

Ein Blick in den Wohnturm …


Zum Obergeschoss geht es durch eine Falltüre


Im Wohnraum findet sich eine Sammlung schöner Keramik

… und in die Umgebung


Der Garten


Unterhalb des Gartens liegen Terrassen


Im Hintergrund immer die Insel Paros

Links:

  • Ορεινός Αξώτης liefert in einem Beitrag vom Juni 2017 weitere Erklärungen in Griechisch sowie einige interessante Bilder.
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6. Januar: Epiphanias

Samstag, 06.01.2018, 23:59:39 :: Galanado
Donnerstag, 11.01.2018, 21:32:12 :: Galanado

Den 6. Januar kennen wir in Deutschland vorzugsweise als »Dreikönig«, nicht nur wegen des traditionellen Dreikönigstreffens der FDP im Grossen Haus in Stuttgart. Aber die Sternsinger oder die eigentliche Bescherung der Kinder an diesem Tag wie in Spanien findet man hier nicht.

Die Griechische Orthodoxie feiert hingegen Epiphanias, die »Erscheinung des Herrn«. Dabei hat der Herr seit der hellenistischen Zeit in Ägypten, also Jahrhunderte vor Christi Geburt, bis ins vierte Jahrhundert ständig gewechselt: Vom Ägyptischen Sonnengott Aion über die Römischen Kaiser bis eben zu Jesus von Nazareth, den die (letztlich doch weltlichen) Herrscher in den christlichen Kirchen als den letztgültigen Herrn durchgesetzt hatten.

Mit der Feier der Taufe Christi ist auch eine Wasserweihe verbunden sowie das Zurückbringen des vom Priester ins Meer geworfene Kreuz. All das an den verschiedensten Orten, in den verschiedensten Varianten.

Moutsouna

Wir waren diesmal nicht im Hafen der Chora sondern im kleinen Fischerdorf Moutsouna auf der Ostseite der Insel. Es ist der letzte Hafen, von wo aus der Naxische Schmirgel verschifft wurde, davon künden mittlerweile fast nur noch die letzten Schienenstücke und die beiden Ladekräne auf der Pier.

In Moutsouna ist im Winter nun gar nichts los, was wir schätzen, denn wenn wir nachmittags dorthin zum Essen kommen, dann haben wir in aller Regel das einzige kleine Zimmer mit Kaminfeuer und drei Tischen ganz für uns alleine. Nicht so heute.

Als wir gegen 10.30 Uhr ankommen, liegt der Hafen verlassen, nur sehr wenige Menschen sitzen im Café am Ende der Mole. Aber innerhalb kurzer Zeit kommt ein Auto nach dem anderen, während auch wir uns einen Kaffee genehmigen.

Kinder beginnen freudig krakelend herumzurennen und werden von streng wachenden Eltern am Spielen im Sand gehindert, den die letzen Regenfälle abgeliefert haben.

Die Zwei hier sind spielend und malend ganz bei der Sache, auch wenn sie immer wieder einen interessierten Blick auf die anderen werfen.

Die Zeremonie beginnt

Irgendwann steht dann dieser Tisch mit dem grossen silberfarbenen Pokal draussen auf der Pier …

… und die mittlerweile stattliche Menschenmenge wandert dort hinaus, wo dann der Priester, dichtumringt von all den Menschen, den Pokal aus zwei mitgebrachten Platikflaschen mit Wasser füllt, seine Liturgiebücher aufschlägt und zurechtlegt, sich die zeremonielle Schärpe überstreift und eben die Liturgie zelebriert.

Teil der Zeremonie ist das »Baden« eines Kreuzes im Wasser, das dadurch wohl den himmlischen Segen erhält.

Gegen Ende steht dann ein vollmotivierter junger Mann in T-Shirt und Hose bereit, um ins Wasser zu springen und das mittlerweile dort hinaus geworfene Kreuz (es schwimmt!) mit kräftigen Armschlägen zu holen und wieder an Land zu bringen. Das wiederholt sich noch zweimal und dann ist wohl genug.

Vom Wasser des Pokals wird nun ausgeschenkt, viele tragen das geweihte Wasser mit sich zurück zum Café und zum »Apanemi«, dem Fischrestaurant, in dem wir uns schnell zwei Tische sichern, denn wir sind ja zu sechst. Auch der Priester hat seine Sachen zusammengepackt und geht zurück zum Auto und dann zum Essen.

Vom gegrillten Gemeinschaftsfisch bleibt nur was für die Katzen übrig.

Nachklang

Bei diesem herrlichen Wetter geniessen wir natürlich auch die Rückfahrt über die Berge, werfen einen Blick auf Filoti und hinüber nach Paros und darüber hinaus.

und beenden den Tag bis zum Sonnenuntergang bei Cappuccino und Kitron im Café … – richtig: Kitron

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Jahresbrief 2017 – Annual Letter 2017

Die Bucht von Pylos, Peloponnes

Nordufer der Bucht von Navarino (Pylos)

Montag, 25.12.2017, 16:32:11 :: Galanado

Rückblick zu halten wird mit den Jahren immer wichtiger. Zumindest subjektiv, denn die Wegstrecke hinter einem wird immer länger, während man vor sich doch das Ende weiss, wenn man ehrlich ist.

Aber auch objektiv ist es hilfreich, kann man doch dabei ableiten und bestimmen, was noch nicht getan ist von all dem, was man sich so ausgedacht und erträumt hat. Und was man definitiv falsch gemacht hat.

Nicht zuletzt rühren daraus auch sehr häufig all die guten Vorsätze für’s Neue Jahr, von denen wir wissen, dass sie schneller vergessen als gefasst sind.

Also …

… hier ist unser Jahresrückblick, den Lis wieder mit vielen Bildern in ein PDF gepackt hat. Es gibt zwei Versionen:

  1. die mit den »schönen«, sprich hochaufgelösten Bildern. Sie ist für die Mitmenschen, die genügend Geduld aufbringen, die lange Ladezeit abzuwarten; 106 MB sind durch’s Internet zu ziehen und das kann dauern
  2. die Version für eher reine Leser, die auf Bildqualität (zunächst) verzichten können und wollen. Sie werden mit 6 MB nicht allzu lange warten müssen

In jedem Fall: Viel Freude beim Lesen.

Links:

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Ein altes, leidiges aber eminent wichtiges Thema

Montag, 25.12.2017, 13:46:59 :: Galanado

Jan Fleischhauer, der ewig provozierende Kolumnist hat sich auf SPIEGEL ONLINE unter der Überschrift Neue Klassengesellschaft –
Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern
gefragt …

… Wenn ein Fünftel der Grundschüler nach der vierten Klasse nicht richtig lesen und schreiben kann, was sagt uns das über die Eltern? Oder anders gefragt: Ist Armut eine Entschuldigung, den Kindern nicht vorzulesen?

Und Mirko Wenig, ein Blogger hat darauf sehr dezidiert geantwortet: »Dumm und selbst schuld dran? Von wegen.«

“Ich bin der Working Class Proll” – ein offener Brief an Jan Fleischhauer

Da kam mir mein Blogbeitrag Die Unterschicht… vom 11. November 2006 (!) wieder in den Sinn. Es ist erschütternd, wie sich das Thema durch die Jahre zieht und sich nichts bessert.

Auch die Nachdenkseiten haben unter Nr. 17 reagiert: »Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern«

… Das erstaunliche ist, dass Fleischhauer in dieser verächtlichen Sprache über Bürger dieses Landes herziehen darf, ohne dass sich aus dem doch so gebildeten und humanistischen idealen verpflichteten gehoben Bürgertum auch nur die Andeutung von Widerspruch bemerken lässt. Hätte Fleischhauer in diesem Tenor über Flüchtlinge geschrieben, eine Welle der Empörung wäre von der Seite des linksliberalen Just Milieu hervorgebrochen. Wobei Fleischhauers Menschenverachtung durchaus kompatibel mit der Haltung des neuen akademischen linksurbanen Milieus ist, dass die weiße Unterschicht wegen ihrer vorgeblichen intellektuellen und kulturellen Rückständigkeit verachtet, mindestens ignoriert und grundsätzlich für sexistisch und rassistisch hält. …

Jan Fleischhauers Gedanken und Ansätze sind ja im ersten Anlauf so falsch nicht. Er übersieht u.a. aber geflissentlich, dass die Schaffung von Unterprivilegierten politische Pflichtübung ist. Die „Unterschicht“ als wärmende Matratze der Mittel- und Oberschicht ist notwendige Voraussetzung für das feine Leben der zwei Letzteren. Und eben auch für Herrn Fleischhauers gemütlichen Schreibplatz. Wer Schule und Universität zur Ausbildungsstätte von für Industrie und Wirtschaft brauchbares Menschenmaterial degradiert, wer gewisse Studiengänge oder Wissenschaftszweige für entbehrlich, ja schlichtweg für unnötig hält, der produziert bewusst Unbildung, ja Nichtbildung. Und _das_ sollte ein zweifellos gebildeter Journalist wie Herr Fleischhauer bedenken und artikulieren. Weil er es weiß. Und dennoch verschweigt.

Eine Frage, die ich zumindest erwartet hätte, ist die, wie man bei Kindern Interesse und Neugier weckt und erhält. Erhält! Nicht nutzt. Und die weiteren Fragen nach den Ursachen, diese nicht nur bei den Eltern zu suchen sondern in der Gesellschaft, wie zum Beispiel beim Unterschichtenfernsehen, das ja nun gezielt eingesetzt wird und das wir zwangsweise auch noch finanzieren müssen; womit wir wieder bei dem w.o. angesprochenen »Unterbodenschutz« für Mittel- und Oberschicht wären.

Provokation ist noch lange kein Journalismus, Herr Fleischhauer. Auch wenn ich ihre Denkanstöße zuweilen schätze.

Es lohnt, die Referenzen druchzulesen. Eine Menge, um darüber nachzudenken.

Links:

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Russland, zieh´ Dich warm an, die Grünen kommen!

Freitag, 17.11.2017, 15:03:41 :: Galanado

Diesen Artikel der Grünen Marieluise Beck auf der Webseite ihres frisch gegründeten Thinktanks muss man sich zumuten. Unbedingt. Sie fragt dort »Wie soll Europa mit Russland umgehen?«. Schon diese Anmassung im Titel muss neugierig machen.

Jens Berger hat auf den Nachdenkseiten darauf eine saubere Replik abgeliefert, die nicht nur inhaltlich wichtig sondern auch sprachlich eine Meisterleistung ist.

***

Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Nachdenkseiten

Moderne Pickelhauben und liberale Denkhaubitzen – Russland, zieh´ Dich warm an, die Grünen kommen!


Veröffentlicht in: Außen- und Sicherheitspolitik, Grüne, Lobbyorganisationen und interessengebundene Wissenschaft, Strategien der Meinungsmache

Das Klischee will es ja, dass man mit säbelrasselnden Pickelhauben eher das reaktionäre Bürgertum verbindet. Und da ist ja auch ein Stück Wahrheit dran. Früher waren es vor allem die alten korporierten Herren, die mit Schmiss im Gesicht und Schiss im Hirn den Osten heim ins Reich holen und den Russen am deutschen Wesen genesen lassen wollten. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die neuen Russenfresser bezeichnen sich als weltoffen, liberal und modern und entstammen dem fruchtbaren Schoß der politischen Linken, die sie heute mit schon fast religiösem Eifer bekämpfen. Ein herausragendes Exemplar der Gattung politisch korrekter Säbelrassler ist das Ehepaar Ralf Fücks und Marieluise Beck. Die beiden grünen Politrentner weigern sich standhaft, ihre üppigen Pensionen zu genießen. Stattdessen wollen sie die Welt mit ihrem neu gegründeten Think Tank „LibMod – Zentrum Liberale Moderne“ nach ihren Vorstellungen formen. Von Jens Berger.

Hätte man Ralf Fücks 1973 im Gefängnis erzählt, dass er 44 Jahre später für seinen unermüdlichen Einsatz, Kapitalismus und Freiheit nach amerikanischer Lesart weltweit auch mit militärischen Mitteln zu verbreiten, vom Springer-Verlag gefeiert wird, hätte der damalige „Rädelsführer“ Heidelberger Studenten, der sich später den Maoisten und viel später den Grünen anschließen sollte, wohl schallend gelacht. Auch die junge Marieluise Beck, die in den späten Siebzigern über die Anti-Atomkraft-Bewegung mit der Friedensbewegung und den Grünen in Kontakt kam, hätte damals sicher nie gedacht, dass ausgerechnet sie selbst im Alter nicht mehr für Völkerverständigung, sondern für die militärische Vorwärtsverteidigung westlicher Werte eintritt. Das Leben schreibt nun einmal die seltsamsten Geschichten.

Fücks ging diesen Sommer in Rente, nachdem er ganze zwanzig Jahre lang die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung zu einer Vorfeldorganisation des Liberalismus amerikanischer Denkart und einem Lautsprecher transatlantischer Sicherheitspolitik gemacht hat. Fücks Gattin Marieluise Beck hatte sogar das Kunststück vollbracht, die ohnehin in Richtung NATO driftende olivgrüne Partei in Überschallgeschwindigkeit rechts zu überholen und sich im bürgerlich-liberalen Lager als NATO-Cheerleader auf dem Propagandafeldzug gen Osten zu positionieren. Das ging selbst der grünen Basis in ihrem Landesverband zu weit, der sie in diesem Jahr nicht mehr mit einem oberen Listenplatz für die Bundestagswahl beglückte und damit endlich in die keinesfalls wohlverdiente Rente schickte.

Doch so einfach wird man das Duo Infernale des transatlantischen Bürgertums nicht los. Um sich auch künftig „mutig“ im Namen der offenen Gesellschaft öffentlich ins Rampenlicht zu drängen, überließen Ralf und Marieluise das Entenfüttern, Schrebergärtnern und ZDF-Gucken anderen Politrentnern und gründeten zusammen mit einigen mal mehr, meist weniger bekannten Gleichgesinnten eine Denkfabrik. Dabei sind unter anderem Daimler-Chef-Lobbyist und Atlantik-Brücken-Vorstand Eckart von Klaeden, das schwergewichtige Talkshow-Inventar John Kornblum, die ehemalige Weltbankerin Maritta Rogalla von Bieberstein Koch-Weser, Timothy Snyder, der immerhin Putin und Auschwitz so wunderbar geistlos zu verbinden weiß und zahlreiche andere, meist ältere Personen aus dem Umfeld transatlantischer Denkfabriken und PR-Agenturen. Die Zusammensetzung ist ungefähr so überraschend wie der allmorgendliche Sonnenaufgang und jedes kritische Wort zu diesen intellektuellen Gulaschkanonen transatlantischer Einfalt wäre ein Wort zu viel.

Auch der Rest der Story ist in etwa so spannend wie die Frage, wer nächster deutscher Fußballmeister wird. Natürlich hat die neue Denkfabrik teure Büroräume im Zentrum von Berlin und natürlich weiß wieder einmal niemand, woher das Geld dafür eigentlich kommt. Natürlich betreibt man das erste Projekt, mit dem man über die Ukraine „aufklären“ will, zusammen mit und finanziert von einem Think Tank aus dem großen Denkfabrikenreich des George Soros. Natürlich sprach die Laudatio zur Gründung von LibMod niemand anders als Mr. Freiheit Joachim Gauck höchstpersönlich und die BILD erklärt auch gleich prominent, warum „Putin diese Denkfabrik fürchten muss“. Potztausend! Und auch die taz ist aus dem Häuschen und freut sich schon darauf, dass nun die „Putin-Freunde von RT Deutsch bis Nachdenkseiten“ sich „am neuen Think-Tank abarbeiten werden“. Zumindest dieses Mal, liebe taz, springen wir auch noch einmal über das Stöckchen, obgleich diese ganze Sache eigentlich gar nicht satisfaktionsfähig ist.

Fücks, Beck und Co. sollten doch eigentlich längst als olivgrüne Fair-Trade-Pickelhauben bekannt sein und für eine ernsthafte Debatte hat sich das russophobe Rentnerpärchen doch schon lange disqualifiziert. Aber klar, die taz wird sich sicherlich freuen, künftig noch mehr kostenlosen Content angeboten zu bekommen, der garantiert putinfrei ist und Spuren von linksliberaler Kuschelrhetorik enthält. Noch nie klang das Benedictio Armorum so nachhaltig. Russland, zieh Dich warm an – die Grünen kommen!



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* Rund Europa 2017: Peloponnes (Mai & Oktober)

Freitag, 17.11.2017, 13:58:05 :: Galanado

So. In ein paar Tagen sind alle Beträge der diesjährigen Rundreisen im Kasten. Man kann also nachlesen.

Einzelheiten…

…gibt es hier.

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Kriegsgefahr: Keine Gnade für die späte Geburt

Mittwoch, 08.11.2017, 12:33:00 :: Galanado

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Quelle des Textes:Neulandrebellen :: Mit Genehmigung des Autors

Tom Wellbrock 8. November 2017

Die Frage, ob uns ein Krieg bevorsteht, wird von den meisten Menschen ausgeblendet. Das ist nachvollziehbar. Aber es ist auch fatal und extrem riskant, denn wir stehen an einer Schwelle, die alles, was wir aus dem Kalten Krieg kennen oder gelesen haben, in den Schatten stellt.

Russland bedroht uns. So wird es uns eingehämmert, immer und immer wieder. Und mit dieser Argumentation rüstet die NATO erneut auf. Um sich zu schützen, wie es heißt. Vor Russland, wie man hört. Also alles zur Verteidigung. Abgesehen davon, dass diese Sicht der Dinge auf einem komplett faktenlosen Boden steht, sollten wir unsere Sorge einer viel konkreteren Gefahr widmen: einem Angriffskrieg durch den Westen, angeführt durch einen US- Präsidenten, der nicht nur morgens keinen Schimmer hat, was er abends denkt, sondern darüber hinaus dazu neigt, seine Entscheidungen spontan zu treffen. Eine Angewohnheit, die für einen Präsidenten normalerweise undenkbar sein sollte. Dennoch unterscheidet sich Trump nicht großartig von seinen Vorgängern, die alle das gleiche Problem hatten wie er. Sie sehen, wie das Imperium USA seit Jahren immer schwächer wird, finanziell und wirtschaftlich. Russland könnte, zumindest gemeinsam mit China, zu einer Macht werden, die die USA in den Schatten stellt. Aber wer hoffen mag, dass dadurch etwas besser werden könnte, dürfte sich täuschen. Denn die USA werden das nicht zulassen, ohne im Zweifel alles mit sich in den Abgrund zu ziehen, einschließlich der eigenen Bevölkerung, von der Europas ganz zu schweigen.

Das Imperium auf schwachen Beinen

Imperien haben ein Zeitfenster, innerhalb dessen ihre Existenz besteht. Das Ende eines Imperiums markiert nicht etwa ein Knopfdruck (in diesem Fall allerdings könnte es anders sein), der die Sache ein für allemal erledigt. Stattdessen setzt es sich zur Wehr, mit allen ihnm zur Verfügung stehenden Mitteln, und erst recht, wenn es sich dabei um die USA handelt, die für sich in Anspruch nehmen, die einzig wahre Gesellschaftsform der Welt darzustellen, die eine legitime Berechtigung hat. Doch die USA schwächeln. Die Staatsverschuldung ist gigantisch, die innenpolitische Lage ist dauerhaft von Spannungen geprägt, die seit Jahrzehnten realisierte Expansion, oder besser: Einverleibung anderer Länder läuft nicht so, wie sich das die USA erhofft haben. Rüstung und Krieg zählen mittlerweile zu den wenigen lukrativen Aktivitäten der USA, und schon deshalb ist die Sorge vor einem Krieg nicht unrealistisch, sondern folgerichtig. Doch so richtig mag kaum jemand diese Gefahr erkennen. Das liegt unter anderem daran, dass heute viele Menschen selbst keinen Krieg erlebt haben, einmal abgesehen von den Berichten in Zeitungen, dem Fernsehen, Radio oder im Netz. Doch das alles wirkt abstrakt, weit weg, und wenn sich die Menschen vornehmlich darüber Gedanken machen, ob sie sich das neue iPhone kaufen oder lieber doch ein anderes Modell, kann die Lage so schlimm nun auch wieder nicht sein.

Aber das ist sie. Wir erleben erneut, wie die NATO sich weiter ausdehnt, unter fadenscheinigen Argumenten, die – bei Licht betrachtet – nicht haltbar sind. Wer wirklich glaubt, „der Russe“ hätte es auf uns abgesehen, würde Deutschland und/oder andere Länder in der Einflusssphäre der NATO überfallen wollen, der muss schon ein paar Substanzen eingeworfen haben, die die Wahrnehmung zwar erweitern, das aber ganz sicher nicht bereichernd tun.
Dieselben Substanzen müssen auch Politik und Medien eingeworfen haben, oder – und das ist realistischer – die Lügen haben Methode. Im Handelsblatt war am 7.11.2017 zu lesen:

Die NATO will mit einem weitreichenden Umbau ihrer Kommandostruktur auf die aggressive russische Politik reagieren. Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte, man strebe eine Modernisierung und neue Kommandozentren an.

„Aggressor“ Russland

Bemerkenswert an dieser Einleitung ist die Selbstverständlichkeit, mit der „aggressive russische Politik“ unterstellt wird. Damit einher geht das Grundgefühl der notwendigen Selbstverteidigung seitens der NATO. Immerhin, im weiteren Verlauf des kurzen Textes heißt es zwar, dass diese Aggressivität von der NATO nur als solche „wahrgenommen“ werde. Dennoch ist der allgemeine Tenor bei Medien und Politik, dass Russland „uns“ bedrohe und die NATO sich daher verteidigen müsse. Die Tatsache, dass die NATO sich seit Jahren Russland immer mehr nähert und ihrerseits eine Aggressivität an den Tag legt, die ihresgleichen sucht, fällt unter den Tisch, das würde die gedankliche Gesamtkonstruktion zu sehr stören.

Man muss nicht studieren oder halbe Bibliotheken durchforsten, um heraus zu bekommen, dass die USA weltweit in 156 Ländern Militärstützpunkte haben, Russland dagegen in nur 20. Auch die Militärausgaben der USA liegen mit 611 Milliarden Dollar erheblich über denen von Russland, das 69,2 Milliarden Dollar ausgibt. Und dabei sind die Militärausgaben der anderen westlichen Länder natürlich noch nicht mit eingerechnet.
Da liegt die Frage nahe: Wer bedroht hier eigentlich wen?

Der hier verlinkte, sehr lesenswerte Artikel auf den NachDenkSeiten von Brigitte Pick ist im Übrigen sehr ernüchternd, sogar erdrückend, und er zeichnet ein Bild, das über das sprichwörtliche „Säbelrasseln“ hinausgeht. Wir befinden uns schon heute an einem Punkt, der jeden Moment in einer tödlichen Explosion münden kann. Doch die
http://www.neulandrebellen.de/2017/11/kriegsgefahr-keine-gnade-fuer-die-spaete-geburt/ 08.11.17, 11=19 Seite 3 von 6

allgemeine Wahrnehmung ist gewissermaßen nicht „bereit“ für einen Krieg, nicht in der Verfassung, die Vorstellung konkret im Kopf wachsen zu lassen. Das ist nachvollziehbar, denn wer will sich schon damit beschäftigen, dass ein Krieg – der dann wahrscheinlich ein Atomkrieg sein wird – eine ernsthafte Bedrohung sein könnte? Niemand, der bei Verstand ist und sein Leben liebt. Oder, von der anderen Seite aus betrachtet: Jeder, der das Leben liebt, sollte sich mit dem Gedanken daran beschäftigen.
Hinzu kommt, dass wir Krieg nur aus der Berichterstattung kennen, er ist für uns so real wie ein Film oder ein Clip im Netz, den wir beiläufig sehen und kurz schockiert sind. Nichts, was uns wirklich bedrohen könnte. Und das ist das Problem. Die Schnelllebigkeit kommt erschwerend hinzu, täglich, ja, sogar stündlich werden neue Säue durchs Dorf getrieben, wir haben überhaupt keine Zeit, uns mit dem Gedanken an einen Krieg zu beschäftigen, und das, obwohl die Aufrüstung seit Jahren läuft und läuft und läuft.

Wir wollen nichts sehen

Letztlich aber ist es auch die späte Geburt, die uns den Gedanken an einen Krieg verhindern lässt. Die meisten von uns können sich nicht vorstellen, dass sich an ihrem Leben etwas ändern könnte. Zumal wir uns mit Dingen wie der Sitzordnung im Bundestag beschäftigen, mit Sondierungsgesprächen, die womöglich einmal zu Koalitionsgesprächen werden, mit Provokationen der AfD oder der Frage, wie in diesem Jahr Weihnachtsmärkte heißen werden. Aber auch mit existenziellen Dingen wie niedrigen Löhnen, dem Ausverkauf der gesetzlichen Rente, der Privatisierung der Daseinsvorsorge, Armut, kaputte Infrastruktur und Mieten, die zunehmend unbezahlbar werden. Dann kommt die Digitalisierung hinzu, viele Dinge, die wir nicht beurteilen können, die uns Angst machen und mal mehr, mal weniger beschäftigen. Da ist für den Krieg, der womöglich auf uns zukommt, einfach kein Platz mehr.

Wir müssen das aber verstehen. Wir befinden uns mitten in einer West-Ost-Konfrontation, die ein Ausmaß erreicht hat, das den Kalten Krieg übertrifft. Weil die Machtansprüche heute stärker sind, weil die Abschreckung, die zu Zeiten des Kalten Krieges schon ein Tanz auf dem Vulkan war, heute weniger eine Rolle spielt als die Aufteilung der Welt in neoliberale Planquadrate. Es geht nicht mehr darum, dem Gegner klar zu machen, dass er bei einem Krieg genauso verlieren würde wie man selbst. Es geht inzwischen um Strategien, die das Ziel haben, erstens selbst heil aus der Sache heraus zu kommen, weil die militärischen Mittel und Abwehrmechanismen heute ein anderes Niveau haben als zu Zeiten des Kampfes zwischen dem Westen/der USA und der Sowjetunion. Und zweitens um die Ausdehnung des eigenen Machtbereiches. Gemeint ist hier primär der Machtbereich der USA, die ihre Felle zunehmend davonschwimmen sehen, weil sie in jeder Hinsicht dabei sind, ihre Stellung als Imperium zu verlieren. Doch das werden sie nicht kampflos zulassen, sie lassen es schon jetzt nicht kampflos zu und kämpfen verbal und militärisch gegen alles, was sich irgendwie realisieren lässt. Es ist daher eine Frage der Zeit, bis auch Russland ein konkretes, akutes Ziel militärischer Angriffe durch die USA und die NATO sein wird. Die Tatsache, dass die meisten Menschen dank ihrer späten Geburt einen Krieg nicht mehr hautnah erlebt haben, spielt bei diesen globalen Überlegungen keine Rolle.

Die USA befinden sich auf einem absteigenden Ast, und das schon länger. Die Tatsache, dass sie nun Trump als Präsident haben, macht die Sache nicht leichter, weil dieser Mann unberechenbar ist. Aber mit einer Hillary Clinton als Präsidentin sähe die Sache ganz sicher auch nicht anders aus. Das Imperium USA wird sich entweder mittelfristig erholen. Oder untergehen. Und dann gnade uns Gott. Oder wer auch immer.

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* Rund Europa 2017 (Oktober), 13. Tag: Mykene – Naxos

Montag, 23.10.2017, 23:58:09 :: Naxos, Galanado

Heute werden wir also Naxos erreichen. Dazu müssen wir die Fähre um 16:30 Uhr in Piräus bekommen. Wir haben also genügend Zeit. Das heisst auch, alleine und gemütlich bei herrlichem Himmel und Sonnenschein auf der Terrasse frühstücken und den Blick zum Argolischen Golf geniessen.

Nachdem wir alles im Senfle verstaut haben, werden wir kurz vor dem Einsteigen noch mit Früchten versorgt und da kann ich es mir nicht verkneifen, zu fragen, woher das Hotel eigentlich seinen prägnanten Namen »La Petite Planète« hat.

Das sei eine lange Geschichte, und die gehe so, beginnt die agile Schwester, die sich fast immer um uns sorgt und die uns zum Auto gefolgt ist:

Wie das Hotel »La Petite Planète« zu seinem Namen kam


Beide Aufnahmen sind vom Mai 2017

Ihr Ururgrossvater kam mit Panagiotis Stamatakis aus dem Epirus nach Mykene. Wer nun war Stamatakis? Kurz: Er war der Kontrolleur und Mitausgräber von Heinrich Schliemann in Mykene, Ephoros der Altertümer der Argolis. Er erkannte wohl früh die Bedeutung dessen, was hier zum Vorschein kommen würde und empfahl dem Vorfahren, hier ein Hotel zu bauen, denn erstens mussten die Ausgräber irgendwo unterkommen und ebenso die kommenden Touristen. So wurde 1862 mit dem Bau eines Gästehauses begonnen, das noch heute den Namen »La Belle Helène« trägt. Ab 1876 übernachte dann Schliemann auch dort, erst 1890 wurde das Haus offiziell Hotel.

Vom Urgrossvater wissen wir nichts, aber vom Grossvater. Er war Pilot in der Griechischen Luftwaffe – aber Kommunist. Daher musste er die Armee verlassen und ging nach Paris. Dort lernte er seine Frau, die Grossmutter, kennen, die ihm 1943 das frisch erschienene Büchlein seines Fliegerkollegen Antoine de Saint-Exupéry schenkte.

Links:

Der Kleine Prinz hat so seine eigenen Gedanken zur Welt der Erwachsenen, denen man nicht so ohne weiteres widersprechen kann:

Die Erwachsenen verstehen nie etwas von selbst, und für Kinder ist es anstrengend, ihnen immer und ewig Erklärungen geben zu müssen.
[…]
Erwachsene lieben Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, wollen sie nie das Wesentliche wissen. Sie fragen euch nie: »Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele spielt er am liebsten? Sammelt er Schmetterlinge?« Sie fragen euch: »Wie alt ist er? Wie viele Brüder hat er? Wie viel wiegt er? Wie viel verdient sein Vater?« Nur dann meinen sie ihn zu kennen.

de Saint-Exupéry, Antoine. Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz

Der kleine Bursche hat dem Grossvater wohl so imponiert, dass er nach seiner Rückkehr nach Mykene beschloss, es seinem Urgrossvater gleich zu tun und ein Hotel zu bauen. Das wollte er nach dem kleinen Jungen vom kleinen Planeten benennen. Doch da waren die royalistischen Beamten der Genehmigungsbehörde entschieden dagegen. Der kleine Prinz, der wohnte mit seinen königlichen Eltern im Exil oder schon wieder im Schloss in Athen. König war damals wohl Georg II. oder Paul I. (1947–1964). Eine solche Monarchen-Lästerung kam nicht in Frage.

Ab 1942 kämpften Royalisten und Kommunisten gegen die Besatzer, die sich im Jahre 1944 zurückzogen. Nach Kriegsende wurde die Frage des Fortbestands der Monarchie zunächst zurückgestellt, der König ernannte Erzbischof Damaskinos an seiner Stelle zum Regenten, bis die Verfassungsfrage durch eine Volksabstimmung im September 1946 geklärt wurde. Unter dem Einfluss der Spaltung der Nation durch den Bürgerkrieg votierten bei der unter irregulären Bedingungen stattfindenden Abstimmung 78 Prozent für die Monarchie.

Wikipedia: Königreich Griechenland

Und so einigte man sich auf den Kleinen Planeten …

Ich finde das eine rührende und lehrreiche Geschichte, die dem eher farblosen modernen Ort Mykene eine überraschende Farbe verleiht.

Nach dieser Geschichtsstunde verabschieden wir uns dann aber doch, wir wollen vor dem Regen in Piräus sein. Die junge Frau meint etwas wehmütig, nun müssten sie alle in die Oliven, viel Arbeit warte auf sie alle, auch Orangen …

Korinth

Das Wetter bleibt uns gewogen. Kurz vor Korinth, im Angesicht der Steinbrüche am Strassenrand und dem vor uns aufragenden Festungsberg von Korinth entscheiden wir spontan: Wir schauen uns noch die Ausgrabungsstätte an, nachdem das im Juni 2011 irgendwie nicht so geklappt hat. Wir wissen nicht mehr, warum.

Und so reihen wir uns ein in den gar nicht so dünnen Besucherstrom, berappen unseren Rentnereintritt, und informieren uns zunächst im Museum vor, ehe wir das doch beachtliche Gelände betreten; im Sommer wäre das eine Unmöglichkeit.

Hier nur Eindrücke, ohne grosse Erklärungen. Eine große Bilderauswahl gibt es wie (fast) immer in der Google-Fotogalerie am Ende dieses Beitrags.

Auf diesem ausgedehnten Gelände mischen sich die verschiedensten Interessenten: Bustouristen, religiöse Gruppen, die die hier singend Gottesdienste abhalten, Archäologen, die scharren und vermessen – und wir. Als wir der ersten singenden Gruppe begegnen, fällt es mir schlagartig ein: Klar, Paulus‘ Briefe an die Korinther, als Korinth bereits lange römisch war.

Die Schautafeln sind hier alle dreisprachig: Griechisch, Englisch und Deutsch. Das ist selten, ich kann mich an keine antike Stätte erinnert, wo wir diesen Komfort hatten.

Der Kanal von Korinth

Den Kanal kann man auf der Schnellstrasse so überqueren, dass man nichts davon mitbekommt. Das wollen wir aber nicht. Am Südende des Kanals führt eine versenkbare Brücke über den Kanal, von dort sind auch die steilen Kanalwände eindrucksvoll zu bewundern.

Deshalb fahren wir zunächst dort hin. Denn da liegt auch ein Restaurant direkt am Wasser und da stärken wir uns für die letzte Etappe.

Die müssen wir nun bald antreten – erstens der Zeit wegen und zweitens, weil es zuzieht, so wie es die Wettervorhersage angedroht hat.

Auf die Fähre: Ende

In Piräus am Hafen sitzt man heutzutage nicht mehr gemütlich in einem der einst vielen Kneipen und Cafés – es gibt eigentlich nur noch eins. Wie das im Sommer geht, bei den Massen von Touristen, die auf ihre Fähre warten, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Die Krise auch hier.

Die Fähre braucht fünf bis sechs Stunden, Zeit zum Dösen und Lesen. Das Schiff ist ziemlich leer, es gibt also auch wenig zum Schauen …

Ich lese Braudel, die passende Lektüre zum Mittelmeer, über das wir vibrierend mit ca. 40 km/h wummern. Und verwundert meine ich, über aktuelle Politik zu lesen.

Doch hat das Oströmische Reich nicht schließlich den Mangel an konstruktivem Haß teuer bezahlt? Womit gesagt wäre, daß die Zukunft jenen gehörte die zu hassen verstehen. Allzuoft sind die Zivilisationen tatsächlich nichts als Verkennung, Verachtung, Verabscheuung der anderen. Aber doch nicht immer nur dies. Sie sind auch Hingabe, Ausstrahlung, sie häufen kulturelle Werte an, Erfahrungen sind ihr Erbe. Soviel die Zivilisationen dem Kampf verdanken, so viel auch dem mannigfaltigen Austausch von Techniken, Ideen und selbst Religionen. Der Mittelmeerraum ist ein Mosaik aus tausend Freveltaten.

Braudel, Duby, Aymard: Die Welt des Mittelmeeres, Fischer S. 106

Der Stellenwert der Wirtschaft

Im Kontext der Geschichte des Mittelmeerraums gehört auch die Wirtschaft zu den maßgeblichen Akteuren. Ohne Wirtschaftssystem, das ihr das Gleichgewicht verleiht, wäre die Gesellschaft nichts, wären die Staaten bewegungsunfähige Körper. Selbst die Zivilisationen können nur dank der Ökonomie bestehen und gedeihen. Blütezeiten sind Zeiten des Verbrauchs, der Verschwendung. Kaum gerät die Wirtschaft in eine Krise, schon werden auf der Baustelle von Santa Maria del Fiore in Florenz die Arbeiten eingestellt, die Kathedrale von Bologna oder die von Siena bleiben auf immer unvollendet.

Braudel, Duby, Aymard: Die Welt des Mittelmeeres, Fischer S. 108

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