„Nowitschok-Story“ eine Neuauflage des Schwindels über irakische Massenvernichtungswaffen

Sonntag, 18.03.2018, 00:26:20 :: Nachdruck aus den Nachdenkseiten

Craig Murray legt nach und nennt die „Nowitschok-Story“ eine Neuauflage des Schwindels über irakische Massenvernichtungswaffen

Redaktion
15. März 2018 um 11:15 Uhr

Die Nowitschok-Story ist im Grunde eine Neuauflage des Schwindels über irakische Massenvernichtungswaffen

Kürzlich, im Jahre 2016, hat Dr. Robin Black, der Leiter des Aufklärungslaboratoriums von Großbritanniens einziger Anlage für chemische Waffen in Porton Down, ein früherer Kollege von Dr. David Kelly (Anm. d. Red.: Kelly war der Chemiewaffenexperte und Whistleblower, der die Geheimdienstlüge über die irakischen Massenvernichtungswaffen ans Licht brachte und dann unter seltsamen Umständen ums Leben kam), in einem renommierten Wissenschaftsjournal einen Artikel veröffentlicht, in dem er sagt, der Beweis für die Existenz von Nowitschoks sei dürftig und ihre Zusammensetzung unbekannt.

In den letzten Jahren gab es oft Spekulationen darüber, dass in den frühen 70er Jahren als Teil des sogenannten Foliant Programms eine vierte Generation von Nervengasen, Nowitschoks (newcomer), in Russland entwickelt wurde, dies mit dem Ziel, einen Kampfstoff zu finden, der defensive Gegenmaßnahmen unterlaufen würde. Informationen über diese chemischen Verbindungen waren in der Öffentlichkeit sehr spärlich, die meisten kamen von einem russischen Dissidenten und Militärchemiker mit dem Namen Vil Mirzayanov. Es wurde jedoch nie eine unabhängige Bestätigung über Struktur oder Eigenschaften von solchen chemischen Verbindungen veröffentlicht.

aus: Robin Black. (2016) Entwicklung, vergangene Anwendungen und Eigenschaften von chemischen Kampfstoffen. Royal Society of Chemistry

Dennoch behauptet jetzt die britische Regierung, eine Substanz aus dem Stehgreif identifizieren zu können, die ihr eigenes Forschungszentrum für biologische Waffen niemals zuvor gesehen hat und deren Existenz ungesichert ist. Schlimmer noch: sie behauptet nicht nur, diese Substanz identifizieren zu können, sondern auch nachweisen zu können, wo diese hergekommen sei. Wenn man sich Dr. Blacks Publikation vor Augen hält, dann ist es offensichtlich, dass dies nicht wahr sein kann.

Die internationalen Experten für chemische Waffen teilen Dr. Blacks Auffassung. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) ist eine Abteilung der UN, die in Den Haag angesiedelt ist. Hier der Bericht ihrer Wissenschaftsabteilung aus dem Jahre 2013, die aus US-amerikanischen, französischen, deutschen und russischen Vertretern zusammengesetzt war und deren Gremium Dr. Black (Großbritannien) vertrat:

(Der wissenschaftliche Beirat) betont, dass die Begriffsbestimmung über giftige Chemikalien in dem Abkommen alle potenziellen chemischen Verbindungen einschließt, die als Chemiewaffen benutzt werden könnten. Was neue giftige Verbindungen anbelangt, die nicht im chemischen Verzeichnis aufgelistet sind, die aber dennoch ein Risiko für das Abkommen sein könnten, weist der wissenschaftliche Beirat auf die „Nowitschoks“ hin. Der Name „Nowitschoks“ wird in einer Veröffentlichung von einem früheren sowjetischen Wissenschaftler benutzt, der berichtet hat, nach einer neuen Klasse von Nervengiften zu forschen, die als binäre chemische Waffen angewendet werden könnten. Der wissenschaftliche Beirat möchte hiermit feststellen, dass er nicht über ausreichende Informationen verfügt, um sich über die Existenz oder die Eigenschaften von „Nowitschoks“ äußern zu können. (OPCW, 2013)

OPCW: Bericht des wissenschaftlichen Beirats über Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie für die dritte Berichtskonferenz, 27. März 2013

Die OPCW war in der Tat so skeptisch über die Existenz von „Nowitschoks“, dass sie beschloss, mit dem Einverständnis der USA und Großbritanniens, weder sie noch deren angebliche Vorläufer auf ihre Verbotsliste zu setzen. Kurzum, die breite Gemeinschaft der Wissenschaftler nahm an, dass Mirayanov zwar an „Nowitschoks“ arbeitete, zweifelte aber an seinem Erfolg.

Angesichts der Tatsache, dass die OPCW den Standpunkt eingenommen hatte, dass die Existenz von „Nowitschoks“ zweifelhaft sei, wäre es jetzt ungemein wichtig, dass Großbritannien der OPCW eine Probe davon zukommen lassen würde, wenn man denn eine solche überhaupt hat. Denn Großbritannien hat einen bindenden Vertrag mit der OPCW, dies zu tun. Russland seinerseits hat unbestätigten Meldungen (Anm. d. Red.: Die Anfrage ist mittlerweile bestätigt) zu Folge einen Antrag an die OPCW gerichtet, dass Großbritannien eine Probe des Materials aus Salisbury einreichen solle, damit sie international untersucht werden könne.

Aber Großbritannien weigert sich.

Warum?

Ein weiterer Teil der Anschuldigungen von May ist der, dass „Nowitschoks“ nur in bestimmten militärischen Einrichtungen hergestellt werden können. Aber das ist nachweislich nicht wahr. Wenn es die „Nowitschoks“ denn wirklich gibt, so wurden sie vorgeblich so gestaltet, dass sie mühelos in jeder chemischen Werkstatt hergestellt werden können – das war ein Hauptaspekt davon. Der einzige reelle Beweis für die Existenz von Nowitschoks war die Aussage des früheren sowjetischen Wissenschaftlers Mirzayanov. Und der schrieb:

Man sollte nicht vergessen, dass die chemischen Verbindungen der Vorläufer von A-232 oder ihre binäre Variante Nowitschok-5 gewöhnliche Organophosphate sind, die in gewerblichen chemischen Fabriken hergestellt werden können, die auch solche Produkte wie Dünger und Pestizide herstellen.

Vil S. Mirzayanov, „Enthüllungen über den sowjetisch/russischen Chemiewaffenkomplex: Die Sicht eines Insiders“, in Amy E. Smithson, Dr. Vil s. Mirzayanov, Gen Lajoie und Michael Krepon, Chemiewaffen Vernichtung in Russland: Probleme und Aussichten, Stimson Report N° 17, Oktober 1995, Seite 21

Es ist wissenschaftlich gesehen unmöglich für Porton Down, in der Lage gewesen zu sein, auf russisches Nowitschok zu schließen, wenn es niemals eine russische Probe davon besessen hat, um sie damit vergleichen zu können.

Sie mögen eine Probe gefunden haben, die identisch mit einer Formel von Mirzayanov ist, aber da dieser die Formel bereits vor zwanzig Jahren veröffentlicht hatte, ist das kein Beweis für ihre russische Herkunft. Wenn Porton Down sie synthetisch herstellen kann, so können das außer den Russen noch viele andere auch.

Und schlussendlich: Mirzayanov ist ein usbekischer Name und das Nowitschok-Programm, sollte es denn existiert haben, lief zwar in der Sowjetunion, aber weit entfernt vom heutigen Russland, in Nukus, im heutigen Usbekistan. Ich habe die Chemiewaffenfabrik in Nukus selber besucht. Sie war abgebaut und sicher, alle Vorräte waren zerstört und die Gerätschaft war, meiner Erinnerung nach in der Zeit, wo ich dort Botschafter war, von der amerikanischen Regierung beseitigt worden. Es gab in Wirklichkeit niemals einen Beweis für die Existenz von „Nowitschok“ im heutigen Russland.

Zusammenfassend:

  1. Porton Down hat in seinen Veröffentlichungen bestätigt, niemals irgendwelche russischen „Nowitschoks“ gesehen zu haben. Die britische Regierung hat keine Informationen, die einem „Fingerabdruck“ gleichkommen würden, wie z.B. Verunreinigungen, nach denen diese Substanz eindeutig Russland zugeordnet werden könnte.
  2. Bis heute waren weder Porton Down noch die weltweiten Experten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) von der Existenz von „Nowitschoks“ überzeugt.
  3. Das Vereinigte Königreich weigert sich, der OPCW eine Probe zur Verfügung zu stellen
  4. „Nowitschoks“ wurde hauptsächlich entwickelt, um auf Basis von herkömmlichen Bestandteilen in jedem wissenschaftlichen Labor hergestellt werden zu können. Die Amerikaner haben die Einrichtung, die sie angeblich entwickelt hat, studiert und abgerissen. Es entspricht nicht der Wahrheit, dass nur die Russen sie hergestellt haben könnten, wenn jeder das konnte.
  5. Das „Nowitschok“-Programm war in Usbekistan angesiedelt und nicht in Russland. Sein Vermächtnis wurde nicht an die Russen, sondern an die Amerikaner zu Zeiten ihrer Allianz mit Karimov weitervererbt.

Mit großem Dank an die Quellen, die zu diesem Zeitpunkt hier noch nicht genannt werden können.


Craig Murray ist ehemaliger Karrierediplomat im britischen Außenministerium. Seinen letzten Posten als Botschafter in Usbekistan musste Murray 2004 räumen, nachdem er sich kritisch zu den Menschenrechtsverletzungen des im Westen sehr beliebten usbekischen Diktators Karimov geäußert hatte. Seitdem bloggt Murray auf craigmurray.org.uk.

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Aberglaube oder doch lieber Jubiläum?

Dienstag, 13.03.2018, 17:12:24 :: Galanado

Für Griechen ist ein Dienstag, der 13. – wie heute – angeblich was vom Schlimmsten, was passieren kann. Und heute ist ein solcher »Triti, dekatris!« – Grund, mal etwas tiefer in der Kalender zu schauen.

Zurück geht das auf die Eroberung Konstantinopels, wie Wikipedia erklärt.

Insbesondere im griechischen Raum bezeichnet „Schwarzer Dienstag“ den 29. Mai 1453 – einen Dienstag, an dem Konstantinopel, die Hauptstadt des byzantinischen Reiches, von den osmanischen Truppen erobert wurde, womit das byzantinische Reich nach über eintausendjähriger Geschichte unterging und die jahrhundertelange Periode der türkischen Fremdherrschaft in Griechenland und auf dem Balkan anbrach. Seitdem gilt der Dienstag in Griechenland bis heute als Unglückstag.

Wikipedia: Schwarzer Dienstag

Damit ist für mich der heutige »Triti, dekatris!« zwar nicht so richtig verständlich erklärt aber wie ich sehe, ist der 13. April 2018 ein Freitag der Dreizehnte. Und an diesem Tag wird dieser Blog Von Mir Nix & Dir Nix dreizehn Jahre alt.

Zufälle gibt’s. Und ich werde hoffentlich unterwegs das dreizehnte Jubiläum feiern. Und das hat wieder Sinn.

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* Rund Europa 2018: Erste Etappe Anfang April

Stand: Samstag, 10.03.2018, 16:11:49 :: Galanado

In wenigen Wochen starten wir Teil 1 unserer diesjährigen Europatour: Die Fahrt von Naxos nach Deutschland. Es ist auf den ersten Blick eine Reise, wir wir sie in den letzten (mehr als zehn!) Jahren schon wiederholt gemacht haben. Also nicht Neues? Bei der Durchsicht alter Fotografien und der teilweise vorhandenen Berichte finden sich vieles, was bereits vergessen war.

Weiter …

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China und Russland rüsten auf?

Samstag, 17.02.2018, 13:50:21 :: Galanado

Die rücksichtslose Nachlässigkeit und/oder Verlogenheit weiter Teile der Presse lässt einen immer wieder verständnislos den Kopf schütteln; ausser man unterstellt Absicht. Dann wird meist vieles klarer.

Wiedergabe eines Artikels aus den Nachdenkseiten von Jens Berger.

China und Russland rüsten auf?

Jens Berger

Veröffentlicht in: Aufrüstung, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Lobbyorganisationen und interessengebundene Wissenschaft, Medienkritik

Eine Meldung des Londoner Think Tanks IISS landete in dieser Woche prominent auf der Startseite fast aller großen Nachrichtenportale. Das ist kein Wunder, passt der Inhalt der DPA-Meldung doch ganz ins transatlantische Weltbild. Glaubt man der IISS-Meldung, sind es Russland und China, die „kräftig aufrüsten“ und nun die USA „herausfordern“. Beide Aussagen lassen sich jedoch nicht durch die unabhängigen Daten des für solche Fragen maßgeblichen Stockholmer Forschungsinstituts SIPRI belegen. Im Gegenteil. Die Rüstungsausgaben Chinas sind, gemessen an der Wirtschaftskraft des Landes, seit Jahrzehnten konstant und Russlands Militärbudget ist in absoluten Zahlen seit einigen Jahren rückläufig. Wie kommt das IISS auf diese Falschmeldung und warum drucken fast alle großen Medien dies offenbar ungeprüft ab? Von Jens Berger.

Nach wie vor lässt sich die Welt beim Thema Rüstungsausgaben in zwei fast gleichgroße Blöcke aufteilen – der Rest der Welt und die NATO, angeführt durch die USA, die alleine für mehr als ein Drittel der weltweiten Rüstungsausgaben stehen. Die EU28 geben übrigens rund 252 Mrd. US$ pro Jahr für Rüstung aus und damit weniger als die USA mit ihren 611 Mrd. US$. Genau daran wollen die USA ja mit ihrer unsinnigen und willkürlichen Zwei-Prozent-Grenze etwas ändern. Die USA selbst geben momentan 3,3% ihrer Wirtschaftskraft – gemessen am BIP – für Rüstung aus, Deutschland liegt bei 1,2% und müsste demnach seine Rüstungsausgaben fast verdoppeln, um den Wünschen der USA zu entsprechen.

Und wie sieht es international aus? Die erste Überraschung ist, dass Chinas Rüstungsausgaben konstant sind, wenn man die Wirtschaftskraft als Maßstab nimmt. Seit Beginn der 90-er schwanken die Rüstungsausgaben in einem sehr engen Korridor zwischen 1,9% und 2,3% des BIP. Das US-Budget lag wohlgemerkt in fast allen Jahren in diesem Zeitraum mehr als doppelt so hoch. Nicht nur absolut, sondern auch relativ dominieren die USA die Aufrüstung. Da Chinas Wirtschaft wächst, steigen die chinesischen Rüstungsausgaben freilich in absoluten Zahlen; aber auf einem Niveau, das immer noch weit, weit unter dem US- bzw. NATO-Budget liegt.

Bei den relativen Militärausgaben nimmt übrigens auch Russland einen vergleichsweise hohen Rang ein und spielt hier mit den USA in einer Liga. Rüstungsprimus Saudi-Arabien liegt übrigens mit seinen 64 Mrd. US$ Ausgaben nur noch ganz knapp hinter Russland mit seinen 69 Mrd. US$ – Saudi-Arabien ist jedoch auch nur ein karger Wüstenstaat mit 32 Mio. Einwohnern, während Russland das größte Land der Welt ist und 147 Mio. Einwohner hat. Bei den absoluten Zahlen sieht die Sache auch im Vergleich mit den USA deutlich anders aus: Russlands Militärausgaben liegen hier bei lediglich 7,8% der Ausgaben der NATO-Staaten. 69,2 Mrd. US$ aus Moskau stehen 886,2 Mrd. US$ aus der NATO gegenüber. Selbst zusammen mit China kommt Russland auf weniger als ein Drittel der NATO-Rüstungsausgaben.

Wie man bei diesen Zahlen von einer „Herausforderung“ sprechen kann, ist in der Tat ein Rätsel. Und wie man diese nicht sonderlich dynamischen Werte als „kräftige Aufrüstung“ uminterpretieren kann, erscheint ebenfalls fraglich. Wer ist eigentlich dieses IISS, auf das sich die DPA da beruft?

Hier gibt ein erster Blick in die Finanzdaten Aufklärung. Maßgeblich finanziert wird das International Institut for Strategic Studies vom Königshaus des Golfemirats Bahrain, das auch andere transatlantische Think Tanks großzügig finanziert. Neben der klassischen Öffentlichkeitsarbeit im transatlantischen Sinne ist das IISS vor allem für die von ihm organisierten Treffen bekannt. Darunter der „Manama Dialogue“ in Bahrain, an dem im letzten Jahr neben dem bahrainischen Herrscher unter anderem Ursula von der Leyen, General Petraeus und Hillary Clinton teilnahmen und der „Shangri-La-Dialogue“ in Singapur. Beide Veranstaltungen wirken wie die Mischung aus regionalen Variationen der Münchner Sicherheitskonferenz im mittleren und fernen Osten und einer Messe für die Rüstungsindustrie der USA und Großbritanniens. Da ist es natürlich im Sinne der Veranstalter, die Bedrohung durch China, Russland und Iran an die Wand zu malen. Glaubwürdig und seriös ist das alles freilich nicht. Fun Fact: Think-Tank-Tausendsassa Josef Joffe war ebenfalls beim IISS involviert.

Umso unerklärlicher ist es, dass die DPA solche PR-Meldungen Eins zu Eins übernimmt und fast alle selbsternannten Qualitätsmedien diese Meldungen dann ebenfalls Eins zu Eins wiedergeben. Kritik an der Quelle wird dabei nicht geäußert. SPON nennt das IISS beispielsweise die „- neben dem Stockholmer SIPRI-Institut – weltweit führende Einrichtung bei der Beurteilung internationaler Konflikte“ und lässt vollkommen unerwähnt, dass das SIPRI in der Tat ein angesehenes Friedensforschungsinstitut ist, während das IISS ein interessengesteuertes transatlantisches Think Tank ist.

Quellenkritik ist auch bei der FAZ, der ZEIT, dem Handelsblatt, der Frankfurter Rundschau, dem Focus und ZDF Heute unerwünscht.

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Robert Pfaller: Die totale Manipulation

Sonntag, 11.02.2018, 22:09:20 :: Galanado

Quelle: Rubikon

Die totale Manipulation

Robert Pfaller konfrontiert das Programm der Political Correctness mit der globalen Realität. Exklusivabdruck aus „Erwachsenensprache“.

von Robert Pfaller

Wie kann es sein, dass volljährige Fluggäste im Bordkino vor Erwachsenensprache gewarnt werden, während am Boden Krieg, Armut und Ausbeutung mit zunehmender Brutalität um sich greifen? Wir kultivieren Empfindlichkeiten, wetteifern in subtilen Sprachregelungen und nehmen zugleich unvorstellbare Verrohungen im Weltmaßstab als scheinbar alternativlos hin. Robert Pfaller nimmt diesen Widerspruch in seinem Buch zum Anlass mit dem Neoliberalismus und unseren moralischen Ersatzhandlungen abzurechnen. Die Lektüre von „Erwachsensprache“ weitet den Blick und befreit das politische Sprechen.

Vorsicht, Erwachsene!

Vor kurzem fliege ich von Amsterdam aus in die USA. Die Maschine gehört einer europäischen Fluglinie, und sie befindet sich noch über europäischem Boden, als ich mir in der Videothek Michael Hanekes Film „Amour“ ansehen möchte – jenen 2012 mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten Film, worin Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant alternde Eheleute und deren Leiden nach einem Schlaganfall der Frau darstellen. Bevor der Film beginnt, erhalte ich aber noch eine Warnung: Es werde in diesem Film „adult language“ vorkommen, also Erwachsenensprache, die möglicherweise meine Gefühle verletzt. Ich staune.

Denn zunächst ist „Amour“ ja alles andere als ein pornographischer oder auch nur betont sexueller Film. Es geht um die verzweifelte, aufopferungsvolle Liebe zwischen alten Leuten. Und da werde ich schon gewarnt? Welche Art von Filmen könnte ich mir ansehen, ohne solche Warnungen zu bekommen? Außerdem handelt es sich um ein Kunstwerk, einen Autorenfilm klassischen Zuschnitts, wie nicht mehr allzu viele produziert werden, für ein wohl schmaler werdendes Publikum. Wer „Amour“ ansieht, dürfte darum in der Regel wissen, was ihn erwartet. Wer es aber nicht weiß und vielleicht irrtümlich einen Abenteuerfilm mit amourösen Verwicklungen, eine frivole Burleske oder einen Porno erwartet – muss der wirklich gewarnt werden?

Mein Befremden rührt, wie ich mir nun sage, daher, dass ich eine Grenze zwischen Kulturen überschreite: ich bin schließlich dabei, von der etwas robusteren, europäischen in die bekanntermaßen zarter besaitete US-amerikanische Kultur überzuwechseln. Und offenbar hat die europäische Fluglinie – in einer Art von Antizipation oder von vorauseilendem Gehorsam, oder um sich gerichtliche Klagen amerikanischer Passagiere auf amerikanischem Boden zu ersparen – sogar schon innerhalb Europas die US-amerikanischen Standards übernommen. Das ärgert mich ein bisschen: habe ich denn als Europäer in Europa keinen Anspruch auf die mir vertrauten und von mir verteidigten kulturellen Bedingungen und Spielregeln? Muss ich mich hier den puritanischsten US-Amerikanern anpassen?

Andererseits, sage ich mir, überquere ich vielleicht weniger eine Kultur- als eine Zeitgrenze. Was die US-Amerikaner heute schon praktizieren und was uns heute noch seltsam vorkommt, wird schließlich – so wie zum Beispiel die Rauchverbote, die verstärkte Aufmerksamkeit für Hautfarben und die diversen kleinlichen Sprachregelungen – vielleicht morgen schon auch bei uns allgemeiner Standard sein. Dann allerdings empört mich die Sache noch mehr. Meinetwegen sollen die US-Amerikaner, oder wenigstens die stimmungsbildenden Mehrheiten dort, sich in ihren Eigentümlichkeiten ergehen, soviel sie wollen. Aber sie sollen sie bitte nicht auch noch uns aufnötigen. (Freilich muss ich mir sagen, dass auch es auch in Europa Leute gibt, die auf genau so etwas hinarbeiten.)

Aber was ist es, das mir hier so sehr missfällt? Bekomme ich nicht des öfteren Warnungen, die ich nicht unbedingt brauche? Was ist das Besondere an diesem Typ von Warnung? – Nun, zunächst bemerke ich, dass ich ja als Erwachsener vor Erwachsenensprache gewarnt werde. Man erklärt nicht einfach, dass dieser Film erst für Menschen über 18 geeignet ist. (Und ohnehin ist „Amour“ wohl kaum ein Film, den sich Teenager gerne ansehen möchten.) Es wird also mit Selbstverständlichkeit davon ausgegangen, dass nicht alle Erwachsenen in der Lage sind, sich erwachsen zu verhalten und einen Film, dessen Sprache ihnen nicht gefällt, kritisch zu betrachten oder aber sein Abspielen auf ihrem Monitor zu unterlassen. Das scheint mir das Neue und Auffällige an diesem Phänomen, diesem Symptom der aktuellen Kultur, zu sein: die als evident vorausgesetzte Annahme, dass es Erwachsenen nicht zumutbar sei, sich als Erwachsene zu verhalten; dass die Belastbarkeit, die Erwachsenen eignet, nicht von jedem Erwachsenen mehr verlangt werden dürfe.

Nun gut, denke ich mir. Ich bin ja zum Glück belastbar, und hier wird eben einmal für die anderen, die es nicht im selben Maß sind, etwas unternommen. Warum aber regt mich das so sehr auf? – Ich sage mir: meine Wut rührt daher, dass mir dieses Zartgefühl von oben nach unten (denn es sind ja die Autoritäten, die hier zartfühlend auf die Untergebenen einzugehen scheinen) infam vorkommt. Und warum infam? – Nun, weil es in einem auffälligen Gegensatz zu dem steht, was sonst gerade, oder sagen wir, seit gut zwei bis drei Jahrzehnten in dieser Kultur – der Kultur der privilegierten westlichen, kapitalistischen Länder – passiert: der eklatanten Brutalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse. Hier nehmen scheinbar Leute auf Leute Rücksicht, auf die sie im übrigen nicht die geringste Rücksicht nehmen. Und vielleicht hilft ihnen das Erstere ja auch noch beim Zweiteren.

Ich halte mir dazu kurz vor Augen, was eigentlich jeder weiß – aber was man sich vielleicht nicht immer in seiner Gesamtheit, als Panorama vor Augen hält: Neoliberale Austeritätspolitik hat in den letzten Jahren nicht nur reiche westliche Staaten in den Ruin getrieben und alleine in Europa Millionen von Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut gestürzt. Sie hat auch vieles, was bislang an zivilisatorischen Standards, Formen erfüllender Arbeit und guten Lebens selbstverständlich war und zum Gemeineigentum zählte, zerstört: Plötzlich fuhren Eisenbahnen in die Irre, Pensionsvorsorge geriet zum Spekulationsgegenstand, Gesundheit und Bildung verfielen einem irrationalen Ökonomisierungsdruck, Arbeiten verwandelte sich zum bullshit-job, Produkte zerfielen vorzeitig dank geplanter Obsoleszenz oder entzogen sich in die Undurchschaubarkeit ihrer ständig wechselnden Benutzeroberflächen, Bürgerrechte fielen umstandslos der Überwachung durch die Geheimdienste (mitunter sogar durch fremde Geheimdienste) zum Opfer, menschliche Grundrechte (wie zum Beispiel die Versorgung mit Trinkwasser) wurden verhandelbar, demokratische Selbstbestimmung opferte man für Freihandelsverträge, und Universitäten wurden zu stressigen, überregulierten Lernanstalten für Menschen, die nur noch tun durften, was man ihnen vorschrieb – und was anhand von Punkten, Zertifikaten und Kennzahlen bürokratisch darstellbar war.

Unter der Führung der USA war diese Politik zugleich extrem aggressiv: der Reihe nach haben die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre diversen Verbündeten innerhalb und außerhalb der NATO bezeichnenderweise gerade vergleichsweise säkulare arabische Staaten wie Irak, Libyen und Syrien im Namen von „humanitarian warfare“ und mit dem Ziel des „regime change“ militärisch angegriffen. Allein die Zahl der Kriegsschauplätze, auf denen die deutsche Bundeswehr gegenwärtig Kampfeinsätze tätigt, mag hier erstaunen – insbesondere angesichts des deutschen Grundgesetzes. Diese Kriegshandlungen, meist anfänglich mit dem Vorwand, an diesen Orten Demokratie zu installieren, gerechtfertigt, hinterließen freilich regelmäßig alles andere als demokratische Verhältnisse. Stattdessen entstanden an den Orten der westlichen „demokratischen“ Interventionen nichts als „failed states“ mit permanentem Bürgerkrieg. Darin zeichnet sich ein neues Muster von Kolonialismus nach dem Ende des kalten Krieges ab: Während im kalten Krieg die beiden großen Machtblöcke NATO und Warschauer Pakt noch vorwiegend daran interessiert schienen, in den ausgebeuteten Regionen der Welt wenigstens halbwegs funktionierende, wenn auch meist diktatorische verbündete Vasallenstaaten zu errichten, produziert der nunmehr weitgehend allein herrschende „freie“ Westen, wo er kann, nur noch Zonen ohne jegliche funktionierende Staatlichkeit: denn so können private westliche Firmen mit diversen lokalen Gangsterbanden offenbar umso besser lukrative Rohstoffgeschäfte tätigen. Man kann dies gegenüber dem klassischen Kolonialismus als eine sarkastische Form von „Postkolonialismus“ betrachten.

Schließlich kann man dieses Bild noch ergänzen durch einen Blick darauf, wie das reichste und mächtigste Land der Welt mit seinen eigenen Bürgern umgeht. Mochten die USA kurz nach dem zweiten Weltkrieg noch als Hoffnungsträger einer Konsumgesellschaft erscheinen, die Wohlstand für alle oder wenigstens viele, und dies in einer baldigen Zukunft auch für Menschen anderer Länder zu versprechen schien, so scheint auch dieses Versprechen kurz nach dem Ende des kalten Krieges entbehrlich geworden zu sein. 2015 lebten 43,1 Millionen Amerikaner unter der Armutsgrenze – das ist ein Satz von 13,5 Prozent. Dazu weist dieses Land – knapp hinter den Seychellen – auch die höchste Rate von Inhaftierungen auf: Auf 100.000 US-Bürger kommen rund 700, die einen Gefängnisaufenthalt verbringen müssen – das ergibt aktuell eine Gesamtzahl von mehr als 2 Millionen Menschen. Der Anfang 2017 aus dem Amt geschiedene Präsident Barack Obama hat diese Zustände in einem programmatischen rechtswissenschaftlichen Aufsatz treffend wie folgt kommentiert:

„Wir können es uns nicht leisten, 80 Milliarden Dollar jährlich für Inhaftierungen auszugeben; 70 Millionen Amerikaner, das ist nahezu ein Drittel aller Erwachsenen, mit irgendeiner Art von krimineller Vormerkung abzuschreiben; 600.000 Häftlinge jährlich zu entlassen ohne ein besseres Programm zu ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft; oder die Humanität jener 2,2 Millionen Menschen zu ignorieren, die sich gegenwärtig in US-Gefängnissen befinden, sowie jener 11 Millionen Männer und Frauen, die jedes Jahr in die US-Gefängnisse kommen oder daraus entlassen werden. Außerdem können wir das Erbe des Rassismus nicht verleugnen, das weiterhin Ungleichheit in die Wahrnehmung des Justizsystems durch viele Amerikaner bringt.“

Der letzte, betont vorsichtig formulierte Satz verweist nicht allein auf den hohen Anteil von Schwarzen in US-Gefängnissen. Auch der Umstand, dass in den letzten Jahren auffallend viele unbewaffnete Schwarze bei Polizeikontrollen ums Leben kamen, mag darin anklingen.
(Angesichts solcher Zustände wird übrigens wohl deutlich, wie fremd und lächerlich den Betroffenen ausgerechnet die Sorge um ihre angemessene Bezeichnung erscheinen muss – und dass diese Sorge folglich nicht die ihre ist. Die Bemühungen um das saubere Bezeichnen kommen nicht von den bezeichneten Gruppen, denn die haben ganz andere Sorgen – und fühlen sich durch diese Sorge allenfalls bevormundet. ) Freilich stehen die reichsten europäischen Länder in manchen solcher Statistiken der Schande nicht weit hinter ihrem großen Vorbild zurück. Dass in Deutschland, dem reichsten Land der europäischen Union, 15 Prozent der Bevölkerung in Armut leben, und damit jedes fünfte Kind, wirft ein ähnlich bezeichnendes Licht auf die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

So lassen sich, in aller Kürze und Grobschlächtigkeit, die – ihrerseits groben – Entwicklungen der westlichen sowie der westlich dominierten Welt zusammenfassen, die seit dem Ende des kalten Krieges möglich und wirklich geworden sind. Ohne Resignation, aber in aller gebotenen Schonungslosigkeit müssen wir uns heute die Wirkungen des sogenannten Neoliberalismus vor Augen halten: Nicht nur haben die führenden Mächte der westlichen, kapitalistischen Welt den Anspruch aufgegeben, andere Länder unter ihrer Hegemonie, wenn auch vielleicht mit Verzögerung, in den Wohlstand zu führen. Sie haben sogar im jeweils eigenen Land das Versprechen preisgegeben, mithilfe eines „Fahrstuhleffekts“ im Zug wachsenden Wohlstands auch die ärmeren Klassen mit nach oben zu ziehen. Die „Kurve“ des Ökonomen Simon Kuznets hatte dies in der Zeit des kalten Krieges hoffnungsvoll prophezeit: „Growth is a rising tide that lifts all boats“. Dies schien sich anfänglich zu bewahrheiten. Tatsächlich führte in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg der wirtschaftliche Aufschwung der kapitalistischen Länder zu einer beträchtlichen Reduzierung gesellschaftlicher Ungleichheit, so dass das oberste, reichste Zehntel der Bevölkerung schließlich nicht mehr als 30 bis 35% des nationalen Einkommens bezog. Seit den 1970er Jahren jedoch geht diese Schere wieder auseinander.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts hat die gesellschaftliche Ungleichheit wieder die Ausmaße angenommen, die sie in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgewiesen hatte. Das oberste Zehntel verdient jetzt wieder 45-50% des nationalen Gesamteinkommens. Aufgrund von Deindustrialisierung und Kürzung von Sozialleistungen finden Arbeitslose und prekär Beschäftigte nicht mehr aus der Armutsspirale heraus. Und selbst wenn die Wirtschaft wächst, produziert sie keine zusätzlichen Arbeitsplätze mehr. Die sogenannte Globalisierung nützt, entgegen den anfänglich geweckten Hoffnungen, wie immer offensichtlicher wird, nur den privilegierteren Teilen der privilegierten Gesellschaften. Nach dem im Jänner 2017 veröffentlichten Bericht der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam besitzen nun 8 Reiche genau so viel wie die ärmsten 50 Prozent der Menschen. Ihr Anteil am globalen Vermögen beträgt 0,2 Prozent. Und das reichste Prozent der Weltbevölkerung verfügt über 50,8 Prozent des weltweiten Vermögens – es besitzt mithin mehr als die restlichen 99 Prozent der Menschen.

Die Weltgesellschaft spaltet sich, wie Alain Badiou (übrigens noch anhand etwas älterer, geringfügig optimistischerer Zahlen) anschaulich zusammenfasst, nun grob in drei Teile:

Die reichsten 10 Prozent besitzen 86 Prozent der verfügbaren Ressourcen. Die globale Mittelschicht, 40 Prozent der Menschen, fast ausschließlich in westlichen Ländern beheimatet, besitzt 14 Prozent; die übrigen 50 Prozent besitzen so gut wie nichts.

Quelle: Die totale Manipulation

Robert Pfaller, Jahrgang 1962, studierte Philosophie in Wien und Berlin und ist nach Gastprofessuren in Chicago, Berlin, Zürich und Straßburg Professor für Kulturwissenschaften und Kulturtheorie an der Kunstuniversität Linz. Von 2009 bis 2014 war er Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst Wien. Weitere Informationen unter www.robert-pfaller.com.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert.

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Ein Regierungspräsident i. R. versucht den Ruf unseres Landes zu heilen – mit einem sehr guten Brief nach Wolgograd

Mittwoch, 07.02.2018, 23:40:24 :: Galanado

Aus den Nachdenkseiten vom Mittwoch, 07.02.2018

Die meisten NachDenkSeiten-Leserinnen und Leser werden davon unterrichtet sein, dass unsere amtierende Regierung und der Bundespräsident ausgesprochen schäbig mit dem Gedenken an das Ende der Schlacht um Stalingrad und die vielen Opfern, Russen wie Deutsche und Menschen aus anderen Völkern umgegangen sind. Zum 75. Jahrestag am 2. Februar ist kein offizieller deutscher Vertreter in Wolgograd erschienen. Erstaunlich viele deutsche Medien haben sich über die Gedenkfeiern in Russland eher mit Spott als mit Sympathie und Trauer hergemacht. Der frühere Regierungspräsident von Braunschweig Karl-Wilhelm Lange, lange auch Präsident des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge, hat an die ihm aus der Zusammenarbeit bekannte Museumsdirektorin Valentina Sorokoletova einen Brief geschrieben, den zu lesen und zu verbreiten wirklich lohnt. Albrecht Müller.

Karl-Wilhelm Lange
Beethovenstraße 25
34346 Hann. Münden

3. Februar 2018

Regierungspräsident i.R.

Wolga-Don-Kanal-Museum
Frau Museumsdirektorin
Valentina Sorokoletova

Volgograd. Russia 400082

Liebe Valentina,

heute vor 75 Jahren kapitulierten die Reste der 6. Armee unter General Paulus in Stalingrad nach monatelangen schweren Kämpfen, bei denen auf beiden Seiten fast 500.000 Soldaten, Zivilisten – auch viele Kinder unter ihnen – ihr Leben verloren. Ich wäre heute gern bei Euch, unter den Zehntausenden gewesen, die sich zum Trauern und Gedenken in Wolgograd versammelt haben. Denn ich weiß um die Gefühle der Veteranen und Veteraninnen, die an diesem Tage nicht nur einen Sieg über die deutschen Aggressoren feiern, sondern sich auch an das Leiden, an das Sterben und den Tod erinnern, der keinen Unterschied machte zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen Frauen und Kindern und auch nicht zwischen Russen und Deutschen.

Du hast zahlreiche Briefe der jungen deutschen Soldaten aus dem Wolgograder Militärmuseum veröffentlicht, die ihren sicheren Tod vor Augen einen letzten Gruß an ihre Mutter richteten, Briefe die die Heimat nicht mehr erreichten. Ihre Abschiedsworte klingen in ihrer Trauer, ihrem Mut und in ihrem Trost für ihre Mütter nicht anders als die Briefe ihrer russischen Kameraden, die ebenso unschuldig in diese Kämpfe gezogen waren und ihr Leben opferten, weil der militärische Befehl ihnen keine andere Wahl ließ.

Und ich erinnere mich an die vielen Gespräche mit russischen Generälen, Offizieren und einfachen Soldaten, die ihren deutschen Gegnern mit Respekt begegneten und ihnen die Hand zur Versöhnung reichten, weil sie sehr wohl zu unterscheiden wussten zwischen der faschistischen Führung unter Adolf Hitler und seiner Aggression gegen die Sowjetunion und den deutschen Soldaten und dem deutschen Volk.

Ich fühle mich an diesem Tag in tiefer Trauer Dir, den Wolgogradern und den Veteranen verbunden, erinnere mich an unsere Zusammenarbeit beim Bau der Soldatenfriedhöfe in Wolgograd/Rossoschka und bin dankbar für die Brücken der Versöhnung, die wir hier für unsere beiden Völker geschaffen haben, Brücken auf denen wir uns – Alte und Junge – begegnen konnten, uns umarmten und gelobten, dass Nichts und Niemand uns jemals wieder von diesem Weg der Versöhnung, des Friedens und der Zusammenarbeit würde abbringen können.

Die Ansprache von Präsident Putin im Jahre 2001 vor dem deutschen Bundestag, dessen Mitglieder ihm für diese große Rede zu den deutsch-russischen Beziehungen im gerade begonnenen 21. Jahrhundert stehend dankten, bildete den symbolischen Eckstein dieser neuen Friedensordnung zwischen unseren Völkern und für Europa. Für uns schien sich damals ein Traum zu erfüllen.

Doch heute, am 75.Jahrestag der Schlacht von Stalingrad stehen wir vor den Trümmern dieses allzu kurzen Traums, mitten in einem neuen kalten Krieg, der allein den Interessen der USA/NATO dient und die Kräfte der Versöhnung, des Friedens und der Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland durch Hochrüstung, durch Manöver an der Grenze zu Russland sowie durch wirtschaftliche Sanktionen zu zerstören versucht.

Trotz alledem, liebe Valentina, wollen wir nicht verzweifeln, sondern an unserem Traum festhalten und mit allen Kräften dafür arbeiten, dass die Kräfte des Friedens und der Versöhnung den Sieg erringen werden über diese aus den Tiefen der Hölle wieder hervorgestiegenen Gespenstern der Vergangenheit. Zu dieser beharrlichen Arbeit verpflichten uns die Erinnerung an die Schlacht und die Soldatenfriedhöfe in Stalingrad, das Gedenken an die Millionen Opfer des Großen Vaterländischen Krieges und unsere Verantwortung für die jungen Menschen in unseren Völkern, die unser politisches Wirken zu Recht eines Tages vor Allem daran messen werden.

In Freundschaft und Verbundenheit sowie mit herzlichen Grüßen an alle Freunde in Wolgograd

Dein Karl-Wilhelm

Quelle: Nachdenkseiten – http://www.nachdenkseiten.de/?p=42290

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Pírgos Bellonia und die Kirche Agios Ioannis

Sonntag, 07.01.2018, 23:03:37 :: Galanado

Hier auf Naxos ist der Frühling ausgebrochen. Es ist grün, mild, sonnig. Es blüht. Und die Feste jagen sich. Heute zum Beispiel ist Namenstag einer Kirche oberhalb von Galanado, auf die wir seit drei Jahrzehnten neugierig waren: Die Doppelkirche beim Pírgos Bellonia.

Ein Pírgos ist ein venezianischer Wohnturm. Von diesen gibt es auf Naxos viele, allerdings in unterschiedlichem baulichen Zustand. Die Ägäischen Inseln mit Hauptsitz Naxos waren über 300 Jahre Venezianisches Herzogtum. Und noch ein paar Wort zu den Festen zum Namenstag des Namensgebers der Kirchen. Sie beginnen stets mit der Liturgie, der mehr oder weniger andächtig gelauscht wird. Da bei den kleinen Kirchen nicht alle im Kirchenraum Platz finden, stehen die meisten draussen und unterhalten sich. Zuweilen tauschen sie die Plätze ausserhalb mit einem in der Kirche. Und die Kinder tollen vorzugsweise draussen herum, immer wieder liebevoll von Eltern oder Grosseltern ermahnt …

Mit dem nahende Ende der Liturgie beginnen insbesondere die Frauen mit dem Auspacken des mitgebrachten Essens, denn hernach wird es gemütlich: Es gibt deftige Fleischteile, Käse, Wein und was so gebacken wurde. Derweil rennen immer mehr Kinder mit einem grossen Stück des mittlerweile geweihten Weissbrots herum, das nach einer kleinen Weile alle in Händen halten. Mit Ende der Liturgie strömen alle zum Essen, dem sich auch der Pfarrer anschliesst, nachdem er ein paar Worte mit mir gewechselt, einige Fotos mit seinem Handy gemacht hat – er kennt wohl mich aber diese Kirche offensichtlich auch nicht – und ein wichtiges Telefonat geführt hat.

Aber zurück zum Pírgos und der Kirche selbst. Das Ensemble besteht aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen. Die Kirche Agios Ioannis stammt aus dem 13. Jahrhundert, der Pírgos wurde um 1600 daneben errichtet. Das jedenfalls berichtet uns Naxos.net als eine der kargen Quellen. Beide liegen heute in einem grossen Garten rund um Pírgos und Kapelle an der schon lange asphaltierten Strasse nach Tripodes.

Das Ganze sah 1984 so aus …

… und wurde im Reiseführer von Christian Ucke von 1984 so beschrieben:

Soweit ich mich erinnern kann, wurde der Pírgos Bellonia in den Neunzigerjahren renoviert und erhielt so seine heutige Gestalt.

Auch die Doppelkirche Agios Ioannis wurde instand gesetzt. Da sie heute Namenstag hat, haben wir Gelegenheit, Blicke in den Wohnturm und die Kirche zu werfen. Normalerweise sind wir auf den Festen zum Namenstag der Kirchen von Galanado (es sind mehr als zehn!) immer dabei, wenn wir es rechtzeitig von Popi, unserer Vermieterin, erfahren. Bei dieser nun war es heute das erste mal.

Mit den Doppelkirchen, deren es in der Ägäis, so auf Naxos – auch oben im Kastro – viele gibt, hat es eine einfache Bewandtnis: Die Venezianer brachten den römischen Katholizismus auf die orthodox geprägte Insel. Wenn ein Venezianer sich eine Naxiotin zum Weibe nahm, so beteten sie beide zwar in derselben Kirche aber er im linken Kirchenschiff und sie im rechten.

Die Orthodoxie hat aber in der Agios Ioannis heute eindeutig die Oberhand.


Die linke Seite katholisch, rechtes orthodox


Blumenumkränzt und mit seinem eigenen Kopf auf dem Teller: Johannes der Täufer

Der Innenraum ist weiss gestrichen, auch die einzige tragende Säule zwischen den Schiffen. Dadurch hat sie die Produktion von Stalaktiten und Stalagmiten einstellen müssen, ebenso kam die Tropfsteinbildung an den undichten Stellen an der Decke und an den Fenstern solcherart zum Stehen.

Aussen finden wir die Insignien der Crispis und den offenbar neu eingesetzten venezianischen Löwen; dazu gleich mehr.

So. Und jetzt wird es kompliziert. Ich werde mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass man die Platte mit dem Löwen hier irgendwo im Garten gefunden hätte und dass sie erst vor kurzem von kundiger Hand hier in die Wand eingesetzt wurde. Wer nun den Löwen hier mit dem in Uckes Beschreibung oben vergleicht, stellt fest, dass letzter seitenverkehrt ist. Das wäre noch verzeihlich. Aber Uckes Beschreibung stammt aus dem Jahre 1984. Wie also nun? Vielleicht kläre ich das irgendwann, jetzt bleibt offen, welche Bewandtnis es mit dem venezianischen Wappentier hat.

Ioannis wer?

Johannes, der Vorläufer und Täufer

Diese Frage ist bei Ioannis, zu Deutsch natürlich Johannes, immer zu stellen, denn es gibt mehrere. In diesem Fall handelt es sich um Johannes den Täufer, nicht um den Theologen beziehungsweise Jünger und Namensgeber des namensgleichen Teils im Neuen Testament. Der hat auf Naxos natürlich auch seine Heimatkirchen, zum Beispiel diese:


Das Kirchlein hat einen Anbau, der als Ölmühle diente


Der Innenraum trägt noch die alten Fresken

Sie steht in einem Olivenhain nördlich von Filoti. Aber ich schweife ab. Das geht fast immer so: Sobald man die erste Frage stellt, kommen immer neue hinzu. Kehren wir also zurück zu unserer Täuferkirche und dem Pírgos Bellonia.

Ein Blick in den Wohnturm …


Zum Obergeschoss geht es durch eine Falltüre


Im Wohnraum findet sich eine Sammlung schöner Keramik

… und in die Umgebung


Der Garten


Unterhalb des Gartens liegen Terrassen


Im Hintergrund immer die Insel Paros

Links:

  • Ορεινός Αξώτης liefert in einem Beitrag vom Juni 2017 weitere Erklärungen in Griechisch sowie einige interessante Bilder.
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6. Januar: Epiphanias

Samstag, 06.01.2018, 23:59:39 :: Galanado
Donnerstag, 11.01.2018, 21:32:12 :: Galanado

Den 6. Januar kennen wir in Deutschland vorzugsweise als »Dreikönig«, nicht nur wegen des traditionellen Dreikönigstreffens der FDP im Grossen Haus in Stuttgart. Aber die Sternsinger oder die eigentliche Bescherung der Kinder an diesem Tag wie in Spanien findet man hier nicht.

Die Griechische Orthodoxie feiert hingegen Epiphanias, die »Erscheinung des Herrn«. Dabei hat der Herr seit der hellenistischen Zeit in Ägypten, also Jahrhunderte vor Christi Geburt, bis ins vierte Jahrhundert ständig gewechselt: Vom Ägyptischen Sonnengott Aion über die Römischen Kaiser bis eben zu Jesus von Nazareth, den die (letztlich doch weltlichen) Herrscher in den christlichen Kirchen als den letztgültigen Herrn durchgesetzt hatten.

Mit der Feier der Taufe Christi ist auch eine Wasserweihe verbunden sowie das Zurückbringen des vom Priester ins Meer geworfene Kreuz. All das an den verschiedensten Orten, in den verschiedensten Varianten.

Moutsouna

Wir waren diesmal nicht im Hafen der Chora sondern im kleinen Fischerdorf Moutsouna auf der Ostseite der Insel. Es ist der letzte Hafen, von wo aus der Naxische Schmirgel verschifft wurde, davon künden mittlerweile fast nur noch die letzten Schienenstücke und die beiden Ladekräne auf der Pier.

In Moutsouna ist im Winter nun gar nichts los, was wir schätzen, denn wenn wir nachmittags dorthin zum Essen kommen, dann haben wir in aller Regel das einzige kleine Zimmer mit Kaminfeuer und drei Tischen ganz für uns alleine. Nicht so heute.

Als wir gegen 10.30 Uhr ankommen, liegt der Hafen verlassen, nur sehr wenige Menschen sitzen im Café am Ende der Mole. Aber innerhalb kurzer Zeit kommt ein Auto nach dem anderen, während auch wir uns einen Kaffee genehmigen.

Kinder beginnen freudig krakelend herumzurennen und werden von streng wachenden Eltern am Spielen im Sand gehindert, den die letzen Regenfälle abgeliefert haben.

Die Zwei hier sind spielend und malend ganz bei der Sache, auch wenn sie immer wieder einen interessierten Blick auf die anderen werfen.

Die Zeremonie beginnt

Irgendwann steht dann dieser Tisch mit dem grossen silberfarbenen Pokal draussen auf der Pier …

… und die mittlerweile stattliche Menschenmenge wandert dort hinaus, wo dann der Priester, dichtumringt von all den Menschen, den Pokal aus zwei mitgebrachten Platikflaschen mit Wasser füllt, seine Liturgiebücher aufschlägt und zurechtlegt, sich die zeremonielle Schärpe überstreift und eben die Liturgie zelebriert.

Teil der Zeremonie ist das »Baden« eines Kreuzes im Wasser, das dadurch wohl den himmlischen Segen erhält.

Gegen Ende steht dann ein vollmotivierter junger Mann in T-Shirt und Hose bereit, um ins Wasser zu springen und das mittlerweile dort hinaus geworfene Kreuz (es schwimmt!) mit kräftigen Armschlägen zu holen und wieder an Land zu bringen. Das wiederholt sich noch zweimal und dann ist wohl genug.

Vom Wasser des Pokals wird nun ausgeschenkt, viele tragen das geweihte Wasser mit sich zurück zum Café und zum »Apanemi«, dem Fischrestaurant, in dem wir uns schnell zwei Tische sichern, denn wir sind ja zu sechst. Auch der Priester hat seine Sachen zusammengepackt und geht zurück zum Auto und dann zum Essen.

Vom gegrillten Gemeinschaftsfisch bleibt nur was für die Katzen übrig.

Nachklang

Bei diesem herrlichen Wetter geniessen wir natürlich auch die Rückfahrt über die Berge, werfen einen Blick auf Filoti und hinüber nach Paros und darüber hinaus.

und beenden den Tag bis zum Sonnenuntergang bei Cappuccino und Kitron im Café … – richtig: Kitron

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Jahresbrief 2017 – Annual Letter 2017

Die Bucht von Pylos, Peloponnes

Nordufer der Bucht von Navarino (Pylos)

Montag, 25.12.2017, 16:32:11 :: Galanado

Rückblick zu halten wird mit den Jahren immer wichtiger. Zumindest subjektiv, denn die Wegstrecke hinter einem wird immer länger, während man vor sich doch das Ende weiss, wenn man ehrlich ist.

Aber auch objektiv ist es hilfreich, kann man doch dabei ableiten und bestimmen, was noch nicht getan ist von all dem, was man sich so ausgedacht und erträumt hat. Und was man definitiv falsch gemacht hat.

Nicht zuletzt rühren daraus auch sehr häufig all die guten Vorsätze für’s Neue Jahr, von denen wir wissen, dass sie schneller vergessen als gefasst sind.

Also …

… hier ist unser Jahresrückblick, den Lis wieder mit vielen Bildern in ein PDF gepackt hat. Es gibt zwei Versionen:

  1. die mit den »schönen«, sprich hochaufgelösten Bildern. Sie ist für die Mitmenschen, die genügend Geduld aufbringen, die lange Ladezeit abzuwarten; 106 MB sind durch’s Internet zu ziehen und das kann dauern
  2. die Version für eher reine Leser, die auf Bildqualität (zunächst) verzichten können und wollen. Sie werden mit 6 MB nicht allzu lange warten müssen

In jedem Fall: Viel Freude beim Lesen.

Links:

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Ein altes, leidiges aber eminent wichtiges Thema

Montag, 25.12.2017, 13:46:59 :: Galanado

Jan Fleischhauer, der ewig provozierende Kolumnist hat sich auf SPIEGEL ONLINE unter der Überschrift Neue Klassengesellschaft –
Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern
gefragt …

… Wenn ein Fünftel der Grundschüler nach der vierten Klasse nicht richtig lesen und schreiben kann, was sagt uns das über die Eltern? Oder anders gefragt: Ist Armut eine Entschuldigung, den Kindern nicht vorzulesen?

Und Mirko Wenig, ein Blogger hat darauf sehr dezidiert geantwortet: »Dumm und selbst schuld dran? Von wegen.«

“Ich bin der Working Class Proll” – ein offener Brief an Jan Fleischhauer

Da kam mir mein Blogbeitrag Die Unterschicht… vom 11. November 2006 (!) wieder in den Sinn. Es ist erschütternd, wie sich das Thema durch die Jahre zieht und sich nichts bessert.

Auch die Nachdenkseiten haben unter Nr. 17 reagiert: »Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern«

… Das erstaunliche ist, dass Fleischhauer in dieser verächtlichen Sprache über Bürger dieses Landes herziehen darf, ohne dass sich aus dem doch so gebildeten und humanistischen idealen verpflichteten gehoben Bürgertum auch nur die Andeutung von Widerspruch bemerken lässt. Hätte Fleischhauer in diesem Tenor über Flüchtlinge geschrieben, eine Welle der Empörung wäre von der Seite des linksliberalen Just Milieu hervorgebrochen. Wobei Fleischhauers Menschenverachtung durchaus kompatibel mit der Haltung des neuen akademischen linksurbanen Milieus ist, dass die weiße Unterschicht wegen ihrer vorgeblichen intellektuellen und kulturellen Rückständigkeit verachtet, mindestens ignoriert und grundsätzlich für sexistisch und rassistisch hält. …

Jan Fleischhauers Gedanken und Ansätze sind ja im ersten Anlauf so falsch nicht. Er übersieht u.a. aber geflissentlich, dass die Schaffung von Unterprivilegierten politische Pflichtübung ist. Die „Unterschicht“ als wärmende Matratze der Mittel- und Oberschicht ist notwendige Voraussetzung für das feine Leben der zwei Letzteren. Und eben auch für Herrn Fleischhauers gemütlichen Schreibplatz. Wer Schule und Universität zur Ausbildungsstätte von für Industrie und Wirtschaft brauchbares Menschenmaterial degradiert, wer gewisse Studiengänge oder Wissenschaftszweige für entbehrlich, ja schlichtweg für unnötig hält, der produziert bewusst Unbildung, ja Nichtbildung. Und _das_ sollte ein zweifellos gebildeter Journalist wie Herr Fleischhauer bedenken und artikulieren. Weil er es weiß. Und dennoch verschweigt.

Eine Frage, die ich zumindest erwartet hätte, ist die, wie man bei Kindern Interesse und Neugier weckt und erhält. Erhält! Nicht nutzt. Und die weiteren Fragen nach den Ursachen, diese nicht nur bei den Eltern zu suchen sondern in der Gesellschaft, wie zum Beispiel beim Unterschichtenfernsehen, das ja nun gezielt eingesetzt wird und das wir zwangsweise auch noch finanzieren müssen; womit wir wieder bei dem w.o. angesprochenen »Unterbodenschutz« für Mittel- und Oberschicht wären.

Provokation ist noch lange kein Journalismus, Herr Fleischhauer. Auch wenn ich ihre Denkanstöße zuweilen schätze.

Es lohnt, die Referenzen druchzulesen. Eine Menge, um darüber nachzudenken.

Links:

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