Nowitschok, Skripal und eine britische Regierung, die sich immer mehr in Widersprüche verstrickt

Montag, 19.03.2018, 15:03:17 :: Nachdruck von den Nachdenkseiten


Nowitschok, Skripal und eine britische Regierung, die sich immer mehr in Widersprüche verstrickt


Veröffentlicht in: Das kritische Tagebuch

Während die Massenmedien unaufhörlich die Presseerklärungen aus Downing Street Number 10 nachplappern, sucht sich die Öffentlichkeit ihre Informationen zum Fall Skripal halt wo anders. Craig Murrays Artikel zum Thema wurden nach eigenen Aussagen „millionenfach“ angeklickt und auch unser Artikel über die „Salisbury Tales“ wurde bereits mehrere Hunderttausendmal gelesen. Das freut uns – schöner wäre jedoch, wenn auch die Massenmedien und die Politik endlich aufwachen würden. Heute wollen wir Ihnen ein paar Erklärungen, Materialien und zwei weitere Übersetzungen der Murray-Artikel nachliefern. Von Jens Berger.

Die Tagesschau reagiert im Stillen

Positiv ist zunächst zu vermerken, dass die Redaktion von tagesschau.de sich unsere Kritik am FAQ zum Thema Skripal offenbar zu Herzen genommen hat und folgenden von uns bemängelten Absatz vollständig „depubliziert“ hat …

Weniger vorbildlich ist, dass man die Änderungen wieder einmal nicht gekennzeichnet hat. Da dieses intransparente Herumdoktern an „älteren“ Artikeln bei tagesschau.de leider schon Tradition hat, erstellen wir von kritischen Passagen auch stets Screenshots; eingentlich unglaublich, dass man beim Online-Ableger von Deutschlands angeblich seriösester Nachrichten Sendung so vorgehen muss.

Boris Johnson überrascht mit einer vollkommen neuen Story

Die Halbwertzeit der offiziellen Verlautbarungen aus Großbritannien wird derweil immer kürzer. Die – Stand Montag 11:00 – neueste offizielle Version greift bereits die Kritik von diversen Quellen der letzten Tage auf und erklärt nun, Russland habe in im letzten Jahrzehnt an einem „geheimen C-Waffen-Programm“ gearbeitet, das spezielle Kampfstoffe entwickelt habe, die für Morde maßgeschneidert sind. Wie bei der britischen Regierung mittlerweile üblich, belibt diese „Meldung“ von Außenminister Johnson ohne Belege im Raum stehen. Positiv ist jedoch anzumerken, dass London dem russischen Druck nachgegeben hat und nun doch gemäß der Chemiewaffenkonvention die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) eingeschaltet hat. Diese Rückkehr auf den Pfad des Völkerrechts ist zu begrüßen. Wie die Regierung May sich später ohne einen diplomatischen Scherbenhaufen aus der Sache herausziehen will, ist jedoch nachwievor offen.

Eine Anekdote zu den Hintergründen

Aus einige Leserreaktionen auf den Fall Skripal wird immer wieder klar, dass es große Unklarheiten über die Verfügbarkeit der Nowitschoks gibt. Diese Unklarheiten spiegeln letztlich aber vor allem die fragwürdige Berichterstattung der Medien und die unglaubwürdigen offziellen Statements wider. Vielleicht hilft eine kleine Anekdote weiter, um die Hintergründe besser zu verstehen.

Vor Jahren lernte ich im Rahmen der Recherchen zu einem Artikel Valentin (Name geändert) kennen. Valentin war bis in die frühen 90er als Biochemiker im B-Waffen-Programm der Sowjetunion tätig. Er erzählte mir, wie kurz nach dem Zusammenbruch die Einrichtungen von mit Scheckbüchern bewaffneten Agenten des BND, des MI6, der CIA, des Deuxième Bureau und des Mossad überlaufen wurden. In einer Art „Menschenjagd“ wurden Wissenschaftler abgeworben und Militärs zum Überlaufen gebracht. Offiziell ging es dem BND übrigens darum, diese Spezialisten anzuheuern, dass sie nicht in die Hände Iraks, Irans, Syriens, Pakistans und Nordkoreas fielen, die – das konnte Valentin jedoch nicht bestätigen – damals wohl ebenfalls auf der Suche nach qualifizierten Personal aus den ABC-Laboren der Sowjets waren.

Valentin wurde kurzerhand zum „Deutschrussen“ erklärt, bekam eine großzügige Prämie, ein zinsloses Darlehen für seinen Neuanfang in der BRD und einen recht ordentlich dotierten Pro-Forma-Beraterjob bei einer Bundesbehörde. Er wurde zwar auch fachlich ausgefragt, in einem wie auch immer gerarteten Waffenprogramm war er seitdem aber nie mehr beschäftigt. Es wäre jeodch mehr als naiv anzunehmen, dass hinter den Mauern von Forschungsstätten wie Ness-Ziona, Porton Down und Fort Detrick nicht mehr aktiv an B- und C-Kampfstoffen geforscht würde. Noch naiver wäre es, anzunehmen, dass die aktiven Dienste nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht auch Forscher aus dem C-Waffen-Programm abgeworben hätten und sich nicht das gesammelte Know how der Sowjets angeeignet hätten. Die USA haben ja sogar – auf den Wunsch Usbekistans hin – die für Nowitschok relevante Anlage in Nukus selbst demontiert. Und dies ganz sicher nicht, ohne sich das Know how zuvor zu sichern. Wer diese Hintergrundinformationen hat, muss sich auch nicht wundern, dass die erste „offiziell bekannte“ Synthese eines „Nowitschok“ von iranischen Forschern – unter Aufsicht der OPCW – durchgeführt und in Fachblättern publiziert wurde – so viel zum Thema: „Nur die Russen können das“.

Eine große Unbekannte ist übrigens, in welchen Nachfolgestaaten der Sowjetunion die Waffenprogramme weiterbetrieben wurden. Wie sieht es beispielsweise mit der Ukraine aus? Dort hätte man auch ein sehr überzeugendes Motiv, Russland eine solche Tat anzuhängen. Das ist jedoch Spekulation. Man muss aber davon ausgehen, dass neben Russland zumindest die USA, Großbritanien, Israel, Frankreich und Deutschland zumindest über das theoretische Rüstzeug verfügen, selbst einige, wenn nicht gar alle, Nowitschok-Stoffe herzustellen.

Hier geraten wir jedoch in eine sehr pikante und delikate Situation. Laut der Chemiewaffenkonvention, die 1997 in Kraft trat, durften bis auf Israel, das die Konvention nie ratifiziert und Nordkorea, das die Konvention noch nicht einmal unterschrieben hat, alle hier genannten Staaten ohne das Hinzuziehen der OPCW überhaupt nicht an Nowitschoks forschen. Wie gesagt – es wäre naiv, anzunehmen, dass man sich daran gehalten hat; aber dies kann beispielsweise Theresa May natürlich nicht zugeben und ist daher in der dummen Lage, keine Erklärung auf die Frage geben zu geben, wie die britischen Behörden denn überhaupt diesen nicht einmal der OPCW bekannten Stoff analysiert haben wollen.

Die Kardinalfrage

Unser Leser B.S. machte uns in diesem Zusammenhang auf einen sehr interessanten Blogkommentars eines ihm „unbekannten Fachkollegen“ aufmerksam, der „einen kurzen und prägnanten Kommentar zur forensisch-analytischen Vorgehensweise der Bestimmung des fraglichen Agens“ abgegeben hat.

“OK I’ll bite. As a former industrial organic chemist, both synthetic organic, pilot plant, and QC (quality control), post-doc, this smells to me. Regarding the synthesis, as I understand it, this class are binary agents, i.e. non-lethal till mixing, so the two ‘halves’ could be made without specialist kit. Even active nerve agents could be prepared using a just fume cupboard, and the right PPE. Nothing too special required other than non shaky hands. Could be made anywhere the precursors are available. We worked with HF, OsO4, Thallium etc in such environments.

Regarding the analysis. Typically small quantities are analysed (I used to install them) using GCMS. Gas Chromatography Mass spectrometry. This can detect down to femtogram levels. OK.

So there exists databases of substances and their breakdown patterns under fragmentation, which can give possible matches to known compounds. This compound may have been on there. However, for an allegation of such seriousness, these would be ‘indicative’ rather than ‘conclusive’. For conclusive confirmation a coincidence of what is called ‘retention times’ would also be required against a standard. The retention time is the time it takes for the compound to ‘show itself’ at the end of the long thin tube inside the Gas Chromatograph. Different chemicals hold on to the tube with varying tenacities.and hence give various rates of elution.

So a professional forensic scientist, I would hope, would do the following.

  • Run a GC-Mass Spectrum to confirm the molecular weight.
  • Check against a database for possible compounds which correspond to that molecular weight and fragment pattern (there may be a few, it may not be unambiguous at this stage)
  • Check for the presence of other impurities, and the ratio of the main ingredient to these, which would give you the ‘fingerprint’
  • Run the sample of unknown concentration against a standard of known concentration to determine the amount of active ingredient in the sample.
  • Compare the ‘fingerprint’ to database of other ‘fingerprints’ in a library.
  • Only when this fingerprint matches the fingerprint from a library can you determine the origin. Even then you can not say who administered the substance, but you would have an avenue to explore.

OK so a good forensic laboratory would have access to the following. A synthetically pure sample of known weight and impurity profile. Finger prints of samples from ‘sources of concern’

So what is being implied here, is that the authorities have both. A control sample (to determine if the quantities found would be lethal) and samples from a few different labs to confirm that the fingerprint was from lab A not lab B for example. (How) did they have those?

Es geht also um die Frage, woher die britischen Behörden eine Vergleichsprobe des angenlich russischen Nowitschoks hatten, mit der sie die Probe vom Tatort vergleichen konnten.

B.S. schreibt dazu: „Eben dies ist die Kardinalfrage. Festzuhalten bleibt zudem, dass, verfügt man über ausreichend Kenntnisse, Logistik und fortgeschrittene Synthesemethodik, dann selbst der ‘Fingerprint’ (resultierend aus eingesetzter Synthesetechnik, Unreinheiten, Isotopenverteilung etc.) einer Probe nicht als sicherer Nachweis gelten kann, weil eben auch dieser mit ausreichend Aufwand gefälscht werden kann. Insbesondere gilt dies natürlich für Groß-Institutionen, welche über sämtliche dieser Voraussetzungen verfügen. Mit anderen Worten, selbst wenn doch noch entsprechende ‘Beweise’ vorgelegt werden sollten wären auch diese mit einer gewissen Zurückhaltung zu beurteilen.

Zudem, in 05.10.2016 wurde von einer iranischen Arbeitsgruppe in ‘Rapid Communications in Mass Spectrometry’ eine Arbeit zu in Rede stehenden phosphor-organischen Verbindungen veröffentlicht. Schlussfolgerungen hierzu liegen auf der Hand.“

Fazit

Festzuhalten bleibt, dass es also weitaus mehr als eine Variante gibt. Das Gift könnte aus Russland stammen; es könnte aber auch den Labors fast aller anderen Staaten stammen, die offizielle oder inoffizielle C-Waffen-Programme hatten oder haben und sogar Privatunternehmen sind mögliche Hersteller dieser Stoffe, die aufgrund ihrer angeblich binären Struktur ohne all zu große Sicherheitsvorkehrungen hergestellt werden können. Viel interessanter ist jedoch die Frage, wie britische Behörden den Stoff nachweisen konnten. Dazu gibt es zwei mögliche Varianten:

  • entweder das Ganze ist ein Bluff und es wurde nie ein „Nowitschok“ nachgewiesen
  • oder aber die Briten haben tatsächlich den „Nowitschok“ nachgewiesen, dann müssen sie aber zwangläufig auch eine Vergleichsprobe haben, die sie laut Chemiewaffenkonvestion jedoch gar nicht haben dürften.

Aber die Medien interessieren solche Fragen ohnehin nicht. Persönlich denke ich daher auch, dass die ganze Sache in spätestens ein, zwei Wochen von der Bildfläche verschwindet und wir in zwei, drei Jahren von Scotland Yard nur noch erfahren, dass der Fall eingestellt wurde.

Anlage 1:

Russen vor Gericht
Von Craig Murray
Historiker, ehemaliger Botschafter, Menschenrechtsaktivist
13. März 2018

Genau dieselben Leute, die Ihnen versichertet hatten, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hätte, wollen Ihnen jetzt weismachen, Vladimir Putin benutze „Novochok“ um Menschen auf britischem Boden anzugreifen. Wie bei der Geschichte von den irakischen Massenvernichtungswaffen ist es auch hier unerlässlich, nachzuprüfen ob die Beweise auch schlüssig sind. Ein wichtiges Wort fehlte bei der gestrigen Erklärung von Theresa May: das Wort „nur“. Sie sagte nämlich nicht, dass das benutzte Nervengift ausschließlich NUR von den Russen hergestellt wurde. Sie sagte vielmehr, dass diese Gruppe von Nervengiften „von den Russen entwickelt“ worden war. Antibiotika waren auch von einem Schotten entwickelt worden, aber das ist kein Beweis dafür, dass alle Antibiotika heutzutage auch von Schotten verabreicht werden.

Die Giftgase der „Novochok“ Gruppe – ein weitgefasster Begriff für eine Gruppe von neuen Nervengiften, die die Sowjetunion vor fünfzig Jahren entwickelt hat- sind mit größter Wahrscheinlichkeit von Porton Down analysiert und kopiert worden. Dafür ist Porton Down da. Es produzierte damals chemische und biologische Waffen und noch heute produziert es solche in geringen Mengen zur Verteidigung und um Gegengifte zu entwickeln. Nach dem Zerfall der Sowjetunion stellten russische Chemiker eine Menge von Informationen über diese Nervengifte zur Verfügung. Und ein weiteres Land, das schon immer ähnlich langlebige Nervengifte hergestellt hat ist Israel. Das Foreign Policy Magazin (eine sehr bekannte US-amerikanische Einrichtung) brachte einen ganz interessanten Artikel über die Fähigkeiten Israels in Bezug auf chemische und biologische Waffen. Ich werde hier später noch einmal auf Israel zurückkommen.

Novachok ist übrigens keine spezifische Substanz, sondern eine Klasse von neuen Nervengiften. Übereinstimmend wird berichtet, dass sie entworfen wurden um besonders beständig und um ein Vielfaches wirksamer zu sein als Sarin oder VX. Das ist kaum vereinbar mit der Tatsache, dass zum Glück noch niemand davon gestorben ist und dass diejenigen, die damit möglicherweise in Berührung kommen nur ihre Kleidung waschen müssen.

Aus russischer Sicht gibt es kaum ein Motiv, Skripal zu ermorden. Wenn die Russen bereits acht Jahre mit dem Mordanschlag gewartet haben, dann hätten sie auch noch bis nach der Fußball-Weltmeisterschaft damit warten können. Die Russen haben bisher noch niemals einen ausgetauschten Spion getötet. So wie Diplomaten, sowohl die britischen als auch alle anderen, die glühendsten Verfechter der Immunität von Diplomaten sind, so sind auch das Sicherheitspersonal überall auf der Welt diejenigen, die am wenigsten ein System zerstören wollen, das einen zentralen Punkt ihrer eigenen Sicherheit berührt; im Wesentlichen ist der Austausch von Spionen ihre „Freikarte aus dem Gefängnis“. Niemand würde dieses System – wahrscheinlich sogar für immer- ohne gute Gründe untergraben wollen.

Hier soll auch noch angemerkt werden, dass die „bösen“ Russen Skripal damals mit einer wesentlich geringeren Gefängnisstrafe belegt hatten, als die Amerikaner es in einem vergleichbaren Fall getan hätten. Wenn ein Mitglied des amerikanischen militärischen Geheimdienstes den Namen von hunderten von US Agenten im Ausland für Geld an die Russen verraten hätte, dann hätten die Amerikaner ihn zumindest zu Lebenslänglich, wenn nicht gar zum Tod verurteilt. Skripal bekam nur 18 Jahre, was übrigens auch kaum mit der angeblichen unversöhnlichen Rachsucht gegen ihn zu vereinbaren ist. Wenn die Russen an ihm ein Exempel hätten statuieren wollen, so hätten sie es damals schon tun können.

Es ist wahrscheinlicher, dass der Grund für diesen Mordversuch eher auf etwas zurückzuführen ist, das in letzter Zeit geschehen ist, als auf eine Spionagetätigkeit von vor zwanzig Jahren. Wenn ich die britische Polizei wäre, dann würde ich bei Orbis Intelligence suchen.

Es gibt keinen Zweifel darüber, dass Skripal geheime Erkenntnisse an den MI16 zu der Zeit weitergereicht hat, wo Christopher Steele ein Mitarbeiter des MI16 in Moskau war. Zu dieser Zeit war auch Pablo Miller, ein anderer Mitarbeiter von Orbis Intelligence, in Russland wo er Geheimdienstmitarbeiter rekrutierte. Es wird allgemein im Netz und in den amerikanischen Medien berichtet, dass es Miller war, der Skripal anwarb. Meine eigenen MI16-Quellen haben mir gesagt, dass es nicht stimmt, dass Skripal von selbst kam, sondern dass es Miller war, der ihm eine Weile lang hinterher war. Schade nur, dass Pablo Millers LinkedIn Profil kürzlich gelöscht worden ist, aber es wird allgemein im Netz behauptet, dass das Profil ihn als Berater sowohl von Orbis Intelligence als auch für die FCO bezeichnete und, warten Sie, mit einer Adresse in Salisburi. Wenn jemand diesen LinkedIn Eintrag wiederfinden konnte, dann wurden britische Regierungsstellen aktiv um ihn wieder zu entfernen.

Selbstverständlich waren es auch Christopher Steele und Orbis Intelligence die für das Clinton Lager das sensationelle Dossier über Trumps Beziehungen zu Russland erstellten, einschließlich der Geschichte, dass Trump dafür bezahlt hätte, dass russische Prostituierte auf ihn uriniert hätten. Das ist das Kernstück von „Russiangate“, das die US amerikanische Politik in Atem hält. Das Außergewöhnlichste daran ist, dass das Dossier von Orbis solch offensichtlicher Unsinn ist, dass jeder mit einem professionellen Erfahrungshintergrund es gänzlich zu Nichte machen kann. Das Motiv von Steele war, genauso wie der Geheimnisverrat von Skripal, schlicht und einfach Geld. Steele ist ein Scharlatan, der eine Reihe von Vermutungen aus dem Hut zauberte, die entweder völlig unwahrscheinlich sind oder die einen Zugang zu höchsten Quellen erforderlich gemacht hätten, die er im heutigen Russland nicht mehr haben konnte, oder aber beides. Er erzählte den Demokraten was sie hören wollten und diese- die weder heute noch damals seine Geschichten kritisch betrachten wollten- bezahlten ihm gutes Geld dafür.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob Pablo Miller dabei geholfen hat, das Steele Dossier über Trump zusammenzustellen, aber es erscheint mir sehr wahrscheinlich angesichts der Tatsache, dass auch er sowohl in Russland für den MI16 als auch für Orbis gearbeitet hat. Und es erscheint mir noch wahrscheinlicher, dass Sergei Skripal am Orbis-Geheimdossier über Trump mitbeteiligt war. Steele und Miller können nicht mehr nach Russland gehen und Quellen dort anzapfen und sie können auch niemals einen so guten Zugang zu ihnen gehabt haben, wie sie in ihrem Dossier behaupten, noch nicht einmal in ihren MI16 Zeiten. Das Dossier war mit Unsummen von Geld aus Allem zusammengestrickt worden, was sie finden konnten. Wer hätte ihnen da besser eine wenig Unterstützung bei der Beschaffung von scheinbarem Belastungsmaterial geben können als ihre alte Quelle Skripal?

Skripal war gerade zur Stelle im Königreich und vermutlich sogar sehr nahe an Miller in Salisburi dran. Er konnte die richtigen Akronyme für ein russisches Komitee hier oder den Namen eines russischen Beamten dort dazugeben um den Anschein zu erwecken, Steele hätte belastbare Informationen abgeliefert. Und in der Tat, Sripals überholtes Wissen könnte einige der eklatantesten Irrtümer im Dossier erklären.

Das Problem mit Doppelagenten wie Skripal, die Geheimnisse für Geld verraten, ist jedoch, dass sie leicht auch Dreifach-Agenten werden können und man kann nie wissen, wann ein besseres Angebot kommt. Als Steele sein zwielichtiges Dossier zusammenstellte konnte er noch nicht wissen, dass er jemals so bekannt werden und so auf dem Prüfstand stehen würde. Steele kann sich glücklich schätzen, dass das amerikanische Establishment abgeneigt ist, sein Werk näher zu untersuchen, da ihr einziges Ziel ist, Trump zu „erwischen“. Aber mit hohem Einsatz, sie sitzen auf einem Pulverfass, da einer der Autoren des Dossiers sowohl für Orbis als auch für dem Clinton Lager lästig sein mag.

Wenn ich die Polizei wäre, ich würde mein Auge auf Orbis Intelligence richten.

Um nochmals auf Israel zurück zu kommen. Israel hat die Giftgase. Israel hat den Mossad, der sehr bewandert in Sachen Mord im Ausland ist. Theresa May behauptete, Russlands Neigung dazu, Morde im Ausland auszuführen, sei ein spezifischer Grund, der darauf hinweise, dass es Russland war. Nun gut, aber der Mossad hat eine noch größere Neigung zu Auslandsmorden. Und wenn es mir widerstrebt, ein russisches Motiv dafür zu sehen, sein internationales Ansehen so stark zu beschädigen, so hat Israel ein klares Interesse daran, das Ansehen Russlands zu schädigen. Das russische Vorgehen in Syrien hat die israelische Stellung in Syrien und im Libanon fundamental untergraben und Israel hat daher ein sehr gutes Motiv dafür, dem internationalen Ansehen Russlands durch einen Anschlag zu schaden, den man den Russen leicht in die Schuhe schieben kann.

Beides, sowohl die Theorie, dass Orbis als auch die, dass Israel dahintersteckt, sind Spekulationen. Aber sie sind nicht weniger Spekulation und nicht weniger Verschwörungstheorie als die Annahme, Vladimir Putin hätte heimlich Agenten nach Salisburi geschickt, um Skripal mit einem geheimen Nervengas zu töten. Ich sehe keinen Grund zu der Annahme, dass diese Spekulation in diesem Punkt abenteuerlicher sei als andere.

Ich bin aufgeschreckt von den hektischen Anstrengungen der Geheimdienst- Spionage- und Rüstungsindustrien, die Russenphobie zu schüren und einem neuen kalten Krieg den Weg zu bereiten. Besonders besorgt bin ich über die Anzahl von „Experten“ des kalten Krieges, die die jetzt die Nachrichten beherrschen. Ich schreibe hier als einer der zwar schon glaubt, dass Agenten des russische Staates Litvinenko ermordet haben und dass der russische Geheimdienst zumindest einen Teil der Bombenanschläge auf Apartments ausgeführt hat, die den Ausschlag für den brutalen Angriff auf Tschetschenien geliefert haben. Ich glaube auch, dass die russische Besetzung der Krim und Teilen von Georgien illegal sind. Auf der anderen Seite hat Russland in Syrien den mittleren Osten vor der Herrschaft einer neuen Welle von Jihadisten bewahrt, die von den USA und von Saudi-Arabien unterstützt wurden.

Die naive Sicht von einer Unterteilung der Welt in „Gute“ und „Böse“ mit unserer eigenen herrschenden Klasse als die Guten ist Unfug. Ich war in Usbekistan selbst Zeuge der Bereitschaft der Sicherheitsbehörden des Vereinigten Königreichs und den USA, Erkenntnisse anzunehmen und zu betätigen, von denen sie wussten, dass sie falsch waren, nur um ihre politischen Ziele weiter zu verfolgen. Wir sollten über ihre jetzige antirussische Geschichte sehr skeptisch sein. Es gibt viele mögliche Verdächtige bei diesem Angriff.

Freie Übersetzung aus dem Englischen von WM

Anlage 2:
… eines Typs, wie sie von Lügnern entwickelt wurde
Von Craig Murray, 16. März 2018

Ich habe jetzt von einer guten Quelle im FCO (britisches Außenministerium, Anmerkung WM) die Bestätigung erhalten, dass die Wissenschaftler von Porton Down nicht die Möglichkeit haben, den Nervenkampfstoff als einen von Russland hergestellten Kampfstoff zu identifizieren und dass sie verbittert über den Druck auf sie sind, es doch zu tun. Porton Down würde, nach einem eher schwierigen Meeting, wobei folgender als Kompromiss herauskam, nur die Formulierung „ von einer Art wie sie von Russland entwickelt wurde“ unterschreiben. Die Russen haben vermutlich im „Novichok“ Programm nach einer Generation von Nervenkampfstoffen geforscht, die mit handelsüblichen Ausgangsstoffen wie Dünger und Insektiziden hergestellt werden könnten. Die Substanz ist in diesem Sinne ein „Novichok“. Es ist von dieser Art. Genauso wie ich auf einem Laptop schreibe, der in den Vereinigten Staaten entwickelt aber in China hergestellt wurde.

Dies war jedem aus dem Regierungsviertel (Anmerkung WM: wörtlich: „anybody with a Whitehall background“) seit einigen Tagen klar. Die Regierung hat niemals gesagt, dass der Nervenkampfstoff in Russland hergestellt worden war oder dass nur Russland ihn hätte herstellen können. Die exakte Formulierung „eines Typs wie er von Russland entwickelt wurde“, war hatte Theresa May im Parlament benutzt, wurde vom Vereinigten Königreich im UN Sicherheitsrat benutzt, wurde von Boris Johnson auf BBC benutzt und, am verräterischsten von Allem , ist „eines Typs, wie er von Russland entwickelt wurde“ genau der Satz, der in der gemeinsamen Erklärung des Vereinigten Königreiches, der USA, Frankreich und Deutschland gestern benutzt wurde.

„Der Einsatz eines militärischen Nervenkampfstoffs eines Typs, wie er von Russland entwickelt wurde, stellt die erste offensive Anwendung eines solchen Nervengifts in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg dar.”

Wenn von derselben sorgfältig ausgewählten Formulierung niemals abgewichen wird, dann weiß man, dass sie das Resultat eines sorgfältig gewählten Kompromisses des Regierungsviertels ist. Meine Quelle im Außenministerium sowie auch ich erinnern sich noch an den außergewöhnlich hohen Druck auf das Personal des Außenministeriums und anderer Zivilangestellten, das schmutzige Dossier über die irakischen Massenvernichtungswaffen abzuzeichnen, einen Druck, den ich in meinem Buch Murder in Samarkand (Mord in Samarkand, Anm. WM) wiedergegeben habe. Es bietet den Vergleich mit dem was jetzt passiert, besonders in Porton Down, aber ohne meine Soufflage.

Nebenher habe ich auch noch die Pressabteilung der OPCW (Anm. WM: Organisation für das Verbot chemischer Waffen) angeschrieben und sie gebeten, mir zu bestätigen, dass es niemals einen schlagenden Beweis für die Existenz russischer Novichoks gegeben hat und dass das Programm zur Vernichtung der russischen Chemiewaffen letztes Jahr abgeschlossen wurde.

Kennen Sie diese interessanten Tatsachen?

Die Inspektoren der Organisation für das Verbot chemischer Waffen hatten über ein Jahrzehnt lang vollen Zugang zu allen russischen Einrichtungen zur Herstellung von Chemiewaffen – einschließlich derjenigen, die vom vermutlichen „Novichok“- Whistleblower Mirzayanov benannt worden waren- und letztes Jahr haben die Inspektoren der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen die letzten 40.000 Tonnen russischer Chemiewaffen zerstört.

Im Vergleich dazu ruht das Programm zur Zerstörung amerikanischer Chemiewaffen seit fünf Jahren.

Israel hat umfangreiche Lager von chemischen Waffen aber es weigert sich, sie der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen zu melden. Israel gehört nicht zu den Staaten, die das Chemiewaffenabkommen unterzeichnet haben und ist auch nicht Mitglied der OPCW. Israel hatte das Abkommen zwar 1993 unterzeichnet, sich aber geweigert es zu ratifizieren, weil das die Inspektion und die Zerstörung seines Bestandes an Chemiewaffen bedeutet hätte. Israel hat zweifellos genau so die technischen Möglichkeiten wie andere Staaten, die „Novichoks“ herzustellen.

Bis zu dieser Woche war die fast einhellige Meinung aller Experten für Chemiewaffen sowie die auch die offizielle Stellung der OPCW, dass „Novichoks“ vor Allem ein theoretisches Entwicklungsprogramm war, das die Russen nie abgeschlossen oder sie wirklich synthetisiert und hergestellt hatten. Darum stehen sie auch nicht auf der Liste der von der OPCW verbotenen Chemiewaffen.

Porton Down ist sich nicht sicher, dass es die Russen waren, die Novichok hergestellt haben. Von daher „eines Typs, wie er von Russland entwickelt wurde“. Man beachte: entwickelt, nicht gemacht, hergestellt oder produziert.

Es ist eine sorgfältige Wörterpropaganda. Eines Typs, wie sie von Lügnern entwickelt wurde.

Aktualisierung:

Diese Schrift regte einen anderen alten Kollegen an, sich zu melden. Auf der guten Seite ist zu vermelden, dass das Außenministerium Boris davon überzeugt hat, der OPCW eine Probe zukommen zu lassen, damit sie untersucht werden kann. Aber noch nicht sofort. Die Erwartung ist die, dass das Untersuchungskomitee von einem Chinesen geleitet wird. Der Plan von Boris ist auch, die OPCW dazu zu bringen, die Formulierung „wie er von Russland entwickelt wurde“ anzunehmen und dass die Diplomatie zu diesem Zweck ab jetzt von Peking übernommen wird.

Ich nehme mal an, dass es keine Anzeichen dafür gibt, dass die BBC sich beeilen wird, davon zu berichten.

Erratum – Ich hatte ursprünglich „Nervengas“ und nicht Nervenkampfstoff geschrieben – ausschließlich mein Fehler.

Freie Übersetzung aus dem Englischen von WM

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„Nowitschok-Story“ eine Neuauflage des Schwindels über irakische Massenvernichtungswaffen

Sonntag, 18.03.2018, 00:26:20 :: Nachdruck aus den Nachdenkseiten

Craig Murray legt nach und nennt die „Nowitschok-Story“ eine Neuauflage des Schwindels über irakische Massenvernichtungswaffen

Redaktion
15. März 2018 um 11:15 Uhr

Die Nowitschok-Story ist im Grunde eine Neuauflage des Schwindels über irakische Massenvernichtungswaffen

Kürzlich, im Jahre 2016, hat Dr. Robin Black, der Leiter des Aufklärungslaboratoriums von Großbritanniens einziger Anlage für chemische Waffen in Porton Down, ein früherer Kollege von Dr. David Kelly (Anm. d. Red.: Kelly war der Chemiewaffenexperte und Whistleblower, der die Geheimdienstlüge über die irakischen Massenvernichtungswaffen ans Licht brachte und dann unter seltsamen Umständen ums Leben kam), in einem renommierten Wissenschaftsjournal einen Artikel veröffentlicht, in dem er sagt, der Beweis für die Existenz von Nowitschoks sei dürftig und ihre Zusammensetzung unbekannt.

In den letzten Jahren gab es oft Spekulationen darüber, dass in den frühen 70er Jahren als Teil des sogenannten Foliant Programms eine vierte Generation von Nervengasen, Nowitschoks (newcomer), in Russland entwickelt wurde, dies mit dem Ziel, einen Kampfstoff zu finden, der defensive Gegenmaßnahmen unterlaufen würde. Informationen über diese chemischen Verbindungen waren in der Öffentlichkeit sehr spärlich, die meisten kamen von einem russischen Dissidenten und Militärchemiker mit dem Namen Vil Mirzayanov. Es wurde jedoch nie eine unabhängige Bestätigung über Struktur oder Eigenschaften von solchen chemischen Verbindungen veröffentlicht.

aus: Robin Black. (2016) Entwicklung, vergangene Anwendungen und Eigenschaften von chemischen Kampfstoffen. Royal Society of Chemistry

Dennoch behauptet jetzt die britische Regierung, eine Substanz aus dem Stehgreif identifizieren zu können, die ihr eigenes Forschungszentrum für biologische Waffen niemals zuvor gesehen hat und deren Existenz ungesichert ist. Schlimmer noch: sie behauptet nicht nur, diese Substanz identifizieren zu können, sondern auch nachweisen zu können, wo diese hergekommen sei. Wenn man sich Dr. Blacks Publikation vor Augen hält, dann ist es offensichtlich, dass dies nicht wahr sein kann.

Die internationalen Experten für chemische Waffen teilen Dr. Blacks Auffassung. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) ist eine Abteilung der UN, die in Den Haag angesiedelt ist. Hier der Bericht ihrer Wissenschaftsabteilung aus dem Jahre 2013, die aus US-amerikanischen, französischen, deutschen und russischen Vertretern zusammengesetzt war und deren Gremium Dr. Black (Großbritannien) vertrat:

(Der wissenschaftliche Beirat) betont, dass die Begriffsbestimmung über giftige Chemikalien in dem Abkommen alle potenziellen chemischen Verbindungen einschließt, die als Chemiewaffen benutzt werden könnten. Was neue giftige Verbindungen anbelangt, die nicht im chemischen Verzeichnis aufgelistet sind, die aber dennoch ein Risiko für das Abkommen sein könnten, weist der wissenschaftliche Beirat auf die „Nowitschoks“ hin. Der Name „Nowitschoks“ wird in einer Veröffentlichung von einem früheren sowjetischen Wissenschaftler benutzt, der berichtet hat, nach einer neuen Klasse von Nervengiften zu forschen, die als binäre chemische Waffen angewendet werden könnten. Der wissenschaftliche Beirat möchte hiermit feststellen, dass er nicht über ausreichende Informationen verfügt, um sich über die Existenz oder die Eigenschaften von „Nowitschoks“ äußern zu können. (OPCW, 2013)

OPCW: Bericht des wissenschaftlichen Beirats über Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie für die dritte Berichtskonferenz, 27. März 2013

Die OPCW war in der Tat so skeptisch über die Existenz von „Nowitschoks“, dass sie beschloss, mit dem Einverständnis der USA und Großbritanniens, weder sie noch deren angebliche Vorläufer auf ihre Verbotsliste zu setzen. Kurzum, die breite Gemeinschaft der Wissenschaftler nahm an, dass Mirayanov zwar an „Nowitschoks“ arbeitete, zweifelte aber an seinem Erfolg.

Angesichts der Tatsache, dass die OPCW den Standpunkt eingenommen hatte, dass die Existenz von „Nowitschoks“ zweifelhaft sei, wäre es jetzt ungemein wichtig, dass Großbritannien der OPCW eine Probe davon zukommen lassen würde, wenn man denn eine solche überhaupt hat. Denn Großbritannien hat einen bindenden Vertrag mit der OPCW, dies zu tun. Russland seinerseits hat unbestätigten Meldungen (Anm. d. Red.: Die Anfrage ist mittlerweile bestätigt) zu Folge einen Antrag an die OPCW gerichtet, dass Großbritannien eine Probe des Materials aus Salisbury einreichen solle, damit sie international untersucht werden könne.

Aber Großbritannien weigert sich.

Warum?

Ein weiterer Teil der Anschuldigungen von May ist der, dass „Nowitschoks“ nur in bestimmten militärischen Einrichtungen hergestellt werden können. Aber das ist nachweislich nicht wahr. Wenn es die „Nowitschoks“ denn wirklich gibt, so wurden sie vorgeblich so gestaltet, dass sie mühelos in jeder chemischen Werkstatt hergestellt werden können – das war ein Hauptaspekt davon. Der einzige reelle Beweis für die Existenz von Nowitschoks war die Aussage des früheren sowjetischen Wissenschaftlers Mirzayanov. Und der schrieb:

Man sollte nicht vergessen, dass die chemischen Verbindungen der Vorläufer von A-232 oder ihre binäre Variante Nowitschok-5 gewöhnliche Organophosphate sind, die in gewerblichen chemischen Fabriken hergestellt werden können, die auch solche Produkte wie Dünger und Pestizide herstellen.

Vil S. Mirzayanov, „Enthüllungen über den sowjetisch/russischen Chemiewaffenkomplex: Die Sicht eines Insiders“, in Amy E. Smithson, Dr. Vil s. Mirzayanov, Gen Lajoie und Michael Krepon, Chemiewaffen Vernichtung in Russland: Probleme und Aussichten, Stimson Report N° 17, Oktober 1995, Seite 21

Es ist wissenschaftlich gesehen unmöglich für Porton Down, in der Lage gewesen zu sein, auf russisches Nowitschok zu schließen, wenn es niemals eine russische Probe davon besessen hat, um sie damit vergleichen zu können.

Sie mögen eine Probe gefunden haben, die identisch mit einer Formel von Mirzayanov ist, aber da dieser die Formel bereits vor zwanzig Jahren veröffentlicht hatte, ist das kein Beweis für ihre russische Herkunft. Wenn Porton Down sie synthetisch herstellen kann, so können das außer den Russen noch viele andere auch.

Und schlussendlich: Mirzayanov ist ein usbekischer Name und das Nowitschok-Programm, sollte es denn existiert haben, lief zwar in der Sowjetunion, aber weit entfernt vom heutigen Russland, in Nukus, im heutigen Usbekistan. Ich habe die Chemiewaffenfabrik in Nukus selber besucht. Sie war abgebaut und sicher, alle Vorräte waren zerstört und die Gerätschaft war, meiner Erinnerung nach in der Zeit, wo ich dort Botschafter war, von der amerikanischen Regierung beseitigt worden. Es gab in Wirklichkeit niemals einen Beweis für die Existenz von „Nowitschok“ im heutigen Russland.

Zusammenfassend:

  1. Porton Down hat in seinen Veröffentlichungen bestätigt, niemals irgendwelche russischen „Nowitschoks“ gesehen zu haben. Die britische Regierung hat keine Informationen, die einem „Fingerabdruck“ gleichkommen würden, wie z.B. Verunreinigungen, nach denen diese Substanz eindeutig Russland zugeordnet werden könnte.
  2. Bis heute waren weder Porton Down noch die weltweiten Experten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) von der Existenz von „Nowitschoks“ überzeugt.
  3. Das Vereinigte Königreich weigert sich, der OPCW eine Probe zur Verfügung zu stellen
  4. „Nowitschoks“ wurde hauptsächlich entwickelt, um auf Basis von herkömmlichen Bestandteilen in jedem wissenschaftlichen Labor hergestellt werden zu können. Die Amerikaner haben die Einrichtung, die sie angeblich entwickelt hat, studiert und abgerissen. Es entspricht nicht der Wahrheit, dass nur die Russen sie hergestellt haben könnten, wenn jeder das konnte.
  5. Das „Nowitschok“-Programm war in Usbekistan angesiedelt und nicht in Russland. Sein Vermächtnis wurde nicht an die Russen, sondern an die Amerikaner zu Zeiten ihrer Allianz mit Karimov weitervererbt.

Mit großem Dank an die Quellen, die zu diesem Zeitpunkt hier noch nicht genannt werden können.


Craig Murray ist ehemaliger Karrierediplomat im britischen Außenministerium. Seinen letzten Posten als Botschafter in Usbekistan musste Murray 2004 räumen, nachdem er sich kritisch zu den Menschenrechtsverletzungen des im Westen sehr beliebten usbekischen Diktators Karimov geäußert hatte. Seitdem bloggt Murray auf craigmurray.org.uk.

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Aberglaube oder doch lieber Jubiläum?

Dienstag, 13.03.2018, 17:12:24 :: Galanado

Für Griechen ist ein Dienstag, der 13. – wie heute – angeblich was vom Schlimmsten, was passieren kann. Und heute ist ein solcher »Triti, dekatris!« – Grund, mal etwas tiefer in der Kalender zu schauen.

Zurück geht das auf die Eroberung Konstantinopels, wie Wikipedia erklärt.

Insbesondere im griechischen Raum bezeichnet „Schwarzer Dienstag“ den 29. Mai 1453 – einen Dienstag, an dem Konstantinopel, die Hauptstadt des byzantinischen Reiches, von den osmanischen Truppen erobert wurde, womit das byzantinische Reich nach über eintausendjähriger Geschichte unterging und die jahrhundertelange Periode der türkischen Fremdherrschaft in Griechenland und auf dem Balkan anbrach. Seitdem gilt der Dienstag in Griechenland bis heute als Unglückstag.

Wikipedia: Schwarzer Dienstag

Damit ist für mich der heutige »Triti, dekatris!« zwar nicht so richtig verständlich erklärt aber wie ich sehe, ist der 13. April 2018 ein Freitag der Dreizehnte. Und an diesem Tag wird dieser Blog Von Mir Nix & Dir Nix dreizehn Jahre alt.

Zufälle gibt’s. Und ich werde hoffentlich unterwegs das dreizehnte Jubiläum feiern. Und das hat wieder Sinn.

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* Rund Europa 2018: Erste Etappe Anfang April

Stand: Samstag, 10.03.2018, 16:11:49 :: Galanado

In wenigen Wochen starten wir Teil 1 unserer diesjährigen Europatour: Die Fahrt von Naxos nach Deutschland. Es ist auf den ersten Blick eine Reise, wir wir sie in den letzten (mehr als zehn!) Jahren schon wiederholt gemacht haben. Also nicht Neues? Bei der Durchsicht alter Fotografien und der teilweise vorhandenen Berichte finden sich vieles, was bereits vergessen war.

Weiter …

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China und Russland rüsten auf?

Samstag, 17.02.2018, 13:50:21 :: Galanado

Die rücksichtslose Nachlässigkeit und/oder Verlogenheit weiter Teile der Presse lässt einen immer wieder verständnislos den Kopf schütteln; ausser man unterstellt Absicht. Dann wird meist vieles klarer.

Wiedergabe eines Artikels aus den Nachdenkseiten von Jens Berger.

China und Russland rüsten auf?

Jens Berger

Veröffentlicht in: Aufrüstung, Kampagnen / Tarnworte / Neusprech, Lobbyorganisationen und interessengebundene Wissenschaft, Medienkritik

Eine Meldung des Londoner Think Tanks IISS landete in dieser Woche prominent auf der Startseite fast aller großen Nachrichtenportale. Das ist kein Wunder, passt der Inhalt der DPA-Meldung doch ganz ins transatlantische Weltbild. Glaubt man der IISS-Meldung, sind es Russland und China, die „kräftig aufrüsten“ und nun die USA „herausfordern“. Beide Aussagen lassen sich jedoch nicht durch die unabhängigen Daten des für solche Fragen maßgeblichen Stockholmer Forschungsinstituts SIPRI belegen. Im Gegenteil. Die Rüstungsausgaben Chinas sind, gemessen an der Wirtschaftskraft des Landes, seit Jahrzehnten konstant und Russlands Militärbudget ist in absoluten Zahlen seit einigen Jahren rückläufig. Wie kommt das IISS auf diese Falschmeldung und warum drucken fast alle großen Medien dies offenbar ungeprüft ab? Von Jens Berger.

Nach wie vor lässt sich die Welt beim Thema Rüstungsausgaben in zwei fast gleichgroße Blöcke aufteilen – der Rest der Welt und die NATO, angeführt durch die USA, die alleine für mehr als ein Drittel der weltweiten Rüstungsausgaben stehen. Die EU28 geben übrigens rund 252 Mrd. US$ pro Jahr für Rüstung aus und damit weniger als die USA mit ihren 611 Mrd. US$. Genau daran wollen die USA ja mit ihrer unsinnigen und willkürlichen Zwei-Prozent-Grenze etwas ändern. Die USA selbst geben momentan 3,3% ihrer Wirtschaftskraft – gemessen am BIP – für Rüstung aus, Deutschland liegt bei 1,2% und müsste demnach seine Rüstungsausgaben fast verdoppeln, um den Wünschen der USA zu entsprechen.

Und wie sieht es international aus? Die erste Überraschung ist, dass Chinas Rüstungsausgaben konstant sind, wenn man die Wirtschaftskraft als Maßstab nimmt. Seit Beginn der 90-er schwanken die Rüstungsausgaben in einem sehr engen Korridor zwischen 1,9% und 2,3% des BIP. Das US-Budget lag wohlgemerkt in fast allen Jahren in diesem Zeitraum mehr als doppelt so hoch. Nicht nur absolut, sondern auch relativ dominieren die USA die Aufrüstung. Da Chinas Wirtschaft wächst, steigen die chinesischen Rüstungsausgaben freilich in absoluten Zahlen; aber auf einem Niveau, das immer noch weit, weit unter dem US- bzw. NATO-Budget liegt.

Bei den relativen Militärausgaben nimmt übrigens auch Russland einen vergleichsweise hohen Rang ein und spielt hier mit den USA in einer Liga. Rüstungsprimus Saudi-Arabien liegt übrigens mit seinen 64 Mrd. US$ Ausgaben nur noch ganz knapp hinter Russland mit seinen 69 Mrd. US$ – Saudi-Arabien ist jedoch auch nur ein karger Wüstenstaat mit 32 Mio. Einwohnern, während Russland das größte Land der Welt ist und 147 Mio. Einwohner hat. Bei den absoluten Zahlen sieht die Sache auch im Vergleich mit den USA deutlich anders aus: Russlands Militärausgaben liegen hier bei lediglich 7,8% der Ausgaben der NATO-Staaten. 69,2 Mrd. US$ aus Moskau stehen 886,2 Mrd. US$ aus der NATO gegenüber. Selbst zusammen mit China kommt Russland auf weniger als ein Drittel der NATO-Rüstungsausgaben.

Wie man bei diesen Zahlen von einer „Herausforderung“ sprechen kann, ist in der Tat ein Rätsel. Und wie man diese nicht sonderlich dynamischen Werte als „kräftige Aufrüstung“ uminterpretieren kann, erscheint ebenfalls fraglich. Wer ist eigentlich dieses IISS, auf das sich die DPA da beruft?

Hier gibt ein erster Blick in die Finanzdaten Aufklärung. Maßgeblich finanziert wird das International Institut for Strategic Studies vom Königshaus des Golfemirats Bahrain, das auch andere transatlantische Think Tanks großzügig finanziert. Neben der klassischen Öffentlichkeitsarbeit im transatlantischen Sinne ist das IISS vor allem für die von ihm organisierten Treffen bekannt. Darunter der „Manama Dialogue“ in Bahrain, an dem im letzten Jahr neben dem bahrainischen Herrscher unter anderem Ursula von der Leyen, General Petraeus und Hillary Clinton teilnahmen und der „Shangri-La-Dialogue“ in Singapur. Beide Veranstaltungen wirken wie die Mischung aus regionalen Variationen der Münchner Sicherheitskonferenz im mittleren und fernen Osten und einer Messe für die Rüstungsindustrie der USA und Großbritanniens. Da ist es natürlich im Sinne der Veranstalter, die Bedrohung durch China, Russland und Iran an die Wand zu malen. Glaubwürdig und seriös ist das alles freilich nicht. Fun Fact: Think-Tank-Tausendsassa Josef Joffe war ebenfalls beim IISS involviert.

Umso unerklärlicher ist es, dass die DPA solche PR-Meldungen Eins zu Eins übernimmt und fast alle selbsternannten Qualitätsmedien diese Meldungen dann ebenfalls Eins zu Eins wiedergeben. Kritik an der Quelle wird dabei nicht geäußert. SPON nennt das IISS beispielsweise die „- neben dem Stockholmer SIPRI-Institut – weltweit führende Einrichtung bei der Beurteilung internationaler Konflikte“ und lässt vollkommen unerwähnt, dass das SIPRI in der Tat ein angesehenes Friedensforschungsinstitut ist, während das IISS ein interessengesteuertes transatlantisches Think Tank ist.

Quellenkritik ist auch bei der FAZ, der ZEIT, dem Handelsblatt, der Frankfurter Rundschau, dem Focus und ZDF Heute unerwünscht.

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Robert Pfaller: Die totale Manipulation

Sonntag, 11.02.2018, 22:09:20 :: Galanado

Quelle: Rubikon

Die totale Manipulation

Robert Pfaller konfrontiert das Programm der Political Correctness mit der globalen Realität. Exklusivabdruck aus „Erwachsenensprache“.

von Robert Pfaller

Wie kann es sein, dass volljährige Fluggäste im Bordkino vor Erwachsenensprache gewarnt werden, während am Boden Krieg, Armut und Ausbeutung mit zunehmender Brutalität um sich greifen? Wir kultivieren Empfindlichkeiten, wetteifern in subtilen Sprachregelungen und nehmen zugleich unvorstellbare Verrohungen im Weltmaßstab als scheinbar alternativlos hin. Robert Pfaller nimmt diesen Widerspruch in seinem Buch zum Anlass mit dem Neoliberalismus und unseren moralischen Ersatzhandlungen abzurechnen. Die Lektüre von „Erwachsensprache“ weitet den Blick und befreit das politische Sprechen.

Vorsicht, Erwachsene!

Vor kurzem fliege ich von Amsterdam aus in die USA. Die Maschine gehört einer europäischen Fluglinie, und sie befindet sich noch über europäischem Boden, als ich mir in der Videothek Michael Hanekes Film „Amour“ ansehen möchte – jenen 2012 mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten Film, worin Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant alternde Eheleute und deren Leiden nach einem Schlaganfall der Frau darstellen. Bevor der Film beginnt, erhalte ich aber noch eine Warnung: Es werde in diesem Film „adult language“ vorkommen, also Erwachsenensprache, die möglicherweise meine Gefühle verletzt. Ich staune.

Denn zunächst ist „Amour“ ja alles andere als ein pornographischer oder auch nur betont sexueller Film. Es geht um die verzweifelte, aufopferungsvolle Liebe zwischen alten Leuten. Und da werde ich schon gewarnt? Welche Art von Filmen könnte ich mir ansehen, ohne solche Warnungen zu bekommen? Außerdem handelt es sich um ein Kunstwerk, einen Autorenfilm klassischen Zuschnitts, wie nicht mehr allzu viele produziert werden, für ein wohl schmaler werdendes Publikum. Wer „Amour“ ansieht, dürfte darum in der Regel wissen, was ihn erwartet. Wer es aber nicht weiß und vielleicht irrtümlich einen Abenteuerfilm mit amourösen Verwicklungen, eine frivole Burleske oder einen Porno erwartet – muss der wirklich gewarnt werden?

Mein Befremden rührt, wie ich mir nun sage, daher, dass ich eine Grenze zwischen Kulturen überschreite: ich bin schließlich dabei, von der etwas robusteren, europäischen in die bekanntermaßen zarter besaitete US-amerikanische Kultur überzuwechseln. Und offenbar hat die europäische Fluglinie – in einer Art von Antizipation oder von vorauseilendem Gehorsam, oder um sich gerichtliche Klagen amerikanischer Passagiere auf amerikanischem Boden zu ersparen – sogar schon innerhalb Europas die US-amerikanischen Standards übernommen. Das ärgert mich ein bisschen: habe ich denn als Europäer in Europa keinen Anspruch auf die mir vertrauten und von mir verteidigten kulturellen Bedingungen und Spielregeln? Muss ich mich hier den puritanischsten US-Amerikanern anpassen?

Andererseits, sage ich mir, überquere ich vielleicht weniger eine Kultur- als eine Zeitgrenze. Was die US-Amerikaner heute schon praktizieren und was uns heute noch seltsam vorkommt, wird schließlich – so wie zum Beispiel die Rauchverbote, die verstärkte Aufmerksamkeit für Hautfarben und die diversen kleinlichen Sprachregelungen – vielleicht morgen schon auch bei uns allgemeiner Standard sein. Dann allerdings empört mich die Sache noch mehr. Meinetwegen sollen die US-Amerikaner, oder wenigstens die stimmungsbildenden Mehrheiten dort, sich in ihren Eigentümlichkeiten ergehen, soviel sie wollen. Aber sie sollen sie bitte nicht auch noch uns aufnötigen. (Freilich muss ich mir sagen, dass auch es auch in Europa Leute gibt, die auf genau so etwas hinarbeiten.)

Aber was ist es, das mir hier so sehr missfällt? Bekomme ich nicht des öfteren Warnungen, die ich nicht unbedingt brauche? Was ist das Besondere an diesem Typ von Warnung? – Nun, zunächst bemerke ich, dass ich ja als Erwachsener vor Erwachsenensprache gewarnt werde. Man erklärt nicht einfach, dass dieser Film erst für Menschen über 18 geeignet ist. (Und ohnehin ist „Amour“ wohl kaum ein Film, den sich Teenager gerne ansehen möchten.) Es wird also mit Selbstverständlichkeit davon ausgegangen, dass nicht alle Erwachsenen in der Lage sind, sich erwachsen zu verhalten und einen Film, dessen Sprache ihnen nicht gefällt, kritisch zu betrachten oder aber sein Abspielen auf ihrem Monitor zu unterlassen. Das scheint mir das Neue und Auffällige an diesem Phänomen, diesem Symptom der aktuellen Kultur, zu sein: die als evident vorausgesetzte Annahme, dass es Erwachsenen nicht zumutbar sei, sich als Erwachsene zu verhalten; dass die Belastbarkeit, die Erwachsenen eignet, nicht von jedem Erwachsenen mehr verlangt werden dürfe.

Nun gut, denke ich mir. Ich bin ja zum Glück belastbar, und hier wird eben einmal für die anderen, die es nicht im selben Maß sind, etwas unternommen. Warum aber regt mich das so sehr auf? – Ich sage mir: meine Wut rührt daher, dass mir dieses Zartgefühl von oben nach unten (denn es sind ja die Autoritäten, die hier zartfühlend auf die Untergebenen einzugehen scheinen) infam vorkommt. Und warum infam? – Nun, weil es in einem auffälligen Gegensatz zu dem steht, was sonst gerade, oder sagen wir, seit gut zwei bis drei Jahrzehnten in dieser Kultur – der Kultur der privilegierten westlichen, kapitalistischen Länder – passiert: der eklatanten Brutalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse. Hier nehmen scheinbar Leute auf Leute Rücksicht, auf die sie im übrigen nicht die geringste Rücksicht nehmen. Und vielleicht hilft ihnen das Erstere ja auch noch beim Zweiteren.

Ich halte mir dazu kurz vor Augen, was eigentlich jeder weiß – aber was man sich vielleicht nicht immer in seiner Gesamtheit, als Panorama vor Augen hält: Neoliberale Austeritätspolitik hat in den letzten Jahren nicht nur reiche westliche Staaten in den Ruin getrieben und alleine in Europa Millionen von Menschen in Arbeitslosigkeit und Armut gestürzt. Sie hat auch vieles, was bislang an zivilisatorischen Standards, Formen erfüllender Arbeit und guten Lebens selbstverständlich war und zum Gemeineigentum zählte, zerstört: Plötzlich fuhren Eisenbahnen in die Irre, Pensionsvorsorge geriet zum Spekulationsgegenstand, Gesundheit und Bildung verfielen einem irrationalen Ökonomisierungsdruck, Arbeiten verwandelte sich zum bullshit-job, Produkte zerfielen vorzeitig dank geplanter Obsoleszenz oder entzogen sich in die Undurchschaubarkeit ihrer ständig wechselnden Benutzeroberflächen, Bürgerrechte fielen umstandslos der Überwachung durch die Geheimdienste (mitunter sogar durch fremde Geheimdienste) zum Opfer, menschliche Grundrechte (wie zum Beispiel die Versorgung mit Trinkwasser) wurden verhandelbar, demokratische Selbstbestimmung opferte man für Freihandelsverträge, und Universitäten wurden zu stressigen, überregulierten Lernanstalten für Menschen, die nur noch tun durften, was man ihnen vorschrieb – und was anhand von Punkten, Zertifikaten und Kennzahlen bürokratisch darstellbar war.

Unter der Führung der USA war diese Politik zugleich extrem aggressiv: der Reihe nach haben die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre diversen Verbündeten innerhalb und außerhalb der NATO bezeichnenderweise gerade vergleichsweise säkulare arabische Staaten wie Irak, Libyen und Syrien im Namen von „humanitarian warfare“ und mit dem Ziel des „regime change“ militärisch angegriffen. Allein die Zahl der Kriegsschauplätze, auf denen die deutsche Bundeswehr gegenwärtig Kampfeinsätze tätigt, mag hier erstaunen – insbesondere angesichts des deutschen Grundgesetzes. Diese Kriegshandlungen, meist anfänglich mit dem Vorwand, an diesen Orten Demokratie zu installieren, gerechtfertigt, hinterließen freilich regelmäßig alles andere als demokratische Verhältnisse. Stattdessen entstanden an den Orten der westlichen „demokratischen“ Interventionen nichts als „failed states“ mit permanentem Bürgerkrieg. Darin zeichnet sich ein neues Muster von Kolonialismus nach dem Ende des kalten Krieges ab: Während im kalten Krieg die beiden großen Machtblöcke NATO und Warschauer Pakt noch vorwiegend daran interessiert schienen, in den ausgebeuteten Regionen der Welt wenigstens halbwegs funktionierende, wenn auch meist diktatorische verbündete Vasallenstaaten zu errichten, produziert der nunmehr weitgehend allein herrschende „freie“ Westen, wo er kann, nur noch Zonen ohne jegliche funktionierende Staatlichkeit: denn so können private westliche Firmen mit diversen lokalen Gangsterbanden offenbar umso besser lukrative Rohstoffgeschäfte tätigen. Man kann dies gegenüber dem klassischen Kolonialismus als eine sarkastische Form von „Postkolonialismus“ betrachten.

Schließlich kann man dieses Bild noch ergänzen durch einen Blick darauf, wie das reichste und mächtigste Land der Welt mit seinen eigenen Bürgern umgeht. Mochten die USA kurz nach dem zweiten Weltkrieg noch als Hoffnungsträger einer Konsumgesellschaft erscheinen, die Wohlstand für alle oder wenigstens viele, und dies in einer baldigen Zukunft auch für Menschen anderer Länder zu versprechen schien, so scheint auch dieses Versprechen kurz nach dem Ende des kalten Krieges entbehrlich geworden zu sein. 2015 lebten 43,1 Millionen Amerikaner unter der Armutsgrenze – das ist ein Satz von 13,5 Prozent. Dazu weist dieses Land – knapp hinter den Seychellen – auch die höchste Rate von Inhaftierungen auf: Auf 100.000 US-Bürger kommen rund 700, die einen Gefängnisaufenthalt verbringen müssen – das ergibt aktuell eine Gesamtzahl von mehr als 2 Millionen Menschen. Der Anfang 2017 aus dem Amt geschiedene Präsident Barack Obama hat diese Zustände in einem programmatischen rechtswissenschaftlichen Aufsatz treffend wie folgt kommentiert:

„Wir können es uns nicht leisten, 80 Milliarden Dollar jährlich für Inhaftierungen auszugeben; 70 Millionen Amerikaner, das ist nahezu ein Drittel aller Erwachsenen, mit irgendeiner Art von krimineller Vormerkung abzuschreiben; 600.000 Häftlinge jährlich zu entlassen ohne ein besseres Programm zu ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft; oder die Humanität jener 2,2 Millionen Menschen zu ignorieren, die sich gegenwärtig in US-Gefängnissen befinden, sowie jener 11 Millionen Männer und Frauen, die jedes Jahr in die US-Gefängnisse kommen oder daraus entlassen werden. Außerdem können wir das Erbe des Rassismus nicht verleugnen, das weiterhin Ungleichheit in die Wahrnehmung des Justizsystems durch viele Amerikaner bringt.“

Der letzte, betont vorsichtig formulierte Satz verweist nicht allein auf den hohen Anteil von Schwarzen in US-Gefängnissen. Auch der Umstand, dass in den letzten Jahren auffallend viele unbewaffnete Schwarze bei Polizeikontrollen ums Leben kamen, mag darin anklingen.
(Angesichts solcher Zustände wird übrigens wohl deutlich, wie fremd und lächerlich den Betroffenen ausgerechnet die Sorge um ihre angemessene Bezeichnung erscheinen muss – und dass diese Sorge folglich nicht die ihre ist. Die Bemühungen um das saubere Bezeichnen kommen nicht von den bezeichneten Gruppen, denn die haben ganz andere Sorgen – und fühlen sich durch diese Sorge allenfalls bevormundet. ) Freilich stehen die reichsten europäischen Länder in manchen solcher Statistiken der Schande nicht weit hinter ihrem großen Vorbild zurück. Dass in Deutschland, dem reichsten Land der europäischen Union, 15 Prozent der Bevölkerung in Armut leben, und damit jedes fünfte Kind, wirft ein ähnlich bezeichnendes Licht auf die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

So lassen sich, in aller Kürze und Grobschlächtigkeit, die – ihrerseits groben – Entwicklungen der westlichen sowie der westlich dominierten Welt zusammenfassen, die seit dem Ende des kalten Krieges möglich und wirklich geworden sind. Ohne Resignation, aber in aller gebotenen Schonungslosigkeit müssen wir uns heute die Wirkungen des sogenannten Neoliberalismus vor Augen halten: Nicht nur haben die führenden Mächte der westlichen, kapitalistischen Welt den Anspruch aufgegeben, andere Länder unter ihrer Hegemonie, wenn auch vielleicht mit Verzögerung, in den Wohlstand zu führen. Sie haben sogar im jeweils eigenen Land das Versprechen preisgegeben, mithilfe eines „Fahrstuhleffekts“ im Zug wachsenden Wohlstands auch die ärmeren Klassen mit nach oben zu ziehen. Die „Kurve“ des Ökonomen Simon Kuznets hatte dies in der Zeit des kalten Krieges hoffnungsvoll prophezeit: „Growth is a rising tide that lifts all boats“. Dies schien sich anfänglich zu bewahrheiten. Tatsächlich führte in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg der wirtschaftliche Aufschwung der kapitalistischen Länder zu einer beträchtlichen Reduzierung gesellschaftlicher Ungleichheit, so dass das oberste, reichste Zehntel der Bevölkerung schließlich nicht mehr als 30 bis 35% des nationalen Einkommens bezog. Seit den 1970er Jahren jedoch geht diese Schere wieder auseinander.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts hat die gesellschaftliche Ungleichheit wieder die Ausmaße angenommen, die sie in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgewiesen hatte. Das oberste Zehntel verdient jetzt wieder 45-50% des nationalen Gesamteinkommens. Aufgrund von Deindustrialisierung und Kürzung von Sozialleistungen finden Arbeitslose und prekär Beschäftigte nicht mehr aus der Armutsspirale heraus. Und selbst wenn die Wirtschaft wächst, produziert sie keine zusätzlichen Arbeitsplätze mehr. Die sogenannte Globalisierung nützt, entgegen den anfänglich geweckten Hoffnungen, wie immer offensichtlicher wird, nur den privilegierteren Teilen der privilegierten Gesellschaften. Nach dem im Jänner 2017 veröffentlichten Bericht der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam besitzen nun 8 Reiche genau so viel wie die ärmsten 50 Prozent der Menschen. Ihr Anteil am globalen Vermögen beträgt 0,2 Prozent. Und das reichste Prozent der Weltbevölkerung verfügt über 50,8 Prozent des weltweiten Vermögens – es besitzt mithin mehr als die restlichen 99 Prozent der Menschen.

Die Weltgesellschaft spaltet sich, wie Alain Badiou (übrigens noch anhand etwas älterer, geringfügig optimistischerer Zahlen) anschaulich zusammenfasst, nun grob in drei Teile:

Die reichsten 10 Prozent besitzen 86 Prozent der verfügbaren Ressourcen. Die globale Mittelschicht, 40 Prozent der Menschen, fast ausschließlich in westlichen Ländern beheimatet, besitzt 14 Prozent; die übrigen 50 Prozent besitzen so gut wie nichts.

Quelle: Die totale Manipulation

Robert Pfaller, Jahrgang 1962, studierte Philosophie in Wien und Berlin und ist nach Gastprofessuren in Chicago, Berlin, Zürich und Straßburg Professor für Kulturwissenschaften und Kulturtheorie an der Kunstuniversität Linz. Von 2009 bis 2014 war er Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst Wien. Weitere Informationen unter www.robert-pfaller.com.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert.

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Ein Regierungspräsident i. R. versucht den Ruf unseres Landes zu heilen – mit einem sehr guten Brief nach Wolgograd

Mittwoch, 07.02.2018, 23:40:24 :: Galanado

Aus den Nachdenkseiten vom Mittwoch, 07.02.2018

Die meisten NachDenkSeiten-Leserinnen und Leser werden davon unterrichtet sein, dass unsere amtierende Regierung und der Bundespräsident ausgesprochen schäbig mit dem Gedenken an das Ende der Schlacht um Stalingrad und die vielen Opfern, Russen wie Deutsche und Menschen aus anderen Völkern umgegangen sind. Zum 75. Jahrestag am 2. Februar ist kein offizieller deutscher Vertreter in Wolgograd erschienen. Erstaunlich viele deutsche Medien haben sich über die Gedenkfeiern in Russland eher mit Spott als mit Sympathie und Trauer hergemacht. Der frühere Regierungspräsident von Braunschweig Karl-Wilhelm Lange, lange auch Präsident des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge, hat an die ihm aus der Zusammenarbeit bekannte Museumsdirektorin Valentina Sorokoletova einen Brief geschrieben, den zu lesen und zu verbreiten wirklich lohnt. Albrecht Müller.

Karl-Wilhelm Lange
Beethovenstraße 25
34346 Hann. Münden

3. Februar 2018

Regierungspräsident i.R.

Wolga-Don-Kanal-Museum
Frau Museumsdirektorin
Valentina Sorokoletova

Volgograd. Russia 400082

Liebe Valentina,

heute vor 75 Jahren kapitulierten die Reste der 6. Armee unter General Paulus in Stalingrad nach monatelangen schweren Kämpfen, bei denen auf beiden Seiten fast 500.000 Soldaten, Zivilisten – auch viele Kinder unter ihnen – ihr Leben verloren. Ich wäre heute gern bei Euch, unter den Zehntausenden gewesen, die sich zum Trauern und Gedenken in Wolgograd versammelt haben. Denn ich weiß um die Gefühle der Veteranen und Veteraninnen, die an diesem Tage nicht nur einen Sieg über die deutschen Aggressoren feiern, sondern sich auch an das Leiden, an das Sterben und den Tod erinnern, der keinen Unterschied machte zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen Frauen und Kindern und auch nicht zwischen Russen und Deutschen.

Du hast zahlreiche Briefe der jungen deutschen Soldaten aus dem Wolgograder Militärmuseum veröffentlicht, die ihren sicheren Tod vor Augen einen letzten Gruß an ihre Mutter richteten, Briefe die die Heimat nicht mehr erreichten. Ihre Abschiedsworte klingen in ihrer Trauer, ihrem Mut und in ihrem Trost für ihre Mütter nicht anders als die Briefe ihrer russischen Kameraden, die ebenso unschuldig in diese Kämpfe gezogen waren und ihr Leben opferten, weil der militärische Befehl ihnen keine andere Wahl ließ.

Und ich erinnere mich an die vielen Gespräche mit russischen Generälen, Offizieren und einfachen Soldaten, die ihren deutschen Gegnern mit Respekt begegneten und ihnen die Hand zur Versöhnung reichten, weil sie sehr wohl zu unterscheiden wussten zwischen der faschistischen Führung unter Adolf Hitler und seiner Aggression gegen die Sowjetunion und den deutschen Soldaten und dem deutschen Volk.

Ich fühle mich an diesem Tag in tiefer Trauer Dir, den Wolgogradern und den Veteranen verbunden, erinnere mich an unsere Zusammenarbeit beim Bau der Soldatenfriedhöfe in Wolgograd/Rossoschka und bin dankbar für die Brücken der Versöhnung, die wir hier für unsere beiden Völker geschaffen haben, Brücken auf denen wir uns – Alte und Junge – begegnen konnten, uns umarmten und gelobten, dass Nichts und Niemand uns jemals wieder von diesem Weg der Versöhnung, des Friedens und der Zusammenarbeit würde abbringen können.

Die Ansprache von Präsident Putin im Jahre 2001 vor dem deutschen Bundestag, dessen Mitglieder ihm für diese große Rede zu den deutsch-russischen Beziehungen im gerade begonnenen 21. Jahrhundert stehend dankten, bildete den symbolischen Eckstein dieser neuen Friedensordnung zwischen unseren Völkern und für Europa. Für uns schien sich damals ein Traum zu erfüllen.

Doch heute, am 75.Jahrestag der Schlacht von Stalingrad stehen wir vor den Trümmern dieses allzu kurzen Traums, mitten in einem neuen kalten Krieg, der allein den Interessen der USA/NATO dient und die Kräfte der Versöhnung, des Friedens und der Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland durch Hochrüstung, durch Manöver an der Grenze zu Russland sowie durch wirtschaftliche Sanktionen zu zerstören versucht.

Trotz alledem, liebe Valentina, wollen wir nicht verzweifeln, sondern an unserem Traum festhalten und mit allen Kräften dafür arbeiten, dass die Kräfte des Friedens und der Versöhnung den Sieg erringen werden über diese aus den Tiefen der Hölle wieder hervorgestiegenen Gespenstern der Vergangenheit. Zu dieser beharrlichen Arbeit verpflichten uns die Erinnerung an die Schlacht und die Soldatenfriedhöfe in Stalingrad, das Gedenken an die Millionen Opfer des Großen Vaterländischen Krieges und unsere Verantwortung für die jungen Menschen in unseren Völkern, die unser politisches Wirken zu Recht eines Tages vor Allem daran messen werden.

In Freundschaft und Verbundenheit sowie mit herzlichen Grüßen an alle Freunde in Wolgograd

Dein Karl-Wilhelm

Quelle: Nachdenkseiten – http://www.nachdenkseiten.de/?p=42290

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Pírgos Bellonia und die Kirche Agios Ioannis

Sonntag, 07.01.2018, 23:03:37 :: Galanado

Hier auf Naxos ist der Frühling ausgebrochen. Es ist grün, mild, sonnig. Es blüht. Und die Feste jagen sich. Heute zum Beispiel ist Namenstag einer Kirche oberhalb von Galanado, auf die wir seit drei Jahrzehnten neugierig waren: Die Doppelkirche beim Pírgos Bellonia.

Ein Pírgos ist ein venezianischer Wohnturm. Von diesen gibt es auf Naxos viele, allerdings in unterschiedlichem baulichen Zustand. Die Ägäischen Inseln mit Hauptsitz Naxos waren über 300 Jahre Venezianisches Herzogtum. Und noch ein paar Wort zu den Festen zum Namenstag des Namensgebers der Kirchen. Sie beginnen stets mit der Liturgie, der mehr oder weniger andächtig gelauscht wird. Da bei den kleinen Kirchen nicht alle im Kirchenraum Platz finden, stehen die meisten draussen und unterhalten sich. Zuweilen tauschen sie die Plätze ausserhalb mit einem in der Kirche. Und die Kinder tollen vorzugsweise draussen herum, immer wieder liebevoll von Eltern oder Grosseltern ermahnt …

Mit dem nahende Ende der Liturgie beginnen insbesondere die Frauen mit dem Auspacken des mitgebrachten Essens, denn hernach wird es gemütlich: Es gibt deftige Fleischteile, Käse, Wein und was so gebacken wurde. Derweil rennen immer mehr Kinder mit einem grossen Stück des mittlerweile geweihten Weissbrots herum, das nach einer kleinen Weile alle in Händen halten. Mit Ende der Liturgie strömen alle zum Essen, dem sich auch der Pfarrer anschliesst, nachdem er ein paar Worte mit mir gewechselt, einige Fotos mit seinem Handy gemacht hat – er kennt wohl mich aber diese Kirche offensichtlich auch nicht – und ein wichtiges Telefonat geführt hat.

Aber zurück zum Pírgos und der Kirche selbst. Das Ensemble besteht aus zwei sehr unterschiedlichen Teilen. Die Kirche Agios Ioannis stammt aus dem 13. Jahrhundert, der Pírgos wurde um 1600 daneben errichtet. Das jedenfalls berichtet uns Naxos.net als eine der kargen Quellen. Beide liegen heute in einem grossen Garten rund um Pírgos und Kapelle an der schon lange asphaltierten Strasse nach Tripodes.

Das Ganze sah 1984 so aus …

… und wurde im Reiseführer von Christian Ucke von 1984 so beschrieben:

Soweit ich mich erinnern kann, wurde der Pírgos Bellonia in den Neunzigerjahren renoviert und erhielt so seine heutige Gestalt.

Auch die Doppelkirche Agios Ioannis wurde instand gesetzt. Da sie heute Namenstag hat, haben wir Gelegenheit, Blicke in den Wohnturm und die Kirche zu werfen. Normalerweise sind wir auf den Festen zum Namenstag der Kirchen von Galanado (es sind mehr als zehn!) immer dabei, wenn wir es rechtzeitig von Popi, unserer Vermieterin, erfahren. Bei dieser nun war es heute das erste mal.

Mit den Doppelkirchen, deren es in der Ägäis, so auf Naxos – auch oben im Kastro – viele gibt, hat es eine einfache Bewandtnis: Die Venezianer brachten den römischen Katholizismus auf die orthodox geprägte Insel. Wenn ein Venezianer sich eine Naxiotin zum Weibe nahm, so beteten sie beide zwar in derselben Kirche aber er im linken Kirchenschiff und sie im rechten.

Die Orthodoxie hat aber in der Agios Ioannis heute eindeutig die Oberhand.


Die linke Seite katholisch, rechtes orthodox


Blumenumkränzt und mit seinem eigenen Kopf auf dem Teller: Johannes der Täufer

Der Innenraum ist weiss gestrichen, auch die einzige tragende Säule zwischen den Schiffen. Dadurch hat sie die Produktion von Stalaktiten und Stalagmiten einstellen müssen, ebenso kam die Tropfsteinbildung an den undichten Stellen an der Decke und an den Fenstern solcherart zum Stehen.

Aussen finden wir die Insignien der Crispis und den offenbar neu eingesetzten venezianischen Löwen; dazu gleich mehr.

So. Und jetzt wird es kompliziert. Ich werde mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass man die Platte mit dem Löwen hier irgendwo im Garten gefunden hätte und dass sie erst vor kurzem von kundiger Hand hier in die Wand eingesetzt wurde. Wer nun den Löwen hier mit dem in Uckes Beschreibung oben vergleicht, stellt fest, dass letzter seitenverkehrt ist. Das wäre noch verzeihlich. Aber Uckes Beschreibung stammt aus dem Jahre 1984. Wie also nun? Vielleicht kläre ich das irgendwann, jetzt bleibt offen, welche Bewandtnis es mit dem venezianischen Wappentier hat.

Ioannis wer?

Johannes, der Vorläufer und Täufer

Diese Frage ist bei Ioannis, zu Deutsch natürlich Johannes, immer zu stellen, denn es gibt mehrere. In diesem Fall handelt es sich um Johannes den Täufer, nicht um den Theologen beziehungsweise Jünger und Namensgeber des namensgleichen Teils im Neuen Testament. Der hat auf Naxos natürlich auch seine Heimatkirchen, zum Beispiel diese:


Das Kirchlein hat einen Anbau, der als Ölmühle diente


Der Innenraum trägt noch die alten Fresken

Sie steht in einem Olivenhain nördlich von Filoti. Aber ich schweife ab. Das geht fast immer so: Sobald man die erste Frage stellt, kommen immer neue hinzu. Kehren wir also zurück zu unserer Täuferkirche und dem Pírgos Bellonia.

Ein Blick in den Wohnturm …


Zum Obergeschoss geht es durch eine Falltüre


Im Wohnraum findet sich eine Sammlung schöner Keramik

… und in die Umgebung


Der Garten


Unterhalb des Gartens liegen Terrassen


Im Hintergrund immer die Insel Paros

Links:

  • Ορεινός Αξώτης liefert in einem Beitrag vom Juni 2017 weitere Erklärungen in Griechisch sowie einige interessante Bilder.
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6. Januar: Epiphanias

Samstag, 06.01.2018, 23:59:39 :: Galanado
Donnerstag, 11.01.2018, 21:32:12 :: Galanado

Den 6. Januar kennen wir in Deutschland vorzugsweise als »Dreikönig«, nicht nur wegen des traditionellen Dreikönigstreffens der FDP im Grossen Haus in Stuttgart. Aber die Sternsinger oder die eigentliche Bescherung der Kinder an diesem Tag wie in Spanien findet man hier nicht.

Die Griechische Orthodoxie feiert hingegen Epiphanias, die »Erscheinung des Herrn«. Dabei hat der Herr seit der hellenistischen Zeit in Ägypten, also Jahrhunderte vor Christi Geburt, bis ins vierte Jahrhundert ständig gewechselt: Vom Ägyptischen Sonnengott Aion über die Römischen Kaiser bis eben zu Jesus von Nazareth, den die (letztlich doch weltlichen) Herrscher in den christlichen Kirchen als den letztgültigen Herrn durchgesetzt hatten.

Mit der Feier der Taufe Christi ist auch eine Wasserweihe verbunden sowie das Zurückbringen des vom Priester ins Meer geworfene Kreuz. All das an den verschiedensten Orten, in den verschiedensten Varianten.

Moutsouna

Wir waren diesmal nicht im Hafen der Chora sondern im kleinen Fischerdorf Moutsouna auf der Ostseite der Insel. Es ist der letzte Hafen, von wo aus der Naxische Schmirgel verschifft wurde, davon künden mittlerweile fast nur noch die letzten Schienenstücke und die beiden Ladekräne auf der Pier.

In Moutsouna ist im Winter nun gar nichts los, was wir schätzen, denn wenn wir nachmittags dorthin zum Essen kommen, dann haben wir in aller Regel das einzige kleine Zimmer mit Kaminfeuer und drei Tischen ganz für uns alleine. Nicht so heute.

Als wir gegen 10.30 Uhr ankommen, liegt der Hafen verlassen, nur sehr wenige Menschen sitzen im Café am Ende der Mole. Aber innerhalb kurzer Zeit kommt ein Auto nach dem anderen, während auch wir uns einen Kaffee genehmigen.

Kinder beginnen freudig krakelend herumzurennen und werden von streng wachenden Eltern am Spielen im Sand gehindert, den die letzen Regenfälle abgeliefert haben.

Die Zwei hier sind spielend und malend ganz bei der Sache, auch wenn sie immer wieder einen interessierten Blick auf die anderen werfen.

Die Zeremonie beginnt

Irgendwann steht dann dieser Tisch mit dem grossen silberfarbenen Pokal draussen auf der Pier …

… und die mittlerweile stattliche Menschenmenge wandert dort hinaus, wo dann der Priester, dichtumringt von all den Menschen, den Pokal aus zwei mitgebrachten Platikflaschen mit Wasser füllt, seine Liturgiebücher aufschlägt und zurechtlegt, sich die zeremonielle Schärpe überstreift und eben die Liturgie zelebriert.

Teil der Zeremonie ist das »Baden« eines Kreuzes im Wasser, das dadurch wohl den himmlischen Segen erhält.

Gegen Ende steht dann ein vollmotivierter junger Mann in T-Shirt und Hose bereit, um ins Wasser zu springen und das mittlerweile dort hinaus geworfene Kreuz (es schwimmt!) mit kräftigen Armschlägen zu holen und wieder an Land zu bringen. Das wiederholt sich noch zweimal und dann ist wohl genug.

Vom Wasser des Pokals wird nun ausgeschenkt, viele tragen das geweihte Wasser mit sich zurück zum Café und zum »Apanemi«, dem Fischrestaurant, in dem wir uns schnell zwei Tische sichern, denn wir sind ja zu sechst. Auch der Priester hat seine Sachen zusammengepackt und geht zurück zum Auto und dann zum Essen.

Vom gegrillten Gemeinschaftsfisch bleibt nur was für die Katzen übrig.

Nachklang

Bei diesem herrlichen Wetter geniessen wir natürlich auch die Rückfahrt über die Berge, werfen einen Blick auf Filoti und hinüber nach Paros und darüber hinaus.

und beenden den Tag bis zum Sonnenuntergang bei Cappuccino und Kitron im Café … – richtig: Kitron

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Jahresbrief 2017 – Annual Letter 2017

Die Bucht von Pylos, Peloponnes

Nordufer der Bucht von Navarino (Pylos)

Montag, 25.12.2017, 16:32:11 :: Galanado

Rückblick zu halten wird mit den Jahren immer wichtiger. Zumindest subjektiv, denn die Wegstrecke hinter einem wird immer länger, während man vor sich doch das Ende weiss, wenn man ehrlich ist.

Aber auch objektiv ist es hilfreich, kann man doch dabei ableiten und bestimmen, was noch nicht getan ist von all dem, was man sich so ausgedacht und erträumt hat. Und was man definitiv falsch gemacht hat.

Nicht zuletzt rühren daraus auch sehr häufig all die guten Vorsätze für’s Neue Jahr, von denen wir wissen, dass sie schneller vergessen als gefasst sind.

Also …

… hier ist unser Jahresrückblick, den Lis wieder mit vielen Bildern in ein PDF gepackt hat. Es gibt zwei Versionen:

  1. die mit den »schönen«, sprich hochaufgelösten Bildern. Sie ist für die Mitmenschen, die genügend Geduld aufbringen, die lange Ladezeit abzuwarten; 106 MB sind durch’s Internet zu ziehen und das kann dauern
  2. die Version für eher reine Leser, die auf Bildqualität (zunächst) verzichten können und wollen. Sie werden mit 6 MB nicht allzu lange warten müssen

In jedem Fall: Viel Freude beim Lesen.

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