* Rund Europa 2016 (3), 21. Tag: Soroca – Todireşti (Kischinau)

Sonntag, 11.09.2016, 22:53:46 :: Todireşti, »Motel SV«

Es ist Sonntag Morgen und wir sitzen vor dem Hoteleingang beim Frühstück, sozusagen im Gartenrestaurant. Das ist der großzügige frisch gepflasterte Fussweg, bestuhlt von der Brauerei, die das Flüssige liefert.

Auf dem Platz ist wieder emsiges Markttreiben, ein sonntägliches Verkaufsverbot existiert hier selbstverständlich nicht. Was denken die Markfrauen, die eifrig ausbreiten, anbieten, umstellen wohl über uns, die wir hier gewissermassen in der Loge sitzen und uns das Spektakel ansehen? Lis kauft Trauben und wir werden mal wieder daran erinnert, wie Trauben schmecken können – sollten.

Auch das andere deutsche Paar sitzt nach beendetem Frühstück noch da. Wir unterhalten uns darüber, was wir denn heute jeweils so vorhaben. Überraschung: Sie fahren zurück nach Kischinau, übernachten da und fliegen morgen zurück nach Deutschland. Wir verabreden uns im Hotel, das wir heute auch ansteuern wollen.

Etwas Historische Geografie

Wir sind ja in Bessarabien unterwegs, der historischen Landschaft zwischen Pruth und Dnister.

Das Gebiet ist nahezu identisch mit dem heutigen Moldawien beziehungsweise der Republik Moldova. Es war das Puffergebiet zwischen Habsburg, Russland und dem Osmanischen Reich.

So ähnlich ist es auch geblieben, lediglich die Osmanen sind entfallen: Moldawien war Teil der Sowjetunion und ist es zum kleineren Teil gewissermassen immer noch, nämlich mit Transnistien (das aber nie Teil Bessarabiens war, da trans-, also östlich des Dnister gelegen) und für Habsburg in »der Westen« in die Bresche gesprungen. Bis auf – dazu erst später mehr; es ist alles nicht so einfach mit »wem gehört was, wer wohnt wo, wer ist wo Minderheit, aber zuhause?«. Und vor allem: Auch an Moldawien zerren wie in der Ukraine, dem unmittelbaren Nachbarland, im Westen die USA/EU und die NATO und im Osten Russland.

Alle Karten: Wikipedia

Moldawien ist das ärmste Land Europas und fest im Griff der korrupten Eliten, die einen angeblich pro-westlich, die anderen pro-russisch, in jedem Fall wie in der Ukraine: Pro-selbst.

Unsere Fahrt geht durch eine in unendlich langgestreckten Wellen daliegende Landschaft, wenige Siedlungen, immer weniger Wälder, aber Felder und Brachen bis zum Horizont. Es wird immer mehr wie Steppe. Richtige Steppe wird es dann erst ganz im Süden, im Budschak, den wir in zwei bis drei Tagen erreichen werden; dann sind wir wieder in der Ukraine, an der Donau und am Schwarzen Meer.

Nüsse für Deutschland

Und fast immer diese Alleen von Walnussbäumen. Wahrscheinlich essen viele von uns die Kerne auch in Deutschland.

…an den Nusserzeugern nehmen, die ihre Waren längst im großen Stil in die EU verschicken. „Ich produziere nur für den Export nach Westen“, sagt der Walnussbauer Ion Cuhal. Rund 300 Tonnen Walnüsse – ganz, halbiert, gemahlen – exportiert sein Unternehmen jährlich allein nach Deutschland, 30 Prozent davon in Bioqualität. Das russische Embargo trifft ihn nicht.

ostpol

Da sind sie wieder!

Irgendwann überholen wir einen Nachzügler und kurz darauf haben wir sie alle eingeholt: Die Friedensläufer sind auf dem Weg von Soroca nach Orhei (viele Bilder!) und Kischinau – genau wie wir. Eskortiert von der Polizei rennen sie in dieser Hitze durch die Landschaft.

Ach ja. Diese hervorragende Strasse. Wer die wohl (mit) bezahlt hat?

»Strassensanierung gefördert durch das amerikanische Volk«

Wie in Albanien und anderswo in Europa, wo das amerikanische Militär gute Strassen braucht, da bauen sie (mit). Wir haben das immer wieder erlebt. Mehr über die MCA/MCC

Um sich für MCA-Mittel zu qualifizieren muss ein Kandidatenland bei mindestens der Hälfte der Indikatoren in jeder Kategorie über dem Median liegen. Der Median für Korruption ist dabei besonders wichtig. Liegt ein Land bei diesem Indikator unter dem Median wird es dadurch automatisch für MCA-Mittel disqualifiziert. Auf diese Weise sollen nur Länder gefördert werden, die ihre Bereitschaft zu Reformen, einer guten Wirtschaftspolitik und Good Governance gezeigt haben.

Wikipedia

Da kommen doch Zweifel auf…

Und wir wären dann wieder bei der derzeit so beliebten Frage, wer journalistisch ausgewogen, steril oder propagandistisch berichtet. Aber das soll jetzt nicht weiter verbreitert werden; man kann sich ja informieren – wenn man will.

»Wussten Sie schon? Gott liebt dich!«

Das fällt auch auf: »Freigeistige Kirchen«, immer wieder werben sie um »Kundschaft« im ansonsten ja – auch durchaus modernen – orthodoxen Umfeld.

»Pizzeria Mary«, wo wir preiswert essen.

Und was wäre die Landschaft ohne ihre Brunnen, immer wieder anders…

Das Senfle wird eingeseift

In Orhei entdecken wir direkt an der Strasse ein grosse Waschanlage und das ist die Gelegenheit, endlich den Staub der letzen x-tausend Kilometer loszuwerden. Und so erstrahlt das Senfle wieder wie neu – von aussen jedenfalls.

Kischinau

Der Verkehr nimmt nun massiv zu, die Hauptstadt naht.

Wir geben ja Kischinau heute eine zweite Chance. Um es kurz zu machen: Die Stadt hat wieder nicht bestanden. 2010 waren wir, von Rumänien her kommend, nach Moldawien gereist und hatten mit dieser Stadt dasselbe Problem auch damals schon.

Einschub: Ich stelle gerade fest, dass die ganzen Reisetage noch nicht dokumentiert sind – eine Schande nach sechs Jahren…!

Jedenfalls: Als wir das Hotel endlich sowohl gefunden als auch durch ein Riesengewirr von Baustellen erreicht haben ist es belegt, aus unserem Treffen heute wird also nichts.

Alle weiteren Hotels sind entweder völlig überteuert oder existieren nicht (mehr). Die aggressiven Autofahrer, der Dreck, der Lärm – wir geben auf und fliehen, wie 2010 auch, weiter nach Süden. Ich denke noch: Albanien ist eine Vorzeigestube dagegen. Und auch das Zitat passt durchaus:

2015 hat der jetzige Bürgermeister von Chişinău (Vize-Vorsitzender der rechten Liberalen Partei) die Wahlen zum dritten Mal gewonnen, dadurch dass er seine gesamte Wahlkampagne hindurch gegen russische Panzer wetterte. Gleichzeitig sieht die Stadt seit geraumer Zeit so aus, als würden hier Straßenkämpfe stattfinden.

ostpol

Die Karten unseres Navi auf dem iPhone haben uns in den letzten Jahren auch in schwierigen Situationen und Gegenden nur selten im Stich gelassen – hier versagen sie völlig für eine Strecke, die einfach zu fahren gewesen wäre. Aber wir landen in einem trockenen Bachbett, irgendwo am Bahndamm und fahren mehr als sechs Kilometer mal wieder halsbrecherisch ins Ungewisse.

Wir wissen nicht, ob wir nicht besser umkehren sollten. Aber wenn das Navi sagt, das geht… Und es geht, am Ende sind wir wieder auf sicherem Boden und treffen nach einigen wilden Gekreuze auf ein Motel, Teil einer russischen Freizeitanlage. Da ist kein Zufall, russisch ist hier in Moldawien allgegenwärtig.

Prächtige Ausstattung wird uns geboten, rot-braun-gold, dickte Teppiche und – stinkendes Duschwasser. Aber ein Freischwimmbecken, Eintritt 100 Leu, also 4,50 € für uns beide. Das entschädigt erst mal für alles.

Für’s Abendessen wird es dann knapp, wir haben nur noch 250 Leu, also etwas mehr als 10 €. Ein Bankomat? Ja, in Kischinau, 25 bis 30 km zurück…

Aber auf Anfrage, was sprachtechnisch schwierig ist, denn nur ein junger Mann ist des Englischen einigermassen mächtig, nehmen sie auch Euro. Damit ist das Abendessen finanziell gerettet und wir können morgen auch frühstücken. Was die Küche allerdings noch anzubieten hat am Ende einen wohl tollen Wochenendes ist mager, hält uns aber am Leben.

Die Anlage ist mittlerweile komplett leer, der Sonnenuntergang als letztes Schauspiel beendet, wir sind die einzigen Gäste. Wie gesagt, es ist Sonntag Abend, das heisse Wochenende hier, ist zu Ende. Dass dem so sein muss, zeigen die endlosen Bildergalerien in Facebook…

Das erfahren wir aber erst wesentlich später, denn es gibt kein funktionierendes Internet. Das heisst, es gibt einen starken Router. Aber niemand weiss das Passwort.

Links:

  • 2017-01-18 Republik Moldau: Bemerkenswerte Neuigkeiten :: Igor Dodon, der neue Präsident Moldaus, schwenkt sein Land von einer Ausrichtung, die als „pro-westlich“ bezeichnet wird auf eine neutrale Position.

    Dodon ließ mit seinem Amtsantritt Ende Dezember 2016 die EU-Flagge von der Residenz des Staatsoberhaupts abnehmen. Die Sprache des Internetportals des Präsidenten wird nicht mehr als Rumänisch bezeichnet, sondern als Moldauisch. Dieses wird auch in der Verfassung des Landes als Staatssprache bezeichnet.

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* Rund Europa 2016 (3), 20. Tag: Soroca, Stadtrundgang

Samstag, 10.09.2016, 23:50:23 :: Soroca, Hotel Central
Sonntag, 11.09.2016, 22:57:03 :: Todifesti
Mittwoch, 18.01.2017, 21:44:01 :: Galanado

➜ Mohyliv Podilskij – Soroca

Ich muss zugeben, dass wir nicht weit herum gekommen sind – so im Nachhinein. Als wir wieder am Hotel waren, fanden wir, dass es genug war. Aber der Reihe nach.

Es ist Samstag Nachmittag, es wird langsam etwas kühler, als wir hinunter zum Ufer des Dnister schlendern. Die Stadt sieht traurig aus, was uns nicht erstaunt aber irgendwie deprimiert. Auch frech bemalte Gebäude täuschen nicht darüber hinweg: Hier herrscht die Armut.

Es ist eine herbstliche Stimmung, weil die Kastanien alle abgestorbene Blätter tragen.

Die Treppen, die hinunter zur Promenade oberhalb des Flusses führen, drücken eigentlich alles aus, was diese Gegend beschreibt.

Aber der Blick über den Fluss, hinüber in die Ukraine ist so friedlich, dass einen das wieder aufmuntert und versöhnt.

Auf der Promenade begegnen wir nur wenigen Menschen. Erst in der Nähe der Festung findet das Leben statt: Ein Kinderspielplatz und – es ist wie gesagt Samstag – mindestens drei Hochzeiten; die Paare brauchen die Festung als Hintergrund…

Das Schild demonstriert, dass die EU doch immer wieder Nützliches zuwege bringt: Hier das sie die drei Anrainerländer Moldawien, Rumänien und die Ukraine mit Zuschüssen zur Zusammenarbeit gebracht; die Restauration der erwähnten Festungen ist in der Tat gelungen.

Vor dem Tor parken VW-Busse der Friedensläufer, sie sind mit der Fackel in der Festung als wir in den Innenhof gelangen und drücken Lis das Teil in die Hand. Es geht alles so schnell, dass mir das einzige Bild von der völlig überraschten Friedensläuferin nicht so recht gelingt.

Aber wozu auch? Die Organisatoren haben auf ihrer Webseite ausreichend für die Dokumentation des Ereignisses gesorgt.

Der Peace Run wurde 1987 von dem Friedensvisionär Sri Chinmoy ins Leben gerufen. Als Sportler, Schriftsteller, Dichter, Künstler und Musiker widmete er sein ganzes Leben der Förderung globaler Freundschaft und des Friedens. In Anerkennung seines Wirkens erhielt Sri Chinmoy (1931 – 2007) unter anderem den «Pilger des Friedens»-Preis von Assisi, der auch Mutter Teresa und Michail Gorbatschow verliehen wurde.

Der Peace Run wird von einem Team ehrenamtlicher Helfer organisiert und finanziert. Partner in Gemeinden und Städten stellen meist Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung. Der Lauf ist politisch unabhängig und sammelt keine Spenden.

Webseite

Es ist schon ein imposantes Bauwerk, auch wenn der äußere Durchmesser nur 37 Meter beträgt. Dafür sind die Umfassungsmauern 3,5 Meter stark und an der Außenseite bis zu 25 Meter hoch.

Und der Ausblick ist so was von friedlich, wo die Festung doch ganz sicher blutige Zeiten erlebt hat.

Im 12. und 13. Jahrhundert gab es in Soroca eine Furt über den Fluss, die Händler aus Genua kontrollierten. Sie nannten ihre Festung Olchionia (Olihonia oder Alciona). Im Fürstentum Moldau (um 1350–1538) war die Festung von großer strategischer Bedeutung zur Sicherung der Ostgrenze gegen die Tataren. Unter dem moldauischen Fürsten Ștefan cel Mare (reg. 1457–1504) war die Festung ein quadratischer hölzerner Bau am Flussufer. Beim Dorf Lipnic im nördlich gelegenen Rajon Ocnița besiegte 1469 oder 1470 das moldauische Heer Ștefan cel Mares die unter dem Kommando von Akhmat Khan angreifenden Wolga-Ural-Tataren der Goldenen Horde. Beide Seiten verzeichneten hohe Verluste. Der Name Soroca wird 1499 in Dokumenten erstmals erwähnt.

Wikipedia

So langsam geht die Sonne unter, die Hochzeitsgesellschaften ziehen sich ins nahe gelegene Festlokal zurück, die Friedensläufer packen ihre Siebensachen und fahren los, ja selbst die Ziegen kehren heim – da machen uns eben auch auf den »Heimweg«.

Nachfolgend ein paar Impressionen, eingefangen auf der Strasse der Unabhängigkeit, auf dem Weg zurück zum Hotel…

Moldawien an der Seite Russlands in Afghanistan…

…wo der Markbetrieb verschwunden ist und wir uns zum Essen vors Hotel setzen und mit einem deutschen Paar am Tisch gegenüber ins Gespräch kommen. Sie reisen ähnlich, nur: Sie fliegen in die Hauptstädte und tingeln dann mit dem Mietwagen für mehrere Tage durchs Land. Und das schon in mehr als hundert Ländern, wie sie berichten.

Google Fotogalerie

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* Rund Europa 2016 (3), 20. Tag: Mohyliw-Podilskij – Soroca

Samstag, 10.09.2016, 23:50:23 :: Soroca, Hotel Central
Sonntag, 11.09.2016, 22:57:03 :: Todifesti
Dienstag, 17.01.2017, 19:23:28 :: Galanado

Wir haben einen herrlichen Morgen auf der Terrasse zum Frühstück: Sonne, viele Kinder, oft mit den Eltern sind unterwegs, es muss wohl irgendein Schulereignis sein, dass sie so in Scharen an uns vorbei treibt. Wir haben Zeit heute: Bis Soroca sind es nur ca. 70 Kilometer.

Wenig später fahren wir los und suchen den Übergang über den Dnister und damit den Zoll. Vorbei geht es an Strassenhändlern, grauenhaften Wohnblocks, auf der Seite immer begleitet von den Fussgängern des »Kleinen Grenzverkehrs«. Den gibt es überall im Osten, zu stark sind die familiären Bindungen und die gegenseitige wirtschaftliche Verflechtungen. Sichtbar wird das vor allem dann, wenn Flüsse die Grenze bilden. Oft dürfen Fremde solche Übergänge gar nicht nutzen: Fussgänger und Radfahrer, sonst nichts.

Wir fahren an der LKW-Schlange vorbei, leider gegen die grelle Morgensonne…

…finden endlich auch den Holperweg zum ukrainischen Grenzposten und passieren ihn locker. Jetzt noch über die vergitterte Brücke und wir sind in Otaci auf der anderen Flussseite. Die freundlichen Zöllner drängen darauf, eine Vignette zu erwerben, ein administrativer Akt der Oberklasse; jedenfalls wird schlussendlich ein Matrixdrucker angeworfen, der ein DIN-A4-Blatt erzeugt, das, mit Stempeln und Unterschriften versehen, uns endlich die Weiterfahrt ermöglicht.

Zu Otaci meint Wikipedia:

In den 1930er Jahren war die Bevölkerung zu knapp 80 Prozent jüdisch. Heute lebt hier die größte Roma-Minderheit des Landes außerhalb der Hauptstadt.


Bei der Volkszählung 2004 wurde die Zahl der Juden in der Stadt Otaci mit 9 und im gesamten Rajon Ocnița mit 14 angegeben. Was Otaci heute auszeichnet, sind die 3380 Roma, die 2004 gezählt wurden und die 40 Prozent der städtischen Bevölkerung ausmachen. Im Jahr 1989, als die letzte Volkszählung in der sozialistischen Zeit auf dem Gebiet des 1991 unabhängig gewordenen Moldawien stattfand, lebten 1993 Roma in Otaci. Damit haben sich in Otaci, abgesehen von Chișinău, mehr Roma als in jeder anderen Stadt in Moldawien angesiedelt. Soroca, das wegen seiner von wohlhabenden Roma erbauten Villen als „Zigeunerhauptstadt Moldawiens“ gilt, folgt auf dem zweiten Platz. Die Mehrheit der Einwohner waren 2004 Ukrainer (3784), ferner wurden unterschieden: Moldauer (724), Russen (521), Gagausen (14), Rumänen (9), Bulgaren (7), Polen (4) und Sonstige (15).[8] Den Status einer Stadt (oraş) erhielt Otaci 1994.

Wikipedia

Wir machen uns also darauf gefasst, dass wir prächtige »Roma-Burgen« zu sehen bekommen. Aber es hält sich in Grenzen, fast kein »Palast« ist wirklich fertig, so skurril wie sie sind.

Moldawien ist das ärmste Land Europas. Man sieht es an allen Ecken und bei allen Gelegenheiten – es ist sehr arm. Darüber täuschen auch diese Gegensätze nicht hinweg.

Umso erstaunlicher und – wie wir es empfinden – rührend sind die geschmückten Brunnen, die Art und Weise, mit Anstrichen ein wenig Freude in die Trostlosigkeit zu bringen. Strassen existieren abseits der eh‘ schon schlechten Verkehrswege praktisch nicht. Was uns aber im Gegensatz zum letzten Besuch vor sechs Jahren auffällt ist, dass die grossen Hauptstrassen zusehends gerichtet sind. Aber die wollen wir ja eigentlich meiden.

Was auch sogleich wieder ins Auge fällt, das sind die Walnussbäume, die fast überall die Strassen säumen, regelrechte Alleen bilden sie, oft gar in Viererreihe, wenn es neben dem Fahrdamm auch noch Staubwege für die unbereiften Pferdewagen gibt. Und ja, auch die gibt es hier noch. Die Nüsse sind z.T. schon reif und so treffen wir immer wieder Menschen, die sie mit Stangen herunterschlagen.

Hier sind sie allerdings noch selten…

Der Struwepunkt bei Rudi

Unser erstes Ziel heute ist der Struwepunkt bei Rudi. Das ist nun nicht unser ehemaliger Kater, der sich hier niedergelassen hat, sondern ein kleiner Flecken in der Landschaft, am Hochufer des Dnister.

Er ist leicht zu finden: Kapelle und Schild, das verfehlt man nicht. Und er ist der vorletzte Punkt im Süden der 3.000 Kilometer langen Strecke vom Nordkap bis ans Schwarze Meer. Den letzten Punkt dort bei Staro-Nekrassowka (dann wieder in der Ukraine) werden wir dann in ein paar Tagen erreichen.

Der Messpunkt mit einer grossen Säule liegt in einem Obstgarten, dessen leuchtende Äpfel uns animieren, sei auch zu kosten.

Das Nonnenkloster bei Rudi

Kirche und Friedhof von Rudi

Am Steilufer, fast am Dnister, liegt das Nonnenkloster Rudi (Mănăstirea Rudi). Es ist eines von mehreren Klöstern hier am Dnister, aber wohl das einzige von Nonnen geführte. Da möchte Lis hin und so fahren wir die teils sehr abteuerliche Strecke durch den Wald hinab und werden durch einen schon fast selig zu nennenden Ort belohnt.

Lis wird eingekleidet, zwischen den Beinen darf man auch bei langen Hose nicht hindurch schauen, für mich ist der Zutritt selbstverständlich verboten; ebenso wie rauchen und andere schlimme Dinge.

Soroca

Der restliche Weg bis Soroca ist bald geschafft. Kirchen, auch ganz neue wie hier, und verfallende Grosstaten säumen die Strasse,…

…bis dann die Paläste der »Zigeunerbarone« auftauchen; wir sind gespannt.

Also, wenn wir jetzt nach den Vierteln gesucht hätten, in denen auch fertige Villen stehen – vielleicht… Aber, was wir so beim Blick in die Seitenstrassen erhaschen können, macht uns nicht Appetit auf mehr.

Und da erscheint vor uns auch schon die Festung von Soroca. Und die interessiert uns eigentlich mehr.

Es ist noch früh am Tag, kurz nach eins und heiss. Wir suchen jetzt erst mal eine Bleibe. Nach kurzer Fahrt erreichen wir den Markplatz, wo sich vor dem Rathaus (?) der Gemüsemarkt ausgebreitet hat und wo wir freudig begrüsst werden; ein Händler weist wohlwissend über unsere Köpfe hinweg nach hinten…

…denn da gegenüber liegt das Hotel Central, ganz einfach.

Wikimapia

Und was wir unternehmen, nachdem wir eingebucht und uns erholt haben, dat kriegen wa später….

Wat is´ne Dampfmaschin´? Da stelle mer uns mal janz dumm, und sagen: en Dampfmaschin´ iss ne große, runde, schwarze Raum. Und der große, runde, schwarze Raum der hat zwei Löcher. Dat eine Loch, da kömmt der Dampf rein, und dat andere Loch, dat kriegen wa später…

Die Feuerzangenbowle

➜ Fortsetzung, Stadrundgang in Soroca

Google Photos

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* Rund Europa 2016 (3), 19. Tag: Khmelnytskyi – Mohyliw–Podilskyj

Freitag, 09.09.2016, 20:23:45 :: Mohyliw–Podilskyj, Hotel Smaragd

Wir haben es getan

Wir sind heute Morgen tatsächlich los gefahren, nicht ohne nochmals ein entspanntes und genussreiches letztes Frühstück in »unserem« Restaurant Spiegel zu geniessen. Ich denke mir, dass dies zu lesen langsam langweilig wird – uns hingegen nicht. Selbst die Speisekarte fasziniert uns immer wieder.

Kleine Hilfe: 200 Griwna = 6,80€

Das Senfle sprang übrigens einfach an heute Morgen. Die kurze Aufladerundfahrt gestern hat also gereicht und die neue Batterie muss auf ihren Einsatz warten.

Wir wollen heute die Festung Medschybisch aus dem 16. Jahrhundert besuchen, die an der Strasse nach Winnyzija, der nächsten grösseren Stadt im Osten liegt, ehe wir dann nach Süden abbiegen um zur Schonung meines Beines möglichst rasch an die Grenze hinüber nach Moldawien zu gelangen.


Google Earth

Die Reste der Heldenverehrung vom ja längst vergangenen Unabhängigkeitstag mit ihrem nationalistischen Einschlag verfolgen uns immer noch; erst recht wenig später… Hier in dieser Kirche wird für das anstehende Wochenende geputzt und gewienert. Mit einem freudigen und nicht enden wollenden Redeschwall werden wir eingeladen, das Gotteshaus zu besichtigen. Lis spendiert ein paar Kerzen und als wir noch eine Spende da lassen, sind sie vollends entzückt; wohl nicht viele interessieren sich für ihre prunkvoll geschmückte Kirche hier draussen in Holoskiv, dieser unbedeutenden Streusiedlung.

Und schneller als gedacht erreichen wir Medschybisch am südlichen Bug (an dem mi.ü. auch Chmelnitskyi liegt), der hier zu einem kleinen See aufgestaut ist…

…und werfen den ersten Blick auf die wahrhaft riesige Festungsanlage.

Im 14. Jahrhundert gehörte der Ort [Medschybisch] zum Großherzogtum Litauen, nach 1596 zur Adelsrepublik Polen-Litauen.

Die bekannte Festung Medschybisch, die 1540 von Hauptmann Nikolai Siniawski errichtet wurde, ist trotz der Unruhen in der Geschichte der Stadt immer noch erhalten. 1593 erhielt die Stadt das Magdeburger Recht, was ihre Bedeutung erhöhte und den Handel stärkte. Im 17. Jahrhundert hatte Medschybisch ca. 12.000 Einwohner (nur 3000 weniger als das damalige Kiew). Die Stadtbevölkerung bestand aus Polen, Juden, Ukrainern, Armeniern, Griechen, Deutschen, Tataren und anderen. Die Messen in Medschybisch wurden von Kaufleuten aus Polen, Deutschland und Italien besucht.

Zwischen 1672 und 1699 wurde Medschybisch von den Osmanen besetzt und die Kirche in eine Moschee umgewandelt.

Im 18. Jahrhundert wurde die Stadt ein Zentrum des Chassidismus, der Gründer der Bewegung, Rabbi Israel ben Elieser, besser bekannt unter dem Namen Baal Schem Tov, wohnte und starb in Medschybisch. Nach seinem Tod 1760 wurde sein Grab ein Wallfahrtsort.

Zur Zeit der Sowjetunion wurde die Stadt zu einem provinziellen Dorf.

Wikipedia

Aber das mit Festung dauert dann doch etwas länger. Sie beherbergt mehrere Museumsabteilungen und der Andenkenverkäufer vor dem Tor macht uns darüber hinaus darauf aufmerksam, dass Medschybisch die Reste von drei Synagogen zu bieten hat, zeigt auch in einen groben Plan des Dorfes, den er uns schenkt; wir finden trotz mehrfachem Durchfahren nichts, was uns an eine Synagoge erinnern müsste. Dennoch hier ein paar Eindrückencke, ehe es dann in die Festung geht.

Kneipe?

Kirche

Palast

Kiosk

Kulturzentrum

Korbmöbelverkauf

Nach dieser mehrfachen Stadtbesichtung wenden wir uns endlich der Festung zu.

Festungsecke

Seitenwand

Eckturm

Eingang

Infotafel

Der Innenhof ist riesig, es wird eifrig restauriert, die Kirche ist schon fertig.

Innenhof

Kirche

Innenraum der Kirche

Hier ein paar Blicke in die Museumsräume

Dieser Tisch mit seinen Kriegsinsignien und verherrlichenden Schriften wird durch die schwarz-rote Fahne als die der UAA. der Ukrainische Aufständische Armee ausgewiesen, wir hatten das bereits auf der Fahrt nach Ternopil; nennen wir sie einfach die Bandera-Bande. Es ist nicht so, dass man das als nebensächlich, als kleinen Unfall betrachten dürfte; den rechten Nationalisten begegnet man auf Schritt und Tritt, sie gehören in der Westukraine gewissermassen zur Grundausstattung der Politik.

Mit einem letzten Blick auf die Festung verlassen wir den Ort und fahren weiter nach Osten.

Letytschiw, eine der ältesten Ortschaften Podoliens, passieren wir ohne zu halten, obwohl es auch hier einiges zu sehen gäbe, u.a. überqueren wir hier wieder den zu einem grossen See aufgestauten Südlichen Bug.

Aber ich möchte mein Bein möglichst bald heil ins Ziel bringen. Deshalb folgen wir auch nicht dem Bug nach Winnyzja weiter Richtung Osten sondern zweigen nach Süden ab; den Wikipedia-Artikel über Winnyzja sollte man sich allerdings trotzdem zu Gemüte führen.


Wikipedia

Vom Südlichen Bug geht es nun auf einer fast durchgehend schnurgeraden Strassen bis zum Horizont und über Berg und Tal nach Süden an den Dnister, den Grenzfluss.

Kirche

Hotelsuche im Schlepptau der Polizei

In Mohyliw–Podilskyj landen wir per Zufall und viel zu früh an der Grenze. Im Stassenwirrwarr und mithilfe des GPS finden wir wenigstens die Polizeistationtion und fragen dort nach einem Hotel. Da setztet sich der junge Polizist in sein Auto und winkt. Wir hinterher und nach einmal Zick und einmal Zack stehen wir vor unserer Bleibe, dem Hotel Smaragd. Es ist wieder passierte: Die Polizei, Dein Freund und Helfer – in Griechenland, Bulgarien, Rumänien, hier in der Ukraine…

Und kurz vor Mitternacht ruhen wir dann nach gemütlichem Abendessen auf der Terrasse an der Strasse.

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* Rund Europa 2016 (3), 18. Tag: Khmelnytskyi

Donnerstag, 08.09.2016, 20:25:26 :: Khmelnytskyi, Hotel Eneïda
Freitag, 09.09.2016, 23:05:39 :: Mohyliw–Podilskyj, Hotel Smaragd
Montag, 16.01.2017, 17:23:15 :: Galanado

Heute ist also endlich Abreisetag. Alles ist verstaut und daher starten wir früh, gleich nach dem Frühstück im Café Lemon. Das heisst, wir wollen starten. Das Senfle aber nicht. Es tut keinen Mucks. Keinen. Aber auch gar keinen. Ich ahne: Ja, stimmt, die Türen waren nicht veriegelt, der Schlüssel steckte und die Zündung war an… Schlamperei, Alter, Antibiotika, Hitze – weiss nicht, was nun letztendlich der Grund war, aber die Batterie ist jedenfalls leer. Mal wieder. Da haben wir Routine.

Starke Männer schieben das Senfle vom Parkplatz auf die leicht abschüssige Strasse. Vielleicht springt er ja an. Tut er aber nicht. Und ich ende im Parkverbot.

Deshalb setzen wir uns eben wieder ins Café und rufen den ADAC, der verspricht uns den ukrainischen Pannenhelfer in ca. zwei Stunden. Dann wäre es bestenfalls 14 Uhr – zu spät, um dann noch los zu fahren.

Nationalismus, selbst auf dem Zucker: »Ruhm der Ukraine!«

Wir sitzen betreten und bestaunen wieder, wie so oft in den letzten Tagen, den mobilen Kaffeeautomaten, der jeden Tag auf dem Parkplatz steht und seinen Kaffee-to-go anbieten und auch am laufenden Pappbecher los wird. Er ist eben noch billiger als unser Café Lemon, wo der Cappuccino 16 Griwna kostet; das sind flotte 53 Cent…

Lis holt zwischendurch den Zimmerschlüssel wieder, die Concièrge lächelt betreten aber milde, zu oft haben wir die letzten Tage immer wieder verlängert… another day in paradise.

Und ich überlege, wie fotografiert man eine leere Autobatterie?

Zwischenzeitlich ist Viktor vor Ort und telefoniert mit einem Taxifahrer. Die kommen mit dem Starterkabel gegen ein kleines Entgelt, das ist Usus hier. Aber seine Batterie schafft meine nicht – ha!. Pech. Wir denken an eine neue, wegen Totalentladung. Viktor weiss, wo wir günstig eine bekommen, also das Problem liesse sich lösen.

Da steht aber auch schon der Pannendienst neben uns, viel früher, als erwartet. Die Jungs klemmen ihr Aggregat 10 Minuten an Senfles schlappen Kraftspender. Nach dem Abklemmen blicken sie mich erwartungsvoll an und nicken auffordernd. Ich starte und das Senfle tut, was es soll, der Motor surrt.

Wir kaufen dennoch eine neue Batterie, die steht jetzt hinten im Kofferraum, von BOSCH das Beste, für den Fall der Fälle, der da kommen wird. Nur weiss keiner, wann. Wie gesagt, wir habe da Routine…

Den Abend verbringen wir dann »notgedrungen« wieder bei gemütlichem Essen, Trinken und Diskutieren im Spiegel.

Der Wächter

Der Blecherne Wächter vor dem Spiegel

Irgendwie witzig aber dann doch wieder nicht. Aber es zeigt sich wie so oft in den letzten Tagen, wie wenig wir doch über unsere Länder – Ukraine und/oder Deutschland – wissen. Wir kommen zum Beispiel ich weiss nicht wie auf das Thema Zwangsgebühren für ARD und ZDF in Deutschland. Viktor lacht ungläubig und meint, ich mache mal wieder einen meiner »ernsten« Scherze. Er kann einfach nicht glauben, dass man für etwas zahlen muss, was man gar nicht haben – beziehungsweise hier – sehen oder hören will. Er selbst sieht nicht fern, auf die privaten Sender gibt er nichts, was Informationen und Nachrichten angeht. Er weiss, dass er sich darauf nicht verlassen kann, dass hüben wie drüben gelogen und verfälscht, weggelassen und hinzugefügt wird, dass Nachrichten nicht der Information sondern der Konditionierung dienen. Also informiert er sich im Internet.

Und so vergeht auch dieser Abend, gemütlich und bei bester Laune, umsorgt von den netten und fröhlichen Servierfräuleins; was soll man machen?

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Von ihrer Hände Arbeit

Donnerstag, 08.09.2016, 17:22:42 :: Chmelnitskyi (immer noch!)

Jörg Dauscher, der uns dieses Jahr entweder vorweg oder hinterer fährt (oder wir ihm – wie man’s nimmt) hat eine ukrainische Dorfidylle in seinen Reiseblag gestellt, den man gelesen haben muss, um zu verstehen; vorausgesetzt, man will.

Es sind diese Dörfer, die wir nach Möglichkeit immer langsam durchfahren, so es eine befahrbare Strasse gibt. In denen wir aber nie leben. Es gibt zwar Ausnahmen, die sind aber leider selten.

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* Rund Europa 2016 (3), 17. Tag: Chmelnytskyi

Mittwoch, 07.09.2017, 23:00:00 :: Chmelnytskyi, Hotel Eneida
Sonntag, 15.01.2017, 23:30:39 :: Galanado

Wir hatten es uns gestern Abend doch noch anders überlegt: Zum Packen war’s zu spät, zu warm, wir zu müde; wir werden das alles morgen machen, in aller Ruhe. Also heute.

Zuerst also ein Spaziergang ins Spiegel zum Frühstück, so richtig nochmal geniessen. Sie kennen uns mittlerweile so gut, dass sie strahlen, wenn wir erscheinen. Zum Abschied bestellt wir wieder den Tisch für vier Personen – wie für jeden Abend…

Die Packerei schaffen wir dann auch irgendwann. Wir unterziehen das Senfle einer kleinen Grundreinigung und packen systematisch neu, was eben heute schon rein kann.

Wir spazieren ein wenig…

Und nachdem gestern Abend ja bereits der letzte Abend war, wird dieser nun der allerletzte Abend, den wir genauso geniessen wie als vorigen. Die Speisekarte sind wird durch, was aber dem Genuss keinen Abbruch tut. Es mag verwundern, warum wir so schwärmen, so als gäbe es nichts Wichtiges zu erzählen.

Joghurt

Abschiedsessen

Man muss eben bedenken, dass es tagsüber sehr warm ist, um nicht zu sagen: heiss. Liegen, bequem sitzen unter der Klimaanlage im Hotelzimmer ist zwar schön aber nicht ohne Weiteres erzählenswert.

Jedenfalls: Als wir zu Bett gehen, ist alles fertig, es geht morgen in der Frühe wirklich los, nach Süden an die Grenze zu Moldawien. Unterwegs – naja, das kommt ja dann noch.


➞ Zum 18. Tag

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* Rund Europa 2016 (3), 16. Tag: Chmelnitsyi (Probeausflug)

Dienstag, 06.09.2016, 22:26:57 :: Chmelnitskyi, Hotel Eneïda
Sonntag, 15.01.2017, 13:45:09 :: Galanado

Irgendwann stellt sich dann doch die Frage, wie und wann es eigentlich weiter gehen soll – oder kann. Wir entscheiden uns für einen Test: Wir werden einen weiteren Struwepunkt im Süden von Khmelnitskyi aufsuchen – das sind insgesamt ca. 80 km, das soll der Test sein und die Fragen beantworten: Geht’s mit den Schmerzen? Geht’s überhaupt und wie lange? Danach werden wir entscheiden.

Dieser Messpunkt liegt südöstlich von Jarmolynzi, also sehr »in der Walachei« und soweit man es auf Google Earth erkennen kann, mitten in den Feldern. Jarmolynzi ist ein Dorf, das wir gut kennen.

Ortseingang, 2008-ß8-28

Unsere Freunde sind hier gross geworden. Heute werden wir schon vorher nach Südosten abbiegen. Aber erst nach einem gemütlichen Frühstück »im Spiegel«.

Wir warten auf das Frühstück im Spiegel…

…das dann auch hervorragend ist.

Wir fahren also los nach Baraniwka, einer Streusiedlung mitten in den Feldern, in Erwartung eines weiteren Struwepunktes, ebenfalls mitten im Feld – also eher etwas zum Abhaken. Aber wie so oft kommt es anders: Im einzigen Dorf auf dem Weg dorthin, der eigentlich nur durch große Felder führt, kommen wir durch das Dorf Sutkivtsi und stehen unversehens vor dieser imposanten Wehrkirche.

Wartehäuschen

Wehrkirche von Sutkivtsi

Auf dem nächsten Hügel sichten wir noch eine quaderförmige Festungsruine, zu der wir aber keinen Weg finden.

Festung von Sutkivtsi

Erst jetzt, hinterher, beim Recherchieren wird klar, welche Preziose wir da wider Erwarten gefunden haben.

Sutkivtsi [Сутківці; Sutkivci]. Map: IV-7. A village (2005 pop 1,249) in Yarmolyntsi raion, Khmelnytskyi oblast. The remnants of a castle (16th century) and the fortified Church of the Holy Protectress, built in 1476 by the Sutkowski family, are located there. The church-stronghold is a two-story, cruciform structure with a square center and four apses that form semicircular towers. Each corner of the center is topped by a small turret. Incompetent restoration at the beginning of the 20th century changed the original appearance of the church. The interior frescoes have been covered over with plaster.

Sutkivtsi

Sucht man nach »Sutkivtsi« in Google, so findet man eine Unzahl von – auch historischer – Abbildungen, aber wenig Schrifliches.

Es ist schade, dass die ursprüngliche Gestalt der Kirche durch die »Restaurierung« verloren gegangen ist. Die Holzkonstruktion war wohl zu aufwendig.

Dass wir uns in einem Flusstal befinden müssen merken wir fast nur indirekt: Ein Wehr am staubigen Wegrand, Gänse, die schnatternd daher kommen oder dorthin unterwegs sind und dammartige Erhöhungen am Wegrand; und ja, irgendwo auch ein Rinnsal. Auf der Karte und in Google Earth sieht das deutlicher aus…

Damm

Wehr

Fluss

Gänse

Baraniwka

Ortsschild Baraniwka

Ebenso unspektakulär sehen wir dann wenig später zwei einsame Bäumlein inmitten eines umgepflügten Feldes und dort den Gedenkstein – und sogar den wohl originalen Messpunkt, fein säuberlich vom Grass frei gehalten.

Struwe-Gedenktafel

Der Messpunkt

Es scheint also wohl doch jemand hier nach dem Rechten zu sehen.

Bis hierher ging alles gut mit dem Bein. Und bleibt auch auf der Rückfahrt so. Wir können also morgen früh aufbrechen. Am Abend packen wir unsere Siebensachen und feiern einen harmonischen Abschiedsabend im Restaurant Spiegel.

Hier die Webseite dieses wunderbaren Restaurants, über das wir so wenig Worte verloren haben. Wozu auch? Es ist wundervoll und man muss eben hingehen…

„Restaurant Spiegel“ – this establishment is located in the centre of Khmelnitskiy (formerly Proskurov).

It was one of the first brick houses in Proskurov. Built in the early 1900s by Isaac Spelen – a known private notary. Nowadays this building is considered one of the cultural and historical attractions of the city Khmelnitsky. In the house you can feel the breath of history that we keep filled and not only in the architecture, design, documents, photos of the old town, but in gastronomic dishes. Our kitchen Podolsk region, some of the recipes originate in the twentieth century, but presented with a modern twist. We never use store-bought products are production-ready. Our kukhari baked his own bread, cooked yogurt, cheeses, noodles, drinks, sauces of the foods that are rich in our Podolsk region. Great attention is paid to the dishes that are cooked in the oven, and that is what gives them a kind of uniqueness.The atmosphere in the Restaurant is always welcoming! And all the fuss our age stays at the door. The sound of soft music, lit candles carry you back in time and, it seems, here-here will the owner of the house is the Isaac Spiegel and say, „Thank you all for your choice!“

➔ Zum 17. Tag

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* Rund Europa 2016 (3), 7. – 15. Tag: Chmelnitsyi

Montag, 29.08.2016 :: Chmelnitsyi, Hotel Eneïda
Mittwoch, 07.09.2016, 14:13:42 :: Hotel Eneïda
Donnerstag, 08.09.2016, 23:08:45 :: Hotel Eneïda
Dienstag, 29.11.2016, 14:32:53 :: Galanado
Mittwoch, 11.01.2017, 17:48:56 :: Galanado

(28. August – 5. September)

Es war zweifellos Glück im Unglück, dass wir gestern Abend entschieden hatten, noch einen Tag länger zu bleiben: Unser Freund hing mit einer Art Sommergrippe herum, die er sich wohl bei seinem Töchterchen eingefangen hatte, ein Wiedersehen und Zusammensitzen war so irgendwie sehr kurz und ein bisschen quälend. Es wäre nichts gewesen mit Zusammensitzen.

Es reicht gerade für einen Ausflug ins »Oasis«, in einen Konsumtempel, zum Informieren, was es denn so gibt hier und mit knapper Not noch für einen Cappuccino, denn sie schliessen hier um 21 Uhr; es lohnt sich einfach nicht, im Gegensatz dazu Vilnius: Die Akropolis ist offen von 8-24 Uhr.

Auch was man so sieht: Viel Glitter, aber im Vergleich zu Litauen mit einem schmalen Angebot. Die Ukraine ist weit hinterher, was zwar kein Qualitätskriterium darstellt, aber es fällt im Vergleich eben auf.

Gegenüber unseren ersten Eindrücken im Juli 2006 – also vor zehn Jahren – auf dem sonntäglichen »Russenmarkt« hinterm Bahnhof aber ist es eine völlig andere, neue Welt, die sich dem westlichen Konsumuniversum nahezu angeglichen hat.

2006-07-30 Russenmarkt

2006-07-30 Russenmarkt

2006-07-30 Russenmarkt

Die drei Bilder sind vom 30. Juli 2006

Aber für wen? Wir zahlen für den Cappuccino 70 ¢ bis 1 €. Und das ist teuer, für jeden Tag zu teuer für normale Ukrainer. Der »Russenmarkt« besteht noch immer, mittlerweile aus der Innenstadt ausgelagert an den Stadtrand auf ein riesiges Gelände mit grossen Hallen. Dort kauft »man« ein, eher nicht hier…

Das Hotel ist dasselbe wie all die Jahre, die wir seit 2006 hierher kommen. Die Räume grosszügig, ein 2-teiliges Appartement mit allem Schnickschnack – nur mittlerweile ohne Frühstück; hat sich wohl nicht gelohnt…

Ja, und das ganze für 22 € pro Nacht zu zweit. Frühstück gibt’s ab 9 Uhr früh direkt vor dem Eingang im Café Lemon – zwei grosse Omelettes und vier Cappuccino für knapp 5€.

Ja, überhaupt: Die Preise sind hier generell für Westler nichts, worüber man sich den Kopf zerbrechen müsste. Das gilt in gleicher Weise auch für wirklich edle, gemütliche Lokale mit hervorragender Küche.

Und deshalb verdient der Besitzer dieses »Fliegenden Cafés« direkt neben dem Lemon auch seinen Lebensunterhalt; er steht da von morgens bis abends…

Abends treffen wir uns dann in einem dieser Lokale, im »Restaurant Spiegel«, ein Muss für jeden Besucher.

Es verspritzt den Charme der k.u.k.-Zeit inklusive passender Musik, kombiniert mit hervorragenden Speisen zu den erwähnten Preisen. Das Haus macht einen fast unwirklichen Eindruck auf mich; es soll über hundert Jahre alt sein, stammt also gewiss nicht aus der Epoche der »sozialistischen Backsteinromanik«.

Soweit ist also alles bestens, als wir zu Bett gehen, auch die Klimaanlage hat für die angenehmen 21°C gesorgt.

Bis…

…ich irgendwann in der Nacht mit irren Schmerzen im rechten Bein aufwache. Ums kurz zu machen: Ein Erysipel, eine Wundrose, wie schon im Sommer 2000, dieselbe Stelle.

Im Laufe des Tages kommt auch das Fieber samt allgemeiner Gliederschmerzen. Das bedeutet, dass ich einen Arzt brauche.

Abends führt uns Viktor dann in die Notaufnahme des Hospitals und findet Ärzte, die konstatieren, was ich wusste: Erysipel, Antibiotika, Schmerzmittel, Antihistaminikum. Das besorgen wir auch gleich; Apotheken haben eigentlich immer offen, die Medikamente bekommt man auf Zuruf zu einem Spottpreis. Ich habe aber immerhin ein »Rezept«.

Die Konsultation, ja selbst eine Behandlung mit UV-Licht, deren Sinn sich uns zwar nicht erschliesst, der ich mich aber an zwei Tagen unterziehe, sind kostenlos – auch für Ausländer.

Und so liege ich im Wesentlichen mehrere Tage im Bett, Beine hoch, Fieberthermometer im Mundwinkel, schlucke brav mein Antibiotikum, habe bei kleinsten Bewegungen irre Schmerzen und – warte.

Zweifel kommen auf, weil keine Besserung: Wir konsultieren ein weitere Krankenhaus, der Facharzt ist nicht greifbar, also nochmals am Abend. Wir wechseln das Antibiotikum.

In den folgenden Tagen ändert sich das Schmerzverhalten völlig: Nach nur wenigen Schritten weicht die stechende Höllenqual einem schmerzfreien Zustand, so dass wir morgens zum Frühstück und abends zum Abendessen durch den Park spazieren können; nur länger Sitzen, das geht nicht, dann ist der Schmerz sofort wieder da.

Wären die Schmerzen nicht…

…wären diese Tage ein wunderschöner Aufenthalt. Der Park, die Cafés und Restaurants, das Leben vor dem Hotel – es ist schön hier.

Ja, und am 1. September fängt natürlich, wie überall in den ehemaligen Sowjetländern, der Schulbetrieb an. Das gilt auch für die private Universität, die sich direkt vor und neben dem Hoteleingang befindet.

Und so kann Lis die Immatrikulationsfeier hautnah erleben: Mit Riesenpomp, Schlangestehen,…

…Hand-aufs-Herz und Nationalhymne, Kranzniederlegung für die Kämpfer für Weiss-ich-nicht-was findet die Einschreibung statt. Es hat schon ein sehr nationalistisches Gepräge, das Ganze…

Chmelnytskyi

Die Stadt lädt natürlich auch zum Studium ein, wenn man ans Zimmer oder gar ans Bett gefesselt ist.

So finde ich unseren schwäbischen Pfarrer und Schriftsteller Albrecht Goes mit einer Erzählung Unruhige Nacht, die sogar verfilmt wurde und die zum grossen Teil hier in – damals noch – Proskurow spielt. Es geht um einen jungen fahnenflüchtigen deutschen Soldaten, den der Feldgeistliche ruhig halten soll, bis er im Morgengrauen erschossen wird.

Sogar ein Exemplar mit seiner Signatur konnte ich bei Amazon auftreiben.

Und da ist noch Alexander Iwanowitsch Kuprin, dessen Roman Das Duell hier spielt.

Von den realen Gräueln sowohl in sowjetischer aber vor allem der Zeit der deutschen Besatzung will ich hier gar nicht anfangen – um 1900 betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung knapp 50, am Kriegsende um die null Prozent…

Die Ukraine lag und liegt immer zwischen den Interessengebieten Westeuropas und Russlands, ein Thema das uns so manchen Abend in vielerlei Hinsicht beschäftigt. Der Krieg im Osten ist zwar weit weg, im Bewusstsein aller hier spielt er doch eine Rolle; »technical war«, wie ihn Viktor nennt, kühl, schon irgendwie verbittert, weil er weiss, dass die einfache ukrainische Bevölkerung gegen das Handeln der korrupten Oberschicht samt ihrer ausländischen Helfer nichts ausrichten kann; wen man wählt, ist egal.

Das tägliche Leben…

…wie es morgens beim Frühstück an uns vorbei hastet, das Leben im Park, wo vor allem Mütter und Grossmütter ihren Kindern beziehungsweise Enkeln Unterhaltung auf Schaukeln, Hüpfburgen und in kleinem Elektroautos bieten – alles schaut so normal aus.

Nur die ungewöhnliche Ansammlung von SUVs fast jeder Marke vor den netten Cafés und ihrer meist völlig verfetteten Besitzer, die dort meist glatzköpfig und grosspurig verkehren, sie zeugen von den scharfen Gegensätzen, die man so nur erfährt, wenn man mehrere Tage bleibt und immer wieder schaut: Was wiederholt sich?

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* Rund Europa 2016 (3), 6. Tag: Ternopil – Chmelnyzkyj

Samstag, 27.08.2016, 22:34:01 :: Khmelnitskyi, Hotel Enaïda
Donnerstag, 24.11.2016, 00:02:29 :: Galanado

Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass wir an diesem Morgen nicht alleine beim Frühstück sitzen.

Die heutige Strecke wäre wohl langweilig, hätte sie nicht drei Ziele. Man sieht das schon an der Route, die aussieht als hätten wir nicht gewusst, wohin. Der Weg weiter nach Osten führt nämlich fast zwangsweise auf der Hauptverkehrsstrasse, will man nicht irgendwann in der Wildnis enden. Und die ist öde. Aber die beiden »Seitentriebe« in der obigen Route…

Brody – ein Nachtrag

Zunächst aber ein Einschub, der eigentlich in den vorigen Beitrag gehört. Der ist aber wegen der Bilder schon eh‘ zu lang. Wir passierten vor zwei Tagen u.a. das galizische Schtetl Brody, den Geburtsort von Joseph Roth. Wir waren dort vor vier Jahren, fast zur gleichen Zeit: Am 23.8.2012 – und der Beitrag für diesen Tag ist bis heute noch nicht geschrieben. Brody hat eine sehr interessante Geschichte, die man dem Ort heute nicht mehr ansieht. Einst einer der wichtigsten Handelsplätze zwischen Ost und West bietet er heute einen sehr bescheidenen und traurigen Anblick.

Als literarischer Ort taucht Brody in Joseph Roths Erzählungen und Romanen mehrfach auf; aber auch da eher trostlos…

Fortschritte gegenüber vor vier Jahren?

Das Ortsschild von Brody, 2012 und 2016

Dem Ausbau der Strasse ist eine Menge zum Opfer gefallen; da kann auch kein frischer Anstrich darüber hinweg täuschen.

Nun aber zurück…

…zu unserer heutigen Route. Ich sagte schon: viel gibt die Strasse nach Osten nicht her. Es ist öde Hauptroute, zuweilen ausgebessert, zuweilen gar völlig neu und verbreitert; aber Schlaglöcher kommen dennoch ohne Ankündigung.

Zwei Struvepunkte

Das Bild ändert sich erst, als wir zu unserem ersten Ziel abbiegen: Westlich von Khmelnitskyi liegen zwei Struvepunkte, einer nördlich, einer südlich der Hauptstrasse.

Wir wenden und zunächst dem Struvepunkt von Katerinowka nördlich der Haupstasse zu.

Das Internet ist wenig auskunftsfreudig, hier und hier wird der Punkt wenigstens erwähnt. Allzu viele Touristen verirren sich hierher nicht. Überhaupt Touristen in der Ukraine: Über Lemberg kommt kaum einer hinaus. Jedenfalls begegnen uns nie welche, die Jahre zuvor nicht, jetzt nicht.

Also los! Es ist Punkt B im Bild, er liegt nördlich der Hauptverkehrsachse. Ausser in den kleinen Ansiedlungen am Wege herrscht hier absolute Ruhe, die Sonnenblumenfelder liegen total ausgedörrt.

Immerhin kreuzt eine Bahnstrecke unseren Weg und hält uns für ein paar Minuten auf.

Natürlich wird die Strasse immer unangenehmer, schmaler, holpriger. Aber bisher kommen wir ja immerhin noch an Wegkreuzen, Kirchen, Haltestellen und Seen vorbei. Hier leben Menschen, die uns auch immer wieder begegnen: Schwatzend am Dorfplatz, auf dem Fahrrad, dem Pferdewagen.

Bis die Strasse dann schleichend in einen Feldweg mündet, entlang eines dieser allgegenwärtigen Sonnenblumenfelder.

Hier, wo das GPS den gesuchten Punkt behauptet, ist nur Staub, Mittagshitze und eben Sonnenblumen. Und irgendwann – das muss die Stelle sein! – ein kleiner Hügel, ein paar Bäumchen.

Dieses Arrangement beherbergt in der Tat den Messpunkt und eine entsprechende – »Grabplatte«; so möchte man die Gedenktafel nennen, die untrüglich meine Vermutung bestätigt und hinter sich ein Loch verbirgt, das wohl wiederum den eigentlichen Messpunkt birgt. Ich bin etwas enttäuscht, wir sind ja »prunkvollere« Struvepunkte gewohnt. Aber der nächste wartet ja auf uns, südlich der Hauptstrasse. Und dann bleiben nur noch drei, bis hinunter ans Schwarze Meer. Aber dazu komme ich ja zu gegebener Zeit noch…

Messpunkt 2: Felgten

Wir holpern also die ganze Strecke zurück, überqueren die Hauptstrasse und folgen der GPS-Route mit Spannung nach Süden, nach Felgten, heute Hwardijske. Es ist dort noch einsamer.

Hartnäckig, auch ohne eine Siedlung weit und breit, ragen neue Kirchlein aus den Feldern, ich denke an Naxos, wo auch auf Schritt und Tritt durch die Felder eine Kapelle oder Kirche steht – Agios Dimitios, Ioannis… Wie mögen diese wohl heissen? Es sind ja alles orthodoxe Gotteshäuser und sie sind fast immer verschlossen. Nur hier und da haben wir Glück, wenn geputzt und aufgeräumt wird, eine Hochzeit gehalten wird. Dann bekommen wir auch zuweilen einen freudigen Empfang und bekommen wortreiche Erklärungen, die wir nicht verstehen; aber ein Kerzlein oder auch mehrere, Geld für die Kirchenkasse, für derartige Kleinigkeiten sind die Frauen dankbar.

Vieles ist verfallen hier, aber die blitzblanke neue Kirche in Hwardijske, dem letzten kleinen Weiler, ehe es die kleine Anhöhe hinauf geht, wo uns Kreuz und Messbake grüssen, die steht stolz am Rand der Staubstrasse in dieser kleinen Streusiedlung. Und ein armer, sehr verwahrlost wirkender Mann, der um Zigaretten bettelt, begrüsst uns, als wir an der Weggabelung aussteigen. Sonst gibt es hier nichts und niemanden – nur diesen kleinen Höcker, mitten im Feld mit orthodoxem Kreuz, Messbake und einem ähnlichen »Grabstein« wie zuvor in Katerinowka.

Was ist das für ein Gefühl, immer wieder an solchen Messpunkten zu stehen? Den ersten entdeckten wir 2012, hoch im Norden Schwedens und ganz zufällig. Erst die Lektüre im Internet brachte zutage, welche Bedeutung diese Punkte haben und – es sind ja bei weitem nicht alle erhalten – für welch eine Leistung sie stehen: Eine Messreihe vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer, wissenschaftlich, politisch, und als Zeugnis menschlichen Willens, eine derart umfassende Arbeit zu koordinieren, zu leisten und zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Erhebend ist zu gross. Aber beeindruckend schon. Und es war eine europäische Leistung. Mit Russland.

Dieser Punkt hier ist also der viertletzte, es werden noch drei folgen auf unserem Weg nach Süden: einer südlich von Chmelnyzkyj, ein weiterer dann im Norden Moldawiens unweit der Grenze zur Ukraine bei Rudi und der letzte eben unten am Nordarm des Donaudeltas bei Ismajil.

Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg.

Chmelnyzkyj

Wir wollten zum Wochenende kommen, da Viktor dann arbeitsfrei und Zeit für uns hat. Mittlerweile hat die junge Familie ein Töchterchen, für das ein Geschenk hinten im Senfle ruht. Nach unserer Ankunft und einem freudigen Empfang machen wir uns auf in die Stadt, wir wollen sehen, was sich verändert hat. Der Maidan und die ganze Zeit des Putsches in Kiew waren hier in der Westukraine nicht zu spüren, das Leben ging einfach weiter.

Fast. Die Teuerung ist enorm, die Fröhlichkeit und Buntheit, die Zahl der flanierenden Schönheiten scheint gedämpft oder vorbei. Nur der Bauboom ist unbegrenzt: Wohnblocks, Einkaufszentren, Bürohäuser – so wie überall und es wird uns versichert, all das wird genutzt. Wir werden es erleben.

Die Einladung, bei unseren Freunden zu übernachten, schlagen wir aus: Es stört den Ablauf der Familie und unser gewohntes Hotel ist spottgünstig wie eh‘ und je. aber eben nur für uns.

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