Egoistisch. Anmaßend. Schädlich.

Montag, 31.10.2016, 15:05:57 :: Galanado

Roberto J. De Lapuente hat den folgenden Artikel in seinem Blog Ad Sinistram veröffentlicht und ich gebe ihn hier im vollen Wortumfang mit seiner Genehmigung wieder.

Wir leben ja zusehends in Zeiten der extremen Verdummung und Fehlleitung durch viele Presseorgane, insbesondere natürlich durch jene, die traditionell (noch) gelesen werden. Das war selbstverständlich schon immer so. Die Stimme der massgeblichen Presse ist die Stimme der Herrschenden, machen wir uns nichts vor. Der Beruf des Journalisten wird zusehends marginalisiert, wer überleben will, passt sich an und liefert nur noch das, was in den Redaktionen nicht aneckt beziehungsweise eben das, was als grosse Vorgabe verlangt wird. Wir müssen beim Lesen immer mehr darauf achten, was wozu veröffentlicht wird. »Wahrheit« oder wenigstens den Versuch, objektiv und ohne lenkende Hintergedanken zu berichten finden wir immer seltener.

Gedeihliche und erhellende Lektüre!

Das Leitmedium schlechthin, als das sich »Der Spiegel« weiterhin selbst einschätzt und schätzt, hat ein gravierendes Problem mit der Demokratie. Sagen wir mal so. Es berichtet viel von ihr und spielt sich als deren publikativer Retter auf. Das Nachrichtenmagazin tut dabei gerne so, als sei redaktionelle Arbeit immer auch rationale Arbeit im Sinne von: Die Demokratie gegen die massenhafte Unvernunft in Schutz nehmen. Daher überzieht man etwaige Spielräume eines gesunden Demokratieverständnisses mit Vorwürfen, man würde es hier mit Auswüchsen zu tun haben, die der Demokratie schaden würden. Letzte Woche musste man erst wieder eingreifen und etwas zum »Möchtegern-Asterix« der Wallonen veröffentlichen. Also zum Widerstand der belgischen Regionalregierung gegen Ceta ausschlachten, um ihn uns allen als »egoistisch, anmaßend und schädlich für die Demokratie« zu enttarnen.

Tut ein Parlament, wofür es gewählt ist, nämlich die Interessen der Bevölkerung wahren, dann nennt man das beim »Spiegel« nicht demokratisch – man nennt es egoistisch. Demokratie ist folglich wohl eine Egomanen-Tour. Man muss dieses Zitat mal ein klein wenig anders aufdröseln: Wenn der Regierungschef einer Region, die sich mehrheitlich gegen das Freihandelsabkommen ausspricht, nun beschließt, ebenfalls gegen dieses zu sein, dann ist es nicht unbedingt sein persönliches Ego, was Deutschlands Leitmedium da meint, sondern das Ego der Wallonen insgesamt. Das hat dann aber wirklich was Chauvinistisches, klingt so wie der »Rassismus der Deutschen« oder der »Stolz der Spanier«, ist also was unsagbar Dummes, weil Generalisierendes.

Ausgeübte Demokratie ist dem Blatt offenbar nachhaltig eine eklige Angelegenheit. Man denke nur an die Stimmungsmache, als eine Gewerkschaft ihr demokratisches Recht auf Streik ausübte und die Leitartikel dieselben Attribute verwendete. Egoistisch. Anmaßend. Schädlich. Und natürlich wäre das als eine Gefahr für die Demokratie anzusehen. Ein Gewerkschafter, der dergleichen veranlasse, der sei kein Demokrat mehr, sondern sei schon zur Despotie übergegangen und sei daher eine Gefahr für uns alle. Demokratische Aktionen sind demnach unvereinbar mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Stets wenn jemand die Demokratie nicht als langweilige Abnickershow mit gewissen Ritualen verstehen will, sondern als spannenden Prozess, die Gesellschaft aktiv zu gestalten, setzt jemand einen »Spiegel«-Leitartikel in die Welt, der nur so trieft vor Mahnung und Bewusstmachung, wie fragil Demokratie doch ist, wenn man sie auch benutzt. Dann lehrt man uns »spiegel«-verkehrt, dass sie nur sicher ist, wenn man sie ruhen lässt. Wenn man nickt und durchwinkt, was Millionen von Bürgern in der Europäischen Union ablehnen, aber gewisse Wirtschaftskreise gerne hätten. Wenn man der Minderheit der Profiteure anstandslos weitere Liberalisierungen auf dem Arbeitsmarkt, im Sozialwesen und der Ökologie in Aussicht stellt, dann ist die Demokratie gerettet. Falls man jedoch der Mehrheit folgt, dann zündelte man mit dem Feuer.

Aus Texten dieser Couleur lassen sich dann meist noch ganz viele Schliche und Tricks herausfiltern, die die krude Tour unterstreichen. So zum Beispiel, dass man den Wallonen unterstellt, sie würden Europa blockieren und alle anderen behindern. Das liest sich so, als habe der Rest Europas Ceta zum Fressen gerne. Der Versuch eine Region gegen Europa auszuspielen, erinnert dann wieder an Weselsky, den man bei Bahnreisenden ausspielte, obwohl viele von denen sicherlich auch gerne Teil einer Gewerkschaft sein möchten, die ihnen höhere Bezüge erkämpft und nicht einknickt vor Drohungen aus der Wirtschaft. Die Winkelzüge dieser antidemokratischen Publikationen sind stets dieselben. Diese Retter der Demokratie müssen jedenfalls allerlei Manipulationen aufwenden, um sich selbst als solche stilisieren zu können.

Da wird doch mal die Frage erlaubt sein, was man in der Redaktion dieses Nachrichtenmagazins für Vorstellungen von Demokratie hat. Eine, wie sie mit dem Grundgesetz vereinbar ist? Mit dem Mehrheitsprinzip und den dortig garantierten Rechten von Gewerkschaften oder Parlamenten haben die allenfalls nichts zu tun. Und dann muss man ehrlich mal nachbohren und abermals fragen, weshalb man Magazine, die fortwährend so eine Aversion zu demokratischen Standards hegen und ihr Demokratiedefizit kultivieren, so ganz ohne Betreuung der Verfassungsorgane publizieren können. Die Leitartikler dort kann man doch nicht ohne Beobachtung lassen. Die gefährden uns alle. Sie sind egoistisch, anmaßend, schädlich. Sie sind kein »Spiegel«-Bild der Demokratie. Sie sind es der Eliten in Wirtschaft und Politik.

Nochmals: Hier steht der Originaltext

Nachtrag:

Dienstag, 01.11.2016, 14:21:55 :: Wenn ich mal an einem Thema bin, bohre ich ja gerne nach. Hier also ein paar »Ergebnisse«; die Liste wird sicher noch länger.

  • Feinsinn: Nestbeschmutzer des Monats: Stephan Hebel
  • Frankfurter Rundschau, Stephan Hebel: Zu Hause im Kalten Krieg
  • Social Europe: The Wallonian Mouse That Roared
  • Telepolis – Zitat von John Swinton im Jahre 1880 in Brainwashington D.C.

    „Bis zum heutigen Tag gibt es so etwas wie eine unabhängige Presse in der Weltgeschichte nicht. Sie wissen es und ich weiß es. Es gibt niemanden unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben, und wenn er es tut, weiß er im Voraus, dass sie nicht im Druck erscheint. Ich werde jede Woche dafür bezahlt, meine ehrliche Meinung aus der Zeitung herauszuhalten, bei der ich angestellt bin. Andere von Ihnen werden ähnlich bezahlt für ähnliche Dinge, und jeder von Ihnen, der so dumm wäre, seine ehrliche Meinung zu schreiben, stünde sofort auf der Straße und müsste sich nach einem neuen Job umsehen. Wenn ich meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe meiner Zeitung veröffentlichen würde, wäre ich meine Stellung innerhalb von 24 Stunden los. Es ist das Geschäft der Journalisten, die Wahrheit zu zerstören, unumwunden zu lügen, zu pervertieren, zu verleumden, die Füße des Mammon zu lecken und das Land zu verkaufen für ihr tägliches Brot. Sie wissen es und ich weiß, was es für eine Verrücktheit ist, auf eine unabhängige Presse anzustoßen. Wir sind die Werkzeuge und Vasallen der reichen Männer hinter der Szene. Wir sind die Hampelmänner, sie ziehen die Strippen und wir tanzen. Unsere Talente, unser Fähigkeiten und unser ganzes Leben sind Eigentum anderer Menschen. Wir sind intellektuelle Prostituierte.“

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Reisen sind die Geburtshelfer von Gedanken

Alain de Botton, Kunst des Reisens

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* Rund Europa 2016 (3), 34. Tag: Kamera Vourla – Naxos

Samstag, 24.09.2016, 23:59:59 :: Galanado, Naxos
Dienstag, 27.09.2016, 16:04:32 :: Galanado

Um Mitternacht waren wir wieder zuhause. Im Nachhinein ist es wieder ein Wunder. Wir sind heil, das Senfle ist heil. Nach knapp 19.000 reinen Auto-Kilometern, neuen Reifen in Litauen, zwei zusätzlichen Litern Motoröl und einer Ersatzbatterie in der Ukraine, weil ich mal wieder die Zündung über Nacht angelassen hatte…

Hier die gesamte dritte Etappe:

Und wer’s gerne bunt und komplett hat…

Der letzte Tag bestand aus dröger Autobahn, grässlichem Grosstadtverkehr und Warten im Hafencafé. Alles nichts Erhabenes.

Das heisst, ich muss mich korrigieren: Wir hatten ein schmackhaftes, umfängliches und gänzlich ungriechisches Frühstück, serviert von der stets strahlenden Besitzerin. Dass wir die einzigen Gäste sind, hatte ich das schon erwähnt?

Morgenstimmung mit Blick hinüber nach Euböa

Wir merken es uns an: Nachhause ist jetzt alles. Als wir vor Fahrkartenbüro und Hafencafé landen und im Rücken die Naxos liegen sehen, ist es wirklich geschafft.

Das Boot geht pünktlich, es waren wohl Streiks gewesen in den letzten Tagen. Und kurz vor Mitternacht rollen wir dann in Naxos auf die Mole.

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* Rund Europa 2016 (3), 33. Tag: Agiannis – Kamena Vourla

Freitag, 23.09.2016, 17:20:34 :: Kamena Vourla, Hotel Akropol

Pannen am Morgen

Es ist Ende der Saison, das wissen wir. Und das verstehen wir auch. Ich trabe noch schlaftrunken zum Schwimmbecken um – rechtzeitig! – festzustellen, dass das Wasser schon abgelassen ist. Ok.

Dass wir dann aber fast zwei Stunden vor dem verschlossenen Restaurant sitzen müssen, das ist nun wirklich doof. Nikos hat den Reisepass von Lis, wir haben noch nicht bezahlt und kein Frühstück… Dass wir den restlichen Choriatiki von gestern Abend im Kühlschrank konserviert haben, ist nur ein lauer Ersatz für Kaffee und frisches Brot.

Die anderen Gäste im Hotelbau, fast alles Bulgaren, schlafen noch, die Dauercamper sowieso. Wir verstehen, dass ausser uns niemand den Wirt braucht, morgens um Acht.

Schliesslich schreiben wir einen Zettel, wo er anrufen soll in Naxos und hängen den mit Schlüssel an die Türe.

In dem Moment, wo wir einsteigen und losfahren wollen, kommt Nikos angefahren – geknickt und fast untröstlich. Wir zahlen, Lis sackt ihren Pass ein und los geht’s.

Irgendwie wollen wir nach Hause

Nach Sightseeing ist uns nicht mehr zu Mute auf dieser Strecke. Die Autobahn soll uns so schnell wie möglich zu unserem Letzten Etappenpunkt vor Piräus bringen. Dabei gäbe es so manches, einiges davon kennen wir: Die Meteorklöster, die Thermopylen

Aber so einfach ist das nicht mit »einfach Durchblättern«. Und obendrein präsentiert sich heute Morgen der Olymp zum ersten mal ohne Wolken für uns.

Und die eine oder andere Schlucht gibt’s dann doch zu bewundern, den ersten Blick auf’s Meer, auf die Bucht von Volos und später den auf den Golf von Euböa; leider alles im Dunst.

Ja, und dann eben die diversen Baustellen und Umleitungen, dazwischen Mautstellen in grosser Zahl. Fast zwanzig Euro lassen wir da in Kleckerbeträgen.

Aber dann sind wir da.

Kamena Vourla

Ees ist ein kleiner Touristenort gegenüber der Nordspitze von Euböa und schon im Golf von Euböa, ein Ferienort vor allem für Griechen.

Euböa hat übrigens was, was sonst niemand hat:

Die Insel ist über zwei Brücken mit dem Festland verbunden; eine davon überbrückt die mit nur 40 Metern schmalste Meerenge der Welt.

Quelle: Wikipedia

Nebenbei und der Vollständigkeit halber: Die andere, eine Hängebrücke, überspannt 170 Meter Meerenge.

Kamena Vourla, das ist Meer, Restaurant- und Cafézeile, Strasse, Hotels und Kneipen. Aber jetzt, Ende September, ist es der Ort auch für uns wert, dass wir hier absteigen, es ist sozusagen das Sprungbrett nach Athen und Piräus morgen früh. Wir überlegen beim ersten Schmaus: Es ist ebenfalls das vierte Mal, dass wir hier absteigen.

Die Fähre geht morgen um 17.25 Uhr (wenn sie geht!), also bleibt genügend Zeit für die restlichen 182 Kilometer. Dort werden wir Ioanna treffen, die mit derselben Fähre nachhause fährt. Also werden wir Gesellschaft habe und Zeit, zu erzählen, was so die letzten sechs Monate passiert ist – auf unserer Reise und auf Naxos.

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* Rund Europa 2016 (3), 30. – 31. Tag: Kazanlak – Goze Deltschev

Dienstag, 20.09.2016, 22:05:33 :: Goze Deltschev (Goce Delcev), Hotel Baroto
Mittwoch, 21.09.2016, 15:34:47 :: Goze Deltschev (Goce Delcev)

Nur noch zwanzig Kilometer trennen uns von Griechenland – Der Kreis beginnt sich zu schliessen.

Wir sind also wieder hier gelandet, im letzen grösseren Ort vor der Grenze nach Griechenland. Es scheint da einen Vier-Jahres-Rhythmus zu geben: 2008 waren wir hier eher zufällig nach einer mehr als abenteuerlichen Tour nach Kovachevitsa (englisch und französisch) gelandet und fanden es hier so schön, dass wir das Hotel 2012 gleich direkt wieder angesteuert haben.

Und dieses Jahr war es keine Frage, dass wir wieder hier vorbei schauen würden – zu schön ist es, als einige Gäste das Haus zu bewohnen und das Schwimmbecken zu nutzen. Obwohl: es ist seit gestern ziemlich kühl geworden, Wolken ziehen aus dem Westen auf und bringen den einen oder anderen Tropfen Regen.

Morgen in Kazanlak

Ok., aber beginnen wir vielleicht doch besser am Morgen in Kazanlak, wo wir bei einem deftigen Frühstück auf der Terrasse direkt am Rande des zentralen Platzes der Stadt kauend und beobachtend feststellen, dass wir offenbar Griechenland näher rücken: Das Leben auf den Strassen und Plätzen, das miteinander Essen und Diskutieren rund um uns her, es hat einen völlig anderen Charakter als an den Tagen vorher. Es wird endlich lockerer…

Lis macht einen Rundgang über den Platz, wo auf Schautafeln die nationale Selbstdarstellung und Aufarbeitung dargestellt ist.

Es ist nicht leicht – trotz englischer Texte – zu erkennen, was nationale Selbstverherrlichung und was Aufarbeitung einer bombastischen kommunistischen Vergangenheit und was nationaler Stolz auf den Freiheitskampf im 19. Jahrhundert ist. Wir passierten gestern ja das Balkangebirge über den Schipka-Pass, wo wir von Monumenten der bulgarischen Eigensicht schier erschlagen wurden. Hier nun auf dem Platz wird einiges darüber klarer.

Mir wir jedenfalls klar, dass – wenn diese Sicht common sense ist, es schwierig ist für Bulgarien, sich in eine EU einzugliedern, die einem Verfahrens- und Verhaltensweisen vorschreibt; zu lange waren sie unter osmanischer und dann sog. kommunistischer Herrschaft davon betroffen, nicht frei entscheiden zu können. Und das gilt ganz bestimmt für alle Länder Ost- und Südosteuropas – auch für Griechenland, das seit seiner Befreiung immer von aussen gesteuert wurde, bis heute. Ein Gutteil der Schwierigkeiten des Integrationsprozesses dieser Länder mag davon rühren – endlich frei und jetzt schon wieder anpassen?

Auf in die Rhodopen

Den weiteren Weg nach Süden versperren die letzten Reste des Balkangebirges und nach langer und langweiliger Fahrt durch die bulgarische Tiefebene die letzte Barriere, die Rhodopen.

Wir haben uns vorgenommen, heute die Strecke zu fahren, die uns vor vier Jahren wegen völliger Sperrung des Passes verwehrt worden war; wir mussten umkehren und ein grosse Schleifen fahren um ans Ziel zu gelangen. Unser Navi beharrt darauf, dass die Passage diesmal gelingen sollte.

Pasardschik

Und so ist es: Wir folgen kurz nach Pasardschik auf hervorragender Strasse der Schmalspurbahn hinein in die Rhodopen, wo die Passtrasse auf über 1.400 Meter ansteigt.

Tagesprofil

Nur einmal werden wir durch Gleisverlegungsarbeiten für zwanzig Minuten aufgehalten.

Ansonsten geniessen wir die geruhsame Fahrt durch das enge Flusstal mit dem rauschen Flüsschen, den Wäldern, die teilweise schon herbstliche Färbung zeigen, den Felsen und Felsnadeln und später die Fahrt über die Hochebene mit den ersten Moscheen und orthodoxen Kirchlein, die schon sehr an die nordgriechischen erinnern.

Es erstaunt uns immer wieder aufs Neue, wenn wir das langsame Ineinanderfliessen der Kulturen so vor Augen geführt bekommen, meist über Tage – so wie auf der Fahrt von Reni nach Rasgrad (Bericht steht noch aus…) vor wenigen Tagen, aber auch wie hier im Süden von Bulgarien innerhalb von Stunden: Kleine Dörfer mit gleich zwei Moscheen, Dörfer mit dem Neubau einer orthodoxen Kirche, der Wechsel von osmanischer, Wiedergeburts- und griechischer Baukultur.

Und dann der Rohbau in…

…Goze Deltschev

Und heute Morgen dann die Fahrt in das Städtchen, kümmerlich, aber belebt, zweisprachig, südländisches, ja griechisches Flair: Eine Verwandlung über nicht einmal hundert Kilometer.

Und morgen geht es dann weiter Richtung Thessaloniki, Thermopylen und Piräus…

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* Rund Europa 2016 (3), 27. Tag: Kilija – Reni

Samstag, 17.09.2016, 21:57:54 :: Reni, Hotel »Hutorok«

Das war heute die letzte Etappe durch den Ukrainischen Teil des Donaudeltas, so dicht am Wasser wie möglich. »Möglich« ist dabei relativ, manche mögen sagen, dass es unmöglich ist. Jedoch: Anders bekommt man die Siedlungen, die Landschaft, die Seen und Sümpfe nicht zu Gesicht.

Und so haben wir uns den dritten Tage über ehemalige Strassen gequält – allerdings die einzigen überhaupt mit dem Auto benutzbaren Verbindungswege –, wir uns und vor allem das Senfle, das oft gequält ächzt als wollte es jetzt auseinanderbrechen. Der guten Ordnung halber und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ab Ismajil gibt es grosse Abschnitte, die ohne weiteres als Stassen durchgehen können, auch wenn hier und da doch unverhofft und ohne irgendeinen Hinweis tiefe Schlaglöcher einen abrupt ausbremsen oder einen das Steuer voller Schrecken im letzten Moment noch herumreissen lassen – allerdings gelingt das nicht immer.

Jedenfalls: Das Senfle hat alles ohne erkennbare Schäden überstanden.

Positiv denken!

Lassen wir das und wenden wir uns den Eindrücken zu, die trotz höchster Konzentration dennoch möglich sind, spätestens dann, wenn man vor einer Schlaglochkombination stehen bleiben muss, die so einfach nicht zu überwinden ist. Dann wirft mann doch einen Blick in die Weite: Schilf, riesige Ackerflächen mit Getreide, Sonnenblumen, Mais, teils auch schon abgeerntet. Seen ohne fernes Ufer, Teiche, Tümpel, Kanäle.

Alte Wehre, Pumpstationen – ihre Betriebsbereitschaft verraten sie meist nicht.

Oder das Frühstück auf einem Deich, absolute Stille, nur ab und zu die Möven, die auf dem Gebälk des Wehrs sitzen und uns beobachten. Kommt man ihnen zu nah, entschweben sie träge aber hörbar verärgert.

Der letzte Struvepunkt

Der war unser heutiges eigentliches Ziel: Der letzte Messpunkt des Struwebogens liegt westlich von Ismail im Dorf Stari Nekrasivka irgendwo in den Gärten und ist damit unzugänglich. Der Gedenkstein steht an der Dorfstrasse, ca. 120 Meter vom Messpunkt entfernt, weshalb wir zunächst daran vorbei geirrt sind.

Über die anderen Punkte in Litauen, Moldawien und der nördlicheren Westukraine habe ich (oder werde ich noch) berichten. Wir haben sie jetzt alle »gesammelt«, der vorige lag bei Rudi.

Internet

Die Internetverbindungen in den Unterkünften versagen oft den Dienst, spätestens, wenn Bilder hochzuladen wären. Heute scheint es zu klappen, daher kommt auch wieder ein Bericht. In diesen ländlichen Gebieten ist es wie in Deutschland auch: Das Interesse der Telekom-Gesellschaften ist gering, der Verbindungen schlecht und unregelmässig; kennen wir ja auch von Galanado.

Wie weiter?

Morgen geht es quer durch Rumänien nach Süden – wieder bis an die Donau, wo wir dann nach Bulgarien übersetzen. Mal sehen, wie weit wir kommen.

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* Rund Europa 2016 (3), 25. Tag: Wylkove (Donaudelta, 2)

Donnerstag, 15.09.2016, 16:11:33 :: Wylkove,

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Donaufahrt

Wir brausen hinein ins Donaudelta, ein Gebiet der Superlative.

Das Donaudelta … ist das Mündungsgebiet der Donau am Schwarzen Meer und – nach dem Wolgadelta – das zweitgrößte Flussdelta Europas. Es besteht aus drei Hauptarmen sowie unzähligen Seitenarmen, Röhrichten, schwimmenden Inseln, Altarmen und Seen, aber auch Auwäldern sowie extremen Trockenbiotopen auf Dünen. Kurz vor Tulcea teilt sich der Strom in zwei Arme nach Chilia und Tulcea, kurz hinter Tulcea teilt er sich erneut in zwei Arme nach Sulina und Sfântu Gheorghe. Das 5000 km² große, weltweit einmalige Ökosystem ist Europas größtes Feuchtgebiet, es gilt als größtes zusammenhängendes Schilfrohrgebiet der Erde und ist der Lebensraum von über 4000 Tier- und über 1000 Pflanzenarten. Urtümliche Galeriewälder aus Eichen, Weiden und Pappeln säumen die Ufer des Donaudeltas.

Wikipedia

Da wir uns auf der ukrainischen Seite des Kilija-Arms befinden, bleibt uns der weitaus grössere, südlich liegende Teil auf der rumänischen Seite natürlich verschlossen. Aber man kann das Delta sowieso nicht auf einer Fahrt auch nur halbwegs kennen lernen – eine Woche Ukraine, zwei Wochen Rumänien, dann hätte man wirklich eine Vorstellung.

Kreuz und quer geht es über das grüne trübe Wasser. An den Ufern drängen sind zunächst noch Gartengrundstücke dicht an dicht, die mit Bootsstegen bis ans Wasser reichen. Wohn- und Wochenendhäuser ziehen vorüber, wir überholen Boote, andere kommen uns entgegen.

Unser Kapitän fischt während der Fahrt einige der zahlreich herum schwimmenden Äpfel aus den Fluten, trocknet und zerteilt sie und bietet sie uns zum Naschen an; ebenso nussartige Früchte, die wir nicht kennen. Die Donau scheint sehr sauber zu sein, Bauchschmerzen stellen sich auch später nicht ein.

Zwischendurch fährt der Kaptän auch mal beherzt ins Ufergebüsch, routiniert pflügt er halbe Blütenbüsche, um sie Lis in den Arm zu legen. Dann verlangt er nach einer Kamera, um – wie er es gewohnt ist – uns Touristen zu einem ewigen Andenken zu verhelfen.

Als wir bis einige hundert Meter an die Mündung gelangt sind, wird das Wasser flach, Binsen ragen aus dem Wasser, schwimmende Inseln und Sandbänke werden häufiger, Schwäne schwimmen majestätisch am Ufer und Kormorane sitzen auf kahlen Ästen die sich auf ihrer Reise zum Schwarzen Meere im Sand und den Binsen verfangen haben. Jetzt wäre ein gutes Teleobjektiv die richtige Ausrüstung…

Es ist einen aufregende und gemütliche Fahrt zugleich bis hierher, bisweilen unwirklich. Der Eindruck verstärkt sich jetzt, als wir in der Ferne die Dünung des Schwarzen Meeres erkennen können.

Am Point Zero

Wir legen an. Weiter vorne sehen wir schon die Fluss/Land-Marke, die den Nullpunkt markiert, wo – derzeit! – die Donau aufhört der Fluss zu sein, der sich nach 2.857 Kilometern durch Europa ins Schwarze Mehr ergiesst. Weiter vorne in drei- bis fünfhundert Metern brandet das Meer.

Auch hier verlangen Touristen offenbar immer ein Foto…

Ich sage »derzeit«, denn die Schautafeln erklären, mit welcher Geschwindigkeit der neueste Teil des europäischen Festlandes wächst; die antransportierten Sedimente des Flusses vergrössern Europa ständig. Wir können als getrost warten, bis das Schwarze Meer vollständig Europäische Scholle ist… 😉

Gleichzeitig kann ich die Erfahrung machen, dass Kartenmaterial nicht immer und überall auf dem aktuellen Stand ist: Laut der Karte ganz am Anfang sind wir jetzt im Wasser, weit draussen, Google Earth hingegen signalisiert trockene Füsse:

Und dem ist tatsächlich so.

Rückfahrt

Ein letzen Blick hinaus zum Meer, dann löst der Kapitän die Leinen und wir düsen im nördlichen Flussarm zurück nach Wylkove.

Auch jetzt fährt er wieder jäh ins Dickicht und pflückt Blumen und schwer duftende Minze für Lis und jedes mal gibt’s wieder ein Erinnerungsfoto.

Da sind wir schon an der Einfahrt zum heimatlichen Hafen. Das verbeulte Touristenschiff ist uns erspart geblieben, es wäre ein völlig anderes Erlebnis gewesen, hierauf mit 50 anderen Gästen womöglich in der zweiten Reihe zu sitzen – wir hatten mal wieder Glück.

Der Tag neigt sich. Noch schwirren keine Mücken, da kann ein wenig Ausruhen nicht schaden. Die letzten Boote ziehen vorüber, irgendwo quakt ab und an ein Frosch, unten neben mir blüht im Wasserlinsenbeet der Froschlöffel und Schnecken ziehen ihre Bahn im Schlamm – es lässt sich aushalten…

Lis hat das Abendessen vorbestellt, das wir uns zu einem der Essplätze am Wasser bringen lassen. Der Salzhering ist für mich allerdings höchst ungeniessbar, die Bratkartoffeln hingegen sind lecker.

Internet gibt es nur nur am Eingang, das Büro ist geschlossen und sie haben den Router wohl abgestellt. Zudem wird es kühl bis kalt ohne Sonne. So verziehen wir uns in unsere Hütte, während die russischen Nachbarn ringsum die Grills anwerfen und schweren Duft und grosses Hallo verbreiten.

Ende der Donaureise

Wir hatten vor Jahren den Plan, der Donau bis zu ihrer Mündung zu folgen, immer so dicht wie möglich.

Donau. Biographie eines Flusses, der dicke Schmöker von Claudio Magri, in dem ich seit Jahren immer wieder lese, gab damals wohl den Anstoss. 2006 war es dann soweit. Wir starteten Mitte Juli in Regensburg; dort war sozusagen unsere erste Donauberührung. Heute, 10 Jahre später waren wir endlich an ihrer Mündung, der wir Ende Juli 2006 in Tulcea zwar sehr nahe waren, für die wir aber die Zeit nicht hatten auf unserem Weg nach Litauen. Sehnsuchtsziele warten zuweilen lange aber geduldig.

Exkurs: Über die positiven Folgen von persönlichem Versagen

Hätte ich nicht…

  • die Batterie leerlaufen lassen in Khmelnitskyi
  • die Ersatzbatterie gekauft
  • wieder die Batterie leerlaufen lassen in Wylkove

dann wären wir heute früh wohl weiter gefahren nach Kilija, der Ausflug ins Donaudelta hätte nicht stattgefunden, dieser Teil der Donau wäre uns ein weiters Mal fremd geblieben.

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* Rund Europa 2016 (3), 25. Tag: Wylkove (Donaudelta, 1)

Donnerstag, 15.09.2016, 16:11:33 :: Wylkove, Hotelanlage Pelikan
Mittwoch, 08.02.2017, 16:50:20 :: Galanado

Übeschrift und Karte verraten ja schon, was jetzt kommt. Aber nicht alles. Während des Frühstücks und kurz danach waren wir uns gar nicht sicher, wie es weiter gehen sollte. Wir unterhielten uns während und nach einem reichlichen Omelett nochmals lange mit dem ehemaligen Lehrer aus Bayern, der ebenfalls, wieder am Nebentisch, sein umfangreiches Frühstück genoss. Er würde heute weiter nach Kilija fahren. Aber »oben herum«, nicht auf der direkten Strasse an der Donau entlang. Die sei noch schrecklicher als als die, auf der wir herkamen. Es sei besser, diese Strecke zurück zu fahren und den Umweg in Kauf zu nehmen.

Donaudelta ohne Donau? Unsere Zeit ist ja knapp wegen des langen Aufenthalts in Chmelnytskyi. Wir werden unsicher, studieren die Karte. War ja schon heftig gestern. Heute noch heftiger? Wir berechnen nochmals die alternativen Routen, schätzen die wohl nötige Zeit – kurz, wir sind sehr unschlüssig. Es sind direkt nur 35 km, oben herum ein Vielfaches mehr; und die Rumpelstrecke von gestern zurück…? Dann der mutige Entschluss: Wir versuchen die Mörderstrecke an der Donau entlang.

Der Platz direkt vor dem Hotel

Doch schon zehn Minuten später hat sich (zunächst) all das erledigt. Als wir das Auto packen wollen, fehlt der Autoschlüssel. Das heisst, er steckt im Zündschloss, das Auto ist offen. Und was ist also wieder leer? Richtig, die Batterie. Aber wir haben ja die neue im Kofferraum, dazu das ebenfalls erworbene Starterkabel, frisch und neu, originalverpackt.

Beides nutzt so nichts. Das Senfle macht keinerlei Anstalten, anzuspringen. Der »Werkschutz« vom Hotel kommt neugierig mit fragendem Blick, geht dann um die Ecke und kommt mit einem jungen Arbeiter zurück, der dort gerade am Installieren ist. Der schaut sich alles kurz an, geht wieder, kommt mit seinem Werkzeugkasten zurück, tauscht die Batterie und – das Senfle läuft, als wäre nichts gewesen.

Ich rolle das Kabel auf, wir packen alles ein – und nun?

Stadtrundfahrt und -gang

Mittlerweile ist es zu spät zum Weiterfahren. Also kommen alle ursprünglichen Pläne wieder hoch. Knappe Zeit? Noch mehr verspätet zurück nach Naxos (wir wollten der ursprünglichen Planung nach eigentlich bereits dort sein)?

Pah! Wir planen kurzerhand um: Stadt besichtigen und eine Schiffsfahrt auf der Donau, das war unser Wunsch bei der ursprünglichen Planung in Vilnius. Unser Lehrer hatte gestern Abend gemeint, es sei sinnvoll, die Stadt zunächst mit dem Auto zu erkunden. Also machen wir das doch!

Wir scheitern schon ein paar Strassen weiter. Wylkove bekommt Kabel und/oder Kanalisation. Dass die Stadt buchstäblich auf Sand gebaut ist, ist offensichtlich.

Wir steigen aus und gehen zu Fuss.

Die Kirche ist eigentlich zu prächtig für das geduckte Städtchen, die Kanälchen des ukrainischen Venedigs sind versteckt und müssen den Canale Grande als Vergleich echt scheuen. Aber wir nehmen alles, wie es eben ist, genau so.

Auch hier, tief im letzten Zipfel der Ukraine, betätigt sich die EU; womit, das können wir nicht entziffern.

Der Markt ist sehr ärmlich, was nicht anders zu erwarten ist, wir kennen das. Gemüse gibt es reichlich, chinesischen Ramsch ebenso – wie überall in Europa.

Ich muss bei solchen Gelegenheiten immer sofort an Mostar in Bosnien denken: Eine damals noch sehr stark vom Krieg gezeichnete Stadt – ausgebrannte Ruinen überall –, aber zwei Chinaläden mit all dem Ramsch, der auch hier in den Auslagen liegt.

Und ich erschrecke: Schon wieder zehn Jahre ist das her. Keine Bilder im Blog. Keine Umlaute im Text. Ich gehe die Bilder von damals durch… Es ist seither doch besser geworden mit eigenem Laptop und Internetversorgung.

Die Stadt Wylkove: Es geht emsig zu, Autoverkehr, Busverkehr, stinkende Motorräder. Es herrscht richtig Leben hier. Wir gehen zurück zum Auto und suchen uns aufgrund der mittlerweile erworbenen Ortskenntnis einen Weg zur Anlegestelle der Ausflugsschiffe.

Still ist es da. Ausser den beiden Statuen – eines Priesters und eines Fischers –, über die wir schon gelesen hatten, ist niemand da. Doch. In dem kleinen Kassenhaus, das mit Tafeln Auskunft gibt über die möglichen Routen auf der Donau und die Abfahrtszeiten, ist die Türe offen. Drinnen sitzt eine Frau – wer weiss warum –, der wir unseren Wunsch irgendwie vermitteln können. Aber wir verstehen: Keine Rundfahrten mehr, Ende der Saison.

Wir ziehen uns in das Café schräg gegenüber für eine Cola zurück, enttäuscht und wollen eigentlich nicht aufgeben.

Wir gehen nochmals zurück zur nochmaligen Nachfrage. Und siehe da, wir meinen zu verstehen: Eine private Bootsfahrt zum Point Zero, also bis ganz zur Mündung, kostet 1000 Griwna (35 €), das machen wir. Über die Konsequenzen hinsichtlich Übernachtung etc. machen wir uns da noch keine Gedanken. Zunächst wird uns ein Mitarbeiter von Pelikan abholen, sie sind hier wohl der Monopolist in Sachen Donauausflugsschifffahrt. So.

Das Unternehmen »Pelikan« holt uns ab, per Mofa kommt der Mitarbeiter, wir folgen ihm im Zickzack durch die immer dünner besiedelten Aussenbezirke und landen in einer grossen Anlage, mit Pforte, Hafen, Campinghütten, Restaurant…

Und so buchen wir da nicht nur eine private Donautour sondern auch gleich für die Nacht eine Hütte, direkt am Fluss. Die Fenster und die Terrasse sind perfekt mit Fliegengitter geschützt, man kann Durchzug machen…

Zum Point Zero

Mit einem kleinen Motorboot fahren wir dann hinaus auf die Donau, gespannt wie Flitzebogen. Der Käpt’n ist ein Netter, wahrscheinlich Russe; wie uns alles irgendwie »wie in russischer Hand« vorkommt. Aber das in dieser Ecke Bessarabiens ja eh‘ so eine Sache: Man weiss nie so ganz genau, wer gerade die Mehrheit stellt: Ukrainer, Russen, Bulgaren, Rumänen, Moldawier, Gagausen. Die einst ansässigen Deutschen, ca 100.000 an der Zahl, wurden bis Herbst 1940 von Reni aus auf der Donau flussaufwärts evakuiert und im Deutschen Reich verteilt, das nie ihre Heimat gewesen war. Der jüdische Teil der Bevölkerung, 40 bis 50%, damals wurde von den Rumänen und später den Deutschen ausgelöscht. Reni wird unser übernächstes Ziel sein.

An dieser Stelle sei auf ein Buch von Karl-Markus Gauss hingewiesen:

Besser als er bringt einem schwerlich jemand diese Länder nahe.

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* Rund Europa 2016 (3), 24. Tag: Purcari – Wylkove

Mittwoch, 14.09.2016, 22:13:05 :: Wylkowe, Hotel Delta
Dienstag, 31.01.2017, 00:16:48 :: Galanado

Geschafft

Und zwar nervlich und kräftemässig. Nach 220 km. Ja gut, das Ziel natürlich auch. Wir sind in Wylkowe, das manche das »Venedig der Ukraïne« nennen, im Nordosten des nördlichsten und dicksten Mündungsarms der Donau, dem Kilija-Arm. Wylkowe ist »der letzte besiedelte Punkt vor der Mündung der Donau ins Schwarze Meer« (Wikipedia).

Aber ich greife mal wieder vor. Wie schon gesagt: Nach 220 km. Die sollten ja zunächst einmal überwunden werden.

Der Drang am Morgen in Purcari, nach einem gemütlichen Frühstück nun alles ins Auto zu tragen und weiter zu fahren, ist nicht allzu stark; man kann hier (August 2010) nachlesen um das zu verstehen – oder im Beitrag vom Vortag. Da muss also schon die Vernunft ein gehöriges Stück Arbeit leisten, damit daraus was wird.

Wir werfen dann doch letzte Blicke in die Runde – Türen zu und los geht’s.

Unser erstes Ziel heute ist Bilhorod-Dnistrowskyj, ein Städtchen mit einer riesigen Festungsanlage an der weiten Lagune des Schwarzen Meeres, in die der Dnister in ewigem Geschlängel müdet. Wem der Name zu kompliziert ist: Die Osmanen nannten die Festung Akkerman – oder wir schlicht Weißenburg, das ist wohl am einfachsten. Und da muss ich schon wieder ausholen – ok., später, wenn wir dort sind. Denn zunächst geht es von Purcari unweit der Grenze zu Transnistrien nach Süden zum Grenzübergang, zurück in die Ukraine und endgültig in die bessarabische Steppe, den Budschak.

Vorbei geht es an Weinfeldern über staubige und schlaglochhaltige Wege – die Strasse kommt erst später Richtung Grenze; jedenfalls haben die Wege da einen gehörig höheren Asphaltanteil als jetzt gerade.

Grenzkontrolle

Der Zoll liegt irgendwo in den Feldern, der Grenzübergang geht glatt, verbunden freilich mit den üblichen Fragen nach Zigaretten usw., mancher Spassvogel fragt auch schon mal nach Schusswaffen. Hier will jemand mal wieder die Chassisnummer vom Auto sehen, aber das kennen wir langsam auch: Sie bedeuten mir, ich solle die Motorhaube öffnen. Die Nummer steht aber auf dem Holmen des Beifahrersitzes, unter einem hochklappbaren Teil der Auslegeware. Ohne Sprachkenntnisse, so mit Händen und Füssen ist es schwierig, den Beamten auf die Knie zu zwingen. Aber es klappt letzen Endes immer. So auch heute wieder.

Immer wieder erstaunt die Vielfalt der Brunnen, Wegkreuze und Kirchen.

Langsam wird das Land auch immer mehr zur Steppe.

Schliesslich erreichen wir Bilhorod-Dnistrowskyj und schlängeln uns zur Festung.

Und so landen wir zum dritten mal in Weissenburg, um nachzusehen, was sich wohl geändert hat in den letzen sechs Jahren. Und hier nun die Vorgeschichte: Als wir im August 2010 auf dem Weg nach Odessa hier durchkamen, kehrten wir bei der Suche nach der Stadtausfahrt genervt an einer Stelle um, wo nach unserem Verständnis die Strasse im Geröll endete, jedenfalls nicht auf der Ausfallstrasse. Am Abend, beim Studium der Route, stellte ich fest, dass wir mit dem Auto keine 120 Meter von der Festungsmauer entfernt umgekehrt waren, weil wir von der Festung eben nichts wussten.

Zwei Tage später, auf der Rückfahrt von Odessa, haben wir dann die Besichtigung dieser weiträumigen Festung nachgeholt. Aber darüber ist noch gesondert zu berichten.

Wir inspizieren den fast leeren Parkplatz und auch den Geldbeutel auf landesübliche Währung und stellen dabei fest, dass es zum gemeinsamen Eintritt gar nicht reicht, sie auch keine Euros nehmen. Damit ist klar, dass Lis nur versuchen kann, ein paar Mitbringsel zu ergattern, was auch klappt. Und den Nichtbesuch verschmerzen wir halt.

In den Steppen des Donaudeltas

Ja, und ab jetzt also eine neue Strecke, hinunter ins Delta. Von den 7:45 Stunden, die wir heute unterwegs waren, verbrachten wir ab Bilhorod-Dnistrowskyj ca. sechs Stunden auf einer Strasse, die diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient, allenfalls ein dem Sinne, dass es vermutlich mal eine war. Aber es ist die einzige, die nach Wylkowe führt. Dass ukrainische Strassen fast alle zu den schlechtesten ihrer Art in Europa gehören, das wussten wir ja. Aber das…

Aber bevor ich jetzt weiter über grauenhaft tiefe Schlaglöcher referiere, doch zunächst dass Positive: Die Landschaft ist zum grossen Teil wunderschön, teilweise erhaben, menschenleer, überaus fruchtbar.

Kanäle, Seen, Sümpfe,…

…teilweise ausgetrocknet und übel riechend, breiten sich aus, ganz wenige arme Siedlungen, oft an Stellen zu erahnen, wohin gar kein Strasse zu gehen scheint.

Was ich sagen möchte: Es ist sehr, sehr beeindruckend und ich würde die Strecke jederzeit wieder fahren. Und wie gesagt: Wer an den Donauarm will und auf der ukrainischen Seite ins Delta, der muss hier fahren.

Und nun doch zur Strasse. Ich stelle fest, dass wir wieder – wie an anderen wirklich kritischen Stellen auf unseren Reisen – gar nicht fotografiert haben, zu stark war die Konzentration auf das wie und wo es jetzt weiter gehen könnte.

Es gibt Stellen mit Schlaglöchern von 1-3 Metern Durchmesser und einer Tiefe von bis zu 30 bis 50 Zentimetern. Unvermittelt, ohne Vorwarnung. Ihr Auftritt gipfelt häufig darin, dass der verbindende Asphalt vollständig fehlt, die Strasse sich völlig in ein unpassierbares Geröllfeld auflöst. Überflüssigerweise bekommt man dann auch den Hinweis, die Geschwindigkeit zu drosseln.

Neben der Strasse haben sich die Autofahrer notgedrungen Trassen im Sand »erfahren«, aber auch die werden von den LKWs genutzt und so zuschanden gepresst, dass auch diese Kuhlen für uns unpassierbar werden. Zuweilen kann das Senfle die Ausweichspur gar nicht erreichen, weil die Schwelle bereits zu hoch ist. Was im Sommer und bei Trockenheit noch angeht ist nach einem stärkeren Regen unvorstell- und unpassierbar. Jedenfalls, das Senfle hat sich heute mal wieder wacker geschlagen und scheint heil geblieben zu sein.

Das letzte Schlagloch? Weiss man nie…

So sehr also die Strasse nach Wylkowe mit ganz wenigen Ausnahmen eine einzige Grosskatastrophe ist – ich lese das dann später auch im Internet –, die Schlaglochfelder ausgedehnt und in sehr großer Zahl, Ausdehnung und Tiefe auftreten: Die Landschaft hat grossen Charme.

Wylkowe

Am Ortseingang erfahren wir nicht nur, dass es ein »Delta Hotel« gibt sondern dass auch die EU her ihre hilfreiche Hand gereicht hat; wofür, bleibt allerdings offen.

Wir sind geschafft, wie gesagt, als wir ankommen. Das Hotel finden wir schnell, es ist neu, sehr gut und billig, 20€. Das Senfle kommt »hinter Gitter«, die Hotelanlage ist Gated Area, das wird seinen Grund haben.

Beim Abendessen treffen wir den Besitzer des draussen parkenden Wagens mit bayrischem Kennzeichen. Er spricht uns an: ein pensionierter Lehrer, der vorzugsweise den Osten Europas bereist, per Auto oder per Fahrrad. Von ihm erhalten wir wirklich wichtige Informationen. Aber wir wollen nur noch ins Bett.

Links:

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* Rund Europa 2016 (3), 23. Tag: Purcari (Ruhetag)

Dienstag, 13.09.2016, 22:25:59 :: Purcari, Château Purcari

Ich kann mich heute kurz fassen: Wir haben eine Pause eingelegt, damit erstens mein Bein noch etwas Schonung erfahren sollte und ich zweitens Ordnung in die Reiseberichterstattung und die Bilderflut bringen kann. Beides ist nicht so recht gelungen, u.a. weil das mangelhafte Internet (auch hier in diesem »Château«, das wir vor fast genau sechs Jahren zum ersten Mal beehrt haben!), nicht das hergab, was ich von ihm erwarten musste.

So nur der Hinweis, dass sich seit damals wenig geändert hat. Gut, die Pfauen sind dahin gegangen, nur ein Weibchen fristet noch abseits alleine mit einem Spiegel seinem Ende entgegen. Ihr könnt also getrost den Beitrag von damals lesen und seid damit so gut wie up to date.

😉

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