* Rund Europa 2019 (4), 1. Tag: Raudondvaris – Korycin (Białystok)

Samstag, 17.08.2019, 20:14:39 :: Korycin, Hotel TRIVENTO
Mittwoch, 21.08.2019, 21:17:08 :: Khmelnitskiy (UA)


Wir fahren hier immer so in ca. 120 m Höhe über N.N.

Wie ist das mit dem Abschied?

Wenn man etwas beherrschen muss als Reisender, dann ist es der Abschied. Die Ankünfte sind nichts, die Abschiede aber reißen die Zeit in zwei Teile: Alles was war, ist vorher, alles was wird, ist nachher. Dazwischen liegt ein ungemütlicher Ort.

Jörg Dauscher

Der Moment kommt immer. Wir werfen einen letzten Blick auf die riesige Baustelle an der Hauptverkehrsstrasse nach Utena, auf die wir gleich in der Gegenrichtung nach Süden fahren werden.

Hier entsteht ein Fussgängerüberweg, der auch für Rollstuhlfahrer passierbar sein soll, da man eine Ampelanlage, die wegen der zu- und abführenden Seitenstrasse eh‘ kommen muss, wohl scheut. Wir werden es in zwei, drei Jahren sehen …

Wir durchqueren den nordwestlichen Aussenbezirk von Vilnius und staunen über das was so ständig an Riesengebäuden hinzu kommt.

Und wir konzentrieren uns mächtig darauf, uns nicht – wie meist – zu verfahren, was auch nach Jahren nicht ausgeschlossen ist.


Wer sich hier verfährt, braucht sich nicht zu schämen

So oft wir diese Strecke schon gefahren sind in den letzten fast zwei Jahrzehnten: Es liegt doch jedesmal wieder eine Überraschung bereit.

Varėna

Wenn man allerdings Neues gezielt sucht, dann kann das zuweilen enttäuschend sein. Wir denken heute, es wäre an der Zeit sich Alt- und Neu-Varėna anzusehen, die man irgendwie immer am Strassenrand liegen lässt.

Aber der Abstecher von über 10 km war’s nur insofern wert, als wir jetzt wissen, dass da nicht viel ist. Ok, der See, der schon …

Was uns natürlich auch immer wieder begeistert, sind die vielen Holzskulpturen am Weg – man will sie nicht immer wieder alle fotografieren.

Merkinė

In Merkinė hingegen stossen wir auf ein Strassenfest. Ein Bühne ist aufgebaut, auf der Musikanten und Chor die typischen litauischen Lieder spielen und singen, derweil einige Paare sich zum Tanz einfinden.

In den Buden wird allerhand angeboten, Stoffe zum Beispiel, aber auch Produkte aus lokaler Produktion.

Das Landeskundliche und Genozidmuseum

1595 wurde das Rathaus urkundlich erwähnt. 1885 wurde das Rathaus zerstört und eine russische Kirche gebaut. Das heutige Landeskundliche und Genozidmuseum Merkinė (Merkinės kraštotyros ir genocido muziejus) ist an diesem Platz gebaut worden.

Wikipedia

Soll wohl heissen, dass das Museum heute in den Mauern dieser russischen Kirche untergebracht ist.

Das Gebäude mitten auf dem Platz, das wir seit Jahren ”einfach nur“ für die örtliche Kirche hielten, entpuppt sich als die 1885 erbaute ehemalige russische Kirche, die an der Stelle des ehemaligen Rathauses erbaut wurde.

Heute beherbergt das Kirchengebäude das Landeskundliche und Genozidmuseum Merkinė und ist offen, so dass wir bewundern und erschrocken staunen, was an einem derartig kleine Ort alles zusammen kommen kann.

Neben dem Modell des alten Rathauses (»rotušė« auf litauisch!) ist das Werk über das Magdeburger Stadtrecht interessant, denn es spielt immer wieder eine grosse Rolle bei der Entwicklung der Siedlungen, die zu Städten erhoben wurden, so auch Merkinė 1556.

Und wenn man Wikipedia folgt, so hat das Leben der örtlichen Juden auch hier im Sommer und Herbst 1941 ein jähes und grässliches Ende gefunden – nicht zuletzt auch unter tätige Mithilfe von Litauern. Damit ist die Schwere deutscher Verantwortung nicht relativiert, aber dieses generelle Thema stösst auch heute in Litauen immer noch auf erbitterten Widerspruch, ein wirkliche Aufarbeitung hat hier wie auch in Polen nicht überall und umfassend stattgefunden.

So möchte wohl auch der Herr mit den künstlichen Schläfenlocken auf diese Umstände hinweisen, indem er Flugblätter verteilt.

Memelbrücke und Burgberg

Die Brücke über die Memel soll trotz früherer Nennung nicht unerwähnt bleiben, ebenso der Burgberg (auch hier).

Weiteres Anhalten verkneifen wir uns, wir wollen möglichst bald in Augustów sein, um einen Hotelzimmer zu ergattern. Die Stadt ist Touristenschwerpunkt hier oben.

Der Hinweis auf die ausgedehnten Felder mit Buchweizen soll dennoch daran erinnern, dass er hier oben immer noch eine wichtige Nahrungsquelle darstellt.

Touristengruppen mit geführten Radwanderungen trifft man immer öfter.

Und wenn man an einem Samstag hier draussen auf dem Land dann doch eine Vesperpause einlegen möchte, dann hat man Pech: Hochzeit, ausgebucht, keine Kapazität für andere Gäste. Aber schön wär’s hier gewesen.

Augustów

Und auch das war zu befürchten: Die Stadt quillt über. Es gibt kein Bett für uns, dafür viel Trubel, sodass es uns leicht fällt, zunächst einfach weiter zu fahren. In Korycin finden wir dieses nette Hotel eines quirligen Gastwirtpaares, das Zimmer für 28 € o.F..

Am Nebentisch sitzt eine Familie mit Tochter aus Süddeutschland, die Mutter ist offensichtlich gebürtige Polin. So haben wir doch interessante Unterhaltung, denn die Wirtsfrau spricht nur polnisch, ihr Mann leidlich Englisch.

Korycin liegt an einem See samt Park und nennt eine Windmühle sein eigen. Dazu morgen mehr.

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* Rund Europa 2019 (4): Bald geht’s wieder los

Montag, 12.08.2019, 16:12:42 :: Raudondvaris

Bald ist es soweit: Wir werden am Samstag, 17.8.2019 zur 4. Etappe aufbrechen, die uns von Litauen ans Schwarze Meer bringen soll, genauer gesagt an die Donaumündung, den »Point Zero« der Donau auf der rumänischen Seite. Die ukrainische Seite kennen wir ja schon.

Also:

Vieles ist nicht neu, aber es ist ja auch immer interessant, was sich im Laufe vieler Jahre ändert, teilweise sind es ja über zehn Jahre …

Neu in jedem Fall sind auf dem Weg Treblinka und Bełżec. Und falls sich jemand fragt, ob dass denn sein muss: Ich bin der Ansicht JA.

Das sind dann ca. 16 Tage. Von Tulcea geht es dann ins Delta. Aber wie das so ist mit Plänen – wir werde sehen. Irgendwie werden wir uns hoffentlich durchwurschteln. Bisher ging ja auch alles gut.

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* Rund Europa 2019 (3), 10. und 11. Tag: Antažiegė/Dusetos

Mittwoch, 31.07.2019 bis Freitag, 02.08.2019 :: Antažiegė/Dusetos (litauisch), hier Wikipedia

Uunsere erste Nacht im ersten Stock über Violetas Atelier ist uns sehr gut bekommen, entgegen den Befürchtungen von Violeta und Virgis, die nicht sicher sind, ob wir beide nicht zu »zivilgeschädigt« sind, um mit einfachen Verhältnissen klar zu kommen.

Wir kennen uns gegenseitig eben noch zu wenig. Aber das wird sich ändern. Wir fühlen uns hier sauwohl.

Der grosse See lädt zum Bade, auch wenn die Temperatur nicht danach ist. Das Wasser ist wärmer als die Aussenluft. Und so »hängen« wir in angenehmem, sehr klarem braunem Wasser und lassen die Blicke schweifen: Wald, Schilf, an den anderen Seiten des Sees blinzelt zuweilen ein Haus durch die Bäume, einen weiteren Steg machen wir auch aus, aber sonst? Stille, bis auf Vögel natürlich.

Fische gibt es hier, gestern Abend frisch gefangen und zubereitet, Krebse auch. Aber beides ist eben nicht mein Geschmack. Pech gehabt …

Das Grundstück der beiden ist riesig und macht sehr viel Arbeit, eher zu viel. Es gibt tausend Sachen zu entdecken, Natur und Kunst zu gleichen Teilen, aber beides in Hülle und Fülle.

Die alte Scheune hat sich auf einer Seite gesenkt und droht, einzustürzen. Also muss sie auf dieser Seite freigeräumt werden um sie dann so zu heben und zu stabilisieren, dass sie weiter genutzt werden kann.

Der kleinere See gegenüber ist künstlich angelegt, um zu vermeiden, dass das speisende Flüsschen immer wieder das Anwesen überschwemmt; dafür hat er aber zwei Inseln. Dort wohnen Bieber, die wir aber nicht zu Gesicht bekommen; die Abende sind zu kühl, um am Ufer zu sitzen, etwas zu trinken und sie zu beobachten.

Das Storchennest ist noch von einem Kind belegt, wie ich gestern schon schrieb, das nicht so recht fliegen mag, aber energisch nach Futter quietscht und fiept. Zwei Tage zuvor landete er beim ersten Flugversuch zunächst auf dem Platz zwischen den Häusern, schaffte es von da zunächst aufs Vordach des Wohnhauses und von dort später doch wieder hinauf aufs Nest. Da sitzt, liegt und steht er nun und wartet auf die Eltern mit Futter. Er muss bald fit sein für die Reise nach Afrika, denn der Sommer scheint hier gelaufen, es ist kalt.

Immer mal wieder am Folgetag nimmt das Kind einen neuen Anlauf. Bevor wir weiterfahren, scheint es flugtauglich.

Trödelmarkt

Wir schliessen uns Violeta und Virgis an, die nach Dusetos fahren, um einzukaufen. Mittwochs ist Trödelmarkt, wie es sie überall in Osteuropa gibt, Quelle für alles, was man so braucht, Klamotten zu Spottpreisen, Ersatzteile, Werkzeuge, aber auch Gemüse, Honig, Fleisch, Speck und Würste.

Lis erwirbt eine Hose für 5 € und später noch einen Wohnpullover für 15 €. Violette ist derweil um das leibliche wohl besorgt und ich interessiere mich eher für den Speckstand. Ein grosse Stück Speck bekommen wir dann geschenkt – Sonderration für die vokiečiai, wörtlich die »Helmträger«, wie die Deutschen auf Litauisch heissen; das schmeckt historisch …

Kunstgalerie

Danach werden wir ins Kulturhaus mit Galerie geführt. Dort wartet eine grosse und beeindruckende Ausstellung von Gemälden, Skulpturen und Installationen.

Ist Dusetos eine Künstlerkolonie? Man könnte es meinen. Aber Virgis winkt ab – noch zu wenige, die sich hier niederlassen, als Besucher kommen mehr.

Neben der Ausstellung beherbergt das Kulturhaus eine Bibliothek und – Überraschung! – einen richtig grossen geschmackvollen Veranstaltungssaal.

Ja, es ist sehr kühl. Wer Bewegung durch Arbeit hat, merkt das nicht so. Aber ich, der ich viel sitze, Bilder ordne und bearbeite und am Reiseblog schreibe, mir zieht die Kälte in die Knochen. Am Ende sitze ich da mit zwei Pullovern und zwei Fleecejacken und einer Fleecedecke über den Knien … Wenn’s mir nach Bewegung wäre, regnet es.

Aber am zweiten Tag ist dann doch Ruderwetter und wir kreuzen über den See.

Man spürt förmlich, wer den Takt vorgibt …

Und wir verstehen, warum die Zwei hier seit ca. fünfzehn Jahren leben, das alles gekauft und gestaltet haben. Die Ruhe, für Virgis auch das Material für seine Skulpturen und Stühle …

Lis meint nach einigen Tagen, sie wolle zurück in den Wald, eine Hütte an einem See würde ihr reichen. Und sie hat recht.

Wie schmalzte Heidi Brühl in »Annie get your Gun« in den Sechzigern? Ich habe das Musical damals in Berlin gesehen und es kommt mir eben das Lied in den Sinn:

»Im Wald versteckt, wo kein Kuckuck sie entdeckt …«

Wer’s ertragen kann – anhören.

Unsere Gastgeber

Nun wird es auch Zeit, unsere Gastgeber, Violeta Gasparaitis und Virgilijus Gasparaitis, vorzustellen.

Violeta Gasparaitis stammt aus Vilnius.

1981 absolvierte sie das Litauische Staatliche Kunstinstitut (heute Kunstakademie Vilnius), Schwerpunkt Keramik. 1981 zog es sie nach Leipzig.

Seit 1984 hatte sie Ausstellungen in der Kunsthalle Kunst der Zeit Leipzig, organisierte Einzelausstellungen in Altenburg und Halle, später Essen, und zuletzt 2015 wieder in Leipzig.

Aktuell und in den Jahren zuvor erstehen hier im Wald Keramikskulpturen und viele Gemälde.

Virgilijus Gasparaitis stammt aus Šiauliai. Seit 1964 lebte er in Leipzig. Nach einem Studium an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften in Leipzig begann er 1984 zusammen mit seiner Frau Violeta Holzskulpturen und Keramiken zu gestalten.

1999 kehrten sie nach Litauen zurück und traten der Kunstgalerie Dusetos bei. Heute nimmt er aktiv an Ausstellungen internationaler Künstler teil und organisiert internationale Workshops. 2014 organisierte er eine Einzelausstellung im Regionalen Museum von Zarasai und in der Galerie Dusetos.

Beide leben sie also hier im Dorf Antažiegė bei Dusetos. Wobei das Wort „Dorf“ immer nur bedeutet, dass es ein paar verstreut Häuser gibt, irgendwo im Wald und zwischen Seen.

Übrigens: Der Sartai-See, an dem Dusetos liegt, verfügt mit etwa 79 km über die längste Uferlinie eines litauischen Sees. Unser Badesee hier ist allerdings deutlich kleiner.


Und irgendwo hier sind wir …


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Die Verantwortungslüge

Der Originalartikel wurde bei Rubikon unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert und veröffentlicht.


Der Neoliberalismus missbraucht unser Verantwortungsgefühl, um uns die Schuld für sein Versagen aufzuhalsen.

von Roland Rottenfußer

„Es liegt an dir“, hören wir landauf, landab. Oder: „Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Das klingt so gut und ist so gut gemeint, dass sich sehr viele den Schuh anziehen und sich mit Schuldgefühlen plagen. Unser Verantwortungsbereich scheint immer mehr zu wachsen, während durch die autoritäre Politik der Mächtigen unser tatsächlicher Einfluss nach und nach schrumpft. Der Einzelne wird dazu angehalten, durch ethische Konsumentscheidungen auf eigene Kosten die Fehler von Politik und Wirtschaft zu korrigieren. Von „Eigenverantwortung“ wird immer dann gesprochen, wenn sich die Institutionen aus der Verantwortung zurückziehen. Und wenn sie uns eine Verschlimmerung unserer Situation aufzwingen wollen. Somit ist Eigenverantwortung heutzutage vor allem das Lieblingswort der Verantwortungslosen.

Die Verantwortungslüge

„Ein bisschen Eigenverantwortung finde ich schon richtig“, sagte mein Zahnarzt, als er mir die hohe Rechnung präsentierte. Meine Krankenkasse würde davon keinen Cent übernehmen. Auch der ehemalige FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle forderte mehr Eigenverantwortung. Für die Pflegeversicherung solle — wie schon bei der Rente — jeder selbst vorsorgen. Auf dem Arbeitsmarkt gilt schon längst: „Fördern und Fordern“. Der geringe Hartz IV-Satz soll „die Eigenverantwortung des Leistungsempfängers stärken“.

Das hört sich gut an. Scheinbar steht dahinter das Ideal einer autonomen Persönlichkeit. Man befreit sich aus Abhängigkeiten und trifft für sein Leben Entscheidungen. Geht es schief, trägt man dafür die Verantwortung. Ich bin gerührt, dass sich Menschen wie Brüderle und mein Zahnarzt so für meine Entwicklung zu einer reifen Persönlichkeit engagieren.

Haben wir es uns bisher etwa zu leicht gemacht? Angela Merkel jedenfalls wirft uns vor: „Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt.“ Prinz Charles setzt eins drauf: „Wir zerstören die Klimaanlage unseres Planeten.“ Dirk Fleck, Autor eines Ökothrillers, nennt uns pauschal die „Tätergeneration“. Wir zerstören mit unserer Art zu leben und zu wirtschaften die Lebensgrundlagen unserer Nachkommen. Das bedrückt mich umso mehr, als ich ja schon von Geburt an dem Tätervolk (Deutschland) und dem Tätergeschlecht (Männer) angehöre. Erdrückend viel Schuld für einen eigentlich ziemlich harmlos wirkenden Typen. Ich schlafe in letzter Zeit schlecht.

Schuld sind immer wir

Die drastische und pauschale Zuschreibung von Verantwortung an die breite Masse, an Sie und mich, ist heute gängige Rhetorik. Wenn ich eine bessere Welt will, fange ich mit der Veränderung bei mir selbst an. Eigentlich könnte man sich ja darüber freuen, dass Verantwortung so ein Zeitgeist-Thema geworden ist. Und es gibt echte Verantwortung und echte Schuld. Ich wehre mich aber entschieden gegen Übertreibungen und den Missbrauch des Begriffs „Eigenverantwortung“.

Beispiel Zahnarzt: Ich putze meine Zähne so gut, dass der Zahnarzt seit vielen Jahren nichts zu meckern hat. Obendrein gehe ich regelmäßig zur Vorsorge. Ich bin meiner Verantwortung also beispielhaft nachgekommen. Die Prophylaxe zahle ich trotzdem aus eigener Tasche, zuzüglich Praxisgebühr. Eine Art Geldstrafe für vernünftiges Verhalten.

Beispiel Glühbirnen: Es wird so getan, als ob in der Verwendung der richtigen Glühbirne der Dreh- und Angelpunkt für die Rettung der Welt läge. Die Wahrheit ist: Nur etwa ein Zehntel des CO2-Ausstoßes entfällt überhaupt auf Privathaushalte, davon circa ein Zwanzigstel auf Beleuchtung, also ein Zweihundertstel. Und von den großen Energienutzern, zum Beispiel der Atomindustrie, werden gewaltige Mengen CO2 sinnlos in die Luft geblasen. Für Hans Arpke, Energieexperte aus Weilheim, geht die Verantwortung des Endverbrauchers in Sachen Licht gegen Null: „Glühbirnen alten Typs geben Wärme ab. Wenn sie durch temperaturneutrale Energiesparlampen ersetzt werden, könnte der Verbraucher dies im Winter kompensieren, indem er die Heizung weiter aufdreht.“

Beispiel „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“: Tatsache ist, dass immer mehr Menschen unter die Armutsgrenze gedrückt werden. Die Prasser sind vor allem die reichsten zehn Prozent. Und die Politik tut alles, um deren Riesenvermögen noch weiter anschwellen zu lassen.

Beispiel Friedenspolitik: Hier herrscht oft eine Eigenverantwortungsmentalität, die zu kurz greift. Spirituelle Menschen argumentieren: „Der Friede beginnt in dir“. Der Friede im eigenen Herzen hat aber mit dem Weltfrieden nur am Rande zu tun. Er muss nach außen getragen werden, um gesellschaftliche Realität zu werden. Der Friedenspsychologe Professor Gert Sommer mahnt politisches Engagement an: „Mit sich selbst im Frieden zu sein ist auch schön. Aber selbst wenn 99 Prozent der Weltbevölkerung im Frieden sind und 1 Prozent ist es nicht, dann reicht das völlig aus, um Kriege zu führen.“

Beispiel Fairtrade-Produkte: Hier kann der Käufer tatsächlich etwas tun, allerdings mit Einschränkungen. Erstens wird ihm ethisch richtiges Handeln durch den Preis erschwert. Wohlmeinende zahlen eine Art Ethik-Strafgebühr. Zweitens verschleiern die Großhändler bewusst die unfairen Herstellungsbedingungen bei den meisten Überseeprodukten. Gleichzeitig werden die Verbraucher durch massive Werbekampagnen ständig zur Bedenkenlosigkeit verführt. Es braucht viel Zeit- und Energieaufwand, um informiert zu sein und Fehlentscheidungen auszuschließen. Die Frage ist also: Warum kaufen mächtige Multis nicht zum vornherein nur faire Produkte ein? Oder warum verbietet der Staat nicht einfach den unfairen Handel?

„Verantwortlich“ im Kleinen, machtlos im Großen

Der Endverbraucher soll also die Fehler kompensieren, die vorher von großen, mächtigen Organisationen begangen wurden.

Es findet eine Art Crowdsourcing des Verantwortungsgefühls statt. Der wohlmeinende Verbraucher lädt das ganze Elend der Welt auf sein Gewissen: „Wenn ich korrekt einkaufe, gibt es keine Ausbeutung mehr“. Dies könnte ein Fehlschluss sein.

Die wesentlichen Probleme können nur durch Strukturveränderung und politische Entscheidungen im Großen gelöst werden. Naheliegend wäre es zum Beispiel, die Gewinnspanne der Aldi-Brüder bzw. ihrer Erben (Vermögen geschätzte 34 Milliarden) drastisch zu reduzieren. Das Geld könnte eingesetzt werden, um Herstellern fairere Preise zu bezahlen. Auch müsste die Gewinnabschöpfung durch Personen verhindert werden, die keine Eigenleistung erbringen (Aktionäre).

Innerhalb des alten Systems erleben wir jedoch immer wieder das alte Spiel: Arbeiter und Endverbraucher sollen das kleine Stück vom Kuchen unter sich aufteilen, das die Abzocker übrig lassen. Der österreichische Sachbuchautor Christian Felber sieht dahinter ein perfides System:

„Wir werden vom eigentlichen Platz des politischen Geschehens ferngehalten und in die Supermärkte gelotst, wo wir unsere demokratische Verantwortung ausleben sollen, in einem zugewiesenen Reservat der Wahlfreiheit als Ersatz für echte Demokratie.“

Felber trifft den Kern: Die Bürger werden von wichtigen Entscheidungen systematisch ausgeschlossen. Zum Beispiel durch die Verweigerung direkter Demokratie (außer in der Schweiz) und durch Verlagerung von Entscheidungen auf die EU-Ebene. Gleichzeitig sollen wir uns „immer verantwortlicher“ fühlen.

Kampfbegriff der Unverantwortlichen

Mit Blick auf die von Staat und eingebetteten Medien lancierten Kampagnen kann man feststellen: Eigenverantwortung wird immer dann angemahnt, wenn uns jemand dazu zwingen will, Verschlechterungen unserer Lebenssituation hinzunehmen. Jeder Widerstand wäre ja dann gleichbedeutend mit der Regression auf ein unreifes Entwicklungsstadium. Eigenverantwortung wird von denen angemahnt, die sich aus der Verantwortung zurückziehen wollen, obwohl sie gut dafür bezahlt werden, diese zu tragen. Ein Beispiel: Bei der „Bankenrettung“ 2008 wurde klar, dass Banken zwar ungeniert mit Milliardensummen zockten, aber nicht einsahen, warum sie die Verluste selbst tragen sollten. Dafür hat man ja den Steuerzahler. „Eigenverantwortung“ ist heute vor allem der Kampfbegriff der Unverantwortlichen.

Unsere Verantwortung steht und fällt mit unserem realen Einfluss auf das Geschehen. Der ist oft kleiner als wir denken. Deshalb greifen auch wohlmeinende Appelle aus der Aktivistenszene oft zu kurz. So lesen wir im Webmagazin „Sein“, „dass ein Wandel nicht durch politischen Widerstand und Gewalt erzeugt werden kann, sondern bei jedem Einzelnen beginnt, in jeder einzelnen Entscheidung, die wir jeden Tag treffen.“ Schade, dass der Autor mit der Gewalt gleich auch den Widerstand entsorgt hat. Die Machthaber können sich nur freuen, dass solche Halbwahrheiten im Volk kursieren. Sie müssen dann nur noch unseren Entscheidungsspielraum auf ein für sie ungefährliches Maß verkleinern — und genau das geschieht.

Gefährlicher „Zuständigkeitsburnout“

Das Energie- und Zeitbudget des Menschen ist begrenzt, sein Verantwortungsbereich dagegen potenziell unbegrenzt. Besonders problematisch ist der Satz: „Wer zuschaut, ist mitschuldig“. Er führt, wörtlich genommen, sehr schnell zu einem „Zuständigkeitsburnout“. Natürlich sollte man, wenn einer gerade ertrinkt, nicht am Ufer stehen bleiben — man sollte hineinhüpfen und ihn retten. Wer sich allerdings für den ganzen Globus zuständig fühlt, kommt schnell an seine Grenzen. Das neoliberale Menschenbild zieht eine Negativspirale nach sich: Da sich das Kollektiv zunehmend weigert, Verantwortung für uns zu übernehmen, sind wir dauernd damit beschäftigt, für uns selbst zu sorgen. In der Folge haben wir nicht mehr die Kraft, Verantwortung für das Kollektiv zu übernehmen.

Appelle an unser Verantwortungsgefühl suggerieren, dass unser Zuständigkeitsbereich beliebig ausweitbar wäre. Richtig ist, dass unser Einfluss begrenzt wachsen kann, solange wir die Zeche für ethisches Verhalten selbst zahlen (Beispiel Fairtrade). Schwieriger wird es, wenn unser Handeln massiv Herrschaftsinteressen berührt.

Ein Beispiel sind die Komplementär- oder Regionalwährungen. Wenn sie dem System der Kontrolle über das Geldwesen gefährlich werden, könnten sie von heute auf morgen verboten werden. So geschah es beim berühmten Geldexperiment von Wörgl von 1932. Wenn so etwas nicht geschehen soll, müssen die Machtzentralen mit integeren Leuten besetzt werden — oder die Macht der Zentralen muss insgesamt zurückgedrängt werden.

Schuldgefühle machen klein

Es stellt sich die Frage, wie es möglich war, Verantwortung so massiv auf den „einfachen Bürger“ abzuwälzen. Zunächst ist der Verantwortungstransfer natürlich eine psychische Selbstentlastung der wirklich Mächtigen. Gerhard Polt spottet in seinem Sketch „Der Verantwortungsnehmer“: „Das kann man doch dem Minister doch nicht bloß deshalb anlasten, weil er es veranlasst hat.“ Zweitens sollen natürlich die finanziellen Nachteile verantwortlichen Handelns auf uns verschoben werden. Mir erscheint aber noch ein dritter Grund wichtig: Die dunkle Schwester der Verantwortung ist die Schuld. Und mit Schuldgefühlen kann man Menschen manipulieren.

Wer Verantwortung übernimmt, ohne entsprechende Einflussmöglichkeiten zu haben, wird sich schnell als Versager fühlen. Schuldgefühle lähmen, machen uns klein und lassen uns glauben, wir hätten eine Besserung der Verhältnisse gar nicht verdient.

Der US-amerikanische Bürgerrechtler Noam Chomsky schreibt: „Die Menschheit soll denken, sie sei wegen zu wenig Intelligenz, Kompetenz oder Bemühungen die einzig Schuldige ihres Nicht-Erfolgs. Das ‚System’ wirkt also einer Rebellion der Bevölkerung entgegen, indem dem Bürger suggeriert wird, dass er an allem Übel schuld sei, und mindert damit sein Selbstwertgefühl.“

Warum übernehmen viele Menschen die Verantwortung, die ihnen zugeschoben wird, scheinbar bereitwillig? Ich vermute, dahinter steht der Wunsch, sich mächtig zu fühlen. Der König im Buch „Der kleine Prinz“ befiehlt allmorgendlich der Sonne, aufzugehen. Abends befiehlt er ihr dann wieder, unterzugehen. Und siehe da: Sie gehorcht. Auch in der Esoterik ist es üblich, dem Individuum die Urheberschaft an allem zuzuschreiben („Ich bin Schöpfer meiner Realität“). Ich sehe darin eine Abwehr von Machtlosigkeitsgefühlen, die als unerträglich erlebt werden. Die Größenfantasien sprießen in dem Maß, wie unsere tatsächlichen Gestaltungsmöglichkeiten durch die Institutionen zurückgedrängt werden.

„Ent-schuldigt euch!“

Möchte ich mich etwa selbst vor Verantwortung drücken? Ich versuche, uns alle von falschen Selbstvorwürfen zu entlasten. Dafür muss ich uns aber mit einer Verantwortung belasten, die meist gar nicht als solche erkannt wird: Sie besteht darin, die bestehenden Machtstrukturen anzugreifen und zu stürzen. Die Kräfte also, die darüber entscheiden, dass unsere Steuergelder in Kriegsgerät fließen. Jene, die bestimmen, dass das Volk Geld nur als Schuldgeld von Privatbanken beziehen kann. Jene, die das Geld in einem wahnwitzigen legalen Raubzug ständig von unten nach oben pumpen.

Wir müssen handeln. Nicht weil wir schuld daran sind, dass die mies bezahlten Arbeiter in den Bananenplantagen an den Spritzmitteln ersticken, sondern damit eine Welt entsteht, in der dies nicht mehr geschehen kann.

Zwischen „weil“ und „damit“ besteht ein großer Unterschied, wie Noam Chomsky gezeigt hat: Fühlen wir uns als Versager, macht uns das depressiv und antriebsschwach. Fühlen wir uns dagegen als wertvolle Menschen, deren Würde von Machtkartellen verletzt wurde, werden wir selbstbewusst unser Recht einfordern. Wer die Verantwortung für alles übernimmt, neigt zur Nabelschau, anstatt an der Umwälzung der Verhältnisse zu arbeiten.

Jenseits der Größenfantasien

Dies ist kein Aufruf, die „kleinen Schritte“ zu einem anständigeren Leben zu unterlassen. Ich finde es wichtig, zum Beispiel unnötige Autofahrten zu unterlassen und fair gehandelten Orangensaft zu kaufen. Aber diese Dinge sollten nebenbei geschehen und allmählich in Fleisch und Blut übergehen. Das Leben des politisch erwachten Menschen sollte so organisiert sein, dass noch Kraft für die großen Kämpfe übrig bleibt.

Das kann bedeuten, auf die Strasse zu gehen, Plätze zu besetzen und Banken zu umzingeln. Das kann bedeuten, bei Regen und Kälte draußen zu stehen und durch die bedrohlichen Spaliere hochgerüsteter Polizisten zu marschieren. Das kann auch bedeuten, den Ungehorsam zu proben und dafür negative Konsequenzen in Kauf zu nehmen.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es so beliebt ist, zu sagen: „Ich fange lieber mit kleinen Veränderungen bei mir selbst an“? Es ist einfach bequemer, Fairtrade-Rosen für 3 Euro zu kaufen, als auf die Strasse zu gehen und sich mit der Macht anzulegen. Das erstere verschafft ein wohliges Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Das letztere verursacht Angst, ist riskant. Es ist oft mit Selbstzweifeln verbunden oder bedeutet zähes Ringen mit Mitstreitern um den richtigen Weg. Gerade dies wäre aber wirkliche Eigenverantwortung ohne falsche Schuldgefühle und Größenfantasien. Ja, die Veränderung muss bei jedem Einzelnen anfangen. Aber sie darf nicht dort aufhören. Wir haben Verantwortung, aber sie besteht zunächst darin, zu erkennen, wofür wir nicht verantwortlich sind.


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* Rund Europa 2019 (3), 9. Tag: Jēkabpils – Dusetos

Dienstag, 30.07.2019, 19:14:13 :: Dusetos, tief im Wald, zwischen zwei Seen
Mittwoch, 14.08.2019, 19:44:16 :: Raudondvaris

Wir frühstücken wieder am Katzentisch und machen uns dann auf den Weg. Da wir im Stadtteil Krustpils sind machen wir zuvor noch einen Abstecher zum Schloss.

Jēkabpils/Krustpils: Schloss Kreuzburg

Renovierung, kein Zutritt. Schöner Blick auf die Daugava. Alte Bilder nehmen!

Krustpils (deutsch Kreutzburg) liegt am nördlichen Ufer der Dina und gehörte historisch zu Livland, während das südlich gelegene Jēkabpils zu Kurland gehörte. Heute sind sie beide Teile der Stadt Jēkabpils und die gehört zum heutigen Lettland. Uff, das ist deutlich einfacher aber die historisch geprägten Eigenheiten werden immer wieder deutlich und die Menschen legen auch Wert darauf. Wir werde das gleich noch an einem Beispiel kennenlernen.

2010-07-16, Schloss Kreuzburg in Krustpils

2010-07-16, Schloss Kreuzburg in Krustpils

2019-07-30, Schloss Kreuzburg in Krustpils

2019-07-30, Schloss Kreuzburg in Krustpils

Warum hier zwei sehr ähnliche Fotos? Als wir im Juli 2010 hier waren, machte das Schloss Kreuzburg einen gut renovierten Eindruck. Heute gleich das Gelände eher einem riesigen Bauplatz, im Schlosshof, im Park, daneben und dahinter. Warum, ist für uns nicht erkennbar, wir wechseln die Strassenseite und werfen nochmals einen Blick über die Düna, hinüber nach Jēkabpils, also nach Kurland. Aber lassen wir das.

Der Versuch reizt uns einfach: Wir haben uns für den Weg nach Süden eine möglichst kurze Strecke, abseits der Hauptstrassen ausgesucht, wohl wissend, was das bedeuten könnte. Und es bedeutet genau das: Sandpiste.

In Sala am Dorfweiher unterhalten wir uns noch mit dem Schwanenpaar, das aggressiv seine fünft Kinder verteidigen will, obwohl wir doch nur reden möchten …

Dann aber geht’s auf die Piste. Das Wetter ist nicht gerade sonnig, aber immerhin trocken. Und …

… der Sand liegt zunächst noch in hohen Bergen neben der Strasse, aber bald danach die Warnung …

… und da haben wir sie wieder, die Sandpiste.

Und es kommt uns etwas entgegen …

… und hinterlässt etwas, was uns zu starkem Nachdenken anregt. Die nächsten Stunden immer Fenster auf – Fester zu?

Wir disponieren neu und drehen um. Doch feste Strasse, auch wenn es ein Umweg ist. Und so landen wir in

Rubeni

Was kein schlechter Tausch ist, wie sich alsbald heraus stellt.

Zunächst sind wir nur verwundert über das so herrschaftlich wirkende Gebäude im derart angekündigten Park.

Sowas schauen wir uns natürlich an. Zunächst irren wir umher und schauen uns um.

Lis geht in der Hoffnung auf eine Toilette ins Gebäude.

Als sie wieder heraus kommt, spricht uns eine alte füllige Dame mit Fahrrad und Korb am Lenker an, die gerade vor Lis herausgekommen war.

Warum wir hier sind? Ob wir etwas suchen? fragt sie auf Englisch, mit dem sie sichtlich Schwierigkeiten hat, aber immer lächelnd und freundlich. Ob wir Fragen hätten?

Und sie klärt uns auf über den Park, …

… über Rainis, Lettlands wohl bedeutendsten Dichter, Dramatiker, Übersetzer und Politiker, der hier mit einem Monument geehrt wird.

An einer Gedenkwand mit, wie uns eindringlich versichert wird, alten bedeutende Stoffmustern findet sich auch ein Zitat von Rainis.

Oben stehst du wieder!
Geh den Regenbogenpfad hinunter
Sonne durch die Wolken!

Rainis

Ich vermute stark, dass die Dame mit dem Fahrrad die ehemalige Lehrerin vom Ort ist. Bei weiterem angeregtem Fragen und Antworten erfahren wir von Kindern in Amerika oder Australien und Besuchen in Deutschland. Schliesslich verabschieden wir uns und sehen sie dann, wie sie mühsam und langsam ihr Fahrrad die leicht ansteigende Strasse hochschiebt.

Die Kirche von Rubeni

Tage später beim Recherchieren bekomme ich einen Bezug zur Kirche, die wir aus Routine im Vorbeifahren abgelichtet haben.

Sie ist wohl das Ergebnis der Renovierung der Pfarrkirche in Rubeni zu sein.

Auf dieser Webseite ist der Artikel Der Wallfahrtsort Aglona und die Geschichte von Latgalien verlinkt, der Klarheit schafft, weshalb hier eine katholische Kirche steht, mitten im ansonsten lutherischen Lettland:

Lettland gilt bis heute als ein evangelisches Land. Protestantisch waren seit der Reformation die Baltendeutschen und die einheimischen Letten und Liven. Doch neben Hunderttausenden von zugewanderten orthodoxen Russen gibt es in Lettland auch 400.000 Katholiken. Erzbistum und Sitz einer Kirchenprovinz ist die Hauptstadt Riga, wo dem Erzbischof und Kardinal die Suffraganbistümer Liebau (Liepaja), Mitau (Jelgava) und Rositten-Aglona (Rezekne-Aglona). unterstehen. Das Bistum Riga wurde bereits 1918 wiedererrichtet, und zwar vom Nuntius in Polen, Achille Ratti, der später als Papst Pius XI. Riga zum Erzbistum erhob und ihm das neue Bistum Liebau unterstellte. Erst nach der erneuten Unabhängigkeit Lettlands 1991 kamen die Bistümer Mitau und Aglona-Rositten dazu. Die vier Diözesen entsprechen den historischen Provinzen Lettlands. Aber wer kennt heute noch Livland und Kurland? Die Liven sind fast ausgestorben. Einige Hunderte sprechen noch Livisch, das keine baltische, sondern eine finno-ugrische Sprache ist. Kurland war einst ein eigenes Herzogtum, das erst 1795 völlig unter russische Herrschaft fiel. Seine Hauptstadt Mitau heißt heute Jelgava. Rositten im Osten Lettlands trägt heute den Namen Rezekne. Den Doppelnamen Aglona-Rositten verdankt die Diözese dem marianischen Zentrum des Landes Aglona in Latgalien. Dieser Teil Lettlands war bis zur letzten Teilung Polens polnisch und daher katholisch. Hier entwickelte der lettische Stamm der Latgalen oder Lettgaller eine eigene Identität, ja mit dem Latgalischen sogar eine eigene, wenn auch von Lettischen nur geringfügig unterschiedene Sprache.

Der Wallfahrtsort Aglona und die Geschichte von Latgalien

Und aus diesem Artikel erfahre ich auch von der Bedeutung des morgigen Tages, dem 15. August. Mariä Himmelfahrt ist auch hier im Südosten Lettlands ein wichtiger Feiertag mit über 100.000 Wallfahrern.

Link:

Soviel zu den Folgen einer Staubwolke.

Litauen erreichen wir über eine unspektakuläre Grenze.

Die Windmühle und Kirche von Obeliai, 15 km vor Rokiškis, erregen bei mir ein gewisses Aufsehen: Obeliai ist eine Stadt mit gerade einmal etwas über 1000 Einwohnern. Und dann diese Kirche …

Dann aber

Rokiškis

Zunächst besuchen wir die unscheinbare in einem Wohngebiet verborgene Orthodoxe Kirche, die in einer Symbiose mit der Wohnung des Priesters zu leben scheint.

Doch dann kommen wir zu der 1868 bis 1883 errichtete Matthäus-Kirche, die als wichtigstes neugotisches Bauwerk Litauens gilt, widmen. Leider wird im Hauptschiff der Boden renoviert, so dass Vieles unter schwarzen Plastikplanen versteckt ist.

Ein riesiger Platz, ein martialisches Monument und ein gigantisches Backsteingebäude mit danebenlieget Taufkapelle – so jedenfalls unser Eindruck, der uns an Italien erinnert.

Weitere sehr schöne und informative Bilder in Google Fotos.

Nach einem kleinen Imbiss, in einem noch kleinere Lokal am Rande des Platzes …

… fahre ich mit der Osterhäsin zum

wirklich letzten Struvepunkt bei Rokiškes

Diesen weiteren Umweg erzwingt der Besuch des nun wirklich letzten, diesmal litauischen, Struvepunktes.

Litauen hat die Präsentation seine Punkte standardisiert, stelle ich fest, nachdem ich nun auch den letzten kennenlerne.

Alles ist sehr ordentlich, nur die Infotafel, sie könnte eine Renovierung dringend gebrauchen.

Nun geht es aber endlich in die Wälder von Dusetos (gesprochen „Dúsetos“), wo uns ein befreundetes Künstlerehepaar erwartet, das wir von drei Jahren in Zarasai leider nur kurz kennen gelernt haben.

2016-08-11, Zarasai

Wir hatten damals versprochen, dass wir wieder kommen, heute also.

Aber wer nun glaubt, von weiteren Kirchen verschont zu bleiben – noch ist es nicht soweit. Auch Dusetos hat eine sehr schöne solche.

Und solange wir darauf warten, abgeholt zu werden schauen wir sie uns an. Den Weg zu den beiden in den Wald würde wir alleine mit Sicherheit nicht finden. Soviel sei schon mal verraten.

Und dass es dort ein Storchennest gibt. Mit einem fordernden Jungvogel, der gefüttert werden will aber nicht fliegen mag und gestern eine Bruchlandung auf dem Hof gemacht hat. Aber davon und über die Tage im Wald zwischen zwei herrlichen Seen, mit Klohäuschen im Wald, einer rustikalen Unterkunft, viel Kunst und vielem mehr dann in den nächsten Beiträgen.

Wir gehen noch zusammen einkaufen und sind damit für die nächsten Tage gerüstet. Nach einem gemeinsamen Kaffee richten wir uns ein.

Google Fotos

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* Rund Europa 2019 (3), 8. Tag: Valmiera – Jekabpils

Montag, 29.07.2019, 22:08:03 :: Jekabpils, Hotel Citrus Spa

Eine Fahrt mit bizarren Höhenunterschieden … 😉

Direkt beim Aufstehen und dem ersten Blick aus dem Fenster sehen wir endlich mal eines von Googles Street View Autos, ein in Deutschland nahezu unmögliches Bild.

Der Fahrer hat also wohl auch hier übernachtet. Ja, so sehen sie aus die Geräte, die diese wunderbaren Aufnahmen machen, mit denen man sich in Google Earth und Maps so gut orientieren kann; hilft uns oft sehr – überall, aber natürlich nich in D …

Als wir dann nach dem Frühstück starten wollen, um uns zunächst in Valmiera etwas umzusehen, schaut so aus, …

… kurz zuvor aber noch so:

So bleibt es bei einer rudimentären Stadterkundung. Mehr als im Park an der Gauja ein paar Schritte zu gehen wird es nicht. Die Gauja ist wohl der längste Fluss Lettlands. Sie zu sehen, zu überqueren oder an ihr entlang zu fahren freut uns immer wieder.

Noch ein Blick auf das Kulturzentrum und die mächtige Kirche am Hochufer – dann fahren wir los nach Süden, es macht einfach keinen Spass.

Regen und Sand – am Ende Matsch

Der längst Teil der heutigen Strecke besteht aus Sandstrassen. Das hat im Wesentlichen zwei Gründe: Erstens sind sie direkter und damit wesentlich kürzer und zweitens lässt sich ein wichtiges Ziel, das für heute auf dem Programm steht, anders gar nicht erreichen. Ganz abgesehen davon, dass Lettland von allen drei baltischen Ländern wohl noch das längste Sandstrassennetz hat …

Aber sie sind in der Regel gut, ohne allzu viele Querrillen oder gar Schlaglöcher. Is es trocken, staubt’s gewaltig, so dass man bei einem – sehr selten – entgegen kommenden Fahrzeug gut tut, Fenster und Lüftung für eine Weile zu schliessen. Heute regnet es, zunächst verhalten, also keine Gefahr.

Aber irgendwann kann der Sand den Regen nicht mehr aufnehmen, das Senfle beginnt zu schwimmen, besonders in den Kurven.

Die Störche stehen derweil im Nest und warten ab.

Brennholz in Hülle und Fülle …

… aber auch Bauholz gibt es hier genügend; hier baut jemand ein neues Haus um das alte Herum.

Geschwindigkeitsbegrenzungen können wir mit ruhigem Gewissen ignorieren, wir sind froh, auf der Strasse zu bleiben mit 30, 40 km/h.

Aber trotz allem: Die Landschaft ist herrlich und der Regen lässt uns sogar ab und zu aussteigen und den Rundblick geniessen.

Die Häuser am Weg, die Ortschaften sind arm, teils strahlen sie noch immer den sowjetischen Charme aus; das wird sich bei der Wirtschaftslage auch hier draussen noch lange nicht ändern. Ok., teils aber doch.

Und immer neue Überraschungen

Nicht immer sind Hinweisschilder witzig – dieses ist echt hilfreich, denn es kündigt kurz vor unserem ersten Ziel wirklich etwas an.

Trotzdem entgeht uns nicht, dass es hier oben im Baltikum Gäste aus Südamerika gibt, die hier in aller Ruhe im Regen grasen.

Alpakas stammen aus den Anden. Aber sie scheinen sich auch hier wohl zu fühlen.

Geschafft: Ein Struwepunkt

Und dann sind wir nach kurzer Fahrt durch den Schlamm auch an unserem ersten heutigen Ziel, dem Struvepunkt am Sestukalns.

Über den Struvebogen habe ich ja immer wieder geschrieben, seit wir am 26.06.2012 den erste Punkt in Nordschweden ganz zufällig eingesammelt haben – freilich, ohne damals zu wissen, worum es ging. Das ergab dann erst später die Recherche.

Da stand eben einfach dieser Pfahl und wir davor …

Dieser Punkt, vor dem wir nun stehen, liegt im Nachbarland zur »Heimat« des Struvebogens, denn das Observatorium an der Universität von Tartu (oder Dorpat, wer’s gerne auf Deutsch hat) in Estland ist der nördliche Nachbarpunkt und die die Referent-Koordinate des Projekts.

Aber das hier ist nun alles nur der Hinweis auf den wirklichen Messpunkt.

Der liegt, wie fast alle Punkte und soweit möglich, auf einem Hügel, einem Berg oder einem Kirchturm. Hier also irgendwo oben im Wald; der war vor fast 200 Jahren ( die Punktkette wurde von 1816 bis 1852 erstellt) deutlich niedriger.

Und da will ich jetzt hin, in Sandalen durchs nasse Grass, über mir die tropfenden Bäume.

Und dann stehe ich vor der Tafel und dem wahren Messpunkt, so wie schon so oft und immer wieder völlig anders, hier flankiert von Farnen, Moosen und Pilzen. Ich muss die Punkte mal alle in einem Beitrag zusammen bringen, denke ich.

Denn es sind jetzt bald alle, die wir erreichen können, es fehlen die ganz im hohen Norden (wo wir voraussichtlich nich mehr hinkommen werden), die in Belarus (wo es nach wie vor schwierig ist) und – abwarten 😉

Aber es geht ja noch weiter!

Aber wir sind ja noch nicht am Ziel. Das heisst Jekabpils und liegt an der Daugava (Düna) und beherbergt einen – genau, den letzten Struvepunkt.

Es wird besser, der Regen lässt nach und es warten neue Überraschungen, kleine …

… und deutlich grössere.

Schloss Odense in Odziena

Das Herrenhaus Odense (hier die englische Wikipedia mit mehr Informationen, die aber wohl hinfällig sind – eine schnelllebige Zeit, in der wir leben) steht da als stolzes Skelett, zwei Türmen, deren Ecktürmchen von Storchennestern belegt sind.

Ansonsten: Alles verlassen, von wegen Kaufladen, Hotel, Café …

Aber es muss wirklich fürstlich zugegangen sein, damals.

Jekabpils

Band fahren wir über die Düna in den südlichen Teil der Stadt. Schade, dass die Geländer immer so hoch sind, der Verkehr erlaubt kein Halten.

Einschub: Wir waren am 16.07.2010 hier in Jekabpils, ich stelle aber gerade fest, dass es viele Fotos gibt, aber keinen Bericht. Nicht ausser dem sehr sinnigen Spruch:

Manches passiert eben nur, wenn man es tut.

Unser Weg führt uns direkt zum letzten Struvepunkt – in Lettland. Der liegt an der schmalen und leicht verwilderten Vilhelma Strūves iela in einem Park.

Und so kommt auch der Punkt vom Sestukalns nochmals zu Ehren, diese zwei von ehemals sechzehn …

Die Hotel- und Restaurantsuche …

…gestaltet sich dann schon schwieriger, als die Suche nach dem Struvepunkt. Beim Hotel werden wir fündig: »Hotel Citrus Spa« entpuppt sich als Anhänger am privaten Hallenbad der Stadt, ist aber ohne Restaurant, aber sonst ok.

Die Luft im Schwimmbad ist eher die einer Sauna, da verzichten wir auf »Spa«.

Zum Essen empfielt die Touristenkarte wenige aber immerhin einige. Nur diese zu finden, das geht schief, sie sind geschlossen oder aufgegeben.

Wir irren durch die Strassen …

… und beschauen uns die Düna vom Nordufer.

Als wir dann endlich ein modernes Café/Restaurant mit Balkon und freien Tischen finden, erfahren wir, dass wir hier nichts bekommen, frühestens in zwei Stunden – obwohl, wie gesagt, genügend Tische frei sind. Vor dem Lokal spricht uns dann eine Passantin an, und zwar in bestem akzentfreiem Deutsch: Was los sei? Ob sie helfen könne? Wir schildern das Problem, sie spricht mit dem Personal – mit demselben Ergebnis: Kein Essen in diesem Lokal; dabei futtern da an die 10, 15 Menschen …

Sie fragt noch, woher wir kommen und ist erfreut: Sie hat lange in Deutschland gelebt und in Münster studiert.

Wir gehen mit letzter Kraft in den Supermarkt und decken uns ein. Essen gibts dann am Katzentisch im Hotel.

Google Fotos

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* Rund Europa 2019 (3), 5. Tag: Randvere und Kurassaare

Freitag, 26.07.2019, 21:39:21 :: Randvere

Hier im Aavikunurga Puhketalu, dem »Ferienhaus im einsamen Winkel« ist es so wunderschön, dass wir beschliessen, länger zu bleiben.

(Puhketalu bedeutet Ferienhaus, Nurga ist der Winkel, Aavikunurga wäre wörtlich übersetzt der Winkel in der Wüste, meint aber wohl in der Einsamkeit)

Draussen ist ständiger Wind, sodass die steigenden Temperaturen zu ertragen sind – freilich nicht für die Ortsansässigen, sie stöhnen, 25°C und höher sind ihnen zu viel – was ich natürlich vollkommen verstehen kann …

Gestern Abend bekamen wir den Hinweis, dass es heute frisch geräucherte Fische geben würde, wenn genügend im Netz wären. Es waren genügend und deshalb wohnt Lis nicht nur der Vorbereitung und dem Räuchern bei, sie isst dann auch zwei davon. Ich habe zwei, drei Gabeln probiert – das war ok.

Ausflug nach Kuressaare

Wir wagen einen Ausflug ins 45 km entfernte Kuressaare (deutsch Arensburg, »saare« bedeutet Insel, das »Kur« stammt wohl nicht vom Namen der ehemals weiter südlich siedelnden Kuren, wie Wikipedia weiss).

Der historische deutsche Name der Stadt, Arensburg (niederdeutsch „Adlerburg“), leitet sich vermutlich von dem Adler auf dem Stadtwappen ab. Er symbolisiert den Evangelisten Johannes.
Wahrzeichen Kuressaares ist die direkt am Wasser gelegene mittelalterliche Bischofsburg Arensburg. Sie wurde erstmals 1398 unter dem Namen Schloss Arnsborch urkundlich erwähnt.

Der estnischsprachige Name der Stadt bedeutet übersetzt Kranichinsel. Er ist möglicherweise von dem missverstandenen Wappenbild abgeleitet.

Und Wappentier ist eben ein Adler …

Da wir einen anderen Weg nehmen als bisher, entdecken wir auch Neues, zum Beispiel diese alten, aber immer noch benutzen Häuschen.

Gegenüber unserm Besuch am 22.7.2010 finden wir ein riesige Baustelle vor:

Die Hauptstrasse wird »europäisiert«, das heisst Strasse und Gehsteige werden dem Standard angepasst, den wir überall finden … Mehr sage ich nicht dazu.


Damals … – Von BeentreeEigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link


… und heute (2019-07)

Hier sieht man, wie alles mal aussehen wird: Euronorm.

Eigentlich haben wir ja schon alles gesehen, unsere Neugierde hält sich daher in Grenzen.

Die orthodoxe Nikolaikirche

Sie hatten wir damals im ersten Durchgang nur von aussen fotografiert, obwohl die Türe offen war, wie ich auf den alten Aufnahmen von genau neun Jahren sehen kann. Heute gehen wir also wie gesagt ins Detail.

Die erste orthodoxe Kirche von Kuressaare wurde 1748 aus Holz errichtet. Die heutige, dreischiffige orthodoxe Kirche des Heiligen Nikolaus wurde in den Jahren 1786 bis 1798 auf Grundlage eines Ukas der Kaiserin Katharina II. an der Stelle des früheren Gotteshauses erbaut. Sie wurde am 22. September 1790 geweiht.

Das Gebäude mit seinem spitzen Westturm weist als Grundriss ein Lateinisches Kreuz auf. Das Kircheninnere mit seinen Gewölben ist farbenfroh und prunkvoll gestaltet. Die Ikonostase stammt aus der Zeit um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.

Das frühklassizistische schmiedeeiserne Tor zum Kirchhof wurde 1840 auf Veranlassung des Kirchenältesten Sofoni Cholostow errichtet und gilt als das schönste Tor der Stadt.

Die Nikolaikirche untersteht heute der Estnischen Apostolisch-Orthodoxen Kirche (EAÕK).

Wikipedia


Das in Wikipedia gerühmte Tor

Das Kurhaus

Auch das Kurhaus haben wir damals eher links liegen gelassen, dafür essen wir dort heute sogar einen Happen.

Die Festung fällt hingegen heute flach, die kann man hier bestaunen.

Die Bühne bleibt heute leer: Lis weigert sich, hier einen Abba-Song zu zelebrieren.

Kurhaus und Stadtpark

Das 1889 eröffnete Kurhaus der Stadt wurde 1988 umfassend renoviert. Heute ist darin unter anderem ein Restaurant untergebracht. An das Kurhaus schließt sich der in den 1860er Jahren geschaffene, siebzehn Hektar große Stadtpark von Kuressaare an, der auch die Sängerbühne beherbergt.

Der Stadtpark wurde auf dem Gelände des alten Friedhofs von Kuressaare errichtet. An ihn erinnert ein aus alten Grabplatten errichtetes kleines Denkmal, das in deutscher Sprache den bereits zu seinen Lebzeiten in Estland und Livland geschätzten Friedrich Schiller zitiert: „Wirke Gutes, du nährest der Menschheit göttliche Pflanze.“

Wikipedia, Kuressaare

Die orthodoxe Kirche »Vasilios der Zweifler«, …

… auf Estnisch »Kathtla Vassilius Suure«, würde man völlig übersehen, wenn nicht ein braunes Schild in den Wald weisen würde.

Und wenn man googelt, dann findet man auch Hinweise auf den zweifelnden Vasilios, der während der Liturgie lieber in seiner Kammer bleibt und vor sich hin zweifelt.

Und dass diese Kirche genutzt wird, darüber assen »Orthodox Singers« aus Serbien keinen Zweifel

Der abschliessende Versuch, einen Badeplatz in der Ostsee zu finden …

… scheitert: Das Wasser ist extrem lange flach und voller Algen. Morgen versuchen wir es an einer anderen Stelle.

Ach so:

Hhatte ich schon erwähnt, dass wir im Zimmer »Afrika« residieren?

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* Rund Europa 2019 (3), 4. Tag: Hiiumaa – Saaremaa

Donnerstag, 25.07.2019, 16:32:13 :: Randvere/Saaremaa Aavikunurga Puhketalu

Wir haben gestern Abend bis in die Nacht hinein versucht, heraus zu bekommen, mit welcher Fähre wir denn am nächsten Tag nach Saaremaa übersetzen könnten; und was wir daher auf Hiiumaa noch würden unternehmen können.

Aber es blieb dabei: Auf allen Fähren am nächsten Tag gab es keine Platz mehr für das Senfle – bis auf die Fähre früh morgens um 8:15 Uhr. Das bedeutete, dass wir in aller Herrgottsfrühe und ohne Frühstück in Kärtla würden los müssen, einmal quer über die Insel zum Hafen von Sõru ganz im Süden.

Das hat dann auch so geklappt heute Morgen. Die Fahrt über nahezu menschenlose und autofreie Strassen, die noch flache stehende Sonne stets grell von links …

Dichte Wälder wechseln mit Wiesen und einzelnen Felden, vor allem aber Brachflächen und Wiesen. Ortschaften gibt es sehr wenige, hier und da ein Gehöft, ein einzelnes Haus – und immer mal wieder eine Windmühle.

Plötzlich ein ausgedehntes Zeltlager. Freizeit? Geflüchtete? Soldaten? Wir sind schon weiter, wissen es also nicht.

Dann plötzlich links der Hafen.

Warten auf die Fähre

Sie liegt schon da, fehlt nur noch die Crew. Tickets gibt’s erst auf dem Schiff, also heisst es: Warten …


Immer wieder überraschend: Nordische Komik.

Vor uns steht ein Kombi aus Hamburg, das Ehepaar macht ebenfalls eine grosse Baltikumstour, allerdings bevorzugen sie Campingplätze, davon zeugt auch die Ausrüstung, die uns aus der Heckklappe entgegenstarrt.

Lis kramt in ihrer unergründlichen Tasche und findet ein Souvenir aus dem Kurhaus von Haapsalu – auch wieder so eine kecke nordische Idee. Hejhej!


Wer weiss …

Die Überfahrt dauert eine knappe Stunde. Am Tresen gibt es endlich einen Cappuccino und ein Croissant, vollgestopft mit Käsecrème und Schinken. Aber der Magen akzeptiert das in seiner Not.


Wir sind mit die Ersten: Der Ansturm kommt noch!

Land in sicht: Triigi auf Saaremaa

Land in Sicht: Triigi auf Saaremaa

Wie feiern ein ständiges Wiedersehen, die Strecke weckt die Eindrücke der Jahre zuvor wieder auf. Aber diesmal schauen wir genauer hin. Überhaupt: Man kann nicht langsam genug reisen. Und nicht oft genug …

Das Windmühlenmuseum

Neben den fünf Windmühlen auf der Wiese rechterhand gibt es nun ein Museum mit Café – das würde aber erst um zehn Uhr aufmachen, also in zehn Minuten, das lässt sich verschmerzen, so lange können wir ja durch das Museum schlendern.

Das dauert dann aber doch etwas länger, denn es wird richtig interessant, so dass der Cappuccino hinterher fast nur noch ein eben vorher schon beschlossener Abschluss wird.

Acht Euro bezahlen wir Eintritt und betreten die alte estnische Inselwelt mit alten Fotografien, Werkzeugen, Einrichtungen, fein gestickten Blusen, immer wieder deutschen Vor- und Nachnamen und nicht zuletzt ein riesigen Sammlung alter Werkzeugmaschinen und Drehbänken. Sogar eine alte Wäschemangel ist dabei.


Immer wieder ist man mit der alten kurländischen Kultur konfrontiert: Deutsche Namen, deutsche literarische Fleissarbeit

Manche Drehbank erinnert daran, dass Elektrizität eine relativ junge Errungenschaft ist: Der Antrieb erfolgte mit einem Wippbrett, wie bei der guten alten Nähmaschine.

Und nicht zuletzt dieses Schmankerl verdient Aufmerksamkeit: Ein »griechischer Fries« aus dem hier anstehenden Dolomit. Zum Mitnehmen ist der aber zu gross; Lis ersteht daher ersatzweise eine kleine Vase aus demselben Material.

Statt Marmor: Dolomit

Die St.-Martins-Kirche

Auch für die ehrwürdige St.Martins-Kirche in Valjala lassen wir uns wieder Zeit. Sie ist die älteste auf estnischem Gebiet errichtete Steinkirche.

Aprospos »Kirche«: Wir zählen in einem Brevier der estnischen Kirchen fast fünfzig, alleine auf Saaremaa. Dazu muss allerdings bemerkt werden, dass Saaremaa beziehungsweise Ösel Sitz des 1228 gegründeten Bistums Ösel-Wiek war, mit nachfolgenden häufigen Besitzwechseln zwischen Deutschem Orden, Bistum Riga, Schweden, Dänen und nicht zuletzt Russland. Davon zeugt daher eben auch die Orthodoxe Kirche der Heiligen Olga von Kiew in Leisi, nächstliegender Ort zum Hafen Triigi.

Ülle klärt mich später auf: Früher hatten jedes Dorf, jede Ansiedlung ihre eigene Kirche. Und ich verstehe: Die Inseln waren nach dem Zweiten Weltkrieg militärisches Sperrgebiet, betreten nur mit Sondergenehmigung. Da waren Kirchen eher Nebensache und sie verfielen…

Links:

Und dann sind wir auch schon am Ziel

Überraschung: Ein herzlicher Empfang – wir hatten uns ja zuletzt im Mai in Durrës in Albanien getroffen – und ein vollkommen neues Gästehaus erwartet uns.

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* Rund Europa 2019 (3), 3. Tag: Tuuru – Haapsalu – Hiiumaa

Mittwoch, 24.07.2019, 20:28:35 :: Kärdla/Hiiumaa, Hotell Sõnajala
Donnerstag, 08.08.2019, 19:33:58 :: Raudondvaris

Ein blitzblauer Reisetag …

… kündigt sich an. Und er beginnt …

… mit einem gemütlichen und sehr guten Frühstück.

Das hier, das »Altmõisa külalistemaja« (»külalistemaja« bedeutet »Gästehaus«), ist so ein Platz, den man nicht leichten Herzen verlässt. Da gäbe es noch so manchen Spaziergang, im geschützten Naturpark zum Beispiel. Aber wir wollen ja nach Haapsalu, Wiedersehen feiern.

Zunächst stolpern wir aber natürlich wieder über eine Kirche, diesmal Ruine einer orthodoxen. Kennt man ein Bauwerk, wenn man es vor 10 Jahren schon einmal gesehen, interessiert fotografiert, aber nie begangen hat? Ich denke, warum bist du damals nicht hinein gegangen?

Dann aber fahren wir den Rest des Weges durch Wald, Wald – halt!

Auch hier begegnen uns wieder diese ausgedünnten Flächen zwischen den Bäumen, Bäume, die absterben. Immer wieder. Das ist kein Ergebnis in einem bewirtschafteten Wald. Und wer Nachrichten aufmerksam verfolgt: Auch in Deutschland erleben wir ein Waldsterben 2.0, das hier nur als ein Beispiel.

Aber dann kommt doch die Stadt und nach etwas längerem Suchen nach der Tankstelle parken wir schön im Schatten an der Rüütli und ziehen los.

Haapsalu

Ein wenig sind wir enttäuscht. Aber es soll wohl so sein, der Tourismus zieht auch hier immer mehr ein. Was ein Wunder, Haapsalu ist auch sehenswert. Nach einem ersten Rundgang ist klar: Viiiiel, viel mehr Touristen, selbst einen Platz vor dem Café zu bekommen, kann Probleme bereiten.

Das Kurhaus hat noch zu, also in der nächsten Runde. Das ehemalige »Hotel Petersburg« ist immer noch nicht renoviert, selbst die Kulisse, die 2010 die ehemalige Pracht noch zeigte, ist verschwunden.


2010-07-26


2019-07-24

Der Eisbär ist noch da, …


2010-07-27


2019-07-24

Die Bischofsburg

Die Ruine der Bischofsburg beherbergt jetzt ein Museum und ist touristisch belagert, als gelte es, sie einzunehmen; wir ziehen uns schnell zurück.

Die Erinnerungen werden offenbar immer wichtiger. Lis‘ Strickladen gibt es noch, ist aber zu teuer.

Exkurs: Haapsalu ist berühmt für seine wunderschönen und zarten StrickSchals. Sie füllen Ausstellungen, Sammlungen und Bildbände; einer liegt bei uns zuhause …

Das Kurhaus …

… an der Promenade ist ohne Zweifel ein Juwel, das auch schon recht früh entsprechend restauriert wurde. Hier ging der Adel aus Russland und Estland ein und aus. So auch wir.

Im Kurhaus gibt es später in der zweiten Runde einen Salat und Cappuccino.

Und Lis gibt draussen wieder ihre berühmte ABBA-Nummer.

2010-07-27

2019-07-24

Ach ja …

… auf wen wir auch treffen:

Auf Ilon Wikland, die Illustratorin fast aller Kinderbücher von Astrid Lindgren. Für Ilons Wonderland hat es aber nicht gereicht.

Der Bahnhof des Zaren

Der Bahnhof, am Ortsende auf dem Weg zur Fähre gelegen, ist ein Schmuckstück und heute nur noch Museum. Aber mit seinem damals längsten Bahnsteig Europas kann er sich auch heute noch sehen lassen. Die abgestellten Lokomotiven und Wagen stehen hingegeben sehr verloren herum.

Schlossruine Lindenhof

Eine obskure Kulisse bietet wenig weiter die Ruine von Schloss Lindenhof. Und nicht nur die Kulisse, auch die Geschichte ist seltsam, wie man nachlesen kann. Entstanden wegen einer »Liebeserpressung« wurde es nie fertig, weil der Bräutigam vorher starb.

Sucht man bei Google nach Bildern von diesem Teil, so wird man erschlagen, ich halte mich daher kurz.

Links:

Überfahrt nach Hiiumaa

DAnn also Rohuküla Sadam, der Hafen, von wo aus wir nach Hiiumaa übersetzen. Eigentlich ist uns das alles bekannt, aber die neue moderne Fähre, die fällt dann doch auf mit ihrem riesigen Maul.

Sowohl im Hafenbereich als auch auf der Fähre kann man sich ohne Komplikationen und ohne Passwort ins WLAN einwählen und ist drin; wollte das nur mal wieder erwähnen für alle, die sich in Deutschland mit einer derartigen Verbindung nach wie vor ja eher schwer tun.

Die Fähre hat einen fairen Preis: 13,40€ für Auto und zwei Menschen. Und zu Essen gibt’s auch.

Hiiumaa und das verlorene Hotel

Auf Hiiumaa sieht alles vertraut aus.

Deshalb sind wir guten Mutes, als wir direkt nach Süden fahren, um zu dem günstigen Spa-Hotel zu gelangen, das Lis via Booking.Dingens herausgesucht hat.

Das Gebäude finden wir, ebenso die beiden anderen Touristenfamilien, die mit ihrem Auto etwa zur gleichen Zeit hier eintreffen. Aber es ist zu, verlassen, aufgegeben.

Und nun? Eigentlich wollten wir ja hier unten sein, damit wir am nächsten Morgen gleich die Fähre nach Saaremaa nehmen könnten. Wäre praktisch.

Da wir aber im Hauptort an der Nordküste »unser« Hotel nach zwei Besuchen kennen, wenden wir uns nach Norden. Indes: Wir finden es nicht. Wissen nicht wie es heißt aber dachten wir wüssten wo.

Als wir dann ein anderes im Wald und in der Nähe von Kärdla für 62€ m. F. gefunden und uns eingerichtet haben, finde ich im Internet auch das, was wir zuvor verzweifelt gesucht haben. Aber es geht auch so, ohne Restaurant.

Dass alle Fähren nach Saaremaa für Autos ausgebucht sind, erfahren wir auch aus dem Internet. Nur auf der allerersten, morgens um 8 Uhr, da könnte was frei sein. Also heisst es früh aufstehen, ohne Frühstück wieder nach Süden.

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* Rund Europa 2019 (3), 2. Tag: Bauska (Lettland) – Tuuru (Estland)

Dienstag, 23.07.2019, 23:28:35 :: Tuuru, Hotel »Altmõisa külalistemaja« (es lohnt sich, die Webseite aufzurufen!)

Bauska erkunden

Der morgendliche Blick aus dem Fester lässt hoffen. Vielleicht scheint uns heute endlich mal wieder die Sonne, der Fotograf in mir würde sich freuen.

Allzuviel gibt es ja nicht zu sehen in Bauska.

Die orthodoxe Kirche, ein richtiger Blickfang, hatten wir gestern Abend ja schon im besten Licht wenigstens von aussen besichtigen können.

Heute bleibt nur noch die Lutherische Kirche und noch einmal die Burg.

Es bleiben nur noch die Lutherische Kirche vom Heiligen Geist, das angeblich älteste Gebäude Bauskas. Sie ist verschlossen, bleiben also nur »geliehene Abbildungen«, um eine Vorstellung vom Innenraum zu erhalten.

Häufig, besonders in den nördlichen Ländern, sind die evangelisch/lutherischen Kirchen offen – es gibt nichts zu entwenden, nichts von irgendeinem Wert, wie Heinrich Heine schon bissig in seinen Reisebildern schrieb:

»Aber, Herr Hyazinth, wie gefällt Ihnen denn die protestantische Religion?«

»Die ist mir wieder zu vernünftig, Herr Doktor, und gäbe es in der protestantischen Kirche keine Orgel, so wäre sie gar keine Religion. Unter uns gesagt, diese Religion schadet nichts und ist so rein wie ein Glas Wasser, aber, sie hilft auch nichts. Ich habe sie probiert und diese Probe kostet mich vier Mark vierzehn Schilling –«

»Wieso, mein lieber Herr Hyazinth?«

»Sehen, Herr Doktor, ich habe gedacht: das ist freilich eine sehr aufgeklärte Religion, und es fehlt ihr an Schwärmerei und Wunder; indessen, ein bißchen Schwärmerei muß sie doch haben, ein ganz klein Wunderchen muß sie doch tun können, wenn sie sich für eine honette Religion ausgeben will. Aber wer soll da Wunder tun, dacht ich, als ich mal in Hamburg eine protestantische Kirche besah, die zu der ganz kahlen Sorte gehörte, wo nichts als braune Bänke und weiße Wände sind, und an der Wand nichts als ein schwarz Täfelchen hängt, worauf ein halb Dutzend weiße Zahlen stehen. Du tust dieser Religion vielleicht Unrecht, dacht ich wieder, vielleicht können diese Zahlen ebensogut ein Wunder tun wie ein Bild von der Mutter Gottes oder wie ein Knochen von ihrem Mann, dem heiligen Joseph, und um der Sache auf den Grund zu kommen, ging ich gleich nach Altona, und besetzte ebendiese Zahlen in der Altonaer Lotterie, die Ambe besetzte ich mit acht Schilling, die Terne mit sechs, die Quaterne mit vier, und die Quinterne mit zwei Schilling – Aber, ich versichere Sie auf meine Ehre, keine einzige von den protestantischen Nummern ist herausgekommen. Jetzt wußte ich was ich zu denken hatte, jetzt dacht ich, bleibt mir weg mit einer Religion die gar nichts kann, bei der nicht einmal eine Ambe herauskommt – werde ich so ein Narr sein, auf diese Religion, worauf ich schon vier Mark und vierzehn Schilling gesetzt und verloren habe, noch meine ganze Glückseligkeit zu setzen?«

Heinrich Heine: Reisebilder, Kapitel 80

Ok., diese war nun eben zu. Dafür winken uns die Mädels, die im Klassenverbund vorbeiziehen, freudig zu. Das vertreibt wenigstens ein wenig die düstere Stimmung, die das Gebäude und der umgebende Park einem aufdrängt.

Ein wenig Sonne, und es wäre auch besser.

Schloss und Burgruine

Schloss und Burgruine sind nach Wikipedia die einzigen Sehenswürdigkeiten von Bauska: Nun ja, das Museum ist fertig, die Touristenströme auch schon am Morgen ergiebig, der alte Teil, die Burg, ist immer noch in der Renovierung und nicht betretbar.

Gigantisch ist sie trotzdem, etwas Mythisches hat die ganze Anlage mit ihren Wällen und den Flüssen Mūša und Mēmele links und rechts, die sich an der auslaufenden Landspitze zur Lielupe vereinigen. Flüsse im Baltikum haben fast alle etwas mystisches, man lese Das Tal der Issa von Czesław Miłosz, dann wird klar, was ich meine.

Und in eben dieser Sitze der auslaufenden »Halbinsel« befindet sich jetzt eine Fleiluftbühne.

Wünschen wir Veranstalter und Publikum gutes Wetter …

Wir machen uns auf den Weg Richtung Estland, nach Pärnu, …

… über die Mūsa …

… und über die Mēmele.

Die Via Baltica

Die Via Baltica, die Prag mit Helsinki verbindet, ist extrem stark befahren, vor allem auch von LKWs. Da macht das Reisen gar keinen Spaß, wir fahren nur und hoffen, dass uns keine stärkeren Regenfälle hindern.

Aber die kommen, immer wieder, …

… unterbrochen durch die unterschiedlichsten neuen Eindrücke.

Die Europastraße 67 (kurz: E 67) oder auch Via Baltica ist eine Fernverkehrsstraße, die Prag, Breslau und Warschau über Lazdijai, Kaunas, Riga und Tallinn (Fähre) mit Helsinki verbindet. Sie ist damit die wichtigste Straßenverkehrsverbindung Nordosteuropas. Zum Teil ist sie autobahnähnlich ausgebaut, der vollständige Ausbau zur Autobahn ist langfristig vorgesehen. Ihre Gesamtlänge beträgt knapp 1700 Kilometer.

Mal in einer Pause ans Meer hinunter zu gehen, dort wo die Strasse zuweilen dicht das Ufer der Ostsee streift, lohnt sich nicht; immer wieder regnet es.

Die schwerste Bedrohung kommt uns nach Pärnu entgegen – aber davon später. Zuerst müssen wir über die Grenze, die kein mehr ist – zu sehen ist sie aber immer noch und erinnert an die Jahre, als wir hier noch von widerlich strengen Zöllnerinnen geärgert wurde.

Aber dann sind wir in Estland und bald auch in …

… Pärnu

Als wir Pärnu erreichen, überlegen wir, ob wir heute schon zum Kringel essen in die Altstadt fahren sollen, bevor wir in unser »Stammdomizil« weiter draussen am Strand fahren. Wir würden uns den morgendlichen Umweg ersparen. Denn Kringel essen ist ein Muss.

Aber wir fliehen ganz schnell, als wir die Innenstadt erreichen und nach einem Parkplatz suchen. Die Strassen sind völlig mit Touristen überfüllt, halb China scheint hier zu sein. Dann also doch morgen früh.

Denken wir. Aber da ereilt uns schon der nächste Schock. Unser angestammtes Hotel Doberanni ist belegt.

Wir suchen nach etwas Passendem. Nach weiträumigem Umfahren der Estnischen Streitkräfte …

… finden wir die Fischerhütte in der Nähe zwar aber sie passt uns irgendwie nicht. Also fahren wir weiter Richtung Haapsalu. Es wird also diesmal nichts mit Strandspaziergang am Abend und mit Kringel essen am nächsten Morgen. Ab Richtung Haapsalu.

Jedem Unglück wohnt eine Chance inne

Zunächst durchfahren wir eine Regenfront, wie man sie selten erlebt: Pechschwarz, das Wasser kommt wasserfallartig vom Himmel. Das Senfle beziehungsweise der Frontscheibenwischer fällt aber nicht aus! Trotzdem verziehen wir uns auf einen Waldweg und bangen dem Endes der Sintflut entgegen.

Wir suchen natürlich ständig nach Hinweisen auf eine Übernachtungsmöglichkeit. Es gibt sie nicht. Mutlos waren wir ja noch nie, aber wenn auch der Sprit knapp wird …

Als wir schon glauben, bis Haapsalu fahren zu müssen, steht da ein Schild, 7,5 km nach links, da gäbe es was. Nun wissen wir aus Erfahrung, dass solche Schilder sehr häufig in die Irre führen, keine weiteren Schilder folgen, mann also irgendwann ohne Hoffnung in der Wildnis steht oder das Etablissement mittlerweile dicht gemacht hat.

Nicht so heute Abend.

Wir folgen dem Schild bis zu einem wunderbaren Gästehaus mitten in der Pampa – was sag‘ ich: in einer wunderschönen Landschaft.

Das Haus ist absolute Spitze. Die Salat-Portionen sind typisch nordeuropäisch, also klein aber fein.

Nach dem Abendessen fahren wir an verschiede Stellen ans Meer, so dicht es eben geht. Laaaandschaft! Herrlich!

Die Abendstimmung will nicht abbrechen, noch immer Mittsommernacht …

Als ich lange nach Mitternacht schlafen gehe, ist immer noch Sonnenuntergangs-Rot. Und auch während der restlichen Nacht wird es nie vollständig dunkel – nordischer Sommer, wir sind fast am nördlichsten Punkt unserer diesjährigen Rundreise angekommen.



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