Why?

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Meine Seele hat einen Hut

Sonntag, 29.08.2021, 19:31:04 :: Stuttgart

Von >Mária Raúl de Morais Andrade (1893–1945)

Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt,
dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe.
Ich fühle mich wie dieses Kind,
das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat:
die ersten Bonbons aß es mit Vergnügen,
aber als es merkte, dass nur noch wenig übrig war,
begann es sie intensiv zu schmecken.

Ich habe keine Zeit für endlose Treffen, bei denen die Statuten,
Regeln, Verfahren und internen Vorschriften besprochen werden,
in dem Wissen, dass nichts getan wird.

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu unterstützen,
die trotz ihres chronologischen Alters nicht erwachsen sind.
Meine Zeit ist zu kurz: Ich will die Essenz, meine Seele ist in Eile.
Ich habe nicht mehr viel Süßigkeiten im Paket.

Ich möchte neben Menschen leben, sehr menschliche Menschen,
die über ihre Fehler lachen können
und die nicht von ihren eigenen Erfolgen aufgeblasen werden
und die Verantwortung für sich selbst übernehmen.
Auf diese Weise wird die Menschenwürde verteidigt
und wir leben in Wahrheit und Ehrlichkeit

Es ist das Wesentliche, das das Leben nützlich macht.
Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen,
die Herzen zu berühren,
mit denen die harten Striche des Lebens gelernt haben,
mit süßen Berührungen der Seele zu wachsen.

Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig,
mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.
Ich habe nicht vor,
irgendwelche der restlichen Nachtische zu verschwenden.
Ich bin mir sicher, dass sie exquisit sein werden,
viel mehr als die, die bisher gegessen wurden.

Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden und in Frieden
mit meinen Lieben und meinem Gewissen zu erreichen.
Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt,
wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

MÁRIA RAÚL DE MORAIS ANDRADE
1893–1945
Dichter, Schriftsteller, Essayist und Musikwissenschaftler.
Einer der Gründer der brasilianischen Moderne.

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Der Krebs kehrt zurück (3)

Meine Entscheidung

Sonntag, 22.08.2021, 21:40:30 :: Stuttgart

Als ich vor etwas mehr als einer Woche das Krankenhaus verlassen konnte, gab man mir neben guten Wünschen und notwendigen Schmerzmitteln auch die Aufgabe mit auf den Weg, bis in zehn Tagen ein schwerwiegende Entscheidung zu fällen.

Ich habe sie gefällt.

Und die Konsequenz daraus quält mich ebenso als hätte ich mich anders entschieden: Ich stelle mich einer weiteren Operation nicht. Es geht über meine Kräfte. Ich schaffe es nicht, mich der Realität zu stellen, die mich erwarten würde: eine weiter verkleinerte und verstümmelte Zunge, ausgebessert mit einem Stück Haut und Fleisch aus dem Handgelenk, diese Stelle wiederum ausgebessert durch einen Lappen aus dem Oberschenkel. Und der sehr hohen Wahrscheinlichkeit, mit einem Luftröhrenschnitt zu erwachen, der mir für sehr lange – eventuell sogar für immer – das Atmen sichern würde. Ich kenne und erinnere sehr wohl an das Gefühl, nicht frei atmen zu können, kurz vor dem Ersticken zu stehen. Das war vor genau acht Jahren und aus weit nichtigerem Grund als dem, der jetzt zur Entscheidung ansteht. Wenn alles gut geht, so sagt man mir, beträgt die Rekonvaleszenz sechs Monate bis zu einem Jahr. Welche Einschränkungen und Schmerzen, welche Unmengen an Medikamenten, Abführmitteln und sonstigen Unannehmlichkeiten dies bedeutet, mag sich vielleicht niemand ausmalen – ich aber schon. Und deshalb weiss ich , dass mir die Kraft dazu fehlt und fehlen würde.

Auf der andere Seite weiss ich, dass der von mir abgelehnte Weg die Wahrscheinlichkeit senken könnte, dass der Krebs sich bald beziehungsweise überhaupt wieder meldet; oder umgekehrt: Ohne Eingriff erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit seines Wiederauftauchens. Was dann käme, wäre (und ist dann!) mein emotionaler und wahrscheinlich auch körperlicher Untergang.

Wir reden also immer nur von Wahrscheinlichkeiten, denn Sicherheiten kann niemand erwarten und verspricht auch niemand, das wäre unlauter. So dramatisch und geschwollen es klingen mag – ich entscheide über den Gang der nächsten Monate, ja vielleicht auch Jahre in der Hoffnung, dass sie mir noch eine möglichst unbeschwerte Zeit gewähren, in der ich frei atmen, weitgehend unbeschwert essen und trinken, schmecken und riechen und vielleicht doch noch eine oder mehrere Reisen unternehmen kann.

Nun werden wir zunächst aber die Reha beantragen, ich werde den Zahnarzt aufsuchen, um einen bei der Operation teilweise ramponierten Zahn flicken zu lassen, meine Schwerbehinderung neu beantragen und anderen notwendigen Verrichtungen nachgehen – Naxos liegt in weiter Ferne.

In dieser bangen Erwartung – und doch auch Hoffnung – grüße ich Euch alle.

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Der Krebs kehrt zurück (2)

Dienstag, 10. August 2021 :: Stuttgart

Kurzfassung

Heute vor genau zwei Wochen bin ich hier zur siebten Operation meiner Zunge eingerückt. Mit der achten Operation haben sie noch am selben Tag vor Mitternacht bis hinein in den Folgetag begonnen. Ich befinde mich mit viel Schmerzmittel auf einem recht guten Weg der Besserung. Aber es ist noch lange nicht zu Ende.

Aber der Reihe nach.

Langfassung

Vorbemerkung: Niemand muss jetzt noch weiterlesen …

Die Operation verlief für mich zunächst glimpflicher als ich befürchtet hatte. Kein Luftröhrenschnitt, keine künstliche Beatmung nach dem Erwachen. Aber dafür eine Menge Blut und noch mehr Schmerzen.

Blut …

Die anhaltende Blutung wurde nach mehreren Versuchen mit blutstillenden Kompressen durch einen weiteren Eingriff – erneut unter Narkose – erfolgreich beseitigt. Allerdings mit (subjektiv?) erheblicher Verzögerung: Anästhesist und Operateur waren anderweitig zugange und unabkömmlich. Daher sass ich im Operationsraum ohne Rückenstütze auf dem Operation-Tisch, um mich herum plauderten Anästesieschwestern und OP-Assistentinnen ua. munter darüber, was bei mir am Morgen alles nicht so geklappt hatte – ein Gräuel für mich. Wir warteten also gemeinsam. Und warteten. Irgendwann kam ein Engel auf die Idee, sich gegen meinen Rücken zu lehnen, was uns beiden eine stabile Lage ermöglichte und zumindest mich und meine Wirbelsäule enorm entlastete. Schließlich ging’s dann irgendwann los.

Beim Aufwachen waren die Schmerzen weiter da, die Blutung schien aber besiegt. Nur die Blase … Im Aufwachraum gibt es keine Toilette, nur diese wundervollen Flaschen, denen sich mein Körper seit jeher verschließt. Also wieder warten – mit Schmerzen oben und unten.

Schlucken und Sprechen waren in den ersten Tagen unmöglich, zudem extrem schmerzhaft, sodass mein Körpergewicht täglich sank, eine anderweitige Ernährung also anstand, wobei ich eine Magensonde ablehnte und mich mit den Schmerzen beim Schlucken abfand, besonders, nachdem Lis mit selbst gemachten Suppen und Joghurt segensreiche Ideen entwickelte. Denn die hauseigene Flüssignahrung brachte ich ums Verrecken nicht hinunter. Erst später erfuhr ich, dass es längere Zeit benötigt, einen Patienten mit Schmerzmitteln so zu tarieren, dass er im Wesentlichen schmerzfrei ist.

… und Tränen

Quälende Tage folgten, mein Mut und meine Kraft waren auf dem Tiefpunkt, andauernd mussten neue Venenzugänge gelegt werden, die mehrfach erst im zweiten, dritten, ja vierten Anlauf gelangen, irgendwann gar nicht mehr: Meine Venen sind so kaputt, dass nur noch ein spezieller Venenkatheder, eine sogenannter PICC-Line half – wieder ein Eingriff, diesmal mit lokaler Betäubung und unter Röntgenkontrolle, denn die Kanüle reicht von oberhalb der Armbeuge bis kurz vor die rechte Vorkammer.

Hilfe …

… kam von allen Seiten. Die Schmerzen bekamen wir gemeinsam durch ständige Anpassung der Schmerzmittel, einschliesslich Fentanylpflaster (enthält eine Opium-analoge Substanz, die langsam über Tage abgegeben wird), in den Griff, die Logopädin wirkte durch ihr bestimmendes Einwirken und der nicht ausgesprochene „Drohung“ mit der Magensonde dafür, dass ich das Schlucken lernte und nicht zuletzt die Psychoonkologin konnte mich nach Tagen der Instabilität und der Schmerzfreiheit davon überzeugen, dass es in meinem Krankenzimmer mit diesem schönen Ausblick auf Karlshöhe und Hasenberg angenehmer ist als auf der Überwachungsstation.

Wie weiter? Der Plan, …

Ja, das weiss ich auch nicht. Sicher werden weitere Operationen kommen, um den Sicherheitsrand auf 5 mm zu erweitern sowie die Abdeckung und teilweise Rekonstruktion der Zunge durch einen Hautlappen aus der Unterarminnenseite, deren Anschluss an die Gefäße im Hals, die Ausbesserung des Unterarms durch ein Stück aus dem Oberschenkel („wie eine Schürfwunde, heilt schnell“). Ja, und eine weitere *Neck Dissection*, die Entfernung der herdnahen Lymphknoten beidseitig hierbei oder später steht dann auch noch an. Das wär‘s dann? Mit Mund und Hals soweit ja.

Ach ja: Im Nachgang, zur Erleichterung der Atmung in den ersten Tagen, eventuell noch ein Luftröhrenschnitt. Das war‘s aber dann wohl wirklich.

… die Alternativen …

So. Nun zur Alternative: nochmalige Bestrahlung. Des könnte mit möglicherweise alles obige ersparen, kostet mich aber wohl meine kläglichen restlichen Zähne.

Heute wurde mir mitgeteilt, dass diese Option nicht mehr gangbar ist. Die Dosis von 50 Gy, die ich 2014 während der Bestrahlung in Erlangen erhalten hatte, lässt das nicht mehr zu.

Und dann bleibt als letzte Option das Nichtstun, alles so zu belassen und ausheilen lassen wie es jetzt ist. Das will sehr wohl bedacht sein in höherem Alter.

Es sind einfache Fragen, auf die es eben nur Antworten gibt, die auf Erfahrungen anderer und auf Wahrscheinlichkeiten fussen.

Aber eine Entscheidung muss ich fällen.

… und weitere Baustellen

Eine weitere Baustelle tat sich nach der Verabreichnung eines Einlaufes auf: Es blutete, die Teile über die auch im Alter wenig gesprochen wird, waren wohl angerissen worden. Fazit des Proktologen: mindestens drei müssen raus.

Fazit

Und alles ist natürlich bzgl. der Prognose offen. Die meiste Energie und den stärksten Willen brauchen wir wohl doch erst im Alter. Wie gut, dass wir in jungen Jahren davon überzeugt und der Meinung sind, wir gäben jeweils alles.

Und außerdem wird mich Naxos dieses Jahr nicht wiedersehen. Denn eine REHA wird sich in allen Fällen anschließen, möglichst in der Kurklinik Aulendorf. Sie war zu MTS-Zeiten unser Kunde. Nun hat sich das Blatt gewendet …

Links:

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Der Krebs kehrt zurück (1)

Sonntag, 27.06.2021, 22:00:00 :: Hochdorf/Stuttgart

Als wir am 24. Juni Naxos mit dem Flieger verließen hatte dies ein schwerwiegenden Grund: Seit Ende letzten Jahres hatten die Schmerzen in meiner Zunge so zugenommen, dass ich den örtlichen HNO-Arzt häufig konsultieren musste, in der Annahme, dass er helfen könnte. Alle seine Diagnosen waren wohl unbegründet, Anzeichen auf Leukoplakie – der Vorstufe für ein Karzinom – waren nicht zu entdecken, eine Beißschiene gegen mechanische Verletzungen und Antibiotika gegen eine Entzündung waren ebenfalls nicht hilfreich.

So entschlossen wir uns, nach Deutschland zu reisen, um dort Klarheit zu bekommen; wie ich jetzt hoffe, nicht zu spät. Eine erste umfangreiche Untersuchung am 6. Juli – unter Narkose mit Biopsie an einer verdächtigen Stelle – brachte zutage, dass es ein Rezidiv gibt, ein Wiederaufkeimen des Karzinoms. Mehr Klarheit wird hoffentlich eine weitere MRT-Aufnahme am 21. Juli erbringen.

Aber ich werde so oder so am 26. Juli unters Messer kommen – mit derzeit unbekanntem Ergebnis: Wird Lasern der fraglichen Stelle ausreichen oder wird ein Hautlappen von der Innenseite meines Unterarms dafür herhalten müssen, den fehlenden Zungenteil zu ersetzten beziehungsweise die Wunde zu überdecken? Auch die Ärzte wissen es derzeit nicht, das entscheidet sich wohl erst nach der oben erwähnten MRT-Kontrolle oder gar erst während des Eingriffs. Dieser beinhaltet ausserdem eine weitere Kontrolle des Rachenraums bis in die erste Gabelung der Bronchien hinab um sicher zu gehen, dass da nicht doch noch mehr ist.

Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass nun, exakt 18 Jahre nachdem man mir hier im Marienhospital das Karzinom am anderen Ende des Verdauungstraktes entfernt hat, nun das im Mund an der Reihe ist. Nach dem 26. Juli wird es hoffentlich erfreulichere oder zumindest erleichternde Nachrichten geben.

Nachtrag, Sonntag, 29.08.2021, 20:31:44 :: Stuttgart

Über Krankheit, überhaupt über Krebs, schreibt man nicht? Dazu ein paar Gedanken:

Links:

  • Vom narzisstischen Schreiben gegen den Tod, ein Artikel mit vielen weiteren Hinweisen zum Thema, die ihre Bedeutung nicht verloren haben
  • Jürgen Leinemann: Das Leben ist der Ernsfall »Das Urteil lautet Zungengrundkrebs. Für einen der profiliertesten politischen Journalisten, einen engagierten Zuhörer und Frager, bedeutet es das Ende seines beruflichen Lebens. „Ich sah mich als einen der Menschen, die durch Wörter zu dem werden, was sie sind. Nicht nur Schreiben, auch Reden war mein Beruf. Und jetzt war ich stumm.“ „Die unverändert gespürte tödliche Bedrohung durch den Krebs, meine körperliche Schwäche und meine seelischen Tiefs sind die Wirklichkeit, durch die ich mich durchkämpfen muss. Ich darf mich um die Wahrheiten der Krankheit nicht herumdrücken, aber ich darf mich von ihnen auch nicht unterkriegen lassen. Zwei Sätze sind für mich als Leitlinien bestimmend geworden. Der erste heißt: Wirklichkeit ist alles, wo man durchmuss. Der zweite ist eine Gedichtzeile von Peter Rühmkorf: ‚Bleib erschütterbar und widersteh.‘ Beide Sätze sind, da die Krankheit den Journalismus als Lebensschule abgelöst hat, für mich von existenzieller Bedeutung. Ich muss mit der breiten Grauzone der Unberechenbarkeit leben, wenn ich leben will. Und das will ich, das ist mir inzwischen ganz klar.“«
  • Der Krebs kehrt zurück (2)
  • Der Krebs kehrt zurück (3)
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Man sollte schlafen gehen

Sonntag, 05.05.2021, 22:34:18 :: Naxos

Man sollte etwas früher schlafen gehen …
Und anstatt dessen wird es immer später.
Sehr viele gibt es, die das nicht verstehen,
Doch mancher sagt mir auch: ja, das versteht er.

Man möcht nicht mehr; man trödelt nur so rum.
Man sollte endlich seine Briefe schreiben.
Doch plötzlich ist die Zeit dann wieder um;
Man hat nicht Lust; man läßt es wieder bleiben.

Die tiefe Nacht sieht sich vertraulich an;
Man raucht schon wieder eine Zigarette.
Man hat ja schließlich seine Pflicht getan,
Was tut man jetzt? – Nichts mehr, man geht zu Bette.

Man tut es nicht; man fühlt sich so privat …
Und eigentlich wird man jetzt richtig munter.
Die Tage sind doch manchmal desperat.
Man ist auch mit den Nerven runter.

Man hört die Leute oben geh’n zur Ruh.
(Die Frau mit ihrem Tritt bringt mich zum Rasen!)
Was noch? Ja, richtig, ist der Gashahn zu?
Und in die Küche mit den Blumen – Vasen!

Ist’s Licht aus? Und die Türe zugemacht? –
Man muss weiß Gott, nach allem selber sehen …
Worüber habe ich heute so gelacht?
Ich weiß nicht mehr; – man sollte schlafen gehen.

Lessie Sachs (1897 – 1942) Aus: Tag- und Nachtgedichte von Lessie Sachs Ausgewählt und eingeleitet von Heinrich Mann, New York City 1944 Printed in U.S.A. Zeidler Press (Josef Wagner)

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Wenn ich vor einem Jahr geschrieben hätte, dass …

Sonntag, 21.03.2021, 14:30:16 :: Naxos
Montag, 22.03.2021, 13:59:53 :: Naxos

– so fangen ja derzeit viele Artikel an. Ein Jahr Corona und wir sind klüger.

Wirklich? Sind wir das? Und wer sind »wir«? Wenn die Mehrheit im Anstieg der dritte Welle für Lockerungen ist, dann kann man allenfalls davon reden, dass manche klüger geworden sind. Ich hatte bisher immer geschätzt, dass sich der Teil der Realitätsverweigerer auf so 25 – 30% beläuft. Dass es offenbar immer mehr werden, auch das hätte ich nicht für möglich gehalten.

Ich kann also getrost auch so beginnen, denn es ist nicht nur so gekommen wie zu erwarten sondern schlimmer.

Wenn ich vor einem Jahr geschrieben hätte, dass ich auf eine etablierte Schar treffe, die sich die ja ohnehin bestehende Freiheit nehmen, für Grundgesetz und Freiheit zu demonstrieren und damit (nachweislich!) die Zahl der Intensivpatienten und Toten zu vermehren – man hätte mich für nicht ganz dicht gehalten.

Wenn ich vor einem Jahr geschrieben hätte, dass die Pandemie sich in Wellen steigender Höhe fortsetzen wird, wenn wir nicht konsequent alle nur möglichen Kontakte schlicht unterbinden, man hätte mich ausgelacht.

Wenn ich vor einem Jahr geschrieben hätte, dass die Zahl der Toten proportional mit den gemeldeten Fallzahlen steigt, egal wie viele getestet werden, dass also die Zahl der positiv Getesteten und die sich hieraus ergebende Inzidenz sehr wohl Sinn macht und eigentlich die einzige real messbare Frühwarngrösse darstellt – es spotten noch heute, nach mehr als 400 Tagen viele darüber, selbst ehemals verdienstvolle Politiker wie Oskar Lafontaine, verstolpern sich da.

Ich könnte also weitermachen in extenso.

Das Schlimme ist, dass neben der Mehrheit der Bevölkerung auch die verantwortlichen Politiker versagt haben und ständig versagen. Das fängst im Kleinen an, und endet bei den grossen Aufgaben.

„Diese Woche hat uns vor Augen geführt,
wie unberechenbar diese Pandemie wirklich ist.“

Jens Spahn, letzte Woche

Dabei ist das Virus im Grunde das einzig Berechenbare in dieser Pandemie.

Wobei aber zu einer gewissen Ehrenrettung natürlich gesagt werden muss, dass es Länder gibt, die besser und umsichtiger und rechtzeitiger gehandelt haben aber eben auch solche, die total versagt haben. Und: Ja, Schweden gehört auch dazu.

Man kann also zurecht seinem Zorn freien Lauf lassen, es ist unfassbar, was in diesem vergangenen Jahr passiert ist. Einer, der das umfassend und konstruktiv getan hat, ist Alexander Unzicker mit seiner Zornesrede über Corona. Es lohnt, darüber nachzudenken.

Ich halte mich zurück, es würde sonst nicht enden. Ich sitze ja jeden Tag über den Zahlen und den Artikeln, soweit ich sie überblicken und aufnehmen kann. Meine Ausbildung und Erfahrung zwingen mich gewissermassen dazu. Ich habe mich auch wieder den aktuellen Programmiersprachen zugewendet um zu verstehen, wie Modellrechnungen funktionieren, habe manches nachvollzogen und ausprobiert. Ich rede also durchaus nicht ohne background.

Rückblick, statistisch

2021-03-22 :: Das ist die kumulierte Zahl der positiv Getesteten (blau) seit dem 1. März letzten Jahres. Die Kurven ganz zu Beginn zeigen die anfänglichen Prognosen, gestaffelt nach den einzelnen Zeitpunkten der ersten Maßnahmen. Nüchtern betrachtet haben wir ein Jahr gebraucht, um das Prognostizierte zu erreichen. Die positive Wertung: „flatten the curve“ hat funktioniert. Warum also machen wir weiterhin die bisherigen Fehler?

Reisen?

Dieses Jahr ganz sicher wieder nicht. Wir warten erst einmal auf eine Impfung des einen oder anderen Herstellers, da sind wir nicht wählerisch. Denen sollten wir im Übrigen dankbar sein, wie auch den ernsthaften Virologen und Epidemiologen. Wer in diesem und anderem Zusammenhang den Handelnden Profitgier und Korruption vorwirft und verabscheut hat völlig recht, auch wenn es nur um Provisionen für Maskengeschäfte geht.

Wenn man also das Raunend-Apokalyptische aus der aktuellen Stimmung als typisch deutsche Übertreibung herausrechnet, was bleibt dann? Ein Land, das so klar mit den eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert ist wie vielleicht nie zuvor. Bürgerinnen und Bürger, die dem Staat nicht mehr zutrauen, seine Aufgaben zu erfüllen. Und die nun vor der Frage stehen, ob sie in Opposition zu ihm gehen oder ein weiteres Mal einen Vorschuss an Vertrauen gewähren. Beziehungsweise selbst dazu beitragen, den Staat zu verbessern. Indem sie ihm bei den vielen Wahlen dieses Jahr eine neue Richtung geben, indem sie ihn in Parteien und Initiativen mitgestalten. Wen treibt diese Vertrauenskrise in die Passivität, wen aktiviert sie? Davon wird abhängen, wie die Demokratie aus der Pandemie kommt.

Corona-Politik: Fehlermeldung

Alle könnten dann wenigstens im Herbst vielleicht anders wählen. Ob’s hilft, kann ich nicht garantieren, aber so wie bisher wird’s garantiert nicht besser. Soweit bin ich mir sicher.

Bis dahin kann man sich orientieren, informieren und bilden …

Hörbares

Es gibt ja, teilweise schon seit einem Jahr, hervorragende Podcast, teilweise auch mit den nachträglich herunterladbaren PDF-Scripten, die sich wirklich lohne, für die man sich aber eben Zeit nehmen mus. Wie in der Schule. Da geht ja auch nicht alles bis zur Grossen Pause …

  • Coronavirus Update, jeden Dienstag mit Sandra Ciesek und Christian Drosten im Wechsel
  • Kekulés Corona Update mit Alexander Kekulé aus meiner Geburtsstadt Wittenberg
  • Pandemia bei Viertausendhertz, u.a. mit Kai Kupferschmidt, einem Molekularbiologen
  • MaiLab von Mai Thi Nguyen-Kim, der jungen Chemikerin, die so wundervoll erklären kann

Lesefutter

Vielleicht möchten andere lieber lesen, sich etwas mehr damit beschäftigen, was eigentlich in Grundzügen zur Allgemeinbildung gehören sollte, wenn man nicht in die Grube der schrägen Vögel abgleiten möchte. Das dritte Buch und die Bücher von Mai Li zeigt, dass es sehr wohl fruchtbaren Streit unter Wissenschaftlern geben kann.

(Fortsetzung folgt)

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Der Jahresbrief 2020

Dienstag, 22.12.2020, 18:48:09 :: Naxos

Was für ein Jahr.

Lasst unseres an Euch vorüberziehen. Aber bitte habt Geduld, die vielen Fotos bedingen eine lange Ladezeit.

Wer Lust auch auf die Jahresbriefe der vergangenen Jahre hat, bediene sich hier.

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Verlassene Roma-Villen in Moldawien

Wir haben diese Prunkstücke sowohl in Soroka als auch in Otaci mit Kopfschütteln bestaunt. Nie sahen wir ein Lebenszeichen.


Extravagante Villen, einst von wohlhabenden Roma in Soroca erbaut, stehen heute leer, denn viele Roma haben das Land verlassen.
— Weiterlesen Quelle

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Aufräumen und auf den Stand bringen

Mittwoch, 22.07.2020, 22:49:52 :: Naxos

So langsam kommt es mir vor, als könnte aus diesem Sommer noch etwas werden. Ich kümmere mich nicht mehr sonderlich um Coronastatistik und nur noch am Rande um den Bullshit (Entschuldigung: die Verschwörungsmythen), der bzw. die zu diesem Thema insbesondere im Internet kursieren. Ich mag mich dazu nicht mehr einlassen, die Zeit ist zu schade dafür. Aber das eine oder andere dazu muss ich bei Gelegenheit doch ablassen – fürchte ich.

Aber eben später mal …

Derzeit füllt sich die Insel langsam mit Touristen, die Hotels, Restaurant und Händler atmen schwer aber durch. Von Infektionen ist weiterhin nichts bekannt und wir wünschen allen hier, dass es so bleibt.

Mit Reisen …

… war ja nichts drin bisher. Vielleicht im Herbst, wir denken an eine weitere Rundreise über die Peloponnes. Aber warten wir ab, wer wann noch zu Besuch kommt dieses Jahr. Denn die geplante ewig lange Geburtstagsparty fiel ja auch flach. Mit Freunden von der Insel haben wir dennoch einen sehr schönen Abend (und Nacht …) verbracht.

© Dieter Linde
Kleine echte Neuigkeiten …

… gibt’s dennoch. Zum einen habe ich die Webseite von Ernst-Jürgen und Elga Koch reaktiviert, nachdem ich festgestellt habe, dass die Seite, die wir beim Verlassen von La Palma 2013 der direkten Familie überlassen hatten, nicht mehr existierte.

Zur Erinnerung: Die beiden waren die ersten deutschen Weltumsegler in den 1960er-Jahren. In der Wikipedia gibt es die beiden Artikel für Ernst-Jürgen und für Elga. Elga war die Cousine meiner Mutter, also meine Tante, wenn man so will. Ich bin der Auffassung, dass die Werke der beiden nicht verloren gehen dürfen. Auf der Webseite haben wir sie seinerzeit mit grossem Aufwand konserviert. Die Originale wurden einer Bank vererbt, in deren Keller sie hoffentlich wohlbehalten ruhen … Ich habe die Webseiten so belassen, wie sie 2012 bestanden; heute wirken sie etwas verstaubt, aber sie bleiben erst mal so.

© Bobby Schenk
Bobby Schenk hat auf seiner Webseite anlässlich des Todes von Elga im Jahre 2014 eine Hommage hinterlassen, aus der dieses Bild aus jüngeren Jahren stammt.

Links:

Weiterhin …

… habe ich endlich eine aktuelle Version meines persönlichen Wikis angesetzt, das mir Vandalen 2013 so zerschossen haben, dass es nicht mehr zu gebrauchen war. Irgendwo habe ich hoffentlich noch ein Backup der Datenbank, denn mir fehlen die Reiseberichte der ersten Jahre des neuen Jahrhunderts. Sie habe ich im Wiki geschrieben, denn dieses Weblog hier erblickte ja erst 2005 das Licht der Welt. Bisher ist es also noch sehr leer.

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