* Rund Europa 2008: Gedanken über Litauen

Also, dass hier nix los ist, das kann ich nicht finden, aber das sieht eben jeder anders. Termine, fast mehr als zuhause…

Und unsere Freundin Ieva findet, dass Litauen ein ganz tolles Land ist, interessant und voller Geschichte, guten Essens und so. Finden wir ja auch – weshalb würden wir sonst seit Jahren jeden Sommer hierher fahren. Und regnen: Ja wo tut’s das nicht? Ok., z.B. auf La Palma. Und Peking offenbar auch nicht mehr; Silberjodid macht’s möglich. Ob das dann den Gesamtsmog dort wesentlich besser inhalierbar und verarbeitbar macht, schau’mr mal…

Was ändert sich in Litauen?

So schön es immer wieder ist hier: Manche Entwicklungen, die i.Ü. ebenso bei uns ablaufen, nehme ich hier anders wahr, einfach, weil viel schneller vieles verschwindet, niedergemacht und umgekrempelt wird, als das »in unserer Zeit« in Deutschland passierte. Angefangen von den verträumten Sandwegen,

Sandwege

die nun zusehends Einheitsasphalt zwischen Eurostandard-Gehwegen weichen, einer Innenstadt – ich meine Vilnius – die immer mehr so aussieht wie jede andere mit ihren Klamottenläden, deren ständiger Schlußverkauf mit 80% Nachlass einem auf die Nerven geht.

Das ewige mobile am Ohr, das Gehaste: Wie haben die Menschen vor 10, 15 Jahren kommuniziert? Da war ich froh, überhaupt eine Telefonverbindung vom Hotel nach Deutschland zu bekommen. Müll gab es keinen, Verpackungen waren minimal oder schlicht nicht vorhanden, Dosen und Riesen-3-Liter-Bier-Plastik-Flaschen unbekannt. Was so anfiel wurde verbrannt. Das stank zwar zuweilen heftig, aber heute laufen die Mülleimer in der Stadt über, die auf dem Land bleiben leer. Warum? Ganz einfach. Müll mit nach Vilnius zu nehmen ist billiger… Und so lange nicht jeder gezwungen ist, Müllgebühren zu bezahlen, wird er seinen Müll eben anders entsorgen als in die Tonne.

Zum Beispiel eben auch in der freien Natur. Das wird immer schlimmer: Flaschen türmen sich am Badesee, Kronkorken, Plastik-Flaschenverschlüsse, Plastikbecher und -gabeln, Kippen, Schachtel, Plastik- und Chipstüten und und und…

Flaschenmüll


Die Schalen der Sonnenblumenkerne zähle ich nicht, die vergammeln von selbst. Niemand fühlt sich verantwortlich. Und manche Jugendlich sitzen dort abends, lassen sich volllaufen (2-Liter-Wodka-Flasche!) und werfen ihren Müll triumphierend in die Gegend: »Seht her, was ich mir leisten kann!« klingt’s mir da im Kopf. Aber als Ausländer, der Sprache nicht mächtig (zudem sprechen manche auch noch Russisch) …?

Giebt’s bei uns auch, das ist richtig. Der Unterschied ist aber, dass hier sehr sichtbar ist, was wie warum geschieht. Der hier eingezogene Konsumwahn macht die Menschen mehr kaputt als der zuvor herrschende missratene »Sozialismus«. Den einen, den Aufsteigern, raubt er den Verstand und jedes Mass (wier sie mit ihren VIP-Vans durch die Gegend randalieren, das muss man erlebt haben), den anderen beschert er das Bier aus der 3-L-Plastikflasche und die zugehörige Arbeits- und Hilflosigkeit, mit der neuen Situation fertig zu werden, dass »niemand mehr für einen sorgt«.

Vielleicht sind sie uns hier auch schon voraus: So könnte bald im Rest Europas die Situation aussehen, wenn die 20:80-Gesellschaft Wirklichkeit geworden ist. Im Wettlauf um die Kröten gibt es eben weit mehr Verlierer als Sieger.

So wie bei Olympia. Ich wünsche dalhel allen Zuschaueln gehältetes Sitzfleisch vol dem Felnsehel!

Ich steige derweil jeden Morgen von unserem Wohnturm herab…

Bokstas

…und schwimme von diesem verdreckten Badesteg aus – trotz alledem – einmal quer über den See und zurück. Nur so. Ohne Preis. Und solange es noch geht…

Badesteg


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2 Antworten zu * Rund Europa 2008: Gedanken über Litauen

  1. reinard sagt:

    @Brigitte Z/St: Grundsätzlich sind Gedanken immer einseitig, sprich subjektiv und sie werden immer durch irgendetwas ausgelöst. Meist werden sie nicht ausgedrückt, geschweige denn niedergeschrieben – noch weniger öffentlich.

    Dass es da geschrieben steht, für jedermann, ist eine Gelegenheit zum »Einhaken«, was Du ja getan hast… 🙂

    Die Ansichtskarten gehen in rel. grosser Zahl an diejenigen, die alters- oder sonstwie halber das Internet nicht nutzen können. Es ist nur so möglich, mehr als 40 Menschen auf dem Laufenden zu halten. Die 1. Etappe hat ca. 3.600 Fotos »geboren«, die wollen gesichtet, bewertet und so sortiert sein, damit man sie dann zuhause »vorführen« kann. Da warten einige drauf…

    Im Übrigen: Die Ansicht, dass in den Ostländern, etwas zu Bruch geht, das empfinden auch hier viele Menschen – schichtenunabhängig. Denn klar: Empfinden und darüber nachdenken _und_ reden, das gehört zusammen 🙂

    Und zuletzt: Kommentare sind ein Anliegen dieses Weblogs, danke schön! Und: wir. Lis & ich, haben dasselbe Adressbuch 😉

  2. Brigitte Staub sagt:

    Ist das nicht eine etwas einseitige Sicht derDinge?
    Habe fleißig alles gelesen und muss heute mal nen Kommentar schreiben.
    Was für den einen das handy, ist doch für dich das internet, lieber Reinard.
    Immer ist es eine Art der Beschäftigung.
    Genießt nicht auch du alle technischen Fortschritte für deine Bedürfnisse? Früher gab es z.B. beim Zurückkommen von der Reise ein Zusammensein mit Erzählen und Fotoschau. Kommunikation und Austausch. Nicht immer geliebt, aber doch auch verbindend.
    Und wo sind z.B. die Postkärtchen geblieben, die die Spannung auf das Zurückkommen erhöht haben? Ich habe Schuhkartons davon und liebe es, sie gelegentlich zu betrachten.
    -Heute gehe ich gleich mit auf die Reise. Du teilst mir deine Gedanken mit, doch ich kann leider nicht spontan einhaken und mit dir diskutieren.
    -Und macht man sichs nicht etwas zu leicht aus der eigenen momentanen Lebenssituation zu urteilen. Was mir heute wichtig ist, war vor Jahren noch kein Thema. Die Sicht der Dinge ändert sich mit den gelebten Jahren. Das wollten wir früher nicht glauben. Erfahrung nennt man das.
    -Die Welt verändert sich fast täglich, aber wir nicht mit ihr. Und wenn wir reisen, dann ist die Erinnerung immer mit im Gepäck. Und Wehmut.
    -Lieber Reinard, nach anfänglicher Distanz, lese ich mit immer größerem Interesse deine mails. Vielleicht lernen wir uns ja mal persönlich kennen. Ich bin die aus dem Internet aufgetauchte Schulfreundin deiner Frau.
    Besonders liebe Grüße an Lis. Und euch beiden noch viele schöne Reiseeindrücke.
    Die ich auch weiterhin mit Interesse lesen werde.
    Brigitte Z/St

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