Der mühsame Weg zur offenen Moral…

…ist nicht nur ein langer. Er scheint auch offensichtlich für die Katholische Kirche, gebeutelt durch Kindermissbrauch weltweit, ein zu steiniger. Ein nicht gangbarer. Ein verbiestert ungewollter.

Sexueller Missbrauch von Kindern ist kein spezifisches Problem der katholischen Kirche. Es hat weder etwas mit dem Zölibat zu tun, noch mit Homosexualität, noch mit der katholischen Sexuallehre. Deshalb brauchen wir auch keinen Runden Tisch speziell für die katholische Kirche.

Erzbischof Zollitsch

Dererlei Banalitäten, vorgetragen in diesem leicht weinerlichen, liturgischen, eigentlich nur katholischen Priestern eigenen Tonfall helfen wahrlich nicht weiter. Darüber hinaus: Müssen wir also befürchten, dass demnächst Missbrauch in vergleichbarem Umfang an evangelischen Priesterseminaren und Koranschulen aufgedeckt werden?

„Diese Fälle liegen in der Regel 25, 30 Jahre zurück. Damals hat man geglaubt, dass wenn die Täter ihr Unrecht einsehen, das nicht mehr vorkommt. Es war naiv, das zu glauben.“

Erzbischof Zollitsch

Der Bischof mit der Tralala-Stimme will uns also weismachen, dass sich eine Jahrhunderte, ja fast ein Jahrtausend alte Praxis in den letzen 2, 3 Dekaden durch reines und geduldiges Nachdenken der Amtsträger erledigt hat? Für wie verwirrt – im besten Falle – müssen wir diese angeblich so ehrwürdigen alten Herren denn halten? Die, unfähig zur Selbstkritik und öffentlich erkennbaren Buse und Aufarbeitung, immer nur auf andere zeigen? Auf ihre eigenen Schäfchen da draussen, die angeblich mindestens so versaut sind wie eine erhebliche Zahl von Schäfern innerhalb der kirchlichen Organisation?

Wie ist es denn zu erklären, dass entsprechendes Volksliedgut seit Jahrhunderten die durch Zölibat und verklemmte katholische Moralanweisungen verkorksten und sich verbiegenden Geistlichen mit Spott begleitet?

Es wollt‘ ein Bauer früh aufstehn

Es wollt ein Bauer früh aufstehn
Wollt ´naus in seinen Acker gehn
Falterieta rallala, falterietara.

Und als der Bauer nach Hause kam
Da wollt‘ er was zu fressen ha’m.
Falterieta rallala, falterietara.

„Ach, Lischen, koch mir Hirsebrei
mit Bratkartoff, ein Spiegelei.“
Falterieta rallala, falterietara.

Und als der Bauer saß und fraß
Da rumpelt in der Kammer was.
Falterieta rallala, falterietara.

„Ach, liebe Frau, was ist denn das?
Da rumpelt in der Kammer was.“
Falterieta rallala, falterietara.

„Ach, lieber Mann, das ist der Wind
Der raschelt da am Küchenspind.“
Falterieta rallala, falterietara.

Der Bauer sprach: „Will selber sehn
Will selber ’naus in d’Kammer gehn.“
Falterieta rallala, falterietara.

Und als der Bauer in d’Kammer kam
Stand der Pfaff da, zog sein Hosen an.
Falterieta rallala, falterietara.

„Ei Pfaff, was machst in meinem Haus?
Ich werf dich ja sogleich hinaus.“
Falterieta rallala, falterietara.

Der Pfaff, der sprach: »Was ich verricht?
Dein‘ Frau, die kann die Beicht‘ noch nicht.“
Falterieta rallala, falterietara.

Da nahm der Bauer ein’n Ofenscheit
Und schlug den Pfaffen, daß er schreit.
Falterieta rallala, falterietara.

Der Pfaffe schrie: „O Schreck, o Graus!“
und hielt den Arsch zum Fenster raus.
Falterieta rallala, falterietara.

Da kamen die Leut‘ von nah und fern
Und dachten, es sei der Morgenstern.
Falterieta rallala, falterietara.

Der Morgenstern, der war es nicht
Es war des Pfaffen Arschgesicht.
Falterieta rallala, falterietara.

So soll es allen Pfaffen gehn
Die nachts zu fremden Weibern gehn.
Falterieta rallala, falterietara.

Und die Moral von der Geschicht:
Trau nicht des Pfaffen Arschgesicht!
Falterieta rallala, falterietara.

Text und Musik: anonym – 16. Jahrhundert

Ich spare mir die anderen, oft weitaus derberen Beispiele, z.B. von »auf dem Balken« geschaukelter kleiner Mädchen und so. Das Volk hatte schon immer Augen und Ohren für die priesterlichen Nöte, Herr Zollitsch. Dass Sie nicht weiter als 20, 30 Jahre zurück blicken wollen oder können, lässt tief blicken und damit verbietet es sich, dass sie sich persönlich um das Thema weiter kümmern; Befangenheit ist die mildeste Last, die Sie da tragen.

Die Volksliedforschung bietet in der Tat ein weites Feld um zu begreifen: »Das Problem der Pfaffen« ist im so christlichen Abendland mindestens so alt wie die von dieser Kirche gepredigte Moral. Es war wohl ein Papst (was sonst?), Gregor VII. (1073-1085), der diesen semi-genialen Einfall mit der Geschlechtslosigkeit von Priestern hatte.

Der gewaltsam unterdrückte Geschlechtstrieb macht Tiere toll und Menschen zu Narren. Weder Tonsur noch Weihen vermögen es, den Geistlichen die menschlichen Schwächen, wie man dummerweise die Regungen des Naturtriebes häufig nennt, abzustreifen. Die Natur respektiert einen geweihten Pfaffenleib ebensowenig wie den irgendeines anderen tierischen Organismus und kämpft mit ihm um ihr Recht. Diese Kämpfe endeten bei gewissenhaften Geistlichen, denen es mit ihrem Keuschheitsgelübde ernst war, gar häufig mit Selbstmord oder Wahnsinn oder mit unnatürlicher Befriedigung des Geschlechtstriebes oder mit freiwilliger Verstümmelung.

[…]

Ratherius von Verona, der zu Anfang des 10. Jhds lebte, klagt: Oh! wie verworfen ist nicht die ganze Schar der Kopfgeschorenen, da unter ihnen keiner ist, der nicht ein Ehebrecher ist oder ein Sodomit.

http://www.volksliederarchiv.de/volksliedforschung-389-4.html

Ohne jetzt werten zu wollen – es ist einfach Fakt. Nachdenken kann jeder selbst. Und, der Gerechtigkeit halber: Ja, es hat sich manches gebessert. Nur um eins bitte ich:

Ihr hohen Herrn, hört endlich auf zu salbadern, zu leugnen, vertreibt den hässlichen und bösen Geist Eurer Bigotterie, werdet normale Menschen, redet wie normale Menschen und lebt wie normale Menschen. Mehr braucht’s wahrscheinlich nicht. Das Weltwissen wird dann der Volksmund schrittweise korrigieren.

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1 Antwort zu Der mühsame Weg zur offenen Moral…

  1. Nanni sagt:

    Sehr gut! Vielen Dank!
    Irgendwie gehen uns diese Kerle schlicht auf den Geist mit Ihrer Art von oben herab zu bleiben – egal, was geschieht. Übrigens ‚Frontal‘ im ZDF hatte auch einen netten Kommentar.

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