Afghanistan – in wessen Namen?

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Jerg,

auf der gesamten Titelseite des „Amtsblatt der Stadt Gammertingen“ Nr. 20 vom 20. Mai 2010 wird ausführlich über einen öffentlichen „Verabschiedungsappell“ in Sigmaringen für 89 Soldatinnen und Soldaten berichtet, die in einen ISAF-Einsatz nach Afghanistan bzw. in einen KFOR-Einsatz in den Kosovo verlegt wurden. „Unter den verabschiedeten Soldaten sind auch 11 Einsatzsoldaten aus der Patenschaftskompanie der Stadt Gammertingen“, ist zu lesen und wie wichtig für die Bundeswehr die breite Unterstützung und Anerkennung ihrer Auslandseinsätze sei. Sie selber werden in einem ebenfalls veröffentlichten Schreiben eines Bundeswehrvertreters gelobt, „mit ihrer Anwesenheit und der Übergabe der Ortsschilder an unsere Einsatzsoldaten einen wesentlichen Beitrag zum gestrigen, gelungenen Verabschiedungsappell beigetragen“ zu haben. Betont wird ebenfalls, dass aus Sicht der Bundeswehr „unsere Patenschaft mit Gammertingen etwas Besonderes ist.“

Wir protestieren gegen die Unterstützung dieses Kriegseinsatzes im Namen der Stadt Gammertingen. Der Krieg in Afghanistan geschieht nicht in unserem Namen! Bundeswehrsoldaten sind nicht in unserem Namen am Hindukusch!

Wir protestieren ebenfalls dagegen, dass das „Amtsblatt der Stadt Gammertingen“ für die propagandistische Unterstützung dieses Kriegseinsatzes benutzt wird.

OFFENER BRIEF WEGEN UNTERSTÜTZUNG DES AFGHANISTAN-EINSATZES

Quelle: Wikipedia

So beginnt der Protestbrief einer Initiative gegen den Afghanisteneinsatzkrieg. Wir Nachkriegskinder, mittlerweile in gesetzterem Alter, haben wohl als erste Generation in Europa das Privileg, keinem Krieg direkt ausgesetzt gewesen zu sein, ein Leben »in Frieden« zu geniessen. Jetzt nicht zu reden davon, dass die Welt um uns herum gekocht und hat und kocht, dass der Kalte Krieg uns alle hätte um ein Haar vernichtet können.

Seit einiger Zeit »ziehen sie also wieder ins Feld«. Wie man so erfährt, in unserem Namen. In meinem Namen? Sicher nicht. Aber die wie selbstverständliche Vereinnahmung der Allgemeinheit, gegen ihren erklärten Willen, ist skandalös, aber auch bedenklich, mangels energischem Protest.

Es läuft mir kalten den Rücken runter…

…wenn ich daran denke, dass unsere Volksvertreter wieder Truppen verabschieden, mit dem selben Wortgeschmodder, das sie, samt Vätern und Müttern ihren Kindern nachgeschmettert haben, jeweils zu Beginn des Ersten und Zweite Weltkrieg.

Dass junge Männer von ihren Eltern und Grosseltern, also uns, nicht qua Erziehung davon abgehalten werden können, sich in derart imperialistischen Kriegen einsetzen zu lassen, das hätte ich mir nicht träumen lassen. Für mich war Deutschland das Land in Europa, das seine Lektion gelernt hatte und sich per Grundgesetz aus Angriffskriegen heraushalten würde.

Der Muff ist nicht raus!

Weit gefehlt. Vielleicht habe ich das irgendwie aber doch geahnt, damals als 1965 mein kleiner StUffz prahlte: »Wenn’s in Berlin losgeht, dann bin ich dabei.« Und es war nicht nur der eckelhafte Seesack in der Zimmerecke, dessentwegen ich nach zweijähriger Dienstzeit letztendlich doch noch verweigerte. Alle schüttelten den Kopf.

Ich auch. Aber aus anderem Grunde…

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1 Antwort zu Afghanistan – in wessen Namen?

  1. Günther Schäfer sagt:

    Wie sagte damals Konrad Adenauer : Ich bin stolz niemals Sodat gewesen zu sein. Nie wieder Soldaten auf deutschem Boden.
    Danach wurde ich zur Bundeswehr eingezogen. Super, solche Versprechen ! Deshalb habe ich nach 3 Monaten auch verweigert.
    Auch mein Kompaniechef Major K……. tobte, was mich nur zum Lächeln reizte.

    Günther

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