Deutscher Montag

Montag, 20.09.2010, 22:40:43 ::

Mag ich Deutschland?

Nö.

Ich hatte einiges vor heute. Aber ausser mir interessiert das natürlich niemanden. Deshalb muss auch keine(r) weiterlesen.

Senfle muss heute in die Werkstatt, wir hatten ihn vorchecken lassen. Reifen neu, Spurstangengelenk vorne rechts, vielleicht ein Radlager? Man würde schon sehen. Spurvermessung, Beleuchtung und der kleine Steinschlag auf der Beifahrerseite, kaum zu sehen, aber wer weiss. Ja, und die Reifen eben. Die wummern beim Fahren, die ganze Reise war das zu hören und wir wussten nicht, was das zu bedeuten hat. Alt, rau, spröde, befindet der Werkstattmeister. Also neue. Schlauer- und zufälligerweise hatten Freunde vier günstige Winterreifen im Zugriff, 150 € mit Felgen, ein Schnäppchen, da sparen wir was. Die hatten wir am Sonntag abgeholt und die Kärrnerarbeit mit einem herrlichen Biergartennachmittag bei bester Unterhaltung, Speise und Trank verbunden.

Jetzt aber ist Montag morgen. Nach der Abgabe in gute Werkstatthände würde ich zum Hausarzt gehen, gleich um die Ecke, Routine. Und dann? Bis zum Abholen des Autos im Café sitzen – das Wetter ist herrlich, Sonne –, lesen (den neuen Mankell habe ich dabei, 600 Seiten, da brennt nichts an), Buchhandlung durchstöbern. Würde schon rumgehen, die Zeit.

Der Film beginnt

Bis zur Ablieferung des Autos warte ich fast eine halbe bis drei viertel Stunde in der Verkaufs- und Annahmehalle. Ich soll mich wohl umsehen und einen Neuen aussuchen. Von drei Annahmeplätzen ist einer zeitweise besetzt. Dann wird schliesslich und endlich alles noch mal am Computer aufgenommen und geprüft; das Programm muss grottenschlecht und -langsam sein. Also Bolzen links. Nein, rechts vorne sage ich. Der Kollege hätte aber links notiert. Das sei falsch, sage ich. Nach einiger Zeit dann: Also, um 16 Uhr ist er fertig.

Beim Hausarzt dann herzlicher Empfang. Wenn nichts wäre, warum ich nicht im Oktober käme? Praxisgebühr und so. Recht haben sie. Also neuer Termin Anfang Oktober. Das ging ja schneller als erwartet. Also mit dem Bus nach Ludwigsburg. Zwei Euro kostet mittlerweile die einfache Fahrt, die haben ein Rad ab beim Busunternehmen.

Auf der Post, die sich mittlerweile, als Finanz- und Energieberatungsinstitut getarnt, im Konsumtempel Wilhelmspassage zwischen den Schuh-, Klamotten und Lebensmittelgeschäften versteckt, lasse ich 1,40€ Porto für einen Umschlag mit fünfundzwanzig Seiten Papier. Einkommenssteuererklärung 2009. Fünfundzwanzig Seiten Papier, die belegen, dass wir keine Steuer zu zahlen haben, das ist schon immer so, jedes Jahr und auch in Zukunft. Jeder weiss das, auch das Finanzamt. Es weiss auch, wo die Steuerbetrüger rumstolzieren; nur: wenn ein Steuerfander an die ran will, dann wird er wegen geistigem Schaden vom Dienst suspendiert. Deutschland, wo die Zumwinkels frei herum laufen.

Gartencafé, Eissalon

Ich sitze also irgendwann wieder im Eiscafe in Ludwigsburg; wie so häufig an schönen Tagen. Sie bieten jetzt auch Crêpes. Ich frage nach. In der Speisekarte tauchen sie nämlich nicht auf. Mit Zimt, Zucker… Ich frage, ob auch mit Käse? Gestammel. Dann die Chefin: ja, wenn ich Käse will, dann haben sie auch Käse. Und dann die Frage: Einmal? Ich sitze da schon seit mehr als einer halben Stunde alleine…

Scheibenkleister

Irgendwann ist mein halb getrunkener Cappuccino weg. Fängt das hier jetzt auch an, dass man Teller und Tassen fest halten muss? Nein, stellt sich einige Zeit später heraus. Ich hatte mich an den leeren Nebentisch gesetzt, als ich nach meiner Bestellung vom Tresen zurück kam. Merkte ich erst, nachdem meine Tasche und der Krimi verschwunden waren. Die lagen eben am Nebentisch.

Was dann kommt ist ein süßer Pfannkuchen mit knusprig-harten Rändern, zu dick für einen Crêpe und mit dünnflüssiger, schmieriger, giftig-orangefarbener Schmelzkäsenscheibenpampe gefüllt. Die quillt nun bei leichtem Druck mit dem Messer überall hervor. Aber irgendwie habe ich mich dann doch überwunden. Dank Cappuccino ging’s schon.

Und dann der Anruf

Handy, mein litauischer »Klingelton«. Der Spurstangenbolzen sei rechts defekt, nicht links wie der Kollege es notiert hätte. Weiss ich, denke ich. Sie hätten einen für links bestellt. Der richtige rechte käme morgen. Und meine Winterreifen, die passen nicht; sind für ältere Twingos, 23 Zoll, meiner braucht 24 Zoll. Warum auch immer, denke ich. Ja dann, dann sollen sie eben neue drauf machen, sage ich. Ja, sie hätten gerade welche da, von Kléber, die seien ganz besonders… – sei mir egal, ich wolle kein Reifenspezialist werden, schneide ich ein beginnendes Verkaufsgespäch ab.

Ich sage dann Lis noch kurz Bescheid, was Sache ist. Und dann fällt mir ein, dass ich ja nun sinnvollerweise doch einen Leihwagen brauchen könnte. Fällt mir zu spät ein, denn das Telefon fällt schneller aus als mir das ein. Batterie alle.

So fahre ich eben zum Autohaus in der Hoffnung auf ein Auto. Das klappt nun aussergewöhnlichrerweise sofort und gut. Irgendwann am Nachmittag bin ich dann wieder in Hochdorf. Aber irgendwie nicht so ganz zufrieden.

Noch was zu neulich

Neulich. Ludwigsburg, Fussgängerzone. Als ich der Krankenkasse den Zettel in den Briefkasten gesteckt hatte, auf dem nur zu vermerken war, dass sich an meiner Rente nichts geändert hat (telefonisch oder per Email geht das nicht, wegen der Unterschrift mit physischem Kuli), neulich also diese Ansammlung von unbeholfenen Schulabgängerinnen im Stehcafé der Bäckerei Peterhans oder so ähnlich. Dass es wohl Türkenmädels waren soll nun um Himmels und Allahs Willen keine Sarazinsche Debatte entfachen. Stelle nur fest, was war. Unfähig, eine Scheibe Fleischkäse abzuschneiden, einen Finger bereits fest verbunden; war wohl schon mal schief gegangen. Die Filialleiterin muss eigentlich verzweifeln.

Das sogenannte Laugenbrötchen: aufgeblasen, lätschig zum Umfallen. Der Fleischkäse zu scharf, trocken, ungenießbar. Das »Fleischküchle« noch ungenießbarer. Der Cappuccino bestand aus mit Milch getarntem Heisswasser. Wir lassen alles liegen und gehen. Und kommen ganz sicher nicht wieder. Wie viele gehen noch durch diese Prüfung, ehe der Laden bankrott geht? Oder sind sie schon so tief gesunken, dass sie das mehr als einmal versuchen?

Wer oder was versagt hier eigentlich?

Sind es die Jungen, die versagen? Die schlaffen Wohnhosenträger, die gepiercten Mädels mit zwei linken Händen? Oder die Eltern, die Geschäftsleute? Die junge Menschen in der Fussgängerzone miserable Produkte des einst so ehrbaren Bäcker- und Metzgerhandwerks an abgestumpfte Passanten zu überhöhten Preisen verkaufen lassen?

Ich denke, die Gesellschaft, die nicht mehr Willens und/oder fähig ist, Kinder vernünftig aufzuziehen, die interessiert, belesen, aufrecht, lebens- und leistungsfähig sind – die Gesellschaft ist schuld: Politiker, Medienfuzzis, Eltern, Lehrer. Nicht die Frischlinge, sie sind zunächst die Opfer. Bis sie Eltern werden. Usw.

Warum die Kinder so früh zur Schule kommen

Interessant, was der Ausländer hinter mir in bestem Deutsch seinem Kumpanen am Tisch erklärte: Wenn sie mit Sechs zur Schule kommen, dann arbeiten sie später ein Jahr früher, damit länger, ein Jahr mehr Sozialbeiträge. Dasselbe passiert mit den Kurzabiturienten. Gar nicht so dumm, unsere mehr oder weniger integrierten Ausländer.

Irgendwie mag ich Deutschland nicht. Man tritt hier immer die Falschen.

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