Versuche gegen das Griechenbashing

Eigentlich wollte ich mich heute an diesem Freudentag über den Kleinbürgergeist, der unter die Neureichen gefallen war und es in seinem Amt zu lange ausgehalten hat, auslassen. Aber der Apfel ist gefallen, es gibt Wichtigeres.

Griechenland

Ich bin kein grosser Europäer, aber ein grosser Verfechter der Europäischen Idee, einer grösseren als ihr Kleingeister nacheifern – und sie vor allem missbrauchen. Ich bin auch mehr als ein Fan von Griechenland, das ich seit 1984 kenne; und wenn ich kennen sage, dann meine ich genau das: Ich kenn die Menschen, ihre Art, ihre Zuneigung, ihres Art des Umgangs mit sich und ihren Mitmenschen, mit ihrer Umwelt, mit Tieren, ich kenne und liebe ihre Art zu leben und im Leben zu schwelgen. Ich kenne ihre Tavernen am Strand, in den Dörfern, ich kenn ihre Feste, ihre Musik, ihre Tänze. Ich kenne, ich kenne, ich kenne… – Das alles macht sie mit tausendmal sympathischer als nordeuropäische Workaholics, die nun z.B. meinen, ihren Urlaub deshalb nicht mehr in Griechenland verbringen zu wollen, weil sie nicht mehr willens seien, die »faulen Griechen« auszuhalten – welch eine nicht nur abgrundtief dumme Argumentation (aus Kommentaren bei SPON). Sondern welch schlimme und gefährlich chauvinistische Aussage!

Faulheit?

Und deshalb sage ich: Es gibt »den faulen Griechen« ebenso wie den faulen Deutschen, ja wie »den faulen Menschen« schlechthin. Aber es gibt eben weniger faule Selbstzufriedene als hart arbeitende Menschen. Die ägäischen Inseln, an deren Strände sich Millionen nordeuropäische Astralkörper den Sonnenbrand auf dem Arsch geholt haben, waren und sind nicht aufgrund griechischer Faulheit ein Paradies. Und ebenso würde ich mich doch sehr wundern, wenn in den Jahren nach dem Krieg deutsche Unternehmer Griechen eingestellt und deren Faulheit finanziert hätten. Ja, selbstbewusster waren sie schon als ihre deutschen Kollegen, das schon. Und das sind sie eben heute auch noch.

Hören wir auf mit dem dummen Nachgeplapper, »die Griechen« hätten eben über ihre Verhältnisse gelebt. Und hören wir, die wir finanziell (noch) einigermassen sorglos daher kommen, auch damit auf, derart auch über ausländische und deutsche Arbeitslose und HARTZ-IV-Empfänger im eigenen Land herzuziehen! Genug damit!

Diese griechischen Kolleginnen und Kollegen sind in den 60- bis 80-iger Jahren für und mit uns auf die Strasse gegangen in Deutschland. Ohne sie hätte es manche Lohnerhöhung etc. nicht gegeben. Wo sind denn die Stimmen der deutschen Gewerkschaften in der Krise? Ich höre sie nicht!

Erkennen wir doch endlich…

…wer uns an der Nase herum führt, uns abzockt, uns mit Dingen, die wir nicht brauchen, den Mund wässrig macht, wer uns vorgaukelt, Wirtschaftswachstum wäre eine Überlebensgarantie und der Garant für »Wohlstand für alle«. Ist es eben nicht. Warum hängt der Benzinpreis bei 1.62€ in Deutschland? Warum bricht trotz Stromüberkapazitäten in Deutschland der Strommarkt fast zusammen? Warum, warum, warum?

Nachdenken ist wirklich angesagt. Alles andere ist erbärmlich.

Unvernunft und Verführbarkeit

Und deshalb zitiere ich hier aus den Kommentaren zu Astrids Parabel über die amputieren Hände eine ihrer letzten Ergänzung, der deutlich zeigt, wo die Probleme liegen, die unsere noble Presse eben verschweigt und lieber über randalierende und zündelnde Minderheiten in Athens Strassen die Menschen gegeneinander aufbringt. Ich gehe so weit zu sagen, dass es sich hierbei mittlerweile um Progromstimmung handelt, die da erzeugt wird. Wir haben in den Dreissigern und Vierzigen des letzten Jahrhundert weiss Gott genügend schlechte Erfahrungen mit unser eigenen Unvernunft und unserer unseligen Verführbarkeit gemacht, es reicht! Auf beiden Seiten! Die Gegner stehen ganz wo anders.

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Hier also Astrids Kommentar:

Vorbemerkung: Die Zwischentitel stammen von mir, Reinard Schmitz)

Hier als Antwort an meine fragenden Leser noch ein paar ergänzende Erläuterungen dazu, was den Griechen am neuen Sparpaket nicht gefällt. Ich möchte zunächst noch einmal betonen, dass wir alle möchten, dass eine positive Lösung für das Problem gefunden wird, und dass die ja tatsächlich existierenden Missstände und Fehler wirksam bekämpft werden. Aber es ist, glaube ich, eine Fehleinschätzung, dass die Misswirtschaft des griechischen Staates dadurch entstanden ist, dass der Durchschnittsbürger über seine Verhältnisse gelebt hat.

Nauch damit aufatürlich ist auch die Verschuldung der Privathaushalte ein großes Problem, aber man kann sich über sie wenig wundern, wenn jahrelang Banken und Regierung den Bürgern gesagt haben, dass alles wunderbar läuft und dass sie nur immer fleißig Kredite aufnehmen sollen. Ich würde meinen, dass es Sache der Regierung und nicht des einfachen Bürgers ist, sich rechtzeitig darüber Gedanken zu machen, dass das auf die Dauer nicht gut gehen kann. Aber wie gesagt, ich denke, das Wesentliche ist, im Moment die richtigen Entscheidungen zu treffen, die helfen, die Wirtschaft wieder aufzurichten. Da Sie offensichtlich nicht wissen können, welche Maßnahmen es im Einzelnen sind, gegen die sich die Bürger im Moment wehren, will ich Ihnen schnell zwei, drei Beispiele nennen.

Das Sparpaket sieht vor, dass alle staatlichen Gesellschaften einschließlich der gewinnbringenden wie Lotto und Stromgesellschaft verkauft werden müssen. Vom Verkauf der Telefongesellschaft fließen jetzt schon Millionen-Einnahmen ins Ausland statt an den griechischen Staat. Ich weiß nicht, ob Ihnen ein Grund einfällt, warum das der Rettung des Staates dienen soll, mir jedenfalls nicht.

Ein weiterer Punkt: Es gab eine Diskussion darum, auf welche Weise Löhne und Renten gesenkt werden sollen. Die Politiker haben einen heldenhaften Kampf darum gekämpft, dass der 13. und 14. Lohn erhalten wurde (bei Löhnen von sagen wir 500 bis 1500 Euro). Daraufhin wurde beschlossen, statt dessen den Mindestlohn herunterzusetzen. Das reißt aber nicht nur beispielsweise auch die Arbeitslosengelder herunter, die sowie so schon sehr spärlich sind, sondern auch die Einnahmen der Versicherungsgesellschaften, die nach den Mindestlöhnen ausgerichtet sind. Warum werden statt solcher Maßnahmen, die die Armen weiter belasten, nicht die hohen und sehr hohen Löhne und Renten drastisch gekürzt?

Um fortzufahren: Es gibt in Griechenland eine große Organisation, die billige Wohnungen, Kindergärten, Theaterkarten usw, Ausflüge und Ferien für die Arbeiter organisiert. Diese Organisation verbraucht keinen einzigen Euro an staatlichen Geldern; sie finanziert sich einzig und allein aus Abgaben der Arbeiter von ihrem Lohn. Sie soll nun zwangsweise aufgelöst werden. Das bedeutet nicht nur mehr Arbeitslose, sondern auch deutliche Einbrüche für den Tourismus; Tausende von Eltern wissen nicht, wo sie ihre Kinder lassen sollen, usw. Warum?

Warum?

Die “Kommission” will in Griechenland eine Höhe der Löhne ähnlich wie in Bulgarien erreichen, damit das Land konkurrenzfähig wird. Wie soll das aber möglich sein, wenn gleichzeitig die Lebenskosten nicht nur etwas, sondern viel höher sind?

Warum redet niemand darüber, wie viel höher die Lebenskosten in Griechenland sind als beispielsweise in Portugal und warum das so ist?

Warum werden nicht erst mal die Preise der Grundnahrungsmittel gesenkt?

Warum verkaufen die Deutschen beispielsweise ihre Milchprodukte in Griechenland teurer als in Italien?

Warum müssen die Händler nach wie vor so große Gewinne machen, während der Verbraucher die Waren bald gar nicht mehr bezahlen kann?

Warum werden nicht die Gewinne machenden Händler höher besteuert, statt die Mehrwertsteuer weiter heraufzusetzen, was bekanntlich die Taschen der “Kleinen Leute” anteilsmäßig viel höher belastet?

Oder um auf einen weiteren Punkt hinzuweisen:

Deutsche Unschuldslämmer?

Die deutsche Firma Ferrostahl wurde kürzlich für die Zahlung von insgesamt 64 Millionen Euro an Bestechungsgeldern an Griechenland und Portugal in den Jahren 2007 bis 2009 zu einer Strafe von 140 Millionen Euro verurteilt, wobei es um die Lieferung von Unterseebooten und die Aufrüstung früher gekaufter Unterseeboote geht.

Wissen Sie, dass Griechenland für die selben Unterseeboote 2,5 Milliarden Euro gezahlt hat, und bislang, nach sechsjähriger Verzögerung, erst ein Versuchs-U-boot im Wert von 300 Millionen Euro erhalten hat? Wissen Sie, dass Griechenland die Unterseeboote teurer bezahlen muss als Korea, das die gleichen Unterseeboote kauft?

Griechenland wollte den Kauf der Unterseeboote aufkündigen, vor allem, weil sie auch noch fehlerhaft sind, das heißt schräg im Wasser liegen, weswegen es einen diplomatischen Zwischenfall gab und Deutschland Griechenland jede weitere Unterstützung aufkündigen wollte, wenn es die Boote nicht kauft.

Steuerlast nicht tragbar

Schon dieses Jahr werden nach den Untersuchungen der Finanzwissenschaftler 50% der Bürger ihre Steuern nicht mehr bezahlen können, vor allem wegen dramatischer Einbrüche der Einkünfte, aber auch wegen der dramatischen Erhöhung der Abgaben und der Steuern. Was soll unter diesen Umständen eine weitere einschneidende Erhöhung der Steuerbelastung für die Haushalte, die kleinen und mittleren Unternehmen und die Bauern nützen?

Wissen Sie, dass das steuerfreie jährliche Einkommen erst auf 12.000 Euro herabgesetzt wurde (ein Betrag, von denen man in Griechenland nicht leben kann – wir brauchen (mit sechs Personen, die Kinder werden aber bei der Berechnung kaum berücksichtigt) etwa das Doppelte, obwohl wir unsere meisten Lebensmittel selbst produzieren, keine Ferien machen, unseren Kindern keinerlei Privatunterricht bezahlen können, auch keinerlei Schulden abzuzahlen haben und nicht einmal Miete zu bezahlen brauchen), dass dieses steuerfreie Einkommen nun auf 0 Euro herabgesetzt werden soll?

Dass man nun beispielsweise für ein Haus, das man von seinen Eltern vererbt bekommen hat, auch dann Steuern zahlen muss, wenn man gar keine Einnahmen hat (beispielsweise wegen Arbeitslosigkeit). Dann muss man sein Haus eben verkaufen, werden Sie sagen. Das ist leicht gesagt, in Deutschland. In Griechenland aber nicht – die Griechen sind wesentlich enger mit ihrer Heimat und ihrem Grundbesitz verbunden als die Deutschen. Und wer wird diese ganzen Häuser denn kaufen wollen?

Glauben Sie wirklich, dass die Bürger diese absurden Steuern zahlen (können) werden, wenn sie gleichzeitig viel dringendere Bedürfnisse nicht befriedigen können? Klar – die Strafen sind abschreckend: Gefängnis schon ab einem Euro Steuerschuld. Allerdings sind die Gefängnisse schon jetzt so überfüllt, dass die ersten Häftlinge entlassen werden müssen. Ich weiß nicht, ob Sie mir die Logik erklären können, die hinter all diesem steht.

Zwei Zahlen zur Staatsverschuldung

Und nur zwei weitere Zahlen zum Beginn der Krise. Zu Beginn der Krise im Jahr 2009 waren die öffentlichen Schulden des Staates halb so hoch wie die Summe der Vermögen der reichen Griechen auf Schweizer Konten.

Die reichen griechischen Unternehmen erhöhten ihre Vermögen in den Jahren 2000 bis 2009 um 350 Milliarden Euro, das ist das zehnfache des Defizits des griechischen Staatshaushaltes zu Beginn der Krise. Und sie brauchten dafür offiziell im Vergleich zur Belastung der Haushalte und kleinen Betriebe nur lächerlich geringe Steuern zu zahlen und kommen zudem ständig in den Genuss weiterer Steuererleichterungen, abgesehen von den Steuerhinterziehungen.

Das Problem lag also nicht darin, dass es kein Geld gab, sondern dass das Geld in privaten Händen ruhte und zwar in immer größerem Prozentsatz, statt in die Kassen des Staates zu fließen.

Ich weiß nicht, ob Ihnen diese Beispiele helfen zu verstehen, wie der griechische Durchschnittsbürger die “Maßnahmen”, die ihm die Politik aufzwingt, empfindet. Wir müssen uns um ein größeres gegenseitiges Verständnis bemühen.

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Links:

(Nachträge vom Samstag, 18.02.2012, 10:49:43)

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