* Rund Europa 2012, 84. Tag: Horodło – Ternopil (1)

Donnerstag, 23.08.2012, 21:47:46 :: Ternopil (Ukraine), Hotel Ternopil
Samstag, 08.09.2012, 13:54:41 :: Meganisi

Essgeschichten

Dies ist ja wahrlich kein kulinarischer Blog, ich hoffe, ich langweile niemanden mit den Geschichten ums Essen, aber sowohl das Frühstück als auch das Abendessen in diesem verlorenen Hotel in den Weiten der östlichen Ecke Polens hin zur Ukraine geben doch Anlass, über »andere Länder, andere Sitten« zu berichten, aus Gegenden, wo Tourismus so gut wie unbekannt ist, wir stets die einzigen Gäste sind und Dinge erleben, die man wirklich nicht erwartet.

Zum Frühstück bestellt Lis zwei mal Omelett. Was erwartet man da? Ein Omelett, Eier, vielleicht mit etwas Grünzeug drüber, ein bisschen Brot…

Wir bekommen einen Riesenpfannkuchen, auf die Hälfte zusammen geklappt, gespickt mit Speckstreifen, frischen Gurkenstreifen und rohen rotem Paprika – schwere Kost am frühen Morgen. Und so geht die Hälfte zurück. Dass wir je zwei Tassen Tee möchten, löst eine längere Diskussion mit gegenseitigem Nichtverstehen aus – schlussendlich bekommt jeder die zweite Tasse. Und treusorgend stellt die Bedienung uns dann auch noch die ganze Kann heissen Wasserst dazu – für den Fall, denke ich mir, dass die zweite noch nicht genug ist und wir die dann verlängern.

Nach dem Frühstück ein kurzer Rundgang, Kirchen und ein Park mit weissen Betonlöwen, wer weiss, wieso.

Marienaltare, -kapellen, -Wegkreuze: Polen ist voll davon. Die Ukraine im Grenzgebiet ebenso. Wenngleich sich natürlich mit Griechenland so leicht niemand messen kann, was die Zahl christlicher Wegmarken angeht. Aber das ist ja weit weg von hier. Wenn auch das Orthodoxe uns aus der alten Holzkirche entgegenblickt. Hängt eben doch alles irgendwie zusammen, nicht nur hier im Osten Europas. Ein wenig Bildung nur und es fällt einem an allen Ecken Europas auf. Dabei erinnere ich mich an die drohende Gigantomanie der Kreuze in Serbien und Bosnien-Herzegowina, mit der die Serben von vielen Bergen »grüssen«: Liebe Muslime, wir sind hier die Herren…

Unseren Abfall will ich noch entsorgen, leerer Papierkram und ein hinfälliger Kefirbeutel, verpackt in einer leeren Chipstüte. Die Küchenfee nimmt die Tüte entzückt und dankbar entgegen. Für sie? Geschenk? Sie macht gerührte Augen und es gelingt mir nicht, auch nicht mit wegwerfenden Bewegungen, ihr klarzumachen, was damit zu tun ist. Wir bezahlen das Zimmer, 100 Złoty. Und damit sind die polnischen Barschaften erschöpft. Und das Frühstück? Lis beweist blitzschnell ihre Kopfrechenkünste und bietet ihr 10 € an. Das passt, beide Seiten sind glücklich.

BoB

Und nach dem Packen und der Überprüfung des Kilometerstands sieht Lis den Roten Punkt – Beinahe ohne Benzin. Will heissen, der Tank ist auf Reserve. Wir waren ja gestern weiter gefahren, als wir vorhatten.

Also wieder rein in die Küche. Benzin? Gasolin? Die Küchenfeen verstehen nicht und holen den Chef. Er ist der Einzige mit gewissen Englischkenntnissen. Dieselben Fragen, beim zweiten mal »Benzin« schaltet er: Die Tankstelle ist einen Kilometer zurück. Und sie nimmt Visa, alles wird gut.

Was mit meinem Müll passiert ist, werde ich nie erfahren. Wir waren dann endgültig weg.

Strenge Zöllner

Warten bei den Polen

Wir verlassen nach kurzer Fahrt an die Grenze Schengenland. Schlangestehen zwischen den Transportern der fliegenden Händler. Die Polen wollen sehen, was wir im Kofferraum haben; Tourist? Nicken. Und gut ist’s.

Über den Bug zu den Ukrainern

Die Jungs auf der ukrainischen Seite hingegen haben heute entweder ihren schlechten Tag oder der Umgangston hat sich generell verschlechtert gegenüber vor zwei Jahren. Schikane ist zu vermuten, Logik hilft zur Erklärung nicht. Aber irgendwann sind wir dann mit ein paar Anranzern doch durch. Und die Welt verändert sich wieder schlagartig.

Di.e. Gegensätze werden schroffer.

Unser Ziel ist Brody

Teils ist das mörderische Holperstrecke, trotz gelber Auszeichnung in der Karte – ukrainische Strassen, die sich nicht dick glutrot durch die Karte ziehen, können alles sein, von der frisch asphaltierten Traumstrasse bis zur uferlosen Ansammlung tiefster Schlaglöcher. Um die 40 km reiht sich diesmal Schlagloch an Schlagloch, heimtückisch und nicht vorhersehbar.

Auftreten, Anzahl, Grösse, Tiefe, Verteilung und Dichte sind so zufällig, dass wir dahinter kommen, dass wenn »Besser« »Schlecht« bedeutet, dass »Gut« dann der Horror ist.

Slebst »ausgewachsene« PKW bleiben da zuweilen mit Achsenbruch am Strassenrand zurück.

Nicht aber unser Senfle.

Wir witzeln beim Um- und Durchfahren der Schlaglochfelder über ein Hotel mit Terrasse am See, weil doch immer wieder Teiche und Seelein mit Enten und Gänsen an uns vorüberziehen,…

…wenn wir geniesserisch durch diese arme bäuerliche Landschaft gleiten (würden). In Wirklichkeit kämpfen wir uns eben von Lochrand zu Lochrand und erhaschen nur den einen oder anderen Blick auf die Landschaft und die bäuerlichen Dorfidyllen.

Wieder im Land der Pferdewagen…

Immer schwer zu fotografieren…

In Polen waren sie noch bis vor wenigen Jahren übliches Transportmittel. Heute sieht man dort fast nur noch Traktoren. Doch mit Übertritt in die Ukraine kommen sie uns wieder entgegen und wir überholen sie: Teils ganze Familien, vom Feldeinsatz zurück oder auf Besuchsfahrt, mit Brennholz, einem Fuder Gras, Maisstauden oder Kartoffeln auf dem Weg nachhause.

…und der Wartehäuschen

Reizvoll wäre eine paneuropäische Studie über die Gestaltung von Buswartehäuschen. Sie stehen ja in fast jedem Land. Nichts Ungewöhnliches? Besonders dort, wo weite Strecken unbewohnt sind, fallen sie erst richtig auf: In Finnland zum Beispiel, Polen, selbst La Palma hat einige herzige Exemplare. Ja, und eben die Ukraine. Oft liebevoll mit Mosaiken geschmückt, schmucklose, verschmierte-verziert, als Trinkhalle missbraucht, voller Flaschen- und anderem Müll.

Und wo kein Pferdewagen, kein Bus,…

…da geht man zu Fuss, oft zwanzig Kilometer und mehr…

Pilgerreise

Nicht nur zur Feldarbeit. Wir überholen eine Pilgergruppe mit priesterlicher Verkehrsregelung, grosser motorisierter Vor- und Nachhut. Singend zieht die Schar, mit Bannerträgern vorneweg, die Strasse entlang. Am Strassenrand sammeln sich die Dorfbewohner, die aus ihren Häusern und Gärten an die Strasse treten. Etwas weiter dann warten die Transporter mit dem Pilgergepäck und wohl auch der Speisung und Durstlöschern. Sie sind nötig, wandert die Pilgerschar doch in der prallen Mittagssonne.

Und das Gedenken

Deise schweren, bodenständigen, ja schwermütigen Gedenkstätten… Entweder bietet Mutter Ukraine Brot dar oder ein martialischer Soldat Trost für Mütterchen Ukraine, die den einen oder anderen Sohn umsonst durchgefüttert hat. Immer wieder am Ortsrand, auf freiem Feld… Ohne Häme: Dieses Volk hat viele verloren, viel durchgemacht, weil hier über die Jahrhunderte jeder durchmarschiert ist und verbrannte Erde und Leichen hinterlassen hat: Von Ost nach West zuerst, dann umgekehrt. »Wir« waren natürlich heftig dabei.

Brody

Und dann diese Enttäuschung, nicht mal ein Hotel mit Internet, die Stadt eher abstossend. Joseph Roth ade…

Ich entscheide mich für den direkten Weg nach Ternopil, wie ausgeschildert aber auf der Karte eher nicht vorhanden. In Ternopil muss es was geben.

Teil 2–––>

Tagesleistung, Tracks & Links:

  • 2012-08-23;287;05:37;02:08;104;51;36.9;Horodlo-Ternopil
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