Neues aus Naxos (2)

Sonntag, 04.08.2013, 15:44:30 :: Galanado
Dienstag, 31.12.2013, 11:47:04 :: Galanado :: Dieser Bericht aus dem August sollte heute vielleicht doch noch raus…

Wo waren wir stehen geblieben? Genau. Wir sind heute genau vier Wochen hier und die Geschichten türmen sich. Die Wohnung ist zunächst abgehandelt, täglich merken wir, was unbedingt noch her muss. Lis‘ Bett kommt erst im September, da alle Ferien machen in Griechenland. Das ist allen verständlich, die sich mal der Mühsal unterzogen haben, an griechischen Gestaden im Sand zu bräunen. Es ist zu heiss. Ab Mittag bis 18 Uhr kann man nur langsam Striche im Sand ziehen oder sich ins Wasser schleppen. Möbel zimmern geht eher nicht. Diese »Hängematte«, in die man da fällt – die Griechen nennen sie άσπρο νύχτα, »Weisse Nacht« – ist der einen Schicksal und der andern Urlaub…

Und mein Schreibtisch wird gerade gezimmert, oben bei APOPSI. Anderes, was wir brauchen und was es gäbe, gefällt uns nun gar nicht. Also warten und darüber nachdenken, was aus Deutschland her könnte und wie. Es gibt da den Herrn Schneider aus Löhne, der wird es uns wohl bringen müssen, nächstes Jahr… Daher ist es noch ein wenig leer, alles hallt in diesen Hallen. Stoff muss rein, ein Teppich, ein Sofa. Bilder, Regale mit Büchern und so’n Kram…

An Sand, vulgo Staub, sind wir ja bereits von La Palma her gewöhnt. Bei offenem Fenster ist Hitze kein Problem, Naxos ist eine Windinsel, auch und gerade im August. Da bekommt eben alles einen samtigen, braunen Überzug, der sich auch im Bettzeug niederschlägt. Aber wer wird schon pingelig sein als Grossstädter mit zu hohen Ozon-, Russ- und sonstigen Werten, vom Zigarettenrauch ganz abgesehen.

Apropos Rauch: Während ich hier sitze und schreibe riecht es danach. Von Norden treibt der Wind eine graue Wolke direkt auf uns zu und über uns hinweg. Fester zu. Aus ist es mit dem kühlenden Lüftchen. Holz brennt da, Natur. Die Sicht beginnt zu schwinden. Wir überlegen, uns aus dem Rauche zu machen…

Wir fahren in die Chora und setzen uns an den Strand ins Kavouri; da sind wir nicht in Windrichtung, sehen aber die Rauchwolke, wie sie durchs Tal Richtung Galanado zieht. Dann fliegen die ersten Löschflugzeuge… Manolis erklärt uns, dass im Bereich von Galini (nordwestlich, Richtung Engares) ein Grossfeuer wütet. Bedrückung, jeder weiss, was das bedeutet.

Aber ich wollte endlich Kulturelles berichten. Es ist ja nicht so, dass Naxos mit Fressmeile und Disco fertig hat. Es gibt Ausstellungen, jedes Jahr an verschiedenen, meist historischen Stätten Theater, Konzerte, Ballett, Lesungen.

Kirchenfeste

Und es gibt die Kirchenfeste. Da die Orthodoxe Kirche in Griechenland nach wie vor eine zentrale und nicht zu übersehende Rolle spielt, sind diese Feste mindestens in doppelter Hinsicht wichtige Rituale: Einmal für die gläubige (und ich vermute, auch für die weniger gläubige) Bevölkerung, die dem stundenlangen Zeremoniell und Gesang mehr oder weniger aufmerksam beiwohnt und nebenher die lokale und ortsübergreifende Kommunikation pflegt. Zum anderen trifft sich hier die high society: Bürgermeister, Polizei- und Marinechefs, die, über die man flüstert und natürlich die Geistlichen jeglicher Alters- und Hierarchiestufe. Ihnen gelten die devoten Verbeugungen mit Ring- oder Handkuss, die sie erhobenen Hauptes aber wie nebenbei entgegen nehmen. Ansonsten wird eifrig und burschikos-kollegial ge- und besprochen. Ob die Inhalte wichtiger sind als Form und Umgang, da muss ich mich zurück halten.

So traf sich Volk und hohe Geistlichkeit am 12. Juli abends im Gemeindesaal des Rathauses (sic!) um einen Geistlichen zu ehren, der vor mehr als 130 Jahren verstorben ist. Er kam von Naxos, selbstredend. Wohlgemerkt, die Chora hat mehrere nicht gerade kleine Kirchen aber es ist der Saal des ΔΗΜΟΣ ΝΑΞΟΥ, der weltlichen Gemeinde Naxos‘, wo diese Feierlichkeit stattfindet. Damit klar ist, was und wer wichtig ist. Ein Trennung von Kirche und Staat kennt Griechenland noch nicht. Aber recht überlegt: Wo ist die wirklich vollzogen…?

Es werden Reden gehalten, lange Reden jeweils, wobei man den Eindruck immer stärker gewinnt, dass das Publikum eher Kürze schätzen würde. Die Geistlichkeit belegt die ersten zwei, drei Reihen, fast in voller Saalbreite. Kinder turnen, toben, maulen – auch auf den Schössen manchen Priesters; die sind ja i.d.R. verheiratet, es sind wohl ihre. Die Frauen sitzen meist woanders. Teenager kichern und werfen mit Papierkügelchen, Mütter versuchen verzweifelt nachzuholen, was zuhause permanent auch nicht praktiziert wird bzw. nicht gelingt. Die Reden wechseln ab mit Gesängen, teils traditionell, sehr alt, aber auch aus jüngerer Zeit bietet der Männerchor Monotones – für unsere Ohren. Griechische Ohren hören anders, die Gehirne gehen damit anders um. Bitte merken.

Den Höhepunkt bildet die Rede eines weltlichen, sehr gesetzten alten Herrn, korrekt mit Krawatte im tadellosen Anzug und einem Paket Papier. Man hätte es ahnen müssen, dass es lange gehen würde: weit über eine Stunde steht der Herr seinen Mann, ohne einen Schluck Wasser, unablässig redend, sichtbar auch die Geistlichkeit zusehends ermüdend. Ungehaltenheit macht sich breit, vorauseilender Beifall versucht den Herrn zu stoppen. Vergebens, er quittiert lächelnd und und einer jovialen Handbewegung und fährt fort. Die Ersten stehen auf, Unruhe kommt auf. Da endet er, sichtbar gedrängt – um weiteren Rednern Platz zu machen.

Zuerst erhebt sich der ranghöchste Priester und schreitet am Hirtenstab zum Rednerpult, umringt, begleitet von (muss man sagen zivilen?) weltlichen Herren und Soutanenträgern. Eine versöhnliche, eine freundliche, väterliche Rede und Gestik, in sich und auf seinem Stab mit dem grossen goldenen Knauf ruhend. Nichts und niemand würde ihn stören oder unterbrechen, egal wie lange er reden würde. Das Volk setzt sich wieder, es wird ruhig.

Nochmals Gesang, weitere Grusswort, wie ich vermute. Das Publikum möchte dann aber noch einen sehr alten Herren hören, der nach oben geführt wird. Jung und Alt lauschen. Danach aber leert sich der Saal sehr schnell, draussen steht man nun beisammen während fleissige Hände jedem einen Packen Papier, Bilder und Bücher, in die Hand drücken. Seelenheilendes, Erbauliches wird es sein, Ehrfurcht heischend mit den Abbildungen der heiligen Rauschebärte. Aber Griechisch…

St. Nikodemus

Das alles hat mit ihm zu tun, dem Heiligen Nikodemos. Nicht dass dieser Abend schon alles gewesen wäre. Es geht weiter, am nächsten Tag. Strassen werden gesperrt, die Menschen versammeln sich vor der erst in den letzten Jahren wirklich fertig gewordenen Kirche des Heiligen.

Gebeine

Es ist wohl alles angerückt mit Rang und Namen, selbst vom Athos. Vor dort kommt angeblich die Reliquie, die der neuen Grosskirche wohl die letzte und entscheidende Weihe bescheren soll. Sie wird mit allem Gepränge und grosser Anteilnahme »von Presse, Rundfunk und Fernsehen« in grossartig zelebrierter Würde in einer filigran-silbernen Schatulle demonstrativ hinein getragen, die Treppe hoch, hinein ins Innere, gefolgt von Ikonen tragenden Priestern und Laien. Ob und was drin ist in der Schatulle? Wir wissen es nicht.

Immer wieder erstaunlich, wenn die Ehrwürdigen schlagartig profan und leutselig werden: Immer dann, wenn jemand sie anspricht, kurz den Ring küsst um dann ein völlig normales Gespräch zu führen, mit Lachen, Gestik – um dann schlagartig wieder abzubrechen: Er geht weiter, der offizielle Teil.

Feuerwerk

Selbst darauf verzichtet man in der Krise nicht, wenn es um die verehrten Heiligen geht: Eine gewaltige Lichtorgie unter anhaltendem Schiffstuten, das fast im Gedonner der Feuerwerksraketen untergeht. Alles ist auf der Strasse, fast kein Durchkommen für Menschen, für Autos ist eh‘ alles gesperrt.

Selbstverständlich werden auch hierzu (oder umgekehrt?) Ikonen durch die Stadt getragen; was selbstverständlich die Staatsmacht erledigt: Polizisten und Matrosen…

Glinado

Jedes Dorf hat eine, aber meinst mehrere Kirchen und Kirchlein. Und jede heisst nach einem Heiligen. An deren Namenstag ist Kirchenfest. Zumindest hat es den Anschein. Ganz so schlimm scheint es nicht zu sein, denn winters ist da weniger los. Ausserdem ja nicht jeden Tag, obwohl es sicher keinen Tag gibt, auf den kein Heiliger kommt.

Jedenfalls, wenn gefeiert wird, dann richtig: Während drinnen die Liturgie, teils über Stunden, zelebriert wird und dann am Ende die Ikonen einmal durchs weihrauchgeschwängerte Dorf getragen werden,…

…vergnügt sich vor der Kirche das Volk: Kinder im Sonntagsstaat rennen, vergeblich gebremst durch Grossmütter oder festlich gekleidete Mütter,…

…man sitzt und schwatzt, sieht sich mal wieder (denn nicht alle kommen aus Galanado) und die Musiker, die dem ganzen den gehörigen Tschingderassabum geben, warten auf den nächsten Auftritt.

Debussy im Tempelbezirk

Ganz anders geht es zu, wenn in den Tempelruinen von Iriá die Prélude à l’après-midi d’un faune von Claude Debussy aufgeführt werden. Laue bis schwüle Lüfte, hereinbrechende Nacht, Sterne, die Musik, der Tanz – der Faun. Und rennende, schreiende Kinder – das ist so normal wie schön.

Ganz zum Schluss…

…noch die tröstliche Mitteilung, dass das Internet – sprich: GoogleEarth in diesem Falle – doch nicht so ganz à jour ist:

Die neue Brücke, über die wir täglich fahren, hat noch keine Strasse – auf der wir täglich fahren…

(Zu sehen sind die GPS-Spuren aus mehreren Jahren.)

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