Vom narzisstischen Schreiben gegen den Tod

Freitag, 31.01.2014, 20:43:31 :: Galanodo

Oder: Was und wie viel wollen wir noch verdrängen?

Eine Glosse

Wo man aufgehört hat zu handeln, fängt man gewöhnlich an zu schreiben; und je verworfener die Zeit ist, desto wortreicher ist sie, ausgenommen, wo gänzliche Mundsperre herrscht. Hierüber belegen die Griechen und Römer, und die Neueren widersprechen nicht. Wer möchte nicht lieber den Oelbaum der Athene Polias gepflanzt, als Professor und Vorfechter einer Philosophensecte gewesen sein? Doch es giebt Zeiten, wo zwar viel geschieht, aber nichts gethan wird, die begebenheitsreich, aber thatenarm sind: und in diesen ersetzt vielleicht das Wort die Handlung, damit der Funke, der Same besserer Frucht, nicht gänzlich in der Sumpfluft der Alltäglichkeit ersticke.

Johann Gottfried Seume

Ich wäre ja ganz zufrieden gewesen, heute Abend. Nach dem Lesen eines solchen Artikels kann man als älterer Bewohner dieses Gestirns ja eigentlich zufrieden ins Bett gehen. Sagt er doch, jetzt mal verkürzt, aus, dass es keine Kunst ist, in einem nur teilbelegten Hirn, schnell eine (vorhandene!) Information zu finden. In einem vollgepackten dauert es hingegen etwas länger – bei gleicher Leistungsfähigkeit.

Ja, hätte ich sein können. Wäre da nicht dieser unglaubliche Guten-Morgen-Artikel in der ZEIT gestanden, gleich heute Morgen – nach dem Frühstück, wem auch immer das zu danken ist. Herr Greiner, betagter und langgedienter Redakteur, Journalist und Ressortleiter der ZEIT macht sich darin so seine Gedanken, die er uns zumutet, obwohl wir sie vielleicht gar nicht wissen möchten. Nämlich anlässlich der Mitteilung von Henning Mankell, dass multipler Krebs bei ihm diagnostiziert wurde und er beabsichtigt, über den beginnenden Kampf dagegen zu schreiben. Mankell belästige uns mit seinem Sterben oder doch zumindest mit der Schilderung des Weges bis dahin. Das sei narzistisch:

HENNING MANKELL
Man sollte diskret sterben

Der Autor Henning Mankell ist an Krebs erkrankt und will sein Leiden beschreiben. Das ist narzisstisch und bringt niemanden weiter.
VON ULRICH GREINER

Aufmacher zum Artikel

Da türmen sich natürlich Fragen. Soll der Kranke das? Ja, darf er das? Nur in seinem Fall? Sollte man das überhaupt? Nur bei Krebs? Oder auch bei Angst vor und Sterben durch amerikanische Drohnen? Bei Rauschgift? Bei Mord gar auch?

Greiner und viele Kommentatoren wollen mit Derartigem nicht behelligt werden, weshalb der Greinersche Auswurf darin gipfelt, dass gefälligst privatissime zu sterben sei.

Nun ist er Journalist, vermutlich sein Leben lang. Es müsste also in seinem Kopf mittlerweile irgendwo hinterlegt sein, dass Journalisten ihr Geld mit Nachrichten verdienen. Über Leben und Sterben, Liebesgeschichten der Jungen und Ergrauten, über Mord und Totschlag, von allem eben, was das Leben so zu bieten hat neben dem beginnenden Sterben eines Schriftstellers und Aktivisten in Afrika. Nein, nicht Schlingensief, Mankell.

Aber da wir schon bei Schlingensief sind, ein Kommentar zu Greiner:

2. Schlingensief
Da der Autor Christoph Schlingensief anführt mal ein Zitat von ihm, wie er auf genau diese Art von „Kommentaren“ reagiert hat:

„von susan sonntags selbstbetrugsliteratur, um zu zeigen, dass sie ganz distanziert darüber schreiben kann, obwohl sie sich da schon in die hose geschissen hat vor angst.(ich habe sie zumindest kennengelernt und am ende hat sie wie verzweifelt gefleht,… sie hat alles mitgemacht….) da hat also die akademische methode nichts gebracht. warum nicht also mal direkt nachfragen. warum geben sie ihr minibudget nicht endlich mal dafür aus, dass sie kranke besuchen, dass sie fragen zur gesundheitsreform stellen. mal was zur einsamkeit fragen. bei dem, der seinen job verloren hat, keine familie besitzt und kaum freunde hatte und dann auch noch gegen weiße flecken im körper als völlig verstummte todesboten zu kämpfen hat… “

Kommentar in der ZEIT zu diesem Artikel

Im Schweinsgalopp ins Abseits

Darüber, dass andere davor schon sich erdreisteten, das Ende ihres Lebensweges öffentlich zu machen, z.B.

und nun auch noch Mankell, das erbost ihn so sehr, dass er sich in einer Art und Weise vergaloppiert, dass man – siehe ganz oben – Sorge haben muss um seinen Kopf und die dort obwaltenden Suchalgorithmen.

Ein paar Zitate noch…

…alle aus der ZEIT, die sollte Herr Greiner vielleicht noch mal durchblättern, vielleicht sogar geistig inhalieren zur Verfüllung der entsprechenden Ecken in seinem Hirn. Wie war das noch gleich: Hatte und hat er nicht stets was mit „Literatur“ zu tun gehabt?

Wie hat Herrndorf es unwillentlich, mit einem Text über das Leben mit dem sicheren Sterben, geschafft, so viel mehr als Autorenkult und Mitgefühl zu wecken? Oder, anders gefragt: Was sagt dieses Tagebuch eines Einzelnen, der sterben musste, über uns, die anderen, aus, die ihm alle folgen werden?

Oder Leinemann… Biografien im Rückwärtsgang. Was ist dagegen einzuwenden? Was wollen wir daran angeblich nicht? Generationen von Lesern hingen und hängen am Werther. Sterben ist Teil des Lebens, warum soll er im Privaten verschwinden? Wie kommt Greiner auf solche Gedanken?

Er hatte noch einiges vor, als ihn im 71. Lebensjahr die Krebsdiagnose stoppte. Wir wussten davon, wenn auch keine Details, als wir mit ihm seinen 70. Geburtstag feierten. Ein unvergessliches Fest. In seinem letzten Buch, das von der Vorbereitung auf das Ende, aber auch vom Leben davor handelt – Das Leben ist der Ernstfall– schreibt er von der „warmen Welle von Zuneigung“, die er verspürte und die ihm sehr wichtig war: „Sie trägt mich bis heute.“

Es kann ja wohl nicht wahr sein, dass über den Tod Anderer tausend-, ja millionenfach berichtet werden darf, über Gewalt und Morde in jedem dussligen Krimi samt seiner TV-Inkarnation, dass ein Klassiker wie Die Leiden des jungen Werther, die ja mit Selbstmord enden, Jahrhunderte lang in den Himmel gelobt werden, dass nun aber plötzlich der Kampf gegen Leiden, Schmerzen und Siechtum im Privaten zu verschwinden hat.

In der alten bürgerlichen Gesellschaft galt das ungeschriebene Gesetz, Nachbarn oder gar Fremde mit der eigenen Befindlichkeit zu verschonen. Dagegen verstößt Christian Buddenbrook (in Thomas Manns Roman), der die Tischgesellschaft gerne mit seinen gesundheitlichen Beschwerden belästigt.

Zitat Greiner

Also wie? Gesundheit geht gar nicht, siehe Buddenbrooks, Herzschmerz, der geht, siehe Werther? Gott sei Dank sind wir ein paar Schritte weiter gekommen gegenüber der »alten bürgerlichen Gesellschaft«, Herr Greiner.

Und deshalb verstehe und achte ich jeden Menschen, der seinen Kampf artikuliert, denn – um nochmals Johann Gottfried Seume zu zitieren – »es giebt Zeiten, wo zwar viel geschieht, aber nichts gethan wird, die begebenheitsreich, aber thatenarm sind: und in diesen ersetzt vielleicht das Wort die Handlung, damit der Funke, der Same besserer Frucht, nicht gänzlich in der Sumpfluft der Alltäglichkeit ersticke.«

Links:

Mir kamen bei dieser Thematik alte Beiträge in den Sinn, alle schon internet-alt (sic!) – 2003, 2004 –, in denen auch schon zum Versuch nachgedacht wurde, Alte lächerlich zu machen und »zu verstecken«, selbst wenn und gerade weil sie noch leben.

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