* Rund Europa 2016 (2): Wie wohnt »man« hier eigentlich? (1)

Montag, 25.07.2016, 20:48:09 :: Raudondvaris

Zwischen und hinter diesen Bäumen liegt Raudondvaris (Panorama, 180°)

Ich war Ende März 1995, als ich Litauen zum ersten mal besuchte, verwundert, entsetzt, unsicher – was auch alles noch. Es war eine andere Welt, als ich sie kannte, in die ich da versetzt worden war. Ich kannte Naxos, ja. Aber das war Griechenland, Sonne, Sand, Meer – und kleine Familienhotels. Die waren eben einfach.

Einschub: Nach Litauen kam ich, weil wir dort ein Medizinisches Zentrum mit einer Labor- und Kommunikationslösung ausstatten.

Es war ein Montagmorgen. Es war dunkel am Flughafen. Nicht gerade viel Licht. Es war kalt. Es war nass, mit Eis und Schnee auf dem Boden. Überall standen Soldaten und Polizisten mit irgendwelchen Gewehren herum. Es war eine seltsame Situation für mich, irgendwie zum Fürchten. Und wenn ich an einen der Rückflüge denke erst recht: Da war selbst der Gang in der Tupelew vereist, die Stewardessen hüllten mich in warme Decken und servierten scharfe Getränke…

Heute haben wir 2016 und vieles hat sich verändert und ändert sich noch; man kann aber nicht sagen: normalisiert. Litauen ist zwar ein normaler Teil der Europäischen Gemeinschaft und für mich kein dunkles unbekanntes Land im östlichen Unbekannten mehr.

In den vergangenen Jahren hatten wir Gelegenheit, die meisten osteuropäischen Länder wiederholt zu besuchen. Um sie zu sehen. Zu vergleichen. Zu lernen. Es ist sehr beeindruckend, wie unterschiedlich sie sich entwickeln und verändern. Seit dieser Zeit kommen wir mindesten jedes zweite Jahr nach Litauen. Und ich glaube, ich werde dieses Land und seiner Menschen so lange besuchen wie ich kann. Viele wurden sehr gute Freunde. Sie kamen damals auf mich zu, sie halfen mir, sie zeigten mir ihr Land, erzählten mir von ihm. Einzelne sind heute in Deutschland, Italien, ja selbst auf Naxos hat sich eine Litauerin niedergelassen.

Soweit, so gut. Wie aber war ich damals untergebracht, wie wohnten beziehungsweise wohnen wir danach ab 2001 bis heute, wenn wir Wochen im Sommer hier verbringen?

Anlässlich der geschäftlichen Besuche verfrachtete man mich damals in vier oder fünf verschiede Hotels, die stets überheizt aber sonst ok. waren.

Als ich von einer der Laborantinnen nach Hause eingeladen wurde, was ich damals als grosse Ehre empfand, tauchte ich ein in die litauische Realität: So wohnte eine Familie, deren Mutter Rektorin einer ausgewiesen grossen und bedeutenden Modellschule war, der Vater einer der bedeutendsten litauischen Pferde- und Reittrainer und die Tochter eben MTA. Das wollte verdaut sein.

Auf dem Land waren und sind zu einem grossen Teil die Häuser aus Holzbalken, die Zwischenräume zwischen den Balken traditionell mit Lehm, Moos und Stroh gestopft. Nachdem Litauen 1991 seine Souveränität wiedergewonnen hatte, haben viele Hausbesitzer ihren kleinen Häusern eine neue Haut aus Beton- oder Ziegelsteinen verpasst. Das waren die ersten Versuche der Wärmedämmung. So verbirgt sich in vielen heutigen Steinhäusern im Kern ein Holzhaus, was man spätestens sieht, wenn man es betritt.

Die Verhältnisse änderten sich nicht wesentlich, als ich in Vilnius in einem der Wohnsilos unterkam und erfuhr, dass neben mir eine Ministerin wohnte, unter denselben Bedingen: Stinkendes Treppenhaus ohne Licht, der Lift stundenlang ausser Betrieb, alle Plastikknöpfe für die Stockwerke mit dem Feuerzeug verkokelt, die Türen doppelt gepolstert und mit zwei oder gar drei Schlössern gesichert – ich lernte, dass das alles normal war. Und hinter der Wohnungstüre öffnete sich zumeist eine völlig andere Welt: Da war einfaches aber gemütliches Zuhause. Und dennoch – ein Hotel und eine litauische Wohnung, das war etwas vollständig verschiedenes.

Und so war klar: Wenn wir hier längere Zeit leben wollen, dann werden wir unter denselben Bedingungen wohnen, wie die meisten – allerdings eher besser, da wir stets Gerätschaften und Mobiliar hinzu kauften, weil wir es einfach brauchten: Stühle, ein Tischchen, einen Trockenständer, einen Besen…

Wir wohnten für zwei Wochen in einem Wohnblock in der Nähe des Uniklinikums mit all den w.o. geschilderten »Annehmlichkeiten«,…

danach dann in einem engen Raum beziehungsweise einem fest installierten alten Campinganhänger und im Zelt im Reitstallgebäude beziehungsweise in dessen Innenhof…

…wo auch diese herrlichen Feste stattfinden: Geburts- und Namenstage, Feiern nach einem Reitwettbewerb, denn die Reiter bringen fast immer 1. oder 2. Preise nach hause.

Später, als der »Bokštas«, diese Preziose ländlicher Holzbaukunst, renoviert und beziehbar war, in einem der Räume dort – ab da fing der Komfort an, der aus immerhin einer funktionierenden Dusche und Toilette bestand.

Der »Pferdestall« wuchs in all den Jahren. Eine grosse Reit- und Lagerhalle entstand, ein Turniergelände war schon davor im Entstehen.

Aus dieser verfallenen ehemaligen Schreinerei wurde im letzten Jahr das noch nicht bezugsfertige Wohnhaus der Reitstallfamilie.

Und auch neben dem Bokštas steht ein Neubau: Altersitz oder Tochter und Enkel? Das scheint noch nicht geklärt.

Aber es ist wie in Griechenland: Wenn wieder Geld vorhanden ist, wird weiter gebaut…

Unser Appartement

In den letzten Jahren haben wir nun sogar unser eigenes »Appartement«, eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung mit Wohnküche in einem alten hier üblichen Holzhaus, links und rechts Nachbarn, Holzwand an Holzwand. Der Zustand ist hier üblich, in Deutschland aber eher unüblich. Ich sage bewusst »unüblich«, da mir eine Wertung nicht zusteht. Wir sind hier freiwillig, sehr gerne und fühlen uns wohl.

Wir haben eine kleine Terrasse direkt ins Grüne. Man muss dazu sagen: Raudondvaris ist keine Haufen- oder Strassendorf.

Die Häuser liegen mehr oder weniger verstreut, »im Wald versteckt, wo keine Kuckuck sie entdeckt«, wie Heidi Brühl in den frühen Sechzigern im Musical Annie Get Your Gun im Theater des Westens in Berlin krakeelte. Jeder versucht hier, zu überleben, Holz für den Winter zu stapeln, ein paar Blumen zu pflanzen, Hühner und Hund zu halten, auch Katzen fehlen nicht. Wir bekommen von der Nachbarin Pilze, Eier und Tomaten, wir füttern ihre Katze und schauen den Kindern beim Spielen und Erwachsenwerden zu.

Es ist ruhig und beschaulich, bis auf die grossen Hundekonzerte hier und da – und die völlig übersteuerten Autoradios, wenn die jungen Leute für eine Weile Dorfdisko direkt vor dem Haus brauchen.

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