Europäischer Dialog

Manchmal hängt’s ja an den Kleinigkeiten. Ich hänge an einem deutschen Forum, vorzugsweise für Türken in Deutschland. Dort erschien ein Offener Leserbrief zu einem Interview mit Sibel Kekilli [lokal „Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann aus Deutschland wegziehe“]. Ich kannte die Dame und das ganze Drumrum nicht. Und eigentlich interessiert es mich auch nicht.

Aber: Wenn man die Beiträge (darf man sie in ihrer Mehrheit so nennen?) verfolgt, dann wird einem klar, wie es zu »Ehrenmorden« auch im westlichen Europa kommt oder kommen kann. Welche Wege die Diskussion geht. Je mehr man nachträglich die Schlammschlacht, die BILD & Co. angefangen haben, im Internet verfolgt, desto mehr steigt die Befürchtung, dass sich hier Schlimmeres anbahnt, als die Enthüllung einer ehemaligen Pornodarstellerin…

Links:

Und hier meine erste Erwiderung zum Leserbrief:


Guten Morgen,

ich äussere mich als älterer deutscher Mitbürger, der Europa (auch die Türkei) bereist hat und noch bereist. So, wie das Interview statthaft UND sinnvoll war, ist es auch der Leserbrief dazu. Das vorab.

Was für mich wichtig und interessant ist: Dass beide die Sicht der beiden Europas zeigen. Hier die »total verwestlichte Türkin« und auf der anderen Seite vielleicht ein eher an seinen osteuropäisch/türkischen Wurzeln hängender (junger?) Mann. So änlich sieht für mich die Situation aus. Jetzt bitte nicht gleich wieder aus der Haut fahren. Es gibt verschiedene Sichten, das zu akzeptieren ist Grundvoraussetzung dafür, dass man miteinander reden kann. Und das muss man. Sonst ändert sicht nichts.

Zum Inhaltlichen: Frau Kekilli kannte ich bisher nicht. Das Interview ist ein 08/15-Interview, wie es in deutschen Medien üblich und akzeptiert ist. Es enthält die Antworten einer aufgeklärten, emanzipierten jungen Frau, die auch zu Dingen etwas sagt, zu denen sie garnicht direkt gefragt wurde. Das verrät Intelligenz. Jedenfalls zeigt das Interview, dass es türkische Frauen gibt, die in der Lage sind, sind, sich frei auch zu sozialpolitischen Problemen zu äussern.

Dass in diesem Zusammenhang Pamuk und Dink auftauchen ist aus meiner Sicht nicht ungewöhnlich, ja fast zwangsläufig, zeigt doch auch gerade der Briefschreiber selbst, dass offes Sagen seiner Meinung nicht jedem zugestanden werden soll. Es soll aber jeder sagen, was er meint. Und die anderen haben es zu akzeptieren oder wenigstens zu ertragen. Dann nachdenken. Und dann antworten. Daraus wird dann ein Dialog, der fast automatisch zu mehr Verständnis füreinander führt.

Dass die Schauspielerin Kekilli eine »Pornodarstellerin« ist/war, das muss sie mit sich und ihrem Lebensgefährten ausmachen. Dass sie dabei aber u.U. über Männer mehr gelernt und erfahren hat, als unserem Geschlecht lieb sein kann, das mag den einen oder anderen schmerzen, ja. Nakte Menschen aber sind etwas normales, solche die sich lieben ebenfalls. Jedenfalls im westlichen Teil Europas. Dass dabei mitunter auch Geschmackloses rauskommt, das lässt sich nicht vermeiden; jedenfalls nicht, solange eine Zensur nicht stattfindet. Die will ich nicht. Daran muss man sich gewöhnen, wenn man im westlichen Teil Europas leben will.

Dass der Briefschreiber sich ausgerechnet »Gegen die Wand« NICHT angesehen hat, sich die belanglosen Pornos aber reingezogen hat, spricht nicht für ein ernsthaftes Bemühen, sich der Dame thematisch zu nähern. Wenn man das will. Ich will es nicht. Aber ich möchte, dass wir aus unseren ideologischen Höhlen herauskommen und miteinder reden.

Und dass Frau Kekilli sich entwickelt, gefragt wird und gescheite, engagierte Antworten gibt, das find ich auch gut. Eine Ikone wird sie dadurch nicht.

Über reinard

Allen Neugierigen sei meine Webseite http://www.hr-schmitz.de ans Herz gelegt. Dort gibt's alles Un-/Wesentlich zu mir und über mich.
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