* Rund Europa 2019 (2), 13. Tag: Sejny – Raudondvaris

Donnerstag, 11.07.2019, 22:36:54 :: Raudondvaris
Dienstag, 16.07.2019, 13:51:44 :: Raudondvaris

Uunser Frühstück in diesem ungewöhnlich grossen Hotelkomplex ist polnisch und/aber ausreichend: Deftig und für meinen Magen so früh eher ungeeignet.

Sejny ist die letzte grössere Stadt hier oben im Nordosten von Polen, oft umkämpft, bevölkerungsmässig über die Jahrhunderte sehr gemischt, heute im Wesentlichen polnisch mit einer starken litauischen Minderheit; umgekehrt ist es im südlichen Litauen: In Rieše, im Nachbardorf unseres Zielortes Raudondvaris, besteht sogar eine eigene polnische Schule.

Die Synagoge von Sejny

Als wir Anfang September 2014 die Rückfahrt von Litauen antraten, hatten wir hier in Sejny einen längere Halt eingeplant, um das beeindruckende Dominikanerkloster zu besichtigen.


Das ehemalige Dominikanerkloster (2014) …


… und die Klosterkirche

Zum Klosterbau gehört eine Kirche aus der Spätrenaissance, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts im verspielten Rokokostil umgebaut wurde. Von den Gläubigen besonders verehrt wird die in der größten Seitenkapelle der Kirche befindliche, aus Lindenholz geschnitzte Madonnenfigur. An Feiertagen wird der Korpus der Statue geöffnet. Im Inneren befindet sich eine ebenfalls in Holz geschnitzte Kreuzigungsszene. 1975 wurde die Madonnenfigur vom dem damaligen Krakauer Bischof, Karol Wojtyła – dem späteren Paps Johannes Paul II. – gekrönt. Außer der Kirche können Besucher noch die Wirtschaftsgebäude des Klosters besichtigen, die zurzeit auf Hochtouren renoviert werden.

Sejny – Geschichte und Sehenswürdigkeiten

Wie ich heute wieder feststelle, fehlen für diese Fahrt sämtliche Beiträge, obwohl sie in der Chronik aufgeführt sind. Es war das Jahr der zweiten Zungen-OP und der darauf folgenden Brachytherapie … Da wartet also noch reine Arbeit, da alles soweit dokumentiert ist.

Das Kloster konnten wir diesmal also ausfallen lassen (ein paar Bilder folgen hier trotzdem) und wenden uns an diesem Morgen die Weissen Synagoge zu.

Die sogenannte Weiße Synagoge in Sejny, einer polnischen Stadt in der Powiat Sejneński im Nordosten der Woiwodschaft Podlachien, wurde 1885 errichtet. Die profanierte Synagoge an der Adresse Ulica Józefa Piłsudskiego ist ein geschütztes Kulturdenkmal.

Die Synagoge im Stil des Neobarocks wurde auf Initiative von Moses Becalel Luria erbaut. Während der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude verwüstet und als Feuerwehrhaus genutzt.

Nach dem Krieg diente es als Garage und Lager. In den Jahren 1978 bis 1987 wurde die Synagoge von der Stiftung Pogranicze renoviert. In der ehemaligen Synagoge finden regelmäßig Ausstellungen statt.

Wikipedia

Ihre Existenz war mir erst gestern beim Stöbern im Internet und im elektronischen Stadtplan aufgefallen. Sie liegt nur zwei bis dreihundert Meter weiter vom Hotel auf unserm weiteren Weg nach Litauen.


Im Hintergrund die Klosterkirche

Wir haben Glück. Sie ist offen, eine Frau ist dabei, die Spuren des letzten Konzerts zu beseitigen – es finden in dem profanisierten Gebäude offensichtlich nicht nur Ausstellungen statt, sondern auch Rockkonzerte.

Die Beleuchtung des hohen und weiten Raumes ist abgeschaltet, das einzige Licht dringt durch die offene Türe. Wie an allen Orten, deren das Hitlerregime und seine Unterstützer vor Ort habhaft werden konnte, so wurde auch in Sejny die bedeutende jüdische Bevölkerung vernichtet. Damit sind wir wieder einmal konfrontiert und stehen betroffen.

In Sejny gab es nie eine national homogene Bevölkerung. Die gesamte Region war im Mittelalter von baltischen Stämmen besiedelt. Später wanderten Polen und Juden ein. Im Jahre 1897 stellten letztere ungefähr die Hälfte der Einwohnerschaft. Nach 1945 wurden verstärkt aus den Ostgebieten vertriebene Polen in der Gegend angesiedelt. Heute ist der Powiat Sejneński das Zentrum der litauischen Minderheit in Polen. Es gibt eine litauische Schule, ein Generalkonsulat sowie verschiedene kulturelle Einrichtungen wie die Zeitschrift Aušra (Morgenröte). Bei der letzten polnischen Volkszählung von 2002 bekannten sich 7,9 % der Stadtbevölkerung und 18,6 % in der Gmina Seiny zur litauischen Nationalität.

Wikipedia

Die Angaben zum Anteil der jüdischen Bevölkerung schwanken: Auf dem Plakat hier wird von 819 Personen (24%) gesprochen.

Draussen auf dem Parkplatz auf dem martialischen Denkmal kommt die Marienverehrung wieder voll zur Geltung; ebenso wie vor der Klosterkirche.


Im Hof der Klosterkirche (September 2014)

Links:

Auf nach Litauen!

Aber dann geht’s weiter, letzte Etappe nach Vilnius. noch liegen diese riesigen polnischen Kornfelder links und rechts, auch haben wir mal wieder eine bisher unbekannte kleine Strasse gefunden. Dann aber wandelt sich alles.

Wir scheinen Glück zu haben: Ab der unnützen und vor sich hin träumenden Zollstation von Litauen reisst der Himmel auf, wir sehen Blau und Sonne.

Die Felder werden weniger, kleiner, das Brachland grösser: Wir sind in Litauen, es ist eklatant.

Bei Merkinė überqueren wir zum ersten mal den Nemunas (Memel), der hier mit dem Merkys zusammenfliesst.

Direkt am Ende der Brücke von Merkinė liegen auf einem kleinen Hügel die Reste der erstmals 1359 erwähnten Holzburg von Merkinė.

Wie eigentlich alle Orte in Litauen, so hat auch dieser kleine Ort seine eigene traurige Geschichte.

Am 23. Juni 1941, kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Litauen, erreichten die deutschen Truppen auch Merkinė. Fast gleichzeitig begann auch dort die Judenverfolgung. Aber die deutschen Truppen machten auch Jagd auf Partisanen und Kommunisten. Offiziell wurden alle Verfolgten in Arbeitslager oder in das Gefängnis nach Alytus gebracht, in Wirklichkeit jedoch kurz nach dem Abtransport getötet. Im September 1941 wurden alle Juden des Dorfes von B. Naujokas, dem Polizeichef von Merkinė zusammen getrieben und in einer Synagoge sowie der jüdischen Schule gefangen gehalten. Etwa 700 Personen aus dem Umfeld, unter anderem aus Leipalingis, Seirijai und Liškiava, wurden ebenfalls von deutschen Soldaten sowie litauischen Hilfskräften, den sogenannten Weißarmbindern, nach Merkinė gebracht.

Am 10. September 1941 wurden alle Gefangenen, nach offiziellen Angaben aus dem Jäger-Bericht 854 Juden, darunter 355 Frauen und 276 Kinder, von Angehörigen der SS sowie litauischen Hilfskräften, dem sogenannten Einsatzkommando 3 ermordet.

Kurz vor Varena halten wir an einem unserer Lieblingsplätze, dem Glėbas-See. Zum Schwimmen ist uns zwar nicht zu Mute, aber der Blick über diesem See ist – naja, sowas wie „erhaben“. Er ist kreisrund, ca 1,5 km im Durchmesser und ein typisches eiszeitliches Überbleibsel.

Fast am Ziel

Und dann wird der Verkehr dichter, Vilnius kündigt sich an. Wir machen erst einmal Halt in der Akropolis, weniger, weil wir aus Griechenland kommen als des Internets und eines guten Cappuccino wegen.

Litauen ist ja eines der Länder, wo es völlig normal und kostenlos bis kostengünstig ist, überall mit dem Internet verbunden zu sein. Ein Festnetz gibt es nur noch rudimentär, alles läuft über Mobile Daten, auch zuhause.

Ich hole mir also bei Bitė eine neue SIM-Karte; ich bin noch im Computer, daher geht das blitzschnell. Bezahlt wird für wirklich unbegrenzten schnellen Datenverkehr – und zwar am Monatsende – mit Bitė-eigener Kreditkarte. Und wieviel? 26 € … Die SIM kommt in einen kleinen Taschenrouter, den ich vor drei Jahren hier erstanden habe und schon sind wir mir allen Geräten mit der Welt verbunden. Hallo, Deutschland!

Raudondvaris

Dann noch 20 km nach Norden und wir sind angekommen.

Und als abendlichen Abschluss gönnen wir uns ein Essen im Armenischen Restaurant auf der anderen Seeseite.

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